9punkt - Die Debattenrundschau

Redaktionsgeräusche

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.01.2015. Wo sind die Naturwissenschaften in der Londoner Ausstellung über Deutschland, fragt die FR. In seinem Blog erklärt der Free-Software-Pionier Richard Stallman, warum er nie ein Taxi von Uber nehmen würde. Wer sich über Pegida aufregt, aber nicht über den Islamismus, greift zu kurz, meint Alice Schwarzer. Die SZ stellt den Ökonomen Hossein Askari vor, der die Länder nach Realisierung islamischer Gerechtigkeitsvorstellungen sortiert. Saudi Arabien liegt auf Platz 91.

Kulturpolitik

Arno Widmann hat sich für die Berliner Zeitung noch einmal die Deutschland-Ausstellung "Memories of a Nation" im British Museum angesehen (die heute auch von Angela Merkel besucht werden wird). Und bei allen Qualitäten hat er doch eine Lücke bemerkt: Die Naturwissenschaften kommen nicht vor: "Denkt man eine Sekunde darüber nach, wird einem deutlich, dass die Lücke in der Londoner Ausstellung sehr genau eine Lücke im deutschen Selbstbild darstellt. Es gibt wahrscheinlich nur sehr Wenige, die, nach Deutschland befragt, auf die Idee kämen, die Quantenphysik, Relativitätstheorie und Unschärferelation zu erwähnen. Obwohl jeder sofort versteht, dass sie den wahrscheinlich wichtigsten Umbruch in der menschlichen Weltwahrnehmung bedeuten. Polytheismus, Monotheismus - das sind winzige Differenzierungen verglichen damit." (Im Bild: Lise Meitner und Otto Hahn im Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie. © Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz)

Im Tagesspiegel fragt Rüdiger Schaper, ob es Berlin gelingen wird, aus dem Humboldt-Forum mehr zu machen als nur ein Ethnologisches Museum auf neuestem Stand.

Überwachung

(Via Netzpolitik) Der Free Software-Pionier Richard Stallman wendet sich in einem Blogbeitrag gegen den Limousinendienstleiter Uber - nicht nur wegen dessen extrem aggressiven Autretens, sondern weil jede Fahrt mit Uber in den Computern gespeichert bleibt: "Reale Taxis kannst du auf der Straße rufen, du kannst in bar zahlen, du bleibst anonym. Glaub nicht, dass Uber eine einfache Alternative zu Taxis ist. Im Moment stimmt das noch, aber wenn Uber Erfolg hat, verschwinden Taxis. Willst du dann tun, wenn du Big Brother nicht mitteilen willst, wohin du gehst?"

Die bekannte slowenische Journalistin Anuska Delic hat Beziehungen zwischen slowenischen Rechtsextremisten und der Demokratischen Partei (SDS) aufgedeckt. Nun soll sie ins Gefängnis, berichtet die Presse mit der Agentur APA: "Die Staatsanwaltschaft wirft der Enthüllungsjournalistin vor, in ihren Artikeln Geheimdienstinformationen veröffentlicht zu haben, was schädliche Folgen für die Arbeit des Auslandsgeheimdienstes SOVA gehabt haben soll."
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Politik

Wer sich über Pegida aufregt, aber nicht über den Islamismus, greift zu kurz, meint Alice Schwarzer in einem Artikel, der auf Twitter laut Meedia große Empörung ausgelöst hat: "Selbstverständlich müssen wir diese Flüchtlinge aufnehmen und ihnen beistehen! Aber: Wir müssten gleichzeitig die Ursachen des Horrors bekämpfen. Und das nicht nur mit Drohnen gegen den selbsternannten "Islamischen Staat" (die zu 70 Prozent die Zivilbevölkerung treffen, wie alle Drohnen), sondern auch und vor allem, indem wir die verantwortlichen Staaten, die den Terror ermutigen und finanzieren, zur Verantwortung ziehen. Und das sind nicht nur zutiefst anti-demokratische, islamistische Länder wie Saudi-Arabien oder Katar, mit denen wir beste diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen pflegen."

Weiteres: Adrian Lobe fragt auf der Medienseite der FAZ, wie Big Data Regierung und Verwaltung verändert.
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Europa

Tim Neshitov erklärt in der SZ, dass Europa laut dem amerikanisch-iranischen Ökonomen Hossein Askari absolut den islamischen Vorstellungen einer gerechten Gesellschaft entspricht: Armutsbekämpfung, Einhaltung von Gesetzen, gute Schulen und Krankenhäuser - alles koranmäßig 1A: "Ganz oben auf seinem "Islamicity"-Index stehen: Irland, Luxemburg und Dänemark. Kein einziges Land mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung findet sich unter den Top 25. Israel - das brachte Askari besonders viel Kritik in arabischen Ländern ein - liegt bei ihm auf Platz 27 und damit weit vor Saudi-Arabien (Platz 91)."

In seiner Schlagloch-Kolumne in der taz erzählt Mathias Greffrath, dass auch seine Nichte und ihre Freunde das europäische Abendland retten wollen, und zwar vor den Finanzmärkten: "Gegen Mitternacht zitierten sie Pierre Bourdieu, der gesagt hatte, der europäische Sozialstaat sei eine kulturelle Errungenschaft, so kostbar wie Kant oder Beethoven oder Mozart."
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Medien

Silke Burmester freut sich in ihrer wieder aufgenommenen taz-Kolumne, dass Journalisten auf die Entlassung der Redaktionen von Brigitte und Geo auch mal sensibel reagieren konnten, schließlich hat sich Gruner und Jahr die Entscheidung bestimmt nicht leicht gemacht: "Anstatt dass Freischreiber, der Berufsverband freier JournalistInnen, jetzt sauer ist, auf Frau Jäkel und ihre Bande schimpft, zeigt er Mitgefühl. Und schenkt eine CD mit Redaktionsgeräuschen. Tastaturgeklapper, Flurfunk. So geht Anteilnahme."
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