9punkt - Die Debattenrundschau

Angebliche Sittenlosigkeit des päpstlichen Rom

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.09.2015. Der Guardian versucht zu erklären, warum sich die Osteuropäer gegen Flüchtlinge wehren. Unterdessen fährt Zeit-online-Autor Robert Misik einfach nach Budapest, lädt drei Flüchtlinge ins Auto und bringt sie nach Wien. Wenn die Londoner Hipster Jeremy Corbyn lieben, verwechseln sie was, meint Politico.eu. Die NZZ hat herausgefunden: Nicht erst das Internet, schon der Buchdruck brachte als Medientechnologie bedenkliche Rückschritte. Die Welt schafft den Tod ab.

Europa

Im Guardian versucht sich eine schockierte Natalie Nougayrède zu erklären, warum ausgerechnet die Osteuropäer die Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten so ablehnen: "das Sowjetsystem hatte diese Nationen so erniedrigt, dass die neue Behauptung kultureller und sprachlicher Identität zum Überlebensinstinkt gehörte. Demokratische Traditionen waren nicht leicht wiederzubeleben, wenn sie in der Zwischenkriegszeit überhaupt existiert hatten. Diese Nationen hatten einen Anspruch aufgenommen zu werden, aber sie haben auch spezifische Erinnerungen und verabscheuen alles, was nach kuturlelle Aflösung schmeckt."

Der Wiener Robert Misik erzählt bei Zeit online, "wie ich zum Schlepper wurde", indem er sich ein Auto nahm, nach Budapest fuhr und Flüchtlinge mitnahm: "Ich spüre, wie plötzlich Wut in mir aufsteigt. Ich bin Bürger der Europäischen Union und fahre von einem EU-Land ins andere. Hinter mir sitzen drei syrische Kinder, mit Vater, ohne Mutter, wir können uns ausmalen, was sie erlebt haben. Wir tun das Richtige. Wir sorgen dafür, dass diese drei Kinder heute in einem Bett schlafen und morgen in Österreich um Asyl ansuchen können. Wir müssen uns zugleich wie Verbrecher fühlen. Die Grenzerhäuschen sind dunkel. Keine Menschenseele weit und breit. Höchstgeschwindigkeit 40 km/h..."

Weiteres zum Thema: In der FAZ geißelt Edo Reents den Mangel an Empathie, auch für "Wirtschaftsflüchtlinge" in Europa.

Die Londoner Hipster mit ihren Rauschebärten und Vintage-Fahrrädern lieben Jeremy Corbyn, aber das ist ein Missverständnis, schreibt Mary Ann Sieghart bei Politico.eu: "Oberflächlich passt der Favorit für die Labour-Nachfolge wie die Faust aufs Auge. Seine Kleidung ist retro, "greige", wie in den Siebzigern. Und sein Bart sieht aus wie der der jungen Männer, die Ihnen einen White Flat servieren. Aber da ist ein Unterschied. Seine Geschmack ist nicht aus Ironie rückwärtsgewandt. Er steckt wirklich in den Siebzigern fest und hat sich seit vierzig Jahren nicht verändert."

Hani Ramadan ist der nicht ganz so gemäßigte Bruder des "gemäßigten Salafisten" Tariq Ramadan und unterhält in der Tribune de Genève ein Blog, das Rudy Reichstadt für die französische Huffington Post gelesen hat: "Im Juni sah er in den drei gleichzeitigen Anschlägen in Frankreich, Tunesien und Kuweit das Kennzeichen eines "zionistischen Willens, Aufstände gegen Muslime zu erregen". Im Moment des Charlie-Hebdo-Massakers sah er das Attentat als Zeichen eines "Prozesses der Diabolisierung des Islams, das im Lauf der Jahre kunstvoll in die Tat umgesetzt wurde"."
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Internet

Das Internet ein Ort der Freiheit? Von wegen, meint Max A. Höfer in der NZZ. Dort ist längst die Tugendpolizei unterwegs und stellt jeden an den digitalen Pranger, dessen Verhalten ihr nicht passt, wie etwa tausende Kunden des Seitensprungportals Ashley Madison, deren Namen von Hackern veröffentlicht wurden: "Wer glaubt, das Internet würde eine freiere Kultur herbeiführen, übersieht, dass auch die Puritaner ihren Aufstieg einem neuen Medium verdankten: dem Buchdruck. Luther und die Reformatoren erregten sich über die Freizügigkeit und angebliche Sittenlosigkeit des päpstlichen Rom. Ihre Antwort war eine gigantische Flut an Flugschriften und Pamphleten. Die Wirkung der zahllosen Empörungswellen, die sie damit auslösten, war die erhebliche Einschränkung der Freiheit, besonders der sexuellen."
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Stichwörter: Buchdruck, Puritanismus

Gesellschaft

Immer plausibler wird die Idee, dass der Tod einst abzuschaffen oder sehr lange hinauszuzögern wäre, schreibt Richard Herzinger in der Welt: "Was wäre das eigentlich für eine Welt, in der ein Menschenleben Hunderte, wenn nicht Tausende von Jahren dauert? Die Konsequenzen für den Aufbau von Gesellschaften wären unermesslich, fiele doch das natürliche Prinzip der Generationenfolge als strukturelles Regenerationsprinzip menschlicher Gemeinwesen weg. Nachwachsende Generationen könnten nicht mehr davon ausgehen, dass ihnen die Älteren irgendwann den Platz frei machen werden. Und selbst wenn die Geburtenrate parallel zur Steigerung der Lebenserwartung weltweit drastisch zurückgehen würde, müsste der Globus wohl bald wegen Überfüllung geschlossen werden."
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Stichwörter: Tod, Transhumanismus

Medien

Die beiden Vice-Reporter, die von türkischen Beamten neulich festgenommen wurden, sind wieder auf freiem Fuß, allerdings nicht ihr irakischer Stringer, berichtet Michael Pizzi bei Aljazeera America in einem Hintergrundartikel. "Aktivisten sagen, dies sei nur der auffälligste Fall in Ankaras Strategie, die Maßregelung der PKK mit Hunderten von Luftangriffen in den letzten Wochen herunterzuspielen... "Mir scheint das wie ein Versuch der Regierung, internationale Journalisten von dem Konfliktgebiet fernzuhalten", sagt Tahir Elci, Vorsitzender des Anwaltsvereins von Diyarbakir."

Welt
-Chefredakteur Jan-Eric Peters wechselt zu einem Gemeinschaftsprojekt von Springer und Samsung, berichtet Jürn Kruse in der taz: "In der App Upday sollen News von allen möglichen Quellen zusammengeführt und kuratiert werden. Die Auswahl soll sich möglichst den Interessen des jeweiligen Nutzers anpassen. Was er oder sie zu sehen bekommt, soll sowohl redaktionell als auch durch einen Algorithmus entschieden werden." Stefan Winterbauer kommentiert bei Meedia: "Die Big Player der Digitalen Welt gieren geradezu nach hochwertigen journalistischen Inhalten, um ihre Plattformen und Gerätschaften dauerhaft attraktiv zu halten. Wo die Technik immer austauschbarer wird, sind es plötzlich wieder die Inhalte, die den Unterschied machen."

(Via turi2) 1,6 Millarden Euro mehr? Das öffentlich-rechtliche Fernsehen thematisiert sich selbst:

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