9punkt - Die Debattenrundschau

Gene, Technik und Markt

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.06.2018. In der FAZ erinnert Serhij Zhadan die Freunde des Fußballs daran, dass der ukrainische Regisseur Oleg Senzow in einem Straflager nördlich des Polarkreises seit drei Wochen im Hungerstreik liegt. Die NZZ lässt sich von einem Trump-Anhänger und China-Verehrer erklären, wie Utilitarismus funktioniert. Die taz besucht die Georgien. Und die SZ stellt fest, dass sich ARD und ZDF vom klassischen Kino verabschiedet haben.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.06.2018 finden Sie hier

Europa

Vor drei Wochen ist der ukrainische Regisseur Oleg Senzow in den Hungerstreik getreten, er wurde nach Protesten gegen die Krim-Annexion in Russland zu zwanzig Jahren Lagerhaft verurteilt, die er in einer Strafkolonie nördlich des Polarkreises absitzen muss. In der FAZ will der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan keinen Zweifel lassen: "Oleg Senzow hat nicht zufällig seinen Hungerstreik kurz vor der in Russland stattfindenden Fußball-Weltmeisterschaft aufgenommen. Damit werden alle Menschen angesprochen, in der Ukraine und in der ganzen Welt. Ihr wollt Fußball gucken? Währenddessen sterbe ich. Und ihr sollt davon wissen. Alle, ohne Ausnahme, sollen davon wissen. Sonst wird die Position unseres Landes nichts wert sein. Sonst ist nichts mehr etwas wert. Tust du so, als wüsstest du nichts über die politischen Häftlinge?"

taz-Autor Andreas Fanizadeh durfte ins georgische Tiflis reisen, auf dessen Straßen Russisch gesprochen wurde, Stalin noch immer als Sieger des großen Vaterländischen Krieges verehrt wird und man sich dennoch nach Westen sehnt: "Als kleiner und junger Staat - in den Jahrhunderten immer wieder überrannt von den Heeren der Perser, Mongolen, Araber, Osmanen oder Russen - betonen die Georgier heute gern die Kontinuität zu einer lange zurückreichenden alten Hoch- und Volkskultur. Irina Tschitschinaze deutet auf eine Vitrine, die die weltweit ältesten archäologischen Funde von Weingefäßen enthält. Sie stammen aus dem 6. Jahrtausend vor Christus, ausgegraben auf dem Territorium des heutigen Georgiens. Wer hat's erfunden? Jedenfalls nicht die Römer, meint Frau Tschitschinaze: 'Wein ist ursprünglich ein georgisches Wort.'"

Ideen

Ausgerechnet im moldauischen Chisinau ist der Kunsthistoriker Jörg Scheller auf einen Mann gestoßen, Joe, der sich als Motorradfahrender Libertärer, Trumpwähler und Chinaverehrer entpuppte und ihm einiges über diese Spezies klarmachte, wie er in der NZZ schreibt: "Würde er gegen die Benachteiligung von Minderheiten kämpfen? Wahrscheinlich nicht. Würde er den Status quo, der ihm als Ingenieur und Homo oeconomicus dienlich ist, hinterfragen? Sicher nicht. Er vertraut darauf, dass Gene, Technik und Markt alles zum Besten lenken - weil er ein Mensch ist, dem Technik und Markt am nächsten sind und den seine Gene offenbar begünstigten. In Joes Ausführungen zeichnet sich das Erbe des klassischen Utilitarismus ab. Für die Beurteilung einer Sache ist die Summe des Nutzens entscheidend, die eine Gesellschaft daraus ziehen kann. Sie steht über dem Wohlergehen einzelner Mitglieder. Allerdings weicht der Utilitarismus, wie der Philosoph John Rawls bemerkt hat, der Frage nach der Legitimation der Bedürfnisse aus, die er zu befriedigen sucht. Er ordnet das Gerechte dem Guten nach, ohne Letzteres überzeugend begründen zu können. Grössere Vorteile einiger können geringere Nachteile anderer aufwiegen."

In der NZZ hat der Philosoph Paul Hoyningen-Huene nach eigenen Worten ausführlich darüber nachgedacht, was das Fundamental-Menschliche im Fußball sei. Seine Erkenntnis: "Fußball stellt das Drama des Lebens nach."

Internet

Bei Netzpolitik berichtet Ingo Dachwitz, wie die Presseverlage gegen die geplante europäische ePrivacy-Verordnung in Brüssel Lobby-Arbeit betreiben. Nach den Plänen der Kommission sollen die Nutzer selbst entscheiden können, ob ihr Surfverhalten aufgezeichnet werden darf: "Als Ergänzung zu der sehr allgemein gehaltenen DSGVO sollte die ePrivacy-Verordnung eigentlich am 25. Mai in Kraft treten. Unter anderem sollten dann spezifische Datenschutzregeln für moderne Kommunikationsdienste wie Whatsapp, Skype und GMail gelten, wie es sie bisher nur für SMS und Telefonie gibt. Doch Seite an Seite mit Google und Facebook, Telekommunikationskonzernen und der Tracking-Branche machen Springer, FAZ und Co. seit mehr als einem Jahr heftig Stimmung gegen die Pläne der EU.
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Medien

Die Öffentlich-Rechtlichen haben sich praktisch vom klassischen Kino verabschiedet, bemerkt Ralf Wiegand in der SZ. In ARD und ZDF läuft nur noch Selbstproduziertes: "Die ARD strahlte in ihrem ersten Programm im Jahr 2016 nur noch sieben Klassiker des US-amerikanischen Films aus - im Jahr 2000 waren es noch 122 gewesen. Die Gattung erodiert gleichermaßen in den dritten Programmen (15 gegenüber 633), und im ZDF fiel die Zahl solcher Filme im untersuchten Zeitraum von 37 auf zehn." Leider hat Wiegand nicht weiter nachgebohrt, angeblich wollen die Sender mit ihren Produktionen "so präzise wie möglich den aktuellen Publikumsgeschmack zu treffen".

Aber auch die Streamingdienste ineressieren sich nicht fürs Filmsterben, stellt Nicolas Freund in einem zweiten Artikel in der SZ klar, sondern über ihre Algorithmen für Masse und Aufmerksamkeit: "Natürlich werben die Dienste nicht mit dem Schund. Geworben wird damit, ein umfassendes Filmprogramm anzubieten. Von Alfred Hitchcock bis Ingmar Bergman. Tatsächlich aber ist im Gesamtangebot der beiden größten Streaming-Anbieter nur je ein einziger Hitchcock und ein einziger Bergman zu finden. Die Streamingdienste bieten nur oberflächlich einen umfassenden Filmkanon, denn Klassiker sind nicht entscheidend, um Abonnenten zu gewinnen und zu halten."

Nhi Le fragt in der taz, ob es ein Zuviel an hysterisierenden Talkshows gibt, die nicht einmal wissen, was Framing bedeutet: "Das sieht inzwischen auch der Deutsche Kulturrat so. Der Geschäftsführer des Dachverbands, Olaf Zimmermann, regte vergangene Woche sogar an, die 'Talkshows im Ersten und im ZDF sollten sich eine einjährige Auszeit nehmen und ihre Konzeptionen überarbeiten'. 2015 begannen die Talkshows, die Themen Flucht, Terror und Islam vermehrt aufzugreifen. Von insgesamt 139 Sendungen Anne Will, Maybrit Illner, Maischberger und hart aber fair im Jahr 2015 drehten sich 50 um diese Schlagwörter, mit Titeln wie 'Der Hass und die Folgen - spaltet der Terror das Abendland?' oder 'Religiös verblendet, politisch verirrt: Gefährden Radikale unsere Gesellschaft?'."

Weiteres: Bei Übermedien zerpflückt Stefan Niggemeier die Rede von Springer-Chef Mathias Döpfner, der bei seinem Lobbying für ein schärferes Leistungsschutzrecht Facebook und Google vorwirft, die Artikel der Zeitungen zu kopieren, aus dem Kontext zu nehmen und für sich zu verwerten. Bereits vor zwei Tagen meldete Le Monde, dass Buzzfeed seinen französischen Ableger dichtmacht und sämtliche Mitarbeiter entlässt. Axel Weidemann blickt in der FAZ nach Thüringen, wo im April in Fretterode zwei Journalisten von Neonazis brutal zusammengeschlagen wurden, die Ermittlungen sich jedoch allzu schleppend hinziehen.