9punkt - Die Debattenrundschau

Eine so kühne wie krude Formel

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.05.2017. Kein Verleger hätte diese Räuberpistole gekauft. Bernard-Henri Lévy erzählt in seinem Blog nochmal den "grand roman français", an dessen Ende der Präsident Emmanuel Macron steht. Bei der deutschen Politik landet Macron aber vorerst nicht, stellen taz und SZ fest. Die Welt porträtiert Brigitte Macron. In der taz werden Pariser und eine Berliner Ausstellungen zur Nazizeit besprochen.

Europa

Bernard-Henri Lévy erzählt nochmal den "grand roman français", an dessen Ende der Präsident Emmanuel Macron steht. Kein Verleger, so BHL hätte diese Räuberpistole gekauft: "Ein amtierender Präsident, der nicht nochmal kandidieren will. Die Chefs der Rechten, die sich gegenseitig zerstören, um einem unbescholtenen Kandidaten Platz zu machen, der in Affären versinkt. Die Linke, die ihren Premierminister eliminiert und sich aufspaltet  in einen Apparatschik, der am Ende ein lächerliches Ergebnis einfährt, und einen 'Unbeugsamen', der die Diktaturen und sein eigenes Hologramm liebt, bevor er strauchelt... Die Kandidatin der extremen Rechten, die sich live bei der Wahldebatte entleibt, indem sie sich, wie eine Boulevardschauspielerin in einem peinlichen rhetorischen Striptease, die Maske der Respektabilität selbst abreißt..."

Die deutsche Politik antwortet auf den französischen Elan mit sauren Buchhaltermienen. Präsident Emmanuel Macron hofft auf eine stärkere Integration der Eurozone mit eigenem Finanzminister, die er auch durch eine stärkere deutsch-französische Zusammenarbeit erreichen wird. Aber er wird abblitzen, meint Eric Bonse in der taz: "Kanzlerin Merkel hat nicht nur eine andere Vision - für sie ist die EU vor allem eine Freihandelszone, in der Wettbewerbsfähigkeit wichtiger ist als Solidarität. Sie hat mehrfach ihr Veto gegen einen Umbau der Eurozone eingelegt. Nichts spricht dafür, dass Merkel ihre Haltung ausgerechnet jetzt - im beginnenden Bundestagswahlkampf - ändert. Zwar wirbt Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) dafür, auf Macron und Frankreich zuzugehen. Doch darum bemüht er sich schon seit geraumer Zeit - ohne sichtbaren Erfolg." Mehr dazu bei Zeit online.

Ob sich die Deutschen auf die in der SZ von Leo Klimm und Christian Wernicke vorgestellten Ideen einlassen können, ist noch eine andere Frage: "Heimlich, noch als Präsidentenberater von Hollande, offeriert Macron im April 2014 Berlin eine so kühne wie krude Formel zur Ankurbelung der Konjunktur in Europa: Frankreich werde binnen drei Jahren 50 Milliarden Euro sparen, im Gegenzug solle Deutschland seine Staatsausgaben um 50 Milliarden Euro erhöhen. Das Kanzleramt lehnt ab. 'Wir waren nicht bereit', erinnert sich ein Berliner Diplomat, 'uns mit deutschem Geld zu erkaufen, dass Frankreich spart.'"

Dass Brigitte Macron seine Beraterin ist, die an seinem Erfolg einen mindestens so großen Anteil hat wie er selbst, kommt nicht von ungefähr und hat mit ihrer Vorgeschichte zu tun, schreibt Anne Fulda in der Welt: "Heute spricht sie nur ungern darüber, dass sie mit 20 Jahren André-Louis Auzière heiratete, den Direktor der Französischen Außenhandelsbank, mit dem sie drei Kinder bekam. Sie lebte in Paris, Straßburg und Amiens, hat einen Magister in Philosophie, war eine Zeit lang Pressesprecherin der Regional- und Handelskammer von Nord-Pas-de-Calais, bevor sie nach der Geburt ihrer Tochter Tiphaine in Straßburg ein Lehramt übernahm." Und als seine ehemalige Theater-Lehrerin war sie der perfekte Coach für seine Wahlkampfauftritte, schreibt Maike Brülls in der taz.

Ariane Chemin et Raphaëlle Bacqué porträtieren Macron für Le Monde: "Seine Gegner spießen gern die Widersprüche des Kandidaten auf, der einmal sagt, 'Ich bin Sozialist', dann wieder 'ich bin nicht links', und schließlich 'wir sind rechts und links'. Sie haben nicht verstanden, dass genau dieses 'zugleich' (en même temps), aus dem er einen  Wahlkampfschlager macht, der Schlüssel für seinen Erfolg ist. Für sie belegt dieses 'sowohl als auch' die Hohlheit seines Diskurse und und die Verschwommenheit seiner politischen Position. Für ihn ist es der Beweis eines komplexen Denkens."
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Geschichte

In Paris gibt es eine interessante Ausstellung über den SS-Schergen Klaus Barbie, den "Schlächter von Lyon", und den berühmten Prozess gegen ihn, der zentral war für die französische Vergangenheitsbewältigung. Das Material offenbart interessante Details über Lücken, schreibt Rudolf Walther in der taz: "Die Ermittler wie später die den Prozess führenden Richter und Staatsanwälte wollten Barbie für die begangenen Verbrechen exemplarisch bestrafen, aber jede Anklage gegen französische Kollaborateure vermeiden. So sollten zum Beispiel die Umstände, die zur Verhaftung, Folterung und Ermordung des Résistance-Helden Jean Moulin führten, explizit aus dem Prozess herausgehalten werden." Ebenfalls in der taz wird die Ausstellung über den Alltag in Berlin unter den Nazis im Jahr 1937 besprochen, die  erste Ausstellung unter dem neuen Direktor des Berliner Stadtmuseums, Paul Spies.

Weiteres: In der NZZ beschreibt der Kulturtheoretiker Jan Söffner die populistische Sprache der neuen Rechten als Blüte der Rhetorik der christlichen Spätantike.
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Internet

Nicht Google ist die größte Gefahr für unser kulturelles Gedächtnis, klärt Ellen Euler von der Deutschen Digitalen Bibliothek den skeptischen FAZ-Kritiker Fridtjof Küchemann im Interview auf, sondern europäisches Recht. Weshalb wir "gerade in Europa einen kulturellen Stillstand" erlebten: "Die rechtliche Situation hindert die Gedächtnisinstitutionen daran, ihre Aufgaben auch im Digitalen adäquat zu erfüllen. Zwar sagt die Europäische Kommission ganz klar, dass die Mitgliedstaaten dafür Sorge zu tragen haben, dass Gemeinfreies auch digital gemeinfrei bleibt. In Deutschland ist diese Empfehlung aber noch nicht ausreichend umgesetzt. International hat schon eine Vielzahl großer Einrichtungen diesen Schritt gemacht, vom Rijksmuseum in Amsterdam zum Metropolitan Museum of Art, und Hunderttausende von Angeboten unter ganz freier Public-Domain-Lizenz zur Verfügung gestellt. In Deutschland hat bislang eine einzige Einrichtung diesen ersten Schritt gemacht, das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg."
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