Efeu - Die Kulturrundschau

Wie sehr bleibe ich autonom?

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15.10.2015. Dem Standard tränen die Augen, wenn er sieht, wie radikal der Kunstbetrieb noch in den Neunzigern von Künstlern kritisiert wurde. Die Welt beraucht sich an den Bildern Zurbarans. Der Tagesspiegel fragt, warum deutsche Autoren, egal welcher Provenienz, so selten exportfähig sind. Die SZ hofft, dass das Musikmagazin Pitchfork auch als neues Conde-Nast-Eigentum unabhängig bleibt.

Literatur

Der Nobelpreis geht an Swetlana Alexijewitsch und alle lieben Knausgård, schreibt Michael Angele (Freitag), der selbst dem Virus erlegen ist. Die klassische Fiktion hat da in letzter Zeit das Nachsehen, wie ihm auch seine Facebook-Follower nach kurzer Nachfrage bestätigten: "Traut man der fiktionalen Literatur nicht mehr die "welterschließende Kraft" zu, die der eigentlich recht prosaische Philosoph Jürgen Habermas ihr einmal zugestanden hatte? Ganz zu schweigen von ihrer weltverbessernden Kraft?"

Ringsum erhalten migrantische Autoren Preise und postkoloniale Standpunkte haben Konjunktur - und doch blickt die deutsche Literatur auch in ihrer hybriden Form nicht über ihren Horizont hinaus, beklagt sich Gregor Dotzauer in einem Essay im Tagesspiegel: "Die wenigsten deutschen Romane der letzten Jahre ... sind in größerem Maßstab exportfähig. Sie wären so gern Teil jener neuen, gleichfalls mit kulturellen Hybriderfahrungen um die Welt reisenden Literatur, die hierzulande mit Zadie Smith, Kiran Desai, Teju Cole, Chimamanda Ngozi Adichie oder Taiye Selasi Station macht. Dazu kommt die bittere Tatsache, dass die Neugier auf unbekannte Literaturen, kleine wie große, die nicht im Dazwischen der Kulturen angesiedelt sind, traurig gering geblieben ist ... Schließlich gilt es festzuhalten, dass die Theorien, mit denen diese Hybridliteratur erklärt wird, bei allem globalen Anspruch in vielem nur regionale Reichweite haben."

Mehr als vierzig indische Autoren haben ihre Literaturpreise zurückgegeben, aus Protest gegen das "Klima der Intoleranz" in Indien, meldet der Guardian: "The row took on an international dimension earlier this week when Salman Rushdie weighed in, telling a local television network that the failure of prime minister Narendra Modi and others to act was allowing a new 'degree of thuggish violence' in India. On Tuesday, 80-year-old novelist Dalip Kaur Tiwana said she was returning her Padma Shri, one of the most important national decorations, which she won in 2004. Tiwana, from the northwestern state of Punjab, said she was acting out of solidarity with those 'protesting against the increasing communalisation of our society'. The two incidents that have most angered the writers are the lynching of a Muslim labourer last month, and the murder of a rationalist thinker in August."

Wir sind sehr traurig: Die NZZ bringt in diesem Jahr keine Buchmessenbeilage. Der kosmopolitische Blick der Schweizer wird uns sehr fehlen.

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung spricht Claus-Jürgen Göpfert mit dem frischgebackenen Buchpreisträger Frank Witzel, der sein Glück noch gar nicht fassen kann und es "schön [findet], jetzt völlig betreut zu werden". Für den Perlentaucher räumt Arno Widmann zahlreiche Bücher vom Nachttisch. Andreas Fanizadeh (taz) und Gerrit Bartels (Tagesspiegel) flanieren über die Frankfurter Buchmesse. Iris Radisch missbilligt in der Zeit den erweiterten Literaturbegriff, der ihrer Ansicht nach dem Literaturnobelpreis für Swetlana Alexijewitsch zugrunde liegt. Ebenfalls in der Zeit empfiehlt ein hochgestimmter Jens Jessen, Frank Witzels mit dem Buchpreis ausgezeichneten RAF-Roman etwa 50 Seiten lang chronologisch zu lesen und dann frei im Buch zu schweifen: So hat man am meisten davon. Und im Buchmessen-Blog der FAZ schießt Julia Bähr schon mal vorab vergiftete Pfeile in Richtung des neuen Onlinemagazins Tell Review, das Sieglinde Geisel im Zuge der Perlentaucher-Debatte über Literaturkritik gründen will und gestern auf der Buchmesse angekündigt hat. Wäre ja noch schöner, man würde etwas Neuem mit Freundlichkeit oder gar Ermunterung begegnen!

Besprochen werden neue Bücher über die Mann-Familie (Tagesspiegel), Bücher über Indonesien (Freitag), Jim Holts "Kennen Sie den schon? Geschichte und Philosophie des Witzes" (Freitag),Anna Radlowas Novelle "Tatarinowa" (FR), Steve Sem-Sandbergs "Die Erwählten" (Tagesspiegel), Matthias Nawrats "Die vielen Tode unseres Opas Jurek" (Tagesspiegel), Laksmi Pamuntjaks "Alle Farben Rot" (Tagesspiegel), Zeruya Shalevs Roman "Schmerz" (Standard) und Helen Macdonalds Buch "H wie Habicht" (NZZ).
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Film

Für äußerst verdienstvoll hält Carolin Weidner in der taz die Filmreihe "Aufbruch der Autorinnen", mit der das Berliner Zeughauskino sich den Regisseurinnen im europäischen Kino der 60er Jahre widmet. Dabei handele es sich um "eine gewaltige Bergungsleistung. Viele der Filme (...) haben im Rahmen der Veranstaltung sogar ihre erste deutsche Untertitelung überhaupt erhalten und werden somit erst jetzt, zum Teil 50 Jahre später, für ein potenzielles Publikum zugänglich. ... [Die Kuratorin Sabine] Schöbel spricht von einem besonderen Blick, der den Filmen gemeinsam ist, ein Blick, der sich wiederum von dem männlicher Kollegen unterscheide. "Es ist, als würde eine Tür aufgehen, und plötzlich sieht man die Welt der Frauen.""

Weitere Artikel: In der Presse unterhält sich Markus Keuschnigg mit dem Regisseur Guillermo del Toro, dessen Horror-Melodram "Crimson Peak", der Standard plaudert mit Hauptdarstellerin Mia Wasikowska. Eine Meldung informiert uns, dass Meryl Streep Präsidentin der Berlinale-Jury 2016 wird. Patrick Heidmann berichtet in der SZ von seinem Treffen mit "True Detective"-Regisseur Cary Fukunaga, dessen neuer Film "Beasts of No Nation" auch in Deutschland gleich ohne Kinoauswertung direkt auf Netflix Premiere hat. In der taz empfiehlt Thomas Groh Filme vom Pornfilmfestival in Berlin, darunter Jack Deveaus schwulen Avantgarde-Porno "Drive" aus dem Jahr 1974, aus dem es auf Vimeo einige tolle Ausschnitte gibt:



Besprochen werden Andrew Bujalskis auf DVD veröffentlichter Film "Results" ("Superlässig. Irgendwie Zen", meint Ekkehard Knörer in der taz), Myroslav Slaboshpitskys "The Tribe" (taz, Perlentaucher), Jonas Carpignanos Flüchtlingsdrama "Mediterranea" (Perlentaucher, Welt), Aleksandar Nikolics "Der serbische Anwalt" (Perlentaucher), Lars Kraumes "Familienfest" (Berliner Zeitung, SZ, FAZ), Nima Mourizadehs Agentensatire "American Ultra" (Standard), Xavier Kollers Kinderfilm "Schellen-Ursli" (NZZ) und Scott Coopers Gangsterthriller "Black Mass", bei dem die Kritiker nur Johnny Depps Stirnglatze etwas abgewinnen können (Freitag, Tagesspiegel, NZZ).

Außerdem sehenswert: Ein tolles, bei Nerdcore gefundenes Mashup, das die etwas fade gewordene Form nochmal auf ein ganz neues Niveau hebt: Wenn Kubricks Filme auf die von Hitchcock treffen.

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Musik

Bob Dylan in Berlin: Pflichttermin für das Feuilleton. Auch wenn es "routiniert bis zur Harmlosigkeit" war, wie Rüdiger Schaper im Tagesspiegel berichtet: "Was gibt es noch abzuarbeiten, zu beweisen? Mit welchem Gott oder Teufel hat er gewettet, dass er das durchzieht bis in alle Ewigkeit? Bei Dylan geht es um das Grundsätzliche." Jens Uthoff (taz) genießt unterdessen den "intimen Charakter" des Abends trotz vollem Saal mit 3000 Zuschauern. Frank Junghänel (Berliner Zeitung) führt durch den Abend, lässt sich überraschen und wird dann melancholisch: "Am Ende grandiose Vergeblichkeit."

In der SZ macht sich Andrian Kreye Sorgen um die Unabhängigkeit des (auch vom Perlentaucher gern verlinkten) Online-Musikmagazins Pitchfork, das kürzlich von Condé Nast gekauft wurde: Immmerhin "eine Hoffnung bleibt den Pitchfork-Lesern. Der New Yorker - seit 1999 in Condé Nast-Händen - blieb bisher die beste Intellektuellen-Zeitschrift der Welt. Unbestechlich und unabhängig. Vielleicht gelingt Pitchfork das ja auch."

Besprochen werden das neue Album von CocoRosie (taz) und ein Auftritt von Mauro Peter (FR).
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Bühne

Besprochen werden Georges Aperghis" Musiktheater "Machinations" beim "Festival della Musica Contemporanea" in Mailand (NZZ), die drei ersten Premieren an den Kammerspielen in München unter der neuen Intendanz von Matthias Lilienthal (Zeit-Kritiker Peter Kümmel hört eine "Textflächenschiefertafel. Darauf kreischt immerzu die Beflissenheitskreide eines Lehrers, der seine Sache gut machen will") und eine Pariser Inszenieung von Georg Friedrich Händels "Theodora" (FAZ).
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Kunst


Felix Gonzalez-Torres, "Untitled (Go-Go Dancing Platform)", 1991. Foto: mumok / Laurent Ziegler

Anne Katrin Feßler hat für den Standard die Ausstellung "to expose, to show, to demonstrate, to inform, to offer " im Wiener Mumok besucht, die künstlerischen Praktiken um 1990 rekapituliert - nicht unbedingt zum Vorteil heutiger Kunst: "Wie sehr bleibe ich autonom, wie sehr korrumpieren mich Museum, Institution, Galerie - und Markt? Thomas Locher ritzte Fragen an die Kunst selbst - Verfolgt das einen Zweck? Ist das nicht undurchsichtig? - in Möbel. Alles immer noch sehr aktuelle Fragen. Aber nicht nur mit den Antworten oder in der Umsetzung der Konsequenzen hapert es in der Gegenwart, ja, man fragt sich auch, ob seither, also nach Andrea Fraser, Fareed Armaly & Co, jemand anderer die Dinge so auf den Punkt - und in entsprechend überzeugende visuelle Formen - gebracht hat. Frasers Video "May I Help You?" in dem eine Schauspielerin als Galeriemitarbeiterin vor schwarzen Monochromen das Sublime der Kunst beschwört und so Rhetoriken und Ausschlussmechanismen des Betriebs entlarvt, ist ein Meilenstein von 1991."

Hoch inspiriert kommt Hans Joachim Müller aus der Zurbaran-Ausstellung im Düsseldorfer Museum Kunstpalast. Die kühlen, distanzierten Bilder des Malers wirken im Welt-Kritiker mächtig nach: "Wenn man an das große Bewegungstheater denkt, das Michelangelo, Tizian, Tintoretto oder Caravaggio veranstaltet haben, dann ist es bei Zurbarán, als sei der Vorhang erst einmal gefallen, die Bühne von allen Kulissen befreit, gereinigt, leer geräumt für Darsteller ohne viel Eignung zur Darstellung. Wie versteinert stehen sie da, offene Münder, weggedrehte Augen, wie im Krampf gefangen. Ekstase, unter allen Existenzformen die geräuschärmste. Es gibt kaum ein lautes Bild in diesem einzigartigen Werk. Und es ist in der wunderbaren Düsseldorfer Ausstellung, als sei die fremd gewordene Glaubenssicherheit nur im Zustand fiebriger Erstarrtheit zu ertragen."

Weitere Artikel: Tim Neshitov berichtet in der SZ, dass in Riga eine Ausstellung des "selbsternannten Meisterfotografen und Russenhassers" Sergey Melnikoff von Unbekannten mehrfach attackiert und nun geschlossen wurde. ZeitOnline bringt eine Strecke mit Polaroids von Andy Warhol. Zum Tod der Fotografin Hilla Becher schreiben Brigitte Werneburg in der taz und Marcus Woeller in der Welt.

Besprochen werden eine Ausstellung indonesischer Fotografien im Fotografie Forum Frankfurt (FR), eine Ausstellung über Bilder der Prostitution aus dem 19. Jahrhundert im Musée d"Orsay in Paris (SZ) und die Ausstellung "A Dream among splendid Ruins . . . Strolling through the Athens of Travellers, 17th-19th Century" im Archäologischen Nationalmuseum in Athen (FAZ)
Archiv: Kunst