9punkt - Die Debattenrundschau

Ein Fahrgast namens Ali

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.01.2015. In der NZZ erklärt der Jurist Yadh Ben Achour, warum die Revolution in Tunesien Erfolg hatte. Es wird weiter über Pegida gestritten: Sind sie gefährliche Rechtsextreme oder eher ein trauriges Häuflein? Der Fotograf Martin Gommel porträtiert in seinem Blog Flüchtlinge in Deutschland. Der indische Autor Rana Dasgupta beschreibt im FR-Interview mit Martin Hesse Delhi als die Stadt der Zukunft. In den Blogs wird über  Erfolgsaussichten von Online-Medien diskutiert.

Politik

In einem gut gelaunten Stück plädiert Götz Aly in der Berliner Zeitung dafür, Einwanderer zu nehmen, wie sie kommen, die tollen Spezialisten wollen eh nicht nach Deutschland: "Die wichtigsten Zuwanderer sind bereits heute diejenigen, die sich ungerufen zu uns durchgeschlagen haben. Da versorgt ein frankophoner, stets gut gelaunter westafrikanischer Pfleger die behinderte Tochter; in der Reha arbeitet die afghanische Sporttherapeutin, im Hort des Enkels der türkischstämmige Erzieher. Im Alltag treffe ich auf die ausnehmend freundliche Krankenschwester mit Kopftuch, den meisterlichen Tischler aus Damaskus, den irakischen Fahrer eines bestellten Taxis, der mich Hellhäutigen nicht mitnehmen will, weil er einen "Fahrgast namens Ali" erwarte."

Die Muslime haben im Diskurs der Pegida-Bewegung die gleiche Stellung wie die Juden im Diskurs extremer Antisemiten, meint Alan Posener bei starke-meinungen.de: "Das Problem besteht nicht darin, dass - sagen wir - 20.000 Dresdener die Islamisierung Europas für eine Gefahr halten, sondern dass es bis weit in bürgerliche Kreise hinein ein Gefühl gibt, die Leute könnten ein bisschen Recht haben. Das Problem besteht nicht darin, dass einige Tausend Dresdener "Lügenpresse!" brüllen, weil sich die seriösen Medien der Kampfparole "Islamisierung" nicht bedienen wollen. Das Problem besteht darin, dass sich die seriösen Medien getroffen fühlen."

Wir tragen einen Text Peter Schneiders aus der Welt am Sonntag nach, der bei einer Demo in Dresden war und die ganze Aufregung nicht nachvollziehen kann: "Eine Bewegung, in der ich nur weiße Gesichter sehe und die zu Weihnachten unter freiem Himmel mühsam Weihnachtslieder von Blatt absingt, um sich ihrer Identität zu versichern, alarmiert mich nicht, sie stimmt mich eher traurig. Vorherrschend war ein Gefühl der Abwehr und des Bedrohtseins. Und von diesem Gefühl, das durch die öffentliche Reaktion auf Pegida gefüttert wird, lebt Pegida."

Jürgen Kaube analysiert in seinem ersten Artikel als FAZ-Herausgeber die Seelenlage der Pegida-Anhänger: "Der soziale Protest hat auch nostalgische Motive. Man hätte es gern kulturell homogener, weil man im Gefühl lebt, vor kurzem noch sei die Heimat echt gewesen, die Mark stabil und die Identität intakt."

Im Interview mit der NZZ erklärt der Verfassungsrechtler Yadh Ben Achour den Erfolg der Revolution in Tunesien zum einen mit der legalistischen Ausprägung der Revolution, zum anderen mit der Geschichte des Landes: "Die Tunesier profitieren heute von den Reformen Bourguibas, von der Modernität, die er gleich nach der Unabhängigkeit eingeführt hat. Vor allem die Befreiung der Frauen und die Gleichheit von Mann und Frau. Er hat die Schulpflicht eingeführt, das öffentliche Gesundheitssystem und die - zumindest auf nationalem Niveau - sehr gut funktionierende tunesische Verwaltung aufgebaut. Man kann sagen, er stand am Ursprung der modernen Zivilgesellschaft. Deshalb hatte die tunesische Gesellschaft den theokratischen Versuchungen der Partei Ennahda etwas entgegenzusetzen."

In einem offenen Brief an Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann fordern Micha Brumlik und Hajo Funke in der taz Aufklärung über den Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter. Offenbar verschweigen die Behörden die näheren Umstände rund um die mutmaßliche NSU-Tat: "Es ist nicht einmal eindeutig geklärt, wer am Tatort war."
Archiv: Politik

Gesellschaft



(Via Spreeblick) Der Fotograf Martin Gommel porträtiert in seinem Blog Flüchtlinge in Deutschland, hier etwa den 12-Jährigen Bujar und seinen 14-jährigen Bruder Alberto aus Montenegro: "Ich traf die beiden freundlichen Jungs auf dem Weg in den Supermarkt. Beide verstanden nicht viel von dem, was ich sagte. Also nutzen wir eine Übersetzungs-App. Das ging ganz gut. Beide sind seit 30 Tagen hier und sind wegen rassistischer Diskriminierung aus ihrem Heimatland geflohen." (Foto: Martin Gommel, danke für die freundliche Abdruckgenehmigung.) Der Tages-Anzeiger bringt einige Fotos, die eine Syrerin mit ihrem Handy auf dem Flüchtlingsschiff Blue Sky M gemacht hat.

Der indische Autor Rana Dasgupta beschreibt im FR-Interview mit Martin Hesse Delhi als die Stadt der Zukunft, aber auch der Gewalt und der Abschottung: "Die Reichen schützen sich mit Selbstschussanlagen vor Eindringlingen. Sie führen eine Art postöffentliches Leben. Die Teilung Indiens 1947 hatte für die Menschen in Delhi furchtbare Folgen. Es ist also keine Überraschung, dass diese Stadt eine andere Kultur ausgeprägt hat als Bombay, wo man in Bars schnell mit Einheimischen ins Gespräch kommt oder Bangalore, eine Kultur, die die Stadt selbst völlig verändert hat. Es gibt ein Bedürfnis nach Absonderung."
Archiv: Gesellschaft

Internet

Trotz lückenhafter Informationen hält Variety-Autor Andrew Wallenstein an der Nordkorea-Version fest - er erinnert sich an die Lügen zu den Massenvernichtungswaffen im Irak und will nicht glauben, dass sich Obama eine derartige Schlappe würde erlauben wollen: "Es wäre ein Akt monumentaler Dummheit, der schnurstracks Obamas Erbe zerstören könnte, wenn er skrupellos genug gewesen wäre, Nordkorea zu beschuldigen, ohne sicher zu sein, dass es tatsächlich verantwortlich ist."

Der Economist glaubt trotzdem noch nicht, dass Nordkorea hinter dem Angriff auf Sony steckt. Genauso gut hätten sich in das fahrlässig unsichere System Kriminelle oder geschasste Ex-Mitarbeiter einklinken können: "Cyberkriminelle benutzen oft Internet-Adressen von anderen Hackern, um ihre Spuren zu verwischen. Sicherheitsfachleute haben aber noch mehr Gründe ausgemacht, warum Nordkorea unschuldig sein könnte (an dem Hack, nicht an der Einkerkerung von Kindern, deren Eltern der Dissidenz verdächtigt werden): In ihrer ersten E-Mail verlangten die Hacker Geld, erwähnten aber nicht "The Interview". Sie hängten sich erst an den Film, als Journalisten begannen, öffentlich über eine mögliche Verbindung zwischen dem Hacker-Angriff und der Satire nachzudenken."
Anzeige
Archiv: Internet

Geschichte

Patrick Bahners resümiert in der FAZ die Jahrestagung amerikanischer Historiker, wo über die deutsche Wiedervereinigung und die Ukraine-Krise diskutiert wurde.
Archiv: Geschichte
Stichwörter: Wiedervereinigung

Medien

Es wird in den letzten Tagen ein wenig über Online-Medien diskutiert. Der Blogger Marc Wickel kritisiert die bisherige Arbeit der Krautreporter: "Was mich da aber ganz gewaltig stört: Ich vermisse das, weswegen ich Krautreporter damals mit 60 Euro unterstützt habe. Recherche. Gerade weil KR dank uns Unterstützern nicht auf hohe Klickzahlen und schnell drehende Geschichten angewiesen ist (und weil auch nicht regelmäßig Papier bedruckt werden muss) und auch keine Werbekunden mit Anzeigenentzug drohen können." Bei Meedia verteidigt sich Krautreporter Alexander von Streit: "Wir haben auch erst zwei Monate so richtig am Stück gearbeitet. Wir sehen uns noch immer am Anfang unseres Weges."

Blogger Wolfgang Michal sieht nach dem Beispiel der Krautreporter durchaus noch ein Modell in der Leserfinanzierung und nennt Netzpolitik, die Nachdenkseiten und die Achse des Guten als weitere Beispiele von Medien, die von ihren Lesern getragen werden. Für Meedia beobachtet Julia Wadhawan unterdessen erhöhte Aktivität bei der SZ, die Print und Online redaktionell zusammenlegen und Online dafür kostenpflichtiger als bisher machen will, und bei Spiegel Online, wo es eine neue Entwicklungsredaktion gibt.

Weiteres: Ulf Erdmann Ziegler erzählt in der FAZ, wie es ihm in einer Talkshow von Mybritt Illner erging.
Archiv: Medien