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Efeu - Die Kulturrundschau

Therapie statt Revolte

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.06.2018. Heute eröffnet die Berlin Biennale: Beklemmend, anregend, aber auch sehr identitätspolitisch, finden die KritikerInnen. Macht Lust auf den postkolonialen Diskurs, meint der Tagesspiegel. Die Welt berichtet, wie die Pariser Bouquinisten an der Seine mit Pornoheften und Kochbüchern ums Überleben kämpfen. In der FAZ träumt Georges-Arthur Goldschmidt von verbotener Literatur. Die SZ feiert ein bislang verschollen geglaubtes Studioalbum von John Coltrane. Und die Welt blickt in quietschbunte Interieurs in Nordkorea.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.06.2018 finden Sie hier

Kunst

Bild: Natasha A. Kelly, Millis Erwachen/Milli's Awakening, 2018, Natasha A. Kelly

Heute eröffnet die Berlin Biennale, organisiert von Gabi Ngcobo und einem schwarzen Kuratorenteam, auch die meisten KünstlerInnen stammen aus dem subsaharischen Afrika. Dennoch wollte man die Biennale erklärtermaßen nicht identitätspolitisch und nicht "postkolonial" ausrichten, wie Ngcobo im Interview mit artnet.news betont - es kam anders, wie die KritikerInnen mit gemischten Gefühlen feststellen: "Leicht und schwebend", aber auch nachdenklich, bisweilen allzu überdeutlich erscheint Brigitte Werneburg in der taz die Schau - zum Beispiel in der Performance "Sitting on a Man's Head" von Okwui Okpokwasili und Peter Born: "Sie bezieht sich auf eine Revolte nigerianischer Frauen, die sich im Hof der Kolonialbeamten versammelten und diese so lange mit sexuell anzüglichen Liedern bedachten, bis die Beamten auf ihr Anliegen eingingen, ihre öffentliche Schmähung zu beenden. Nun sollen Biennale-Besucher*innen eigene Erfahrungen und Erinnerungen in Lieder packen und gemeinsam tanzend veröffentlichen. Das ist höchstens Therapie statt Revolte und eine ziemlich inadäquate Würdigung des Protests der nigerianischen Frauen."

"Das weiße, männliche, einsame Genie ist gestürzt", lernt auch SZ-Kritikerin Catrin Lorch, die nach der Biennale dennoch ratlos und wenig optimistisch in die Zukunft schaut - etwa mit Blick auf Mario Pfeifers Video-Installation "Again / Noch einmal", der die Misshandlung eines Irakers in einem Arnsdorfer Supermarkt im April 2016 zu einem Kammerspiel über Selbstjustiz und Zivilcourage macht: "Immer wieder stellt eine - schwarze - Schauspielerin in vollkommen akzentfreiem Deutsch den Protagonisten einer vom Künstler zusammen gestellten Jury Fragen: Was ist moralisch richtig? Warum wurde der Prozess gegen die Gewalttäter eingestellt?"  Angeregt, und zugleich beklommen berichtet Christine Meixner im Tagesspiegel, etwa über Natasha A. Kellys Dokumentation 'Millis Erwachen' (2018), die acht schwarze deutsche Frauen nach ihren Strategien befragt, sich eine Position innerhalb der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu sichern: "Wie mühsam das ist und mit wie feinen Nadeln der Rassismus sticht, wird einem unmissverständlich klar." "Lust auf den postkolonialen Diskurs" bekommt indes Nicola Kuhn, ebenfalls im Tagesspiegel, nach der schwungvollen Schau.

Anlässlich der ersten unfassenden Anton-Corbijn-Retrospektive im Bucerius Kunst Forum spricht der niederländische Fotograf und Regisseur im Welt-Interview mit Stefan Grund über Inspiration durch Musik, seine frühe Fotoserie "a. somebody" und den Moment, wenn Fotografie zur Kunst wird: "Die Leute sind ganz wild darauf, alles Mögliche zu Kunst zu erklären. Die nennen alles gleich 'ikonisch'. Der Begriff 'ikonisch' wird geradezu inflationär benutzt und dadurch missbraucht. Der Etikettenschwindel dient dem Versuch, Dinge zu verkaufen."

Besprochen wird die immersive Ausstellung "Welt ohne Außen" im Berliner Gropius-Bau (Tagesspiegel) und die Louise-Bourgeois-Schau "The Empty House" im Berliner Schinkel Pavillon ("Bourgeois' Wucht kratzt die Haut auf", meint FAZ-Kritikerin Rose-Marie Gropp überwältigt)
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Literatur

In Paris kämpfen die Bouquinisten ums Überleben, berichtet Martina Meister in der Welt. Einer davon, Callais, ein Bouquinist von altem Schrot und Korn, fordert daher Weltkultur-Status für seine Zunft. Mittlerweile "gebe es echte Sozialfälle unter den Kollegen, erzählt Callais." Und einige "haben sich deshalb längst verabschiedet vom alten Kerngeschäft. Manche verkaufen Pornohefte, andere Kochbücher. Das Geschäft mit Kochschürzen, Magneten, Eiffelturm-Schlüsselanhängern ist lukrativer. Callais blickt auf die Kollegen herab, die ihre Kisten für Nippes öffnen, er nennt es ein 'notwendiges Übel'."

Überhaupt: Paris. Im großen FAZ-Gespräch kommt der Schriftsteller und Übersetzer Georges-Arthur Goldschmidt auch ausführlich auf die französische Hauptstadt als Sehnsuchtsort zu sprechen, als der sie auch in seiner Erzählung "Die Befreiung" aufblitzte. Insbesondere reizte ihn in Paris die Suche nach "jener Literatur, welche neben der 'öffentlichen Literatur' nicht gelehrt wurde oder nur sehr spärlich mittels kurzer Auszüge in den Literaturgeschichten. Man munkelte auf dem Schulhof von verbotener Literatur, die die einzig interessante sei, man hörte vom 'göttlichen' Marquis de Sade, von Henry Miller und vor allem von den französischen Erotikern des achtzehnten Jahrhunderts, die unerschwinglich waren und die uns deshalb umso mehr erregten."

Weitere Artikel: Im Standard schreibt Stefan Gmünder über die indische Autorin Arundhati Roy, die gestern mit dem Bruno-Kreisky-Preis ausgezeichnet wurde. In der SZ empfiehlt Reinhard Brembeck Claudia Otts Lesungen aus ihrer gefeierten Neuübersetzung von "1001 Nacht". Judith von Sternburg berichtet in der FR vom Frankfurter Literaturm-Festival, wo unter anderem Marcel Beyer und Anthony McCarten auftraten. Julya Rabinowich erinnert sich im Standard an Kopfläuse. Denis Scheck ergänzt seinen Welt-Literaturkanon um Marcels Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". In der Langen Nacht des Deutschlandfunks Kultur widmet sich Charlotte Drews-Bernstein dem Lyriker Peter-Rühmkorf.

Besprochen werden unter anderem Alexander Schimmelbuschs "Hochdeutschland" (NZZ), Margriet de Moors "Von Vögeln und Menschen" (taz), Hans Beltings und Andrea Buddensiegs Biografie über den senegalesischen Präsidenten Léopold Sédar Senghor (taz), René Daumals "Das große Besäufnis" (taz), Ralf Rothmanns "Der Gott jenes Sommers" (NZZ), Iwan Bunins "Ein Herr aus San Francisco. Erzählungen 1914/1915" (NZZ), Brit Bennets "Die Mütter" (SZ) und Josef Winklers "Laß dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe" (FAZ).
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Bühne

Weitere Artikel: Im Standard-Interview mit Margarete Affenzeller spricht Volksbühnen-Urgestein Jürgen Kuttner, der mit "Kuttners Hitlershow" am Landestheater Linz heute Premiere feiert, über kalkulierte AfD-Provokationen, Hitler als popkulturelle Marke und Politik als Pop: "Das reicht von Trump bis Orbán. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten gravierend verstärkt. Politik hat sich grundsätzlich entpolitisiert und 'verpopt', auch bei den Linken." Die freie Theaterszene am Existenzminimum erlebt Doris Meierhenrich (Berliner Zeitung) beim Berliner Performing Arts Festival - etwa in der Performance des polnischen Micro Theatre, das einen Koffer mit fünftausend Zlotymünzen vor einer Projektion mit der Ansicht von Rom platziert: "Nun passiert nichts anderes, als dass die harte Münzwährung des schmalen Budgets gegen die weiche Lichtwährung ihrer Sehnsuchtsbilder geworfen wird, was zwei willige Zuschauer besorgen, weil die Performer selbst aus Spargründen nicht erscheinen." Im Guardian lernt Flora Willson, wie man Oper jenseits von Elitismus, Frauenfeindlichkeit und Albernheit macht.

Besprochen werden Kadir "Amigo" Memis' Stück "Back to Zero" am HAU1 beim Performing Arts Festival (taz), Lilja Rupprechts Inszenierung von Rainald Goetz' Stück "Jeff Koons" an der Berliner Schaubühne (nachtkritik), Roberto Ciullis Stück "Clowns unter Tage" bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen (nachtkritik), Martin Heckmanns' Stück "Der Schwindel und sein Gegenteil" am Neumarkt Theater in Zürich (nachtkritik, NZZ, FAZ) und Anselm Dalferths Inszenierung der Oper "Antikrist" von Rued Langgaard in Mainz (FAZ).
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Archiv: Bühne

Film

In einer großen Reportage geht Katrin Doerksen auf kino-zeit.de der Frage nach, was wir verlieren, wenn im Zuge von Streaming die Videotheken aussterben: Die Auswahl würde, entgegen dem Versprechen vom riesigen Archiv Internet, nicht etwa größer, sondern kleiner. "Zum einen ist da die bemerkenswert große Kluft, die nach wie vor zwischen den Filmbeständen existiert, die es in einer Videothek gäbe, und jenen auf Netflix und Co. Das betrifft sämtliche Sparten vom Mainstream-Blockbuster bis zu Klassikern der Filmgeschichte. Aber auch im Bereich der Genres klaffen Lücken. ... Noch prekärer wird die Lage, wenn man den Blick abseits der Klassiker und hin zu den Apokryphen der Filmgeschichte wagt. Hier ist die Frage nach dem Verbleib der Filme gleich existenzieller Natur. Nicht nur: wo kann ich den Film am bequemsten sehen? Sondern: Wer rettet das Filmmaterial? Wer archiviert und digitalisiert es?"

Weitere Artikel: Für Artechock hat Katrin Hillgruber ein großes Gespräch mit Jerzy Skolimowski geführt, dem das Münchner Filmmuseum eine Retrospektive widmet. Im Gespräch für ZeitOnline gibt Stefanie Brockhaus Auskunft über Hintergründe zu ihrem Dokumentarfilm "The Poetess", der der saudiarabischen Sängerin und Frauenrechtlerin Hissa Hilal gewidmet ist. Ella Kemp befasst sich für The Quietus mit jüdischer Identität in Spike Lees neuem Film "BlacKkKlansman". Daniel Kothenschulte (Filmdienst) und Sabine Horst (epdFilm) schreiben anlässlich des Filmstarts von "Jurassic World" (hier besprochen im Standard) über die Geschichte der Dinosaurier im Kino. Lucas Barwenczik berichtet im Filmdienst vom Filmfestival Nippon Connection, wo er neues Kino aus Japan sah. Lukas Foerster schreibt im Filmdienst über das irritierende Moment, sobald sich im Film ein Schauspieler ans Klavier setzt.

Besprochen werden Eiichi Yamamotos japanischer Animationsfilm "A Thousand and One Nights" (Artechock, Perlentaucher), Osamu Tezukas "Cleopatra" (Artechock, Perlentaucher) und Ziad Kalthoums Dokumentarfilm "Der Geschmack von Zement" (Filmgazette).
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Architektur

"Es ist nicht alles so eintönig in Nordkorea, wie man es sich vorstellt", erfahren wir von Marcus Woeller in der Welt, der Oliver Wainwrights neuen Bildband über nordkoreanische Innenarchitektur durchgeblättert hat. "Pjöngjang ist die wohl bunteste Stadt, in der ich überhaupt jemals war", sagt Wainwright und konzentriert sich in seinen Fotografien - auch wegen der Auflagen, die ihm seitens Nordkorea auferlegt wurden - "auf die Alltagsgebäude, auf die politischen Monumente, auf die repräsentative Architektur eines abgekapselten Landes. Er schwelgt in Details, Materialien, Interieurs."
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Musik

Die Uraufführung von Helmut Lachenmanns "My Melodies" bei der Münchner musica viva war ein Triumph, schwärmt Marco Frei in der NZZ: "Das Werk ist kein Konzert für acht Hörner, vielmehr integriert Lachenmann das Oktett konzis in den Gesamtklang. Auch die zwei beteiligten E-Gitarren kreieren keinen Gegenklang, sondern ergänzen fast schon unmerklich das Kolorit. Ob großflächiger Ausbruch oder stille Reduktion: Lachenmann findet stets die perfekte Balance. Selbst längst etablierte geräuschhafte Spielweisen wirken wie neu, das Schaben etwa auf den Saiten oder das tonlose Atmen in die Mundstücke." BR Klassik bietet einige Eindrücke von den Proben und O-Töne von Lachenmann.

Von einer Jazz-Sensation berichtet Andrian Kreye in der SZ: Ende des Monats veröffentlicht Impulse mit "Both Directions at Once" ein 1963 eingespieltes, bislang verschollen geglaubtes Studioalbum von John Coltrane - kein aus dem Mülleimer aufgeklaubtes Tonbandmaterial, sondern tatsächlich ein nahezu vollendetes, in jedem Fall vollwertiges, im Nachlass seiner Witwe Juanita Naima Coltrane gefundenes Album, verspricht Kreye, der sich nur umso mehr die Finger danach leckt, da es im "Classic Quartet", also gemeinsam mit McCoy Tyner, Jimmy Garrison und Elvin Jones aufgenommen wurde. In Coltranes Schaffen findet sich dieses Album "genau am Scheitelpunkt zwischen den musikalischen Höchstleistungen und spirituellen Ekstasen, die sich in der mittleren Phase Coltranes vereinten. Ein gutes Jahr nach diesem 6. März 1963 sollten die vier im selben Studio 'A Love Supreme' aufnehmen." Weitere Hintergründe bietet der Guardian und auf Youtube gibt es eine erste Hörprobe:



In der Spex spricht Niklas Fucks mit Tony Cokes über dessen bei der Berlin-Biennale gezeigte Installation "Evil.16: Torture Music", in der es um den Einsatz westlicher Pop- und Rockmusik als Folterinstrument geht: Ihn "faszinierte, dass etwas, das in seinen normativen Kontexten als so harmlos oder befriedigend wahrgenommen wird, in anderen kulturellen oder politischen Umständen so radikal andere Effekte haben kann."

Weitere Artikel: Für Electronic Beats hat Daniel Melfi in Erfahrung gebracht, wie sich das Tanzcafé Oma Doris in Dortmund um Underground House verdient macht. Bei The Vinyl District erinnert sich Michael H. Little an Neil Youngs Live-Album "Time Fades Away" von 1973.

Besprochen werden Kanye Wests neues Album "Ye", das laut tazler Christian Werthschulte "eine Ästhetik der Depression zeigt, die zuerst eine Depression des Ästhetischen ist", Lionel Bringuiers Abschiedskonzert als Chefdirigent der Tonhalle Züruich (NZZ), ein Auftritt der Toten Hosen (Tagesspiegel) und das Debüt "Lush" von Snail Mail, mit dem sich die Musikern Lindsey Jordan für die Spitzenposition in der nächsten Indierock-Generation qualifiziert, jubelt Ryan Dombal bei Pitchfork. Hier gibt es eine Hörprobe:

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