9punkt - Die Debattenrundschau

Es muss eine Erklärung geben

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.08.2017. Europa sollte seine Hoffnungen nicht auf die amerikanische Linke setzen, warnt Hans Ulrich Gumbrecht in der Welt: Denn es gibt sie nicht. Die SZ schreibt zur Bertelsmann-Studie: Für die Integration in eine moderne Gesellschaft braucht es weniger sichtbare Religion, nicht mehr. Die FAZ fragt nach dem demokratischen Mehrwert von Nordseekrimis, Fußball und Volksmusik. Der Guardian spürt Londons geheimem Plan für den Brexit nach.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.08.2017 finden Sie hier

Politik

Europa sollte keine allzu große Hoffnungen auf die amerikanische Linke setzen. Das Problem mit ihr sei nicht, dass sie von Hillary Clintons Niederlage traumatisiert wurde, meint Hans Ulrich Gumbrecht in der Welt, sondern dass es sie nie gegeben hat. Er sieht den Ausweg aus dem Schlamassel in einem liberal-konservativen Weg, den Condoleezza Rice mit ihrem Buch "Democracy" vorzugeben scheint: "Ohne Trump auf beinahe 500 Seiten auch nur ein einziges Mal zu erwähnen, formuliert Rice einen Gegenentwurf, mit dem sich wohl auch die Mehrheit demokratischer Wähler und Politiker identifizieren könnte. Gewiss nicht unproblematisch für Europäer, unterstreicht sie die Notwendigkeit eines globalen Engagements der Vereinigten Staaten als Modell parlamentarischer Demokratie; sie hebt die - klassisch liberale - Tradition des Schutzes jeglicher Kulturen und Religionen als irreversibel hervor; und sie sieht das Recht auf die individuell jeweils denkbar höchste Stufe von Bildung als ausschlaggebend für die Zukunft an." Auch die Financial Times schreibt über das Buch, allerdings etwas skeptischer.

Die saudische IT-Spezialistin Manal al-Sharif war 2011 verhaftet worden, weil sie als Frau gewagt hatte, Auto zu fahren. In der taz schildert sie, wie es ihr erging, seit sie von ihrem Mann geschieden und aus dem Land getrieben wurde: "Ich bin nach Dubai gezogen, habe wieder geheiratet und ein zweites Kind bekommen. So wie es eben läuft. Aber es gibt einen Unterschied: Ich bin eine Frau aus Saudi-Arabien, die einen Mann aus Saudi-Arabien verlassen hat, und obwohl mein zweiter Ehemann zum Islam konvertierte, besitzt er nicht die saudische Staatsbürgerschaft. Darum ist alles anders: Die saudische Regierung hat die Erlaubnis für unserer Ehe verweigert. Mein kleiner, glücklich lachender Junge ist für sie bestenfalls ein uneheliches Kind. Schlimmstenfalls existiert er für sie gar nicht."

Religion

Die gerade oft zitierte Bertelsmann-Studie zur Integration von Muslimen ruft die Deutschen dazu auf, einen sichtbar gelebten Islam stärker zu akzeptieren: In der SZ findet Thomas Avenarius das falsch: "Der heutige Islam, der aus dem arabischen, nordafrikanischen und südostasiatischen Raum im Besonderen, ist politisiert. Er wird von vielen teils oder in Gänze als Blaupause für das Zusammenleben der Gesellschaft verstanden. Genau aus diesen Regionen kommen aber viele der heutigen Migranten. Bezeichnenderweise wurde diese neue Einwanderergeneration in der Studie nicht befragt. Wer die Integration dieser Menschen garantieren möchte, muss klarmachen, dass eine allzu öffentliche Rückversicherung im Glauben - mit uniformhafter salafistischer Kleidung, faustlangen Bärten und einer religiös aufgeladenen Sprache - nur das Wechselspiel von Integration und Akzeptanz stört. Im modernen Leben sollte das Religiöse nicht mehr im Vordergrund stehen."

In der NZZ argumentiert der Politikwissenschaftler Jan Werner Müller dagegen gerade für mehr Sichtbarkeit von Religion, und beruft sich dabei auf ein Diktum des katholischen Verfassungsrechtlers Ernst-Wolfgang Böckenförde: "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann."

Medien

Im Gekabbel zwischen FAZ und Deutschlandfunk (unser Resümee) mischt sich jetzt auch Jürgen Kaube ein, im Leitartikel auf der Seite eins. Besonders ärgert ihn die Rede von der Demokratieabgabe, wenn es um Gebühren geht: "Was viele Bürger gegen die Öffentlich-Rechtlichen aufbringt, sind nicht nur Krisen eines politisch unbefangenen, unabhängigen Journalismus. Es ist vielmehr die impertinente Behauptung, man brauche das viele Geld und immer mehr davon, um die Grundversorgung der Demokratie zu gewährleisten. Aufklärung mittels Fußball, Musikanten und Nordseekrimis? Traumschiff, Quiz und Kochshows im Verfassungsauftrag? ... Niemand in den Zeitungen schätzt gering, was das Deutschlandradio und andere Sender leisten. Oder Arte, 3sat, ARD-alpha. Aber das Gros des zwangsfinanziert Ausgestrahlten hat nichts mit der Demokratie, einem Bildungsauftrag oder auch nur dem Anregen von Gedanken zu tun, die anders als durch immer höhere Pflichtabgaben nicht zu haben wären."

In der FAZ hat Michael Hanfeld keinerlei Problem mit der Schließung der Plattform "Linksunten.indymedia": "Was den gewaltbereiten Linksextremisten von 'linksunten' zu 'demokratischen Standards' sonst so einfällt, wird klar, wenn es heißt 'Kein Steinwurf auf die Polizei war jemals unpolitisch' oder wenn der 'subversive Charme der Bilder des Widerstands' besungen wird. Dass 'linksunten.indymedia' überhaupt so lange online war, lässt sich nur dadurch erklären, dass die Sicherheitsbehörden so ein Fenster hatten, um die (sich radikalisierende) Szene zu beobachten."
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Europa

Politico gegenüber haben EU-Verhandler offenbar vermutet, dass London mit seinem sensationellen Chaos bei den Brexit-Verhandlung einen geheimen Plan verfolge. Im Guardian findet Marina Hyde diese Idee sehr schmeichelhaft, aber sie erinnert sie auch an Theorien, mit denen sich Serien-Fans die unwahrscheinlichsten Wendungen schön reden: "Es muss eine Erklärung geben, um die Dinge besser zu machen als sie sind. Jar Jar Binks muss ein Sith sein. Dass David Davis keinen Plan hat, ist eine Falle. Es ist nett, dass sich Brüsseler Insider so viel Wohlwollen und Respekt für Britannien bewahrt haben, um sich so etwas auszudenken. Aber das sind eigentlich die Theorien, von denen einen das Internet verspricht: 'Das wird dich umhauen'."