Efeu - Die Kulturrundschau

Worte wie scharfkantige Steine

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09.05.2017. In artechock wirft Rüdiger Suchsland eine Debatte zu Angela Schanelec und ihre begeisterten Kritiker auf. Als großes Ereignis feiert die SZ Martin Kusejs und Albert Ostermaiers nachtglänzende "Phädra" am Münchner Residenztheater. Die Nachtkritik bewundert vor allem Bibiana Beglau als eisfeurige Schwarze Witwe. Als akustischen Sichtbeton feiert taz die Klangarchitektur der Band Kreidler. In der FAZ fragt Maler Kerry James Marshall, warum eigentlich nicht Bilder von schwarzen Künstlern abgehängt werden sollen, wenn sie die Gewalt gegen schwarze Männer ästhetisieren.

Bühne


Feuer und Eis zugleich: Bibiana Beglau als Phädra am Münchner Residenztheater.

Großereignis in München: Martin Kušej hat am Residenztheater Albert Ostermaiers "Phädras Nacht" auf die Bühne gebracht. In der SZ ist Egbert Tholl völlig umgehauen von der Wucht des Stückes: Von Theseus erlassen, von Philoktet verschmäht denunziert Phädra den geliebten Mann - bei Ostermeier ein Flüchtling aus Afghanistan: "Auch in 'Phädras Nacht' kann man ohne Weiteres bestimmte Passagen dem Ostermaier-Duktus in Reinkultur zuordnen, vor allem Monologe der einzelnen Figuren, inbrünstige Entrüstungen, angereichert mit nachtglänzender Semantik. Erster Auftritt Phädra: 'Verbrennen sollst du, Theseus. Mein Herz verbrennt dich. Meine Liebe. Nacht für Nacht bin ich es, die brennt. Schau wie meine Haut glänzt. Gebadet in Benzin.' Dem gegenüber steht der Einfluss des Theaterpragmatikers Kušej, der sich in trockenen Dialogen bemerkbar macht, hart, schonungslos. Manchmal wirken die Worte wie scharfkantige Steine, die sich die Figuren gegenseitig ins Gesicht werfen."

In der Nachtkritik findet Sabine Leucht die Inszenierung weniger brisant als gewollt, etwas manieriert und überladen, doch Bibiana Beglau als Phädra hat sie begeistert: "Ein Spektakel, das klagt, röhrt und die schwarz und schließlich rot gefärbte Scham wie eine Waffe herzeigt. Ihre Phädra ist ein Paradiesvogel mit geknickten Schwingen, eine ganzkörpergekrümmte Schwarze Witwe, deren Liebe Gift verspritzt. Beglau ist in all ihren Aktionen Feuer und Eis zugleich; wie sie die Worte und den Körper dehnt und spreizt, ist aber zuweilen auch von unfreiwilliger Komik."

Weiteres: Als "Londons neues Lieblingsstück" stellt Marion Löhndorf in der NZZ Jez Butterworth' Nordirland-Reflexion "The Ferryman" unter der Regie von Sam Mandes am Royal Court Theatre vor. Auch Gina Thomas in der FAZ ist begeistert. In der taz erzählt Lea Streisand von der Verleihung des Berliner Theaterpreises an Herbert Fritsch.

Besprochen werden Calixto Bieitos Inszenierung von Sergei Prokofjews Oper "Der feurige Engel" (ist aber nichts für schwache Nerven, warnt Thomas Schacher in der (NZZ), Hans Werner Henzes frühe Oper "Elegie für junge Liebende" am Theater an der Wien (deren Zwölftongesang Reinhard Kager in der FAZ ganz hinreißend findet), David Philip Heftis neue für St.Gallen komponierte Oper "Annas Maske" (SZ), Kay Voges' "Borderline Prozession" beim Berliner Theatertreffen (Nachtkritik, Tagesspiegel, Berliner Zeitung), Richard Wagners "Fliegende Holländer" an der Deutschen Oper (Tagesspiegel, taz), die spartenübergreifende "Hochzeit" am Staatstheater Mainz (FR), Calle Fuhrs Inszeneirung von Heiner Müllers "Philoktet" am Wiener Volkstheater ("brav geschnäuzt und gekämmt" nennt Ronald Pohl die Inszenierung im Standard, FAZ).
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Film

Auf Artechock schilt Rüdiger Suchsland seine Kollegen aus der Filmkritik für deren seiner Ansicht nach unangebracht enthusiastisches Lob auf Angela Schanelecs "Der traumhafte Weg": "Trotz allem Respekt habe ich den Eindruck, hier trösten und helfen sich die Kollegen mit Floskeln über die eigene Ratlo­sig­keit, das eigene Unbehagen." Er selbst ist eher genervt bis gelangweilt von dem Film: "'Der traum­hafte Weg' ist herme­tisch, schwer zugäng­lich, und zwar, weil er sich willent­lich abschottet gegenüber poten­zi­ellen Zuschauern. Denn das, was da auf der Leinwand zu sehen oder nicht zu sehen ist, das passiert Schanelec ja nicht. Sie weiß was sie tut und sie will es tun. Sie will, das hat sie oft genug öffent­lich gesagt, Sehge­wohn­heiten infrage stellen. Darum stellt sich ihr Film künstlich dumm, gibt sich störrisch, schließt sich ab, zieht sich autis­tisch in seine eigene Welt zurück, nicht ohne die Welt der Anderen, wie das Autisten ja tun, genau wahr­zu­nehmen. Sehr wohl aber in einem Gestus der Arroganz."

Weiteres: Carolin Weidner hat für die taz das Bremer Filmsymposium zum Thema "Film als Forschungsmethode" besucht. Catharina Schick bringt auf ZeitOnline Hintergründe zu den Kontroversen um die Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht", in der der Selbstmord einer Schülerin gezeigt wird, was Jugendschützer auf den Plan gerufen hat.

Besprochen werden die Netflix-Serie "Girlboss" (NZZ), die vom Bayerischen Rundfunk ins Netz gestellte Serie "Hindafing" (FAZ) und die TNT-Serie "4 Blocks" über die Neuköllner Mafia (FAZ).
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Musik

Mit hohem Interesse nähert sich taz-Kritiker Robert Henschel dem neuen Album "European Songs" von Kreidler, für das sich das Elektro-Projekt eingehend mit den Filmen des Essayisten Heinz Emigholz auseinandergesetzt hat. Das Verhältnis von Ethik und Ästhetik stehe dabei im Vordergrund - und die Kälte "medialer Bildwelten": "Das Album wird so zum Versuch einer Gegenwartsbestimmung, die notgedrungen düster, starr und klanglich kühl ausfallen muss. Ethik statt Ästhetik, das war zuletzt auch Leitspruch der architektonischen Brutalisten. ... Eben darum geht es: Eine Klangarchitektur zu schaffen, die das Rohmaterial - allen voran Thomas Kleins unerbittlich maschinelles Schlagzeugspiel - mobilisiert und dabei den Zeitgeist aufnimmt. 'European Song' ist akustischer Sichtbeton." Hier das aktuelle Video:



Ist Xavier Naidoo nun ein rechsradikaler Szenegänger oder nicht, fragt sich Jens-Christian Rabe in der SZ und tut sich mit der Beantwortung sichtlich schwer: Viele Wortmeldungen des Sängers sind heikel, andere passen aber nicht ins derzeit gängige Bild. Rabes Fazit: "Naidoo also als bloßen Spinner abzustempeln, wie es gerne geschieht, ist zwar einerseits sehr verständlich, aber leider auch gefährlich bequem."

Weiteres: Boris Herrmann freut sich im Tagesanzeiger, dass der venezolanische Dirigent Gustavo Dudamel endlich sein Schweigen gebrochen und sich gegenüber Präsident Maduro kritisch positioniert hat. Sehr glücklich klickt sich Henning Klüver von der NZZ durch die Digitalisate des Archivs der Casa Ricordi, das Stück für Stück online geht: Deren Bestände bilden "noch immer das weltweit grösste Archiv zur Musikgeschichte." Im Standard stimmt Karl Fluch auf den Eurovision Song Contest ein. Autor Tex Rubinowitz imaginiert sich unterdessen in die Luxemburger Wettbewerbsausgabe des Jahrs 1966 zurück, wo er (dem bekanntlich siegreichen) Udo Jürgens beisteht. Und so sah dessen Auftritt damals aus:



Besprochen werden Romuald Karmakars Filmessay "Denk ich an Deutschland in der Nacht" über das Nachtleben deutscher DJs (Berliner Zeitung), das Comeback von Slowdive (Pitchfork), das Debüt von Formation (FR) und der akademische Aufsatzband "Younger Than Yesterday - 1967 als Schaltjahr des Pop", über den sich SZ-Kritiker Jan Kedves sehr ärgert.
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Literatur

Für René Scheu rührt Primo Levis "So war Auschwitz. Zeugnisse 1945-1986" an eine "Grundproblematik in der Zeugenschaft des Äußersten", schreibt er in der NZZ. Agamben hatte dies als "Levis Paradox" bezeichnet: "Wer den tiefsten Punkt des Abgrunds berührt hat, kehrt nicht wieder; wer hingegen das Lager überlebt, hat den Abgrund nicht wirklich berührt. Insofern wären die Überlebenden nicht befugt, über den Abgrund zu sprechen - außer sie legen im Bezeugen zugleich Zeugnis ab von der Unmöglichkeit, darüber zu sprechen. Und genau das tut Levi, indem er sich den Protagonisten des Lagers mit jenem Blick des Naturwissenschafters zuwendet, der ebenso neugierig wie kühl ist."

Besprochen werden Michela Murgias "Chirú" (FR), Bret Easton Ellis' "American Psycho" (Welt) und Olga Slawnikowas "2017" (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Archiv: Literatur
Stichwörter: Primo Levi, Auschwitz, Shoah, Meta

Kunst



Wenig lässt Peter Iden vom einst so gefeierten Video-Pionier Bill Viola übrig, dem der Palazzo Strozzi in Florenz eine große Retrospektive widmet. Kaum mehr als frommer Kitsch sei sein Werk, stellt Iden in der FR entsetzt fest, mit den Jahren habe seine Sehnsucht nach Erlösung an Penetranz immer weiter zugenommen: "Es wird aber kein noch so pathetischer Rekurs auf vor-moderne Heilsversprechen wie 'das Transzendente' oder die Langsamkeit, Trick und Tick Violas zugleich, uns die Gegenwart retten. Auch wenn der Rückschritt, wie Viola ihn vorführt, sich technisch als Fortschritt kostümiert."

Im Interview mit Julia Voss fordert der amerikanische Maler Kerry James Marshall in der FAZ Vielfalt und Komplexität in der Kunst ein. Zu der Debatte um Dana Schutz' Bild bei der Whitney Biennale sagt er: "Wenn wir schon dabei sind: Es gibt ja noch ein Bild in der Ausstellung, über das man sich unterhalten muss. Ein Gemälde von Henry Taylor, das sich auf das Livestream-Video auf Facebook bezieht, das den Mord an Philando Castile durch einen Polizisten zeigt. Dieses Bild hat ein schwarzer Mann gemalt. In beiden Fällen wird die brutale Gewalt gegen schwarze Männer für den Kunstgenuss ästhetisiert. Das finde ich problematisch. Warum spricht darüber keiner der Kunstkritiker, die das Thema aufgegriffen haben?" Kolja Reicherts Text zur Debatte aus der gestrigen FAZ ist jetzt online.

Besprochen werden eine Retrospektive des Fotokünstlers James Welling im Bank-Austria-Kunstforum in Wien (Standard) und eine Ausstellung zu Maria Sibylla Merians Blumenbildern im Berliner Kupferstichkabinett (FAZ).
Archiv: Kunst