9punkt - Die Debattenrundschau

Blinkend und piepsend

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.06.2018. Die Weltreligionen sind beim Steuerhinterziehen viel toleranter als beim Sex, lernt die NZZ vom Evolutionsforscher Michael McCullough. In der FAZ möchte der Germanist Peter Eisenberg bitte kein Gender-Sternchen aufgezwungen bekommen. Politico verlangt, dass die EU gegenüber Polen Härte zeigt. In Deutschland geht der Bücherkauf immer weiter zurück, schuld ist das Internet, berichten FAZ und SZ. In Georgien dagegen wächst der Buchmarkt - und hat auch mehr Frauen in Führungspositionen. In der Welt fragt Thierry Chervel, ob man die AfD wirklich in jeder Tagesschau zitieren muss.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.06.2018 finden Sie hier

Kulturpolitik

2014 haben erstmals weniger als die Hälfte der Deutschen Bücher gekauft. Insgesamt ist die Zahl der Buchkäufer zwischen 2013 und 2017 um fast achtzehn Prozent zurückgegangen. Der Umsatzrückgang konnte größtenteils durch höhere Buchpreise aufgefangen werden. Schuld ist natürlich das Internet, wie eine Studie des Börsenvereins ergab, berichtet Sandra Kegel in der FAZ: "Die Flut einstürzender Informationen, die blinkend und piepsend unentwegt Aufmerksamkeit einfordern, führe zu einem Gefühl der Abhängigkeit und des Ausgeliefertseins, sagen die Exleser, eben weil es ihnen kaum noch möglich sei, sich aus der digitalen Dauerbeschäftigung loszureißen", so Kegel. "Teile der potenziellen Buchkäufer leiden unter einem kollektiven Aufmerksamkeitsstörungssyndrom", diagnostiziert Volker Breidecker in der SZ.

In Georgien wächst der Buchmarkt unterdessen stetig - nicht zuletzt, weil die georgische Gesellschaft nach Jahrzehnten der Zensur und der Gerüchte wissen will, was national und international  passiert, weiß Claudia Mäder in der NZZ. Und auch mit Blick auf Frauen in Führungspositionen ist der georgische dem deutschen Buchmarkt voraus: "Anders als etwa im deutschsprachigen Buchwesen, wo ein Heer von Mitarbeiterinnen die Presse- und Administrationsarbeit der meist von Männern geleiteten Verlage erledigt, wird in Georgien nicht nur der größte Verlag, sondern auch das nationale Buchzentrum, das Literaturhaus und der Buchhändler- und Verlegerverband von einer Frau geführt."

Weitere Artikel: In der NZZ hat Judith Leister mit der neuen Direktorin des NS-Dokumentationszentrums in München, Mirjam Zadoff, gesprochen, die das Haus thematisch öffnen will, auch für Zielgruppen, "die das Land vielleicht erst in Zukunft mitprägen werden, wie die Migranten der jüngsten Zeit. Hier gelte es, Erfahrungen wie Flucht und Diktatur in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs zu integrieren."
Stichwörter: Buchmarkt, Georgien

Gesellschaft

In der FAZ wünscht sich Peter Eisenberg, emeritierter Professor für Deutsche Sprache der Gegenwart, die Berliner Politik möge sich aus der Orthografie heraushalten und das Trommeln für den Gender-Stern einstellen, denn der habe "nicht eine sprachliche Bedeutung, sondern er steht für eine Geste: Man erklärt seine Anerkennung aller möglichen einschließlich aller noch kommenden Geschlechter. Eine solche Geste der Unterwerfung unter eine ideologisch begründete Konzeption von Geschlecht gibt es in keiner Sprache der Erde. Wir sollten alles dafür tun, sie auch dem Deutschen zu ersparen."

Die taz hat zehn Gründe zusammengestellt, warum gendergerechte Sprache "Quatsch" sei: "Mal ehrlich: es sieht einfach scheiße aus. Mit diesen ganzen Strichen und Sternchen - wer hat da noch Lust, weiterzulesen? Eben."

Außerdem in der FAZ beschreibt Oliver Tomein den Stand der Diskussion über ein neues "Geschlechtervielfaltsgesetz", das den Vorgaben des Bundesverfassungsgericht entspricht.
Archiv: Gesellschaft
Stichwörter: Unterwerfung

Medien

Inzwischen gibt es eine Diskussion darüber, ob die Talkshows der Öffentlich-Rechtlichen zu oft die Themen der AfD diskutieren. Mag sein, dass AfD-Politiker bei den privaten Firmen, die diese Talkshows im Auftrag der Sender produzieren, einen kommerziellen Kitzel auslösen, schreibt Thierry Chervel in der Welt, aber die Probleme liegen tiefer, etwa in der Proporz-Dramaturgie der "Tagesschau": "Ich meine das Aufsagen von Reaktionen. Verkündet die Regierung eine Entscheidung, äußert ein Minister eine Absicht, unterläuft der Kanzlerin ein Fehler, dann wird nach der Logik der 'Tagesschau' tendenziell jede Partei im Bundestag nach ihrer Einschätzung befragt. Das macht die Nachrichten in Deutschland immer öder, denn anders als einst haben wir es heute mit sieben Parteien im Bundestag zu tun. Und der AfD gebührt als größter Oppositionspartei nach dem staatlich beauftragten Neutralitätsgebot im Prinzip immer die erste und längste Äußerung... Nichts lässt die AfD stärker als Teil des seriösen politischen Spiels erscheinen als die stete höfliche Nachfrage, was sie denn vom Dieselverbot, von neuer Windkraftförderung oder einer Äußerung des Außenministers halte."
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Archiv: Medien

Religion

Die wichtigsten Weltreligionen pflegen besonders hinsichtlich der Sexualität besonders rigide Moralvorstellungen, schreibt der Evolutionsforscher Michael McCullough in einem Artikel auf edge.org, den die NZZ übersetzt hat. Laut der auf neuen Studien beruhenden "Theorie der reproduktiven Religiosität" habe dies vor allem mit dem Selbsterhaltungstrieb der Gesellschaft zu tun: "Sehr religiöse Menschen pflegen, wie empirisch inzwischen bewiesen, zwar strengere sexuelle Moralvorstellungen als weniger religiöse: Sie missbilligen beispielsweise Homosexualität, sexuelle Untreue, vorehelichen Geschlechtsverkehr und Frauen in der Arbeitswelt in wesentlich größerem Maß. Hingegen, so konstatieren die Verfechter der neuen These, scheinen sie sich durchaus nicht mehr als nichtgläubige Menschen um Verstöße zu scheren, die mit Unehrlichkeit und dem Bruch von Vertrauen zu tun haben, etwa um Verbrechen oder Vergehen wie Diebstahl, Schwarzfahren, Steuerhinterziehung und Fahren unter Alkohol- oder Drogeneinfluss."
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Urheberrecht

In der EU wird immer noch über ein neues Gesetz diskutiert, das Künstlern eine bessere Verhandlungsposition gegenüber den Internetgiganten gibt, berichtet Thomas Kirchner in der SZ: "Aus Sicht der 'audiovisuellen Autoren' gibt es daher nur ein Mittel, das Abhilfe schaffen kann: ein neues, zusätzliches Recht, das ihr Einkommen garantieren soll. Konkret wollen sie ein 'unveräußerliches Recht auf angemessene Vergütung', das es so ähnlich in Spanien schon gibt. Man kann es mit dem neuen Leistungsschutzrecht vergleichen, das Europas Verlegern Einkünfte aus digital verwerteten Inhalten sichern soll und wohl ebenfalls Bestandteil dieser Urheberrechtsreform werden wird. Die Vergütung solle bei den Nutzern, hier sind es die Plattformen, eingezogen und von den Verwertungsgesellschaften für die Künstler verwaltet werden, fordert Aepo-Artis. Als Vorbild dient die Tantiemenlösung für Filmschaffende, wenn ihre Werke ausgeliehen werden."
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Stichwörter: Leistungsschutzrecht

Europa

Dies ist ein entscheidender Monat in der Auseinandersetzung der EU mit Polen, schreibt Paul Taylor in politico.eu. Im letzten Jahr hatte die Kommission Disziplinierungsmaßnahmen wegen der Gleichschaltung der Justiz in Polen eingeleitet, die dazu führen könnten, dass Polen im Rat sein Stimmrecht verliert. "Der ungarische Autokratenkollege Viktor Orban hat geschworen, Warschau vor dieser endgültigen Sanktion zu bewahren, aber die EU-Regierungen können den Druck auf Kaczynski erhöhen - ohne bis zur so genannten nuklearen Option zu gehen -, indem sie mit einer Vier-Fünftel-Mehrheit formell feststellen, dass die Gefahr einer Verletzung der EU-Werte besteht. Das müssen sie diesen Monat tun."

Am Wochenende ziehen wieder die "Israelhasser und Antisemiten" im sogenannten Al-Quds-Marsch durch Berlin, um die Auslöschung Israels zu fordern, schreibt im Tagesspiegel Sebastian Leber, der über den Sprecher der "Quds AG", Jürgen Grassmann, recherchiert hat. Grassmann, "vor Jahren zum schiitischen Islam konvertiert" und hält Israel für die Wurzel allen Übels in der Welt: "Er bewundert den verstorbenen iranischen Revolutionsführer Ayatollah Chomeini, hielt vor dessen Mausoleum eine Lobrede. Chomeini war es auch, der 1979 den jährlichen Quds-Tag initiierte - um die Welt am Ende des Fastenmonats Ramadan daran zu erinnern, dass der jüdische Staat ausgerottet und Al-Quds, das arabische Wort für Jerusalem, erobert werden müsse." Laut Leber forderte der Grünenpolitiker Volker Beck "alle muslimischen Verbände auf, sich vom Quds-Marsch zu distanzieren. Besonders die 'Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands' (IGS), deren Mitglieder sich jedes Jahr zahlreich beteiligen, müsse endlich aktiv werden."
Archiv: Europa