9punkt - Die Debattenrundschau

Des Lebens ganze Breite

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.12.2015. Es ist eingetreten, schreibt Anne Sinclair in huffpo.fr: Der Front national ist die stärkste Partei Frankreichs. Im Standard prangert Marlene Streeruwitz die von Donald Trump vorgeführte Selbstermächtigung der Millionäre und Milliardäre an. In der Welt sehnt sich Andrzej Stasiuk nach einer Quarantäneunion für die Länder Mittel- und Osteuropas, die er seltsamer Weise "wärmer" findet. Wollt ihr eine Verfassungsänderung?, fragt Michael Naumann in der FAZ die Lobbyisten des Kunsthandels. Die taz greift den Streit um den Begriff der "Werte" auf.

Europa

"Es rückt näher", titelt Libération. "Eine zersplitterte und schwer zu lesende politische Landschaft" sehen Aude Lorriaux und Jean-Marie Pottier von Slate.fr nach den französischen Regionalwahlen vor sich: Der Front national hat über alle Regionen hinweg 28 Prozent erhalten, die gemäßigte Rechte 26,9 Prozent und die Sozialistische Partei 23,3 Prozent. Die beiden Le Pen-Schwestern haben im Norden und an der Mittelmeerküste jeweils 40 Prozent erhalten (etwas weniger als in den Umfragen befürchtet) und treten im zweiten Wahlkampf gegen die gemäßigte Rechte an.

Noch bevor der Ausgang der Wahlen bekannt wurde, sagte Bernard-Henri Lévy dem Parisien, dass ein solcher Wahlausgang nicht die eigentliche neue Qualität wäre - es kommt auf den zweiten Wahlgang an: "Schon bei den Europa- und Dempartementswahlen stand der Front national vorn. Die große Neuigkeit wäre eine symbolische. Ganze Regionen wie das Elsass, der Norden oder die Provence, die von den Launen und Fantasmen von Frau Le Pen und ihren Leuten beherrscht wären, das wäre ein symbolische Umsturz. Und für die Bürger ein wahrhaftes Desaster."

Und Anne Sinclair schreibt in der huffpo.fr: "Es ist eingetreten. Nach dem die Kommentare Wahl für Wahl von 'Schock' und 'unaufhaltsamem Aufstieg' sprachen, ist Front national nun die stärkste Partei Frankreichs." In der SZ fürchtet Christian Wernicke, dass die Franzosen den Front National nicht aus Protest wählen, "sondern aus verzweifelter, erbitterter Überzeugung".

Ein gestärkter Front national ist auch für Europa keine gute Nachricht, meint Pierre Briançon in politico.eu: "Es ist leicht zu begreifen, welchen Einfluss der vom FN proklamierte Status als stärkste Partei Frankreichs auf die allgemeine Debatte über Europa haben wird - besonders bei Themen wie der Flüchtlingskrise, den ökonomischen Problemen des Landes, die Rolle Deutschlands in der EU, um nur einige zu nennen."

In der Welt kann der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk keinen Frieden machen mit der Europäischen Union, er möchte für den Osten eine eigene Union, eine Art Quarantäneunion mit mehr Wärme: "Gewiss, das Land hat sich entwickelt, zivilisiert, es ist schöner geworden. Hochhäuser, Einkaufszentren, Autobahnen und Infrastruktur erinnern an die im Westen. Dennoch haben viele das Gefühl, ihnen sei ihr Land gestohlen worden. Ein fast schon symbolträchtiger Anblick sind die alten Menschen in den Einkaufszentren. Sie kaufen nichts. Sie kommen einfach her, um sich irgendwo im Warmen und Hellen aufzuhalten und unter Menschen zu sein. Sie haben schlicht keinen anderen Ort, den sie aufsuchen können. Weil ihnen das Geld fehlt."
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Medien

Als "kulturanthropologischen Frevel" geißelt Bernd Graff in der SZ, dass Smartphones ganz auf das Hochformat setzen, während die menschliche Wahrnehmungsweise auf Querformat geeicht ist: "Hochformate sind für selbstverliebte Selfiegötter, die außer sich selbst nichts im Gesichtsfeld dulden, des Lebens ganze Breite aber liegt in der Quere."
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Stichwörter: Smartphones, Smartphone

Religion

Uwe Justus Wenzel erinnert in der NZZ daran, dass sich die Katholische Kirche vor fünfzig Jahren mit der Erklärung "Dignitatis humanae" zum Recht auf Religionsfreiheit durchrang: "Es ist, notabene, nicht die Rede von Toleranz, von bloßer Duldung, sondern von einem Freiheitsrecht in religiösen Dingen, von einem 'ius ad libertatem religiosam', das jeder Person als Person zukomme; das unverlierbare Recht gründe in ihrem 'Wesen' als Person und hänge nicht etwa von einer bestimmten subjektiven Verfassung oder davon ab, ob diese Person von ihrer Freiheit in der 'richtigen' Weise Gebrauch mache oder eine 'wahre' religiöse Überzeugung habe."
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Gesellschaft

Während die Immobilienpreise in den USA durch die Decke gehen, fällt der Wert des Menschen ins Bodenlose, die Solidarität ist als demokratisches Prinzip abgeschafft, schreibt Marlene Streeruwitz in einem Essay im Standard, der besonders auf Donald Trump und seine Comedy abzielt: "Weil im TV eine Person immer nur eine einzige Wahrheit auf den Bildschirm bringen kann, deshalb ist die mediale Selbstermächtigung der Millionäre und Milliardäre so überzeugend. Sie sind ja wirklich reich und haben es - wie auch immer - 'geschafft'. Das ist TV-Glaubwürdigkeit und hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Es ist die Stunde der Wahrheit des Gelds. Deshalb kommen rechte Politiker und Politikerinnen aus der Elite des einen Prozents. Sie können die Botschaft der Richtigkeit der ungerechten Verteilung des Besitzes am besten projizieren."
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Kulturpolitik

Sehr böse antwortet in der FAZ Michael Naumann, ex Staats- und Kulturminister, auf den Kunsthandelslobbyisten und Villa-Grisebach-Chef Bernd Schultz, der sich mit Händen und Füßen gegen das geplante Kulturgutschutzgesetz wehrt (unsere Resümees): "Niemand wird enteignet, nur weil er ein Bild von Dürer ins Ausland verkaufen will. Er darf es behalten oder verkaufen, sofern es in Deutschland bleibt oder wenn eine Genehmigung vorliegt. Das ist ein Eingriff in das Eigentumsrecht? Durchaus - sofern dieses Grundrecht von der grundgesetzlich geforderten gesellschaftlichen Verpflichtung entbunden wird. Aber dazu bedarf es einer Verfassungsänderung. Die Galeristen und Händler lassen bereits eine Klage gegen das geplante Gesetz in Karlsruhe vorbereiten."

Internet

Offenbar ist eine Zeit der Bilanzen gekommen, was die Entwicklung des Internets angeht. Während Konrad Lischka neulich den Niedergang des offenen Netzes beklagte (eine Idee, die in Deutschland nie recht angekommen war), wirft Netzökonom Holger Schmidt einen Blick auf die Entwicklung der Mediennutzung in den letzten zehn Jahren: "Die 14-19-Jährigen sehen inzwischen das Internet als ihre wichtigste Nachrichtenquelle an. Interessant ist der Bedeutungsverlust der gedruckten Zeitung: Seit 2010 sinkt der Anteil im durchschnittlich 8,6 Prozent im Jahr und beträgt nur noch 12,6 Prozent. Seit 2013 hat sich der Abwärtstrend sogar noch einmal verschärft. Die Zeitungen haben die Jugend offenbar komplett verloren."
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Ideen

Jan Feddersen greift in der taz den Schlagabtausch zwischen Thierry Chervel und Gustav Seibt über die Aufklärung als Wert oder Prinzip aus dem Perlentaucher auf (mehr hier und hier) und stellt sich eher auf die religionskritische Seite: "Alles, was an der Bundesrepublik lebbar, individualisierungsfähig und attraktiv (für Flüchtlinge) wurde, ist gegen die religiösen Apparate errungen worden. Und die Behauptung, dieses Land sei wertmäßig ein beliebiges, stimmt ohnehin nicht: Solidarität, das Füreinandereinstehen ist eine Tugend - die aber erst Wert bekommt, wenn sie eine ohne Zwang bleibt."

Der Politikwissenschaftler Ahlrich Meyer rekapituliert noch einmal die Kontroverse, die Hannah Arendt 1963 mit ihrem Bericht von Eichmann-Prozess aus Jerusalem im New Yorker entfachte. Laut Meyer lag die Infamie nicht in der Banalität des Bösen, sondern in ihren Attacken auf die Judenräte, die er so zitiert: "Die ganze Wahrheit war, dass, wenn das jüdische Volk wirklich unorganisiert und führerlos gewesen wäre, es Chaos und viel Elend gegeben, die Gesamtzahl der Opfer aber kaum zwischen fünf und sechs Millionen Menschen betragen hätte."
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