Efeu - Die Kulturrundschau

Auf schlaue Weise dumm

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08.07.2017. Der Welt eröffnet sich in Klagenfurt der Rachen der Mittelstandsliteratur. Applaus gibt es allerdings für Ferdinand Schmalz. Die Kritiker schauen dem Nationaltheater Reinickendorf beim Genuss von Fäkalien zu und finden: So muss Theater sein! In der taz kämpft Ex-Malaria Sängerin Bettina Köster gegen laute Jungs. In der Welt ärgert sich Peter Eisenberg über Rechtschreibreformer.

Musik

Auf ZeitOnline stimmt Daniel Gerhardt in die allgemeine Begeisterung für den Musiker Faber sehr gerne und mit einer doppelten Portion demonstrativen Vitalismus' mit ein: Mit seinen Texten über genüsslich zelebrierte Verwahrlosung verfüge der 23-jährige Schweizer Sänger über eine "Sprachgewalt im doppelten Wortsinn. Das Talent für Timing und gossenpoetische Punchlines kann ihm keiner nehmen. Seine Texte sind auf schlaue Weise dumm, sie flirten mit Grenzüberschreitungen, die im deutschsprachigen Pop eigentlich undenkbar sind." Kurz: "Ein neuer Popmacho, der Türen eintritt statt anzuklopfen und BHs wegreißt, wo andere am Verschluss verzweifeln." Dazu ein Video:



Was wohl Bettina Köster zu solchem Rustikal-Machismo sagen würde? Mit der aus dem künstlerischen Ruhestand zurückgekehrten Ex-Sängerin der Berliner Waveband Malaria! hat sich jedenfalls Thomas Winkler sehr ausführlich für die taz unterhalten. Unter anderem geht es um Sachzwänge des Bohème-Prekariats, aber auch von der Notwendigkeit, sich gegen die Überzahl lauter Jungs im Business durchzusetzen: "Deswegen haben wir Frauenbands gegründet. ... Wenn wir uns die Haare abgeschnitten haben, dann nicht, weil wir bewusste Feministinnen waren, sondern weil wir ein feministisches Selbstverständnis hatten: Mädchen können das. Und das reichte schon, um massive Irritationen auszulösen. Wir wurden mit unseren Frisuren und Outfits, die inspiriert waren von der Mode der 20er und 30er, von Stummfilmen und Majakowski, selbst innerhalb der feministischen Szene als Provokation empfunden. Aber natürlich haben wir vor allem das andere Geschlecht irritiert: Es gab eine Sorte Männer, die sind bei Konzerten unglaublich sauer und aggressiv geworden. Hier ein Video zu ihrem neuen Album:



Weiteres: Stefan Grund berichtet online für die Welt vom Elbphilharmonie-Konzert für den G20-Gipfel: Die Aufführung von Beethovens Neunter durch das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter Kent Nagano sei vorzüglich gewesen, Trump samt Entourage kamen eine halbe Stunde zu spät und für Putin wurde sogar noch nach Konzertbeginn die Türe aufgemacht, erfahren wir. Für die NZZ spricht András Csúri mit Bryan Ferry. Beim Rheingau Festival hört Sylvia Staude von der FR irische Musik aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Im Standard wirft Ljubisa Tosic einen Blick ins Programm des Wiener Kammermusikfests. Annabelle Seubert begleitet für die taz die Newcomerband Die Höchste Eisenbahn bei ihrem Aufstieg. Marc Zitzmann schreibt in der NZZ zum Tod des Komponisten Pierre Henry.

Besprochen werden das neue Album der Liga der gewöhnlichen Gentlemen (taz), ein Konzert von George Benson (Standard), ein Konzert des Colombian Youth Philharmonic Orchestra (Standard), ein Konzert des Pianisten Tim Gorbauch (FR) und das Berliner Gedenkkonzert zu Ehren des Komponisten Michael Hirsch (Tagesspiegel).
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Literatur

Zweiter Tag in Klagenfurt. Trotz viel Bewunderung für den bisherigen Favoriten John Wray ist Welt-Kritiker Elmar Krekeler doch spürbar genervt von der Veranstaltung, bei der sich "der Rachen der Mittelstandsliteratur" öffne: "Gibt es hier eigentlich keine Vorjury wie bei jedem Dorfkinofestival", fragt er sich. "Dann könnten hier vielleicht wirklich die besten Texte der besten deutschen Autoren gelesen werden. Dann müssten Jury-Mitglieder, deren literarische und literaturpolitische Agenden nicht zu harmonisieren sind, nicht zwangsweise die Texte jener verteidigen, die sie - aus irgendwelchen manchmal unerfindlichen Gründen - eingeladen haben." Gerrit Bartels berichtet unterdessen ungebrochen frohen Mutes im Tagesspiegel - und in Ferdinand Schmalz sieht er einen ernstzunehmenden Konkurrenten für den bisherigen Liebling John Wray. Dem kann Hans Hütt, der im Freitag gewohnt konzentriert Protokoll führt, nur beistimmen: "Was für ein großartiger Text! Der letzte Absatz ist metrisch so erhaben, dass einem die Kälte in die Knochen fährt. Ein sicherer Preiskandidat, auch er, wie John Wray, von Sandra Kegel eingeladen." Hier alle Lesungen und Videos aus Klagenfurt im Überblick.

Im Welt-Gespräch mit Matthias Heine erklärt der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg deutsche Rechtschreibung und ärgert sich über deren Reformer: "Man muss sich vor Augen führen, dass führende Vertreter der Neuregelung behauptet haben, es würde 30 Prozent weniger Rechtschreibfehler geben. Aber es gibt die Hälfte mehr. Die Verantwortlichen sollten sich eigentlich bekreuzigen und schämen. Das tun sie aber nicht. Sie sind frech genug, so zu tun, als hätten sie immer nur Gutes bewirkt. Ich weiß gar nicht, wie solche Leute ruhig schlafen."

Weiteres: Ulrich Gutmair porträtiert in der taz die chinesische Nachwuchs-Schriftstellerin Amanda Lee Koe. Für die taz reist Ambros Waibel an den Tegernsee zum Landhaus von Ludwig Thoma. Andrea Herdegen plaudert für die taz mit Bestseller-Autorin Donna Leon. Dieter Thomä erinnert in der NZZ an den vor 200 Jahren geborenen Schriftsteller und Philosophen Henry David Thoreau, dem aktuell Frank Schäfer ein Buch gewidmet hat. Die FAZ bringt Maxim Ossipows Erzählung "Phantasie - Eine Moskauer Geschichte".

Besprochen werden Jane Deuxards und Deloupys Comicreportage "Liebe auf Iranisch" (Jungle World), die Wiederveröffentlichung von Gerschon Schoffmanns Erzählungen "Nicht für immer" (Tagesspiegel), Saleem Haddads "Guapa" (NZZ), Jürgen Beckers "Graugänse über Toronto" (Welt), Lesley M. M. Blumes "Und alle benehmen sich daneben. Wie Hemingway seine Legende erschuf" (SZ) und Peter Esterhazys "Bauchspeicheldrüsentagebuch" (FAZ)
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Bühne

Bild: Nationaltheater Reinickendorf

Nach sechs Jahren meldet sich das norwegische Künstlerduo Vegard Vinge und Ida Müller mit einer Performance im selbstgebastelten Nationaltheater Reinickendorf zurück. Nach zwölf Stunden, in denen in dem an Ibsens "Baumeister Solness" angelehnten Stück die Kacke diesmal nur gegessen, nicht geworfen wird, Leni Riefenstahl von einem "schwarzen Eingeborenen" vergewaltigt wird, Ejakulat in Einmachgläsern verstaut und an Volksbühnen-Kritik nicht gespart wird, meint Welt-Kritiker Jan Küveler: "Wenn das Theater in dieser immersiven Social-Media-Welt eine Chance haben will, dann kann es so aussehen wie hier. Hier ergreifen Studienräte noch die Flucht oder kommen gar nicht erst her, und womöglich ist das bei aller Sympathie doch ein gutes Zeichen. Hier wird nicht abgecasht und abgestaubt, hier ist man nicht faul und vorgestrig, hier geht es um was, und um was genau, das fragt nur der, der nicht begriffen hat, um was es geht, nämlich ums Ganze."

Beinahe gezähmt wirkt das Künstlerduo auf Nachtkritikerin Sophie Diesselhorst: "Auch wenn also im Nationaltheater Reinickendorf die Spannung immer mal wieder auf 24-Stunden-Kino-Niveau absackt, weil die akute Bedrohung durch den randalierenden Vinge ein wenig fehlt - übrigens steht auf einer Seitenbühne ein Denkmal von ihm, wie er sich als John Gabriel Borkman in den Mund pinkelt - es bleibt die Hoffnung, dass eine Sprengkraft steckt in Vinge/Müllers kämpferische Wahrnehmungs-Fragmentierung, die nicht einer in der Multimedia-Gesellschaft sich verändernden Wahrnehmung hinterherjagt wie soviele andere Theaterversuche, sondern Resultat einer irre mühsamen aufwändigen schmerzhaften Tiefenschürfung ist."

Und Christine Wahl notiert im Tagesspiegel: "Stark sind Vinge-Müllers Ibsen-Trips immer dort, wo sie psychologische Dramen gleichsam in Horrortrips der frei laufenden Symptome übersetzen und dabei in gleichermaßen originellen wie höchst komplexen Bildern an (kollektive) Traumata rühren." In der Berliner Zeitung bespricht Ulrich Seidler das Spektakel.

In der NZZ schreibt Marion Löhndorf über James Grahams Stück "Ink" über den Medien-Tycooon Rupert Murdoch am Londoner Almeida Theatre: "Scherze purzeln übereinander, im Publikum wird viel gelacht. Murdoch und sein 'Sun'-Team werden nicht dämonisiert, sondern milde lächerlich gemacht - wenn überhaupt. Stück und Inszenierung wollen weder moralisieren noch den Zuschauer gängeln. Unter der Oberfläche des Klamaukhaften werden allenfalls Parallelen zu dem sichtbar, was heute als Populismus in der Politik die Massen anzieht."

Weiteres: FAZ-Kritiker Georg Rudiger berichtet vom Festival in Aix-en-Provence, das fünf Opernpremieren auf die Bühne bringt, darunter eine neues Stück von Philippe Boesmans, der den "Pinocchio" neu vertont hat.

Besprochen wird Markus Dietz' Inszenierung "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagony" am Nationaltheater Mannheim (FR)

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Archiv: Bühne

Kunst

Am Sonntag reitet Ross Birrell mit seinem Projekt "The Transit of Hermes" auf der Documenta in Kassel ein, berichtet Katharina J. Cichosch in der taz.  Grund genug für die Kritikerin, über das Tier in der Kunst nachzudenken: "Das Problem eines künstlerischen Zugangs zum Gegenüber, zu dem der Mensch doch so mannigfaltige und oft widersprüchliche Beziehungen pflegt, scheint nicht zuletzt das der eigenen Verortung zu sein. Warum nicht das Tier gern als heiß geliebtes, aber eben doch: Anderes? Als Wesen, das ganz mit dem Innen und Außen im Einklang lebt, weil es nun mal gar nicht anders kann? Wieso nicht einmal thematisieren, dass der Mensch seine begrenzte, aber doch grundsätzliche Freiheit, die ihm kraft seiner Gattung Fluch und Segen zugleich ist, nach vielfachem Bekunden im Handumdrehen gegen das animalische Leben eintauschen würde?"

Weiteres: Das Kunstmuseum Bern hat erstmals einige Werke der Gurlitt-Sammlung den Medien präsentiert, meldet Philipp Meier in der NZZ. Ingeborg Ruthe entdeckt in der Berliner Zeitung "erstaunliche Aktualität" im Werk der heute vor 150 Jahren geborenen Käthe Kollwitz. In der FAZ gratuliert Freddy Langer David Hockney zum Achtzigsten: "Hockneys Beobachtungen grenzen an Besessenheit."

Besprochen wird die Rauminstallation "Sir" des US-Künstlerduos Fischerspooner im Wiener Mumok (Standard), die anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Brüsseler Zentrums für zeitgenössische Kunst gezeigte Ausstellung "The Absent Museum", die sich der Kunstpräsentation in einer "durch Globalisierung, Dekolonisation und Migration sich verändernden Welt" widmet. (FAZ)

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Film

Im Freitag empfiehlt Matthias Dell die Zbynek-Brynych-Retrospektive im Berliner Zeughauskino: Das Schaffen des tschechischen Regisseurs, der in der Nouvelle Vague seines Heimatlandes begann und schließlich bei sagenhaft durchgeknallten Krimis fürs deutsche Fernsehen landete, ist für die Filmgeschichtsschreibung noch weitgehend terra incognita, sagt Dell. Und das wohl auch deshalb, "weil der Ekstatiker Brynych, der sich aus Regelbrüchen eine Ästhetik gezimmert hat, also das macht, was man eigentlich nicht tut mit der Kamera und dem Schnitt und der Musik, und der dabei aber ein Souverän ist: Seine Filme mögen den Sehgewohnheit genannten Erwartungen entgegenlaufen, aber sie erschöpfen sich nicht in Provokation."

Besprochen werden "Ein Chanson für Dich" mit Isabelle Huppert (Standard, FAZ) und der Kinderfilm "Ich - Einfach Unverbesserlich 3" (SZ).
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Architektur

Bild: Roberto Burle Marx, Garten der früheren Francisco Pignatari Residenz, jetzt Parque Burle Marx, São Paulo, 1956, Foto: Cesar Barreto

Ausgerechnet Berlin inspirierte den brasilianische Maler, Bildhauer und Landschaftsarchitekten Roberto Burle Marx für seine Arbeit in den Tropen, erfährt Welt-Kritiker Marcus Woeller in der großen Berliner Ausstellung "Tropische Moderne" mit Gemälden, Modellen und Gartenentwürfen aus allen Schaffensperioden des Künstlers. Besonders in den Aufträgen für private Bauherren konnte er sich ausleben, erklärt Woeller: "Für Niemeyers Casa Edmundo Cavanelas in Petrópolis legte er Rabatten aus purpurblättrigen Bodendeckern in den Rasenteppich, als hätte der einen riesigen Rotweinfleck. Daneben pflanzte er ein Schachbrett aus zweifarbigen Gräsern, an denen die Platzpfleger heutiger Fußballarenen ihre Freude hätten. Für Villen in Rio und São Paulo kombinierte er brutalistische Reliefs mit den Wucherungen autochthoner Botanik. Burle Marx' Gärten sind lebende Bilder."

Bild: Serpentine Pavilion 2017, designed by Francis Kéré. Serpentine Gallery, London. Kéré Architecture, Photography Bild: 2017 Iwan Baan

Für die NZZ hat sich Marion Löhndorf den von dem afrikanischen Architekten Diébédo Francis Kérés gestalteten Sommerpavillon für die Serpentine Gallery in Kensington Gardens angeschaut: "Der Clou ist der Einsatz des Regenwassers, das vom Dach des Hauses gesammelt wird und in kleinen Wasserfällen seine Runden dreht, bis es in die Kanalisation läuft: Aus der Sicht des afrikanischen Architekten, in dessen Land Wasser rar ist, sollte es als etwas Besonderes geschätzt werden. Die verwendeten Materialien Holz, Stahl und Plastic verleihen seinem Bau Leichtigkeit. Nur der Boden ist aus Beton."
Archiv: Architektur