Efeu - Die Kulturrundschau

Versehentliche Unverschämtheit

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14.08.2015. Birnenförmig und sexlos: In der Welt erzählt die Autorin Miranda July von ganz normalen Menschen. In der NZZ wartet Cees Nooteboom auf eine Audienz beim Papst und unterhält sich derweil mit Arvo Pärt. FR und nachtkritik wundern sich über das Salzburger Publikum, das bei "Mackie Messer" mitklatschte. In Das Filter kritisiert Buchautor Stefan Goldmann den Handwerksbegriff in der elektronischen Musik. Die Filmkritiker verlieben sich in Amy Schumer.

Literatur

In der Welt unterhält sich Anne Waak mit der amerikanischen Autorin Miranda July, die gerade ihren ersten "ganz wunderbaren" Roman veröffentlicht hat: "Der erste fiese Typ". July, als Drehbuchautorin bekannt für etwas derangierte Frauenfiguren, erzählt, dass sie eigentlich immer versuche, "ganz normale Menschen zu zeigen, wie ich sie immer wieder treffe. Menschen wie Cheryl: birnenförmig, mit einem Job für eine Non-Profit-Organisation und nicht allzu vielen Beziehungen. Und das erscheint mir wie ein guter Ansatz, weil man davon ausgeht, dass sie nicht kompliziert ist, nicht leidenschaftlich und kein Sexualleben hat. Deshalb wird wahrscheinlich alles, was diese Person denkt, irgendwie überraschend sein."

Im Zeit-Blog Freitext porträtiert Tanja Maljartschuk derweil einen ganz normalen Ukrainer: "Während Chruschtschows Herrschaft geboren, während Breschnews aufgewachsen. Brav studiert. Fleißig gearbeitet. Im Laufe der Orangenen Revolution hat er gehofft und während des Maidans erschrocken geschwiegen. Für Krieg ist er zu alt, für Demenz zu jung. Er überlegt vieles, trifft seltsame Menschen, mit denen er letzte Nachrichten von der Front und aus Kiew analysiert, sagt den Jungen, die er kennt, sie sollen sich vor der Armee nicht verstecken, denn was für ein Staat sei es, der sich nicht wehren könne? Wenn die Jungen bald im Sarg zurückkommen, schweigt er wieder oder sagt der Frau, sie solle scheißen gehen."

Weitere Artikel: Im Interview mit der Rheinischen Post bekennt Büchnerpreisträger Jürgen Becker: "Ein Leitartikel in einer Zeitung hat auf mich mehr Einfluss als ein Gedicht der deutschen Romantik." Jakob Hayner unterhält sich in der Jungle World mit dem Literaturwissenschaftler Jörg Döring und dem Erziehungswissenschaftler Rolf Seubert über die durch jüngere Forschungen aufgeworfene Streitfrage, ob Alfred Andersch im Zweiten Weltkrieg tatsächlich desertiert ist. Gerrit Bartels stattet für den Tagesspiegel dem Aufbau Verlag, der dieser Tage sein siebzigjähriges Bestehen feiert, einen Besuch ab. Die FR bringt eine Erzählung von Rawi Hage, der einen Geologen des Jahres 2028 vor einer Katastrophe in Beirut warnen lässt. Außerdem hat die FAZ Hannes Hintermeiers zuvor dem Print vorbehaltenes Feature über den Büchersammler Reinhard Wittmann veröffentlicht.

Ebenfalls in der FAZ stellt Felicitas Lovenberg interessante Neuerscheinungen in diesem Herbst vor: besondere Empfehlungen gelten Jane Gardams "Ein untadeliger Mann", Zeruya Shalevs "Schmerz", Dorothy Bakers "Zwei Schwestern", Eleanor Cattons "Die Gestirne", Jenny Erpenbecks "Gehen, ging, gegangen" und Silvia Bovenschens "Sarahs Gesetz" - für Lovenberg das "beglückendste und klügste, zärtlichste und nachhallendste Buch dieser Saison".

Besprochen werden Lily Kings "Euphoria" (taz), Gary Shteyngarts Autobiografie "Kleiner Versager" (Berliner Zeitung), Peter Høegs "Der Susan-Effekt" (SZ, mehr) und ein Materialienband zum 60. Geburtstag von Roger Willemsen (FAZ).
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Kunst

Marie-Sophie Adeoso unterhält sich in der FR mit dem südafrikanischen Künstler Sam Nhlengethwa. Besprochen wird die große Ausstellung nordkoreanischer Kunst im niederländischen Drents Museum (Welt).
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Film


Amy Schumer, links, und die zur Unkenntlichkeit geschminkte Tilda Swinton, rechts, in "Dating Queen"

Ganz verliebt ist die Filmkritik in Amy Schumer, in den Augen von SZ-Kritikerin Annett Scheffel die "lustigste Frau Amerikas", die überdies auch noch feministisch einiges auf dem Kasten hat. Ab dieser Woche ist die hierzulande nicht zuletzt durch Youtube bekannt gewordene Stand-Up-Komikerin in ihrem ersten Kinofilm zu sehen: in der von Schumer geschriebenen, von Judd Apatow inszenierten, gestern in der taz bereits von Ekkehard Knörer besprochenen Komödie "Die Dating-Queen". Obwohl der Film letztlich erzählt, wie Schumers Figur von der Vielmännerei zu Mr. Right findet, ist er gar nicht "so konservativ", meint Michael Kienzl von critic.de: "Ganz wird Amys tief sitzende Skepsis gegenüber traditionellen Familienentwürfen nie abgebaut. Es ist weniger die Grundkonstellation aus Vater-Mutter-Kind, die ihr aufstößt, als die heuchlerische Maskerade, hinter der Abgründe versteckt werden."

Julia Bähr freut sich in der FAZ darüber, dass Schumer in diesem Fall auch tatsächlich wie eine Mitt-Dreißigerin aussehen darf, die schon ordentlich gefeiert hat in ihrem Leben: "Diese Normalität ist eine kleine Revolution." Und für Lisa-Maria Röhling (Tagesspiegel) sind Schumer und Apatow schlicht "ein Traumteam" - dem kitischigen Ende des Films zum Trotz. In der FR empfiehlt Daniel Kothenschulte den Film.

Weiteres: Im neuen Podcast von critic.de unterhalten sich Lukas Foerster und Frédéric Jaeger über ihre Eindrücke vom Filmfestival in Locarno. Die FAZ hat Verena Luekens Text über die Peckinpah-Retro in Locarno online nachgereicht. Wim Wenders zum Siebzigsten gratulieren Josef Nagel (NZZ), Verena Lueken (FAZ) und Ulf Poschardt (Welt), der sich noch ein unberechenbares Spätwerk wünscht. Auch lesenswert: eine Würdigung Wenders durch Perlentaucher Thierry Chervel anlässlich der diesjährigen Berlinale.

Besprochen werden Guy Ritchies 60s-Komödie "Codename U.N.C.L.E." (Tagesspiegel, Perlentaucher) und Florian Cossens Coming-of-Age-Film "Coconut Hero" (Tagesspiegel, Berliner Zeitung).
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Bühne

Auch Judith von Sternburg (FR) ist nach den Verrissen in der SZ und FAZ (siehe Efeu von gestern) von Julian Crouchs "Mackie Messer"-Inszenierung in Salzburg alles andere als angetan: "Dass der Haifisch-Song, den Dirigent Holger Kolodziej als Zugabe noch einmal zart und respektvoll aufgetischt, von etlichen Premierengästen allen Ernstes als Einladung zum Mitklatschen verstanden wurde, war schockierend, aber folgerichtig. An Respekt, weil das Wort eben fiel, mangelt es ohnehin nicht, nur ist das Ergebnis trotzdem eine Art versehentliche Unverschämtheit gegenüber der Arbeit des Komponisten." In der nachtkritik kritisiert Reinhard Kriechbaum die "kreuzbrave" Aufführung.

Weitere Artikel: Johan Simons, neuer Intendant der Ruhrtriennale, freut sich im Interview mit der Welt über die Arbeit in den leerstehenden Industriehallen, wo er gerade eine Adaption von Pasolinis "Accatone" probt. In der FAZ schreibt Andreas Rossmann über die imposante Zeche Lohberg in Dinslaken, in der heute die Ruhrtriennale beginnt.

Besprochen werden eine Performance mit jungen Flüchtlingen bei Impulstanz (Presse) und Nicola Porporas Barockoper "Il Germanico" bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik (Presse, Standard),
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Musik

In der NZZ erzählt Cees Nooteboom, wie er - auf eine Audienz beim Papst wartend - in der Sixtinischen Kapelle neben Arvo Pärt saß und ihm eine Frage stellte, die ihn schon lange beschäftigte: Hört ein Musikliebhaber die gleichen Dinge wie ein Profi? "Der estnische Komponist, der vielleicht ein Mystiker ist, lächelte mich an und sagte mir, dass es keine Rolle spiele, ich solle die Musik einfach in mich aufnehmen, so würde ich hören, was der Komponist gemeint hatte. Vielleicht war er einfach höflich, vielleicht ist die Frage auch um einiges komplizierter, aber ich fühlte, dass ihm Ernst war mit dem, was er sagte, es erleichterte mich."

Presets, also ab Werk definierte Sounds, haben in der Elektro-Szene keinen guten Ruf. Für Das Filter hat Malte Kobel mit Stefan Goldmann gesprochen, der ein Buch darüber geschrieben hat. In den Debatten um Presets vermisst der Autor eine komplexere Auseinandersetzung mit Musik: "Die Verwendung von Presets - oder auch die Verweigerung - scheint ein unreflektiertes Kriterium zu sein, um bestimmte Musik abzuwerten. ... Die Frage ist: wieso eigentlich? Auf der anderen Seite soll etwas, was besonders viel Programmieraufwand erfordert, auch automatisch kulturell sehr wertvoll sein: komplexe Max-MSP-Patches, krasse FFT-Verschachtelungen, Granularsynthese. Da ist irgendwann ein eigener elektronischer Handwerksbegriff entstanden, der in seiner Einfalt nicht anders ausfällt als die Virtuosenkultur der herkömmlich erzeugten Musik. Aphex Twins Glitch-Orgien sind dann so etwas wie die fünf Oktaven Stimmumfang von Mariah Carey. Joe Satriani spielt mehr Töne pro Sekunde als Jimmy Page, also ist er der bessere Gitarrist. Da kann man gut ansetzen und diese Debatte entsprechend vorführen."

Weiteres: Im Senegal werden die Nachrichten via Youtube von Rappern in Versform vorgetragen, berichtet Jana Sotzko in der Jungle World. Für Skug spricht Heinrich Deisl mit den Mitgliedern der Industrial-Bands Throbbing Gristle und Nurse With Wound. Julika Bickel unterhält sich in der taz mit dem Archäologen Nicholas Conard über die ältesten Musikinstrumente der Welt. Für The Quietus war Julian Marzsalek beim Off-Festival im polnischen Katowice. Riccardo Chailly wird neuer Chefdirigent des Lucerne Festival Orchestras, meldet Christian Wildhagen in der NZZ. Neue elektronische Popmusik mit Klavier von den Grandbrothers, Hauschka, Nils Frahm und Ephrem Lüchinger hört Christoph Wagner für die NZZ. Andreas Hartmann porträtiert im Tagesspiegel die türkische Musikerin Nene Hatun, die in Berlin-Kreuzberg anatolische Einflüsse mit Techno-Pop vermengt. Auf Soundcloud kann man sich das genauer anhören:



Besprochen werden das neue Album von Dr. Dre (Zeit, NZZ), weitere neue Hiphop-Veröffentlichungen (The Quietus), das Album "Death Magic" von Health (taz), Tilman Baumgärtels Studie "Schleifen: Zur Geschichte und Ästhetik des Loops" (taz) und die jüngsten Konzerte beim Young Euro Classics Festival in Berlin (Tagesspiegel).
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