Efeu - Die Kulturrundschau

Und dann tauchen da Artisten auf

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04.03.2017. Die FAZ fragt, warum ein Hedgefonds-Manager in Wiens historischem Zentrum ein Hochhaus mit Luxusappartments bauen darf. Die NZZ rühmt den Architekten Vann Molyvann als einen Pionier der kambodschanischen Moderne, fürchtet jedoch um den Abriss seines Nationalstadions in Phnom Penh. Außerdem wünscht sie sich Architekturpreise nicht für Baukünstler, sondern für wegweisende Bauten. Die SZ erfährt von der Choreografin Helena Waldmann, wer heute noch so rackert wie Tänzer vor zwanzig Jahren. Die Welt freut sich auf Barenboims Pierre-Bouelez-Saal, der heute in Berlin eröffnet wird.

Bühne


Helena Waldmanns "Gute Pässe, schlechte Pässe". Foto: Wonge Bergemann.

Dorion Weickmann porträtiert in der SZ die Choreografin Helena Waldmann, die in ihrem neuen Projekt "Gute Pässe Schlechte Pässe" im Ludwigshafener Pflazbautheater Tanz und Zirkus miteinander verbindet. "Ihre Inszenierungen sind politisch und poetisch, zärtlich und brutal, analytisch und doch von unaufdringlicher Schärfe", versichert Weickmann: "Statt eine Zeigefingerlektion wider den Rechtspopulismus zu veranstalten, richtet Helena Waldmann den Spiegel auf ihr eigenes Milieu. 'Die Tanzszene ist arrogant geworden, behäbig, ein dauerlamentierendes Wohlstandsprodukt - wie das ganze Land. Angst und Verweigerungshaltung bestimmen das Klima, man schließt sich ab, man schließt sich ein, errichtet Grenzen und verteidigt sie. Und dann tauchen da Artisten auf, Leute vom Zirkus, vom Varieté - Leute, die noch etwas wollen. Die bis zum Anschlag rackern und so viel körperliche Energie versprühen, wie die Tänzer vor zwanzig Jahren!'"
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Design

Marion Löhndorf schreibt in der NZZ einen Liebesbrief an den Mini, das kompakte Auto, das ab den 50ern die aufstrebenden Jugendkulturen begleitete. Für sie steht der Mini damit auch für "ein Stück Kulturgeschichte: ein Symbol des Aufbruchs mit dem Aufkommen von Underground und antiautoritärer Emphase in den sechziger Jahren, ein Objekt der Begierde im Swinging London. Der Mini setzte Maßstäbe, eben durch seine geringe Größe, aber auch durch seine Kastenform, die weder zoomorph noch technomorph war wie die eiförmige Isetta oder die amerikanischen Straßenkreuzer mit ihren an Flugzeuge erinnernden Heckflügeln: Seine Gestalt war referenzfrei und konnte mit eigenen Träumen besetzt werden."
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Stichwörter: Auto-Design

Musik

Die Klassikszene boomt, doch die Zahl der geförderten Orchester sinkt seit Jahren, auch viele Stellen wurden gestrichen. Wie geht das zusammen, fragt sich Helmut Mauró in der SZ. Antwort: "Die Musiker spielen noch öfter, noch länger, für noch weniger Geld. Von den verbliebenen 130 öffentlich geförderten Orchestern arbeiten 40 zum Haustarif, also unter Gehaltsverzicht von durchschnittlich 10 Prozent, damit nicht noch mehr Stellen gestrichen werden. Das ist erfahrungsgemäß keine langfristig erfolgreiche Strategie - es könnte sogar sein, dass der zeitgemäße neoliberale Politiker einen Zusammenhang sieht zwischen steigenden Besucherzahlen und sinkenden Subventionen."

Heute eröffnet in Berlin der von Daniel Barenboim auf den Weg gebrachte Pierre-Boulez-Saal. Dieser Saal "ist eine gute Sache", freut sich Manuel Brug in der Welt und ist bereits auf den Klang des akustisch (wie schon die Elbphilharmonie) von Yasuhisa Toyota konzipierten Raums gespannt. Nikolaus Bernau, Architekturexperte der Berliner Zeitung, führt durch die Räumlichkeiten, die einen "CD-kristallklaren" Klang hergeben und auch ästhetisch punkten: Berlin erhalte einen "Saal, der trotz seiner Weite und Höhe erstaunlich intim und durchaus antirepräsentativ wirkt. Man erlebt hier die auch aus angelsächsisch-amerikanischen Museen bekannte architektonische funktionale Verknüpfung von Alltag und hoher Kunst, selbstbewusster Elitenförderung und idealistischem Breitenbildungsenthusiasmus. ... Tatsächlich ein Saal, wie er Berlin gefehlt hat." Im Tagesspiegel erklärt Frederik Hanssen die Hintergründe des Baus und warum Berlin tatsächlich nur eine Exil-Lösung für Barenboims aus israelischen und palästinensischen Musikern zusammengesetztes West Eastern Diwan Orchestra darstellt. Das heutige Eröffnungskonzert wird ab 18 Uhr live im Internet übertragen.

Weiteres: Claus Lochbihler porträtiert in der NZZ den Mandolinenspieler Chris Thile, der der gerade ein Album mit Brad Mehldau aufgenommen hat. Manuel Brug schwärmt in der Welt von Countertenor Valer Sabadus. Uli Krug schreibt in der Jungle World über das Debüt von Velvet Underground, das vor 50 Jahren erschienen ist. Thomas Winkler spricht für die taz mit dem Sänger Philipp Poisel. Michael Brake hat für die taz ein Klassikfestival in Sotschi besucht, wo ihn der "Aufwand des Notenumblätterns" faszinierte. Thomas Steinfeld (SZ) und Wolfgang Sandner (FAZ) gratulieren dem norwegischen Jazzsaxofonisten Jan Garbarek zum 70. Geburtstag. Hier ein Auftritt von 1982:



Besprochen werden das neue Album "English Tapas" der Sleaford Mods (Welt), Rhiannon Giddens' neues Album "Freedom Highway" (taz), eine Compilation mit elektronischer Musik aus Brasilien aus den Jahren 1978 bis 1992 (Pitchfork), Gideon Kremers Geburtstagskonzert (Tagesspiegel), das Jubiläumskonzert zum 25-jährigen Bestehen der Sterne (Tagesspiegel) und ein Auftritt des Klarinettisten David Krakauer (Standard).
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Film

Zeitgleich läuft in der Türkei und in Deutschland Hüdaverdi Yavuz' Biopic "Reis" über den kleinen Recep Tayyip Erdoğan an. Das Resultat fällt dem Namen gemäß - "Reis" ist das türkische Wort für "weiser Anführer" - erwartbar hagiografisch aus, berichten die Kritiker. Die Kindheit des türkischen Politikers werde "wie die eines Propheten erzählt, eines Mannes mit frühester Berufung", erklärt Christiane Schlötzer in der SZ. Der Porträtierte laufe "mit einer dermaßen Freundlichkeit, Ernsthaftigkeit und Selbstbeherrschung durch den Film, wie die katholische Kirche vor 50 Jahren wohl am liebsten die Kindheit eines früheren Papstes verfilmt hätte - aber vermutlich hätte sie sich solch ein Heiligenbild schon damals nicht mehr getraut", erfahren wir von Hanns-Georg Rodek in der Welt.

Weiteres: Für epdFilm begibt sich Georg Seeßlen auf die Suche nach der Linken im Film. Eher unbefriedigend findet Ann-Kristin Tlusty von Zeit Online die neue Amazonserie "Z", in der Christina Ricci Zelda Fitzgerald spielt. Alexander Kluges dctp.tv bringt einen Porträtfilm über den gerade 80 gewordenen Kameramann Thomas Mauch, der zu den wichtigsten Kameramännern des Neuen Deutschen Films zählt.

Besprochen werden Martin Scorseses "Silence" (Zeit, unsere Kritik hier), Kelly Reichardts "Certain Women" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier) und James Mangolds Superheldenfilm "Logan" (Welt).
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Literatur

In der SZ fragt Anna Fastabend, woher eigentlich auf einmal die vielen bösen jungen Frauen in Film, Theater und Literatur kommen, und sie ahnt: "Es geht auch gegen die 'starke Frau', wie sie im Mainstream-Entertainment dominiert - die sich zwar von den Männern nichts gefallen lässt, aber auf alle Zumutungen grundsätzlich rational reagiert: freundlich, gewaltfrei, wohlüberlegt."

Weiteres: Die Literarische Welt bringt einen Auszug aus Karl Heinz Bohrers Memoirenband "Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie". Für die Literarische Welt spricht Wieland Freund mit Jonathan Lethem über die Bücher von Roberto Bolaño. Und wie war die erste Ausgabe des Literarischen Quartetts in neuer Besetzung? "Maxim Biller fehlt", so Marc Reichwein in seinem bündigen Resümee in der Literarischen Welt. Für die Seite Drei der SZ hat Gianna Niewel dem Schriftsteller Uwe Timm Twitter gezeigt.

Besprochen werden Liza Codys Krimi "Miss Terry" (taz, unsere Kritik hier), Jonas Lüschers "Kraft" (taz), Fatma Aydemirs "Ellbogen" (ZeitOnline), James Gordon Farrells "Singapur im Würgegriff" (Literarische Welt), Kurt Drawerts "Der Körper meiner Zeit" (Tagesspiegel), Sarah Gliddens Comic "Im Schatten des Krieges" (Welt), Anne Webers "Kirio" (SZ) und eine Neuausgabe von Hanns Zischlers "Kafka geht ins Kino" (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unsere aktuellen Bücherschau.
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Kunst

Mit Nicola Graefs Neo-Rauch-Film erlebt FR-Kritikerin Ingeborg Ruthe Kunst als Konfrontation mit sich selbst. Im Welt-Interview mit Hans-Joachim Müller spricht Neo Rauch über seine Mitwirkung an dem Film und bekennt: "Gereizt hat es mich überhaupt nicht. Ich musste schon gewonnen werden, denn kameraaffin bin ich keineswegs."

Besprochen werden die Michael-Krebber-Ausstellung "The Living Wedge" in der Kunsthalle Bern (FAZ) und eine Ausstellung zu Meret Oppenheim im Museo d'arte della Svizzera italiana in Lugano(Standard).
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Stichwörter: Neo Rauch

Architektur


Vann Molyvanns Nationalstadion in Phnom Penh. Bild: The Vann Molyvann Project

Als Schlüsselwerk der Moderne rühmt Philippe Jorisch in der NZZ das Nationalstadion des kambodschanische Architekt Vann Molyvann in Phnom Penh. 1964 als Ikone der New Khmer Architecture gebaut, droht dem Bau nun der Abriss: "Was Vann Molyvanns Architektur auszeichnet, ist die kultivierte und kunstvolle Kombination von architektonischen Elementen aus den Zeiten von Angkor, des Kolonialismus und der Moderne in Harmonie mit dem tropischen Klima. Entgegen dem Ideal der 'weißen' Moderne kombinierte Molyvann Beton mit Natursteinwänden und ornamental gemauerten Backsteinen. Auch mit dem Einsatz von Glas war er zurückhaltender als seine westeuropäischen Zeitgenossen. Stattdessen entwarf er offene Veranden und beschattete, natürlich belüftete Innenhöfe. Um öffentlich zugängliche Flächen unter den Bauten zu schaffen, verwandte er im Erdgeschoss Stützen - eine Kreuzung von Le Corbusiers Pilotis mit den Stelzen der ländlichen Bauten Kambodschas, die zum Schutz vor Hochwasser aufgeständert sind."

Goldrichtig findet Roman Hollenstein (NZZ) den Pritzkerpreis für das katalanische Trio Aranda Pigem Vilalta, das in seinen Bauten Globalität mit regionalen Eigenheiten verbinde. Nur wünschte er sich, Architekturpreise würden verlässlicher auszeichnen: "Dank seiner großer Medienpräsenz gelang es dem Pritzkerpreis, die in den Nachkriegsjahrzehnten tief gefallene Architektur weltweit wieder als Teil der Hochkultur zu positionieren. Er beschleunigte jedoch auch die negative Entwicklung hin zum Starkult und damit zu einer globalisierten Architektur, die sich mehr um Ästhetik als um Ethik kümmert. Aus diesem Grund sollte die Hauptaufgabe von Architekturpreisen künftig weniger in der Ehrung großer Baukünstler bestehen als vielmehr darin, wegweisende Bauten, die über ihre schöne Form hinaus der Stadt und ihren Bewohnern einen Mehrwert bieten, ausfindig zu machen und zur Diskussion zu stellen."

Reinhard Seiss geißelt in der FAZ die Pläne des Hedgefonds-Manager Michael Tojner, mitten in Wiens historischem Zentrum ein Hochhaus mit Luxusapartments zu bauen. Seltsam auch, dass die Stadtregierung das Projekt unterstützt, obwohl die Unesco droht, Wien den Status des Weltkulturerbes abzuerkennen: "Hat dieses politische Engagement für den Investor vielleicht damit zu tun, dass Michael Tojner sein Casino-Hotel-Konzept gemeinsam mit Medienmogul Christoph Dichand verfolgt? Die Familie Dichand beherrscht mit ihren beiden Boulevardzeitungen Krone und Heute die öffentliche Meinung im Land."
Archiv: Architektur