Efeu - Die Kulturrundschau

K.-o. über sein Publikum

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.03.2015. Eine Sitcom des Grauens - in jeder Hinsicht - erlebten die Theaterkritiker mit Frank Castorfs Hamburger Inszenierung des Hans-Henny-Jahnn-Stücks "Pastor Ephraim Magnus". In der NZZ reist Cees Nooteboom auf den Spuren von Michael Jacobs und Gabriel García Márquez ins kolumbianische Cartagena de Indias. Der Tagesspiegel porträtiert die Filmkuratorin Verena von Stackelberg.  Die FR gerät angesichts weiblicher Omnipotenzbehauptungen von Nicki Minaj ins Grübeln. Die NZZ reist nach Miami Beach.

Bühne


Hans Henny Jahnn: "Pastor Ephraim Magnus", Inszenierung Frank Castorf, Deutsches Schauspielhaus Hamburg. Foto © Matthias Horn

Frank Castorf und Hans Henny Jahnn - da haben sich zwei Freunde des exzessiven Suhlens in Rausch und Körperlichkeit gefunden, befinden die Theaterkritiker über Castorfs Inszenierung des 1923 uraufgeführten Jahnn-Stücks "Pastor Ephraim Magnus" am Schauspielhaus Hamburg. Auf der Bühne tut Castorf, was er immer tut, diesmal auch noch "eins zu eins vom Blatt", schreibt bedauernd Alexander Kohlmann in der taz: "Wir erleben die gewohnten Versatzstücke einer Regiehandschrift, die einst revolutionäres Potenzial besaß. Und immer noch zu beeindrucken weiß - allerdings in ihrer kompletten Vorhersehbarkeit inzwischen auch anstrengend museal daherkommt."

Tadellose Inszenierung, narrativ recht brav, meint ein enttäuschter Falk Schreiber in der nachtkritik. Ansonsten tut Castorf, was er halt immer tut: "Zwei Kameramänner jagen über die Bühne, außerdem zwei Tonspezialisten mit Mikrofonangeln, was einerseits einen Brechtschen Verfremdungseffekt fabriziert, mit dem "Pastor Ephraim Magnus" als Sitcom des Grauens auf die auf- und abfahrenden Leinwände projiziert wird. Andererseits, und das ist nicht unproblematisch, holen die Filme die Darsteller auch ziemlich nahe an einen ran, wobei sich ein gewisser Altmännerblick des Regisseurs offenbart. Anders gesagt: Vorzugsweise sind es makellose Frauenkörper, denen die Kamera da auf die Pelle rückt."

In der SZ plädiert Peter Laudenbach nach der Vorstellung dafür, unbedingt den Intendantenvertrag des "amtierenden Chef-Wüstling des deutschen Regie-Theaters" zu verlängern. Dass es am Ende nicht die üblichen Buhrufe gab, die Castorf längst zum Ausweis des eigenen Erfolgs umdeutet, erklärt sich Kerstin Holm in der FAZ aus der über fünf Stunden dauernden Inszenierung: "Der Regisseur siegt durch K.-o. über sein Publikum". "Töten durch Langeweile", Ziel erfüllt, meint Stefan Grund in einer Glosse in der Welt.

Weitere Artikel: In der FR berichtet Sylvia Staude vom Tanzfestival Mainz. Gerhard Stadelmaier (FAZ) und Dirk Pilz (FR) gratulieren Peter Brook zum Neunzigsten.

Besprochen werden die in Berlin aufgeführte Choreografie "Uncertain States" der Compagnie Rubato (Tagesspiegel), Alvis Hermanis" in Zürich augeführter Theaterabend "Die schönsten Sterbeszenen in der Geschichte der Oper" (Deutschlandfunk, FAZ), ein Strawinsky-Abend in Stuttgart mit Sidi Larbi Cherkaouis Choreografie des "Feuervogels" und der "b.23" betitelte Tanzabend des Balletts am Rhein (Welt), Barbara Webers Inszenierung von Horváths Volksstück"Kasimir und Karoline" am Schauspielhaus Zürich (textbrav, aber "sozusagen auf Lebkuchenniveau", meint Barbara Villiger-Heilig in der NZZ) und Peter Eötvös" in Chemnitz aufgeführte Oper "Paradise Reloaded (Lilith)" (FAZ).
Archiv: Bühne

Film

Im Tagesspiegel porträtiert Gunda Bartels die Filmkuratorin Verena von Stackelberg, die in Neukölln in den Räumen eines ehemaligen Bordells das per Crowdfunding finanzierte und offenbar ziemlich ambitionierte Kino Wolf aufbaut: Sie "will, dass alles unter einem Dach geschieht: Film erleben, diskutieren, bearbeiten, entwickeln. Unabhängig von Verleihern, von Markterfordernissen, offen für Experimente. Auch für neue Online-Distributionsformen. ... Kino nicht als Ort des Filmkonsums, sondern als Plattform für die Filmszene."

Außerdem hat die SZ Susan Vahabzadehs Porträt über Josef Hader online nachgereicht. Besprochen werden Stanislaw Muchas Schwarzmeer-Doku "Tristia" (Tagesspiegel) und der auf Heimmedien veröffentlichte Film "The Spectacular Now" (SZ, kino-zeit.de).
Archiv: Film

Literatur

In der NZZ reist Cees Nooteboom nach Kolumbien, auf den Spuren zweier Schriftsteller. Hier der Anfang: "Es macht einen leicht melancholisch, zu lesen, was ein Toter über einen Toten schreibt, der erst nach ihm sterben wird, vor allem wenn beide Toten etwas mit einem Ort und einem Fluss verband, an denen man selbst gerade gewesen ist. Der Ort ist Cartagena de Indias, der Fluss der Río Magdalena, der von der Küste des Karibischen Meers tief ins Landesinnere Kolumbiens zieht; bei den Toten handelt es sich um zwei Schriftsteller, Michael Jacobs und Gabriel García Márquez, und natürlich zieht der Fluss nicht ins Landesinnere, sondern fliesst aus der fernen Hochebene in der Nähe von San Agustín mit endlosen Mäandern Richtung Meer."

Große Freude bei FAZ-Kritikerin Beate Tröger, dass der vom Literarischen März in Darmstadt vergebene Leonce-und-Lena-Preis an den bislang wenig bekannten David Krause (Website) geht: "Unverhohlen artikulieren Krauses Verse die Sehnsucht nach Verlorenem und beziehen Trost genau daraus, dass sie Worte dafür finden, die anschaulich sind, aber keinen billigen Trost verheißen."

Weitere Artikel: In der FAS plädiert Tilmann Spreckelsen für die pädagogisch wertvolle Klassikerlektüre im Deutschunterricht. Alexander Fest (Zeit) erinnert sich an die harmonische Zusammenarbeit mit Fritz J. Raddatz. In der taz berichtet Stefan Hochgesand von einer Berliner Konferenz über den Schriftsteller Ronald M. Schernikau. Im frischen Popkultur-Magazin Kaput plaudert Thomas Venker mit dem Punkautor Nagel über dessen neues Reisetagebuch "Drive-By-Shots". Der Bayerische Rundfunk liest aus Amos Oz" neuem (auch im Tagesspiegel besprochenen) Roman "Judas".

Besprochen werden Dietmar Daths neuer, im linken Jugendmilieu angesiedelter Roman "Deutsche Demokratische Rechnung" (Junge Welt), Werner Fulds "Geschichte des sinnlichen Schreibens" (NZZ), drei Romane aus Vietnam (NZZ), ein Musikerroman von Dana Spiotta (NZZ), John Williams" "Butcher"s Crossing" (Berliner Zeitung, FAZ, mehr) und Michael Glawoggers "69 Hotelzimmer" (SZ),

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie der FAZ stellt Friedrich Christian Delius Christoph Meckels Gedicht "Musterung" vor:

"Wie kamst du in die Welt? Ein Mensch, geboren,
mir schlug die schöne Welt den Himmel um die Ohren.
Dein Alter? Sieben Kriege und ein Überleben.
..."
Anzeige
Archiv: Literatur

Kunst

In der NZZ schreibt Matthias Frehner den Nachruf auf den Luzerner Künstler Hans Erni. Karin Hellwig resümiert Fortschritte bei der Erforschung der El-Greco-Biografie, 400 Jahre nach dessen Todestag. Die Zeit hat ihr Interview mit Gerhard Richter nachträglich online gestellt.

Besprochen werden eine Ausstellung tschechischer Avantgarde-Fotografien in der Berliner Galerie Argus Fotokunst (Tagesspiegel), die der in den fünfziger Jahren gegründeten Avantgardegruppe Zero gewidmete Retrospektive im Berliner Martin-Gropius-Bau (Berliner Zeitung), die Ausstellung "Das verschwundene Museum" im Berliner Bode-Museum (Tagesspiegel), die Gerhard-Altenbourg-Ausstellung im Kupferstichkabinett Berlin (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Supermarket of the Dead - Brandopfer in China und der Kult des globalisierten Konsums" im Dresdner Residenzschloss (SZ).
Archiv: Kunst

Musik

Nach dem Frankfurter Konzert der so offensiv wie emanzipatorisch mit Sexyness spielenden Rapperin Nicki Minaj fragt sich ein sehr begeisterter Stefan Michalzik in der FR allerdings, "ob die schiere Umkehrung der männlichen Omnipotenzbehauptung als tatsächlich feministische Geste gelten kann, wenn das Ziel doch eine emanzipatorische Einvernehmlichkeit zwischen den Geschlechtern sein sollte."

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung freut sich Andreas Busche nach dem Konzert von Bilderbuch, dass die Austropopper dem diskurslastigen deutschsprachigen Pop wieder mehr Hedonismus unterheben. Etwas abseits der momentan so angesagten Österreicher Bands steht unterdessen Wolfgang Möstl, der vor Ort in Wien mit seinem Projekt Mile Me Deaf allerdings eine unverzichtbare Größe der Musikszene darstellt, wie Hendrik Otremba in seinem Porträt des Musikers in der Jungle World erklärt. Dessen schier unüberblickbares Werk speist sich aus obskuren Soundquellen und der Liebe zu Lo-Fi und bildet somit mitunter "einen Flickenteppich verschiedener Tonquellen". Das Album "Holography" ist "ein Sgt.-Pepper"s-Rip-Off der Beatles mit Verweisen auf popkulturelle Bedeutungsträger, Zitate aus Film und Literatur, ein Spiel der Zeichen. Möstls Werk ist durch und durch postmodern, er jongliert mit dem nerdigen Wissen der besserinformierten Generation, was thematisch schon mal ins Absurde neigt." Hier kann man es sich anhören:



Jens Balzer (Berliner Zeitung) denkt über Scott Matthews" Dutt nach, dessen Träger heute in Berlin auftritt. In der Jungle World erinnert Kevin Zdiara an den vor 25 Jahren gestorbenen Komponisten und Herausgeber Alain Oulman. Christiane Peitz ärgert sich im Tagesspiegel darüber, dass in den Pausen von Klassikkonzerten Berieselungsmusik läuft. Wolfgang Schreiber (SZ) berichtet vom Auftakt der MaerzMusik in Berlin.

Besprochen werden Westbams Autobiografie (Zeit), ein Konzert des Freiburger Barockorchesters in Berlin (Tagesspiegel), das neue Album von Kendrick Lamar (Tagesspiegel, mehr dazu hier), das neue Album von Cannibal Ox (The Quietus), ein von Enoch zu Guttenberg dirigiertes Requiem von Verdi (Tagesspiegel), das Berliner Konzert des Drummers Tony Allen (SZ) und Courtney Barnetts Album "Sometimes I Sit and Think, and Sometimes I Just Sit" (FAZ).
Archiv: Musik

Architektur


Das Hotel "Victor" in Miami Beach

Miami Beach
mit seiner "bald stromlinienförmig eleganten, bald tropisch opulenten Art-déco-Architektur" wird Hundert und hat in dieser Zeitspanne einige Auf und Abs erlebt, erzählt Roman Hollenstein in der NZZ. Spekulanten arbeiteten immer wieder im Auftrag ihrer superreichen Klientel daran, den Charme der Stadt durch enorm teure neue Bauten zu zerstören: "Seit der Slogan "Celebrity Architecture sells" die Bauherren beflügelt, wächst der Druck auf die Art-déco-Bauten wieder. Sogar Jacques Herzog kritisierte sie unlängst als "blinde, wie Torten oder Patisserie dekorierte Schachteln", was den nach Verdichtung und Gewinn strebenden Investoren bestimmt gefiel. Schon vorher hatte der Wunsch nach mehr Luxus zu massiven Eingriffen an alten Hotels geführt. Das "Victor", ein früher modernistischer Meilenstein des großen Lawrence Murray Dixon, wurde mit dem Segen des "Miami Beach"s Historic Preservation Board" durch neue Fenster und einen anpässlerischen Anbau zur Kopie seiner selbst."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Luxus, Miami, Miami Beach, Art Deco