Efeu - Die Kulturrundschau

Nicht eingeschlafen, aber auch nicht mehr wach

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24.12.2014. Zeit Online möchte mehr Frauen im Film sehen, die keine Identifikationsfläche bieten. Telerama unterscheidet zwischen Wesen und Kontext bei Michel Houellebecq. Tagesspiegel und FAZ bewundern blutiges Gewebe bei Jens Bisky und Zeichen von Güte und Sanftmut bei Marie Ellenrieder. Und dann noch die geheimnisvoll ätherische Hope Sandoval.

Kunst

Marie Ellenrieder durfte im 18. Jahrhundert für die katholische Kirche zahlreiche Altarbilder angefertigen. Ein Kuriosum, denn weibliche Künstler wurden von der Kirche nur höchst selten beauftragt, staunt Julia Voss in der FAZ und erzählt weiter: Ellenrieder durfte als erste Frau an einer deutschen Akademie studieren - dank des Vikars Ignaz Heinrich Freiherr von Wessenberg. "Er setzte durch, dass Ellenrieder, die Tochter eines Uhrmachers, aufgenommen wurde. Ihr Vater hatte sie zuvor bei einem Miniaturmaler in die Lehre geschickt. Das Feine, Vorsichtige und Behutsame behielt sie im großen Format bei. Wen Ellenrieder malend in ihren Kosmos aufnahm, dem verlieh sie die Zeichen von Güte und Sanftmut. Das Harte, Brutale lag ihr fern." (Bild: Marie Ellenrieder , Heilige von Engeln umgeben, 1857, Wikimedia)

Das glatte Gegenteil zeigen Norbert Biskys drastische Bilder, beobachtet Jens Hinrichsen (Tagesspiegel) in der großen Bisky-Schau in Rostock: "Holzhäuser zerbersten im Flug, eine Ampel regelt nichts mehr, ein abgerissener Männerkopf zieht einen Kometenschweif aus blutigem Gewebe nach sich. Dass es in den neueren Bildern von Norbert Bisky immer noch die Funsportler, die geschmeidigen Männerkörper und Hedonisten gibt, lässt seine Malerei nur noch zerrissener erscheinen. Gewalt macht sich breit. Was zu schweben scheint, entpuppt sich nicht selten als Trümmerregen einer furchtbaren Explosion."

Besprochen werden Hans Memlings mittelalterliche Wunderbilder in den Scuderie del Quirinale in Rom (Welt), eine Ausstellung zum Werk der deutschen Künstlerin Paula Modersohn-Becker im Louisiana Museum of Modern Art bei Kopenhagen (Zeit), die Oskar-Schlemmer-Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart (SZ).
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Film

In den USA mehrt sich die Kritik an der Darstellung der Carrie Mathison (Claire Danes) in der Erfolgsserie "Homeland", die mit ihren psychischen Defekten und Skrupellosigkeiten ziemlich aneckt. Soll man die Figur in den künftigen Staffeln geschmeidiger anlegen? Um Himmels Willen, bloß das nicht, meint Doris Akrap auf ZeitOnline: "Wer meint, weibliche Hauptrollen sollten immer nur liebenswürdige Vorbilder sein, die höchstens kleine Schrammen haben, steht stalinistischer Filmpolitik näher als einem aufgeklärtem Weltbild. ... [Carrie] ist weder Heldin noch Antiheldin. Sie hat keinen Humor, sie ist keine Freundin, keine Mutter, keine Liebhaberin, keine perfekte Agentin und auch kein sex maniac. Sie ist das Beste, was einer Frau aus feministischer Sicht passieren kann. Sie bietet keine Identifikationsfläche."

Weitere Artikel: In der Welt spricht Ridley Scott, bekennender Agnostiker, im Interview über seinen Bibelfilm "Exodus". Der Schauspieler Eddie Redmayne unterhält sich mit dem Standard über seine Rolle als Stephen Hawking in der Filmbio "Die Entdeckung der Unendlichkeit". Hanns Zischler besucht für die Zeit den schwedischen Regisseur Roy Andersson.

Besprochen werden Ridley Scotts Bibelfilm "Exodus" (Tagesspiegel, Standard, SZ), Isao Takahatas Animationsfilm "Die Legende der Prinzessin Kaguya" (Standard, Presse) und Lav Diaz" "Norte, the End of History" (FAZ, Perlentaucher).
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Literatur

In der französischen Presse erscheinen jetzt Artikel, die über Houellebecqs stark erwarteten Roman "La soumission" sprechen, ohne zuzugegben, dass man ihn schon gelesen hat - denn für die Kritik gilt eine Sperrfrist bis zum Erscheinungsdatum (den 7. Januar). In dem Roman wird bekanntlich als kleineres Übel ein islamistischer Präsident gewählt, um Marine Le Pen zu verhindern. Nathalie Crom betont in Télèrama: "Das ist ist nicht die Essenz des Romans, eher sein Kontext. der Plot konzentriert sich auf das Leben und die Gedanken François", des Erzählers, eines Huysmans-Forschers an der Universität, Spezialist für die dekadente Literatur des fin de siècle, eine wahrhaft houellebecianische Persönlichkeit, depressiv, desillusioniert, nihilistisch."

Erst nach ihrem Bedeutungsverlust flossen die antiken Götter als transformierter Gegenstand in die Literatur ein - muss da etwa auch das Christentum verblühen, bis es literarisch neu erblühen kann, fragt sich Lothar Müller in der SZ. "Nein", meint er: "Längst schon haben sich Poesie und Roman in die Stoffe der christlichen Religion eingenistet, ohne dass zuvor deren "Untergang" stattgefunden hätte. Säkularisierung ist kein allumfassender, fugenloser Prozess, sondern die Öffnung von Optionen des Glaubens und Nichtglaubens."

Weitere Artikel: Aldo Keel erzählt in der NZZ, wie man Weihnachten in der nordischen Literatur feiert: "nicht immer sehr würdevoll". Strahlende Reader-Displays wirken sich negativ auf den Schlaf des Lesers aus, berichtet Joachim Müller-Jung in der FAZ. Außerdem ein Hörspieltipp für die Feiertage: Bei der BBC kann man die ersten Episoden der Hörspielbearbeitung von Neil Gaimans und Terry Pratchetts Roman "Good Omens" hören, weitere Episoden werden über Weihnachten ausgestrahlt.

Besprochen werden Jesse Jacobs" Comic "Safari Honeymoon" (Tagesspiegel), Hans-Ulrich Thamers "Berlin im Dritten Reich" (FR), Bora Ćosićs "Lange Schatten in Berlin" (Zeit), Tana Frenchs Krimi "Geheimer Ort" (FR), eine Ausstellung zum "Wert des Originals" im Literaturmuseum der Moderne (NZZ) und Claude Lévi-Strauss" "Wir sind alle Kannibalen" (SZ, FAZ).
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Musik

Auch bei ihren Konzerten ist die Musikerin Hope Sandoval, die zwischen ihren Alben gerne mal viele Jahre verstreichen lässt, so geheimnisvoll ätherisch wie auf ihren Veröffentlichungen, schwärmt ein ganz in deren Bann geschlagener Julian Weber in der taz: "Selbst wenn sie singt, ihre Lippen wirken versiegelt. Es ist, als tütet sie jedes Wort einzeln in einen Umschlag und verschickt diesen mit einem vielsagenden Lächeln. ... Ihr walzerndes Downtempo ist durchaus einlullend. Noch nicht eingeschlafen, aber auch nicht mehr wach: ein somnambuler Zustand."

Weitere Artikel: In der NZZ blickt Marc Zitzmann zurück auf 300 Jahre Pariser Opéra comique. Frauen übernehmen den Punk, freut sich Anika Pyle auf Vulture. Electronic Beats bringt seine Lieblingsvideos des Monats. Pitchfork kürt die beste experimentelle Musik des Jahres und gibt zudem die Lieblingsplatten seiner Leser bekannt. Nachrufe auf Joe Cocker schreiben Christian Bos (Berliner Zeitung), Franz-Xaver Zipperer (taz), Daland Segler (FR), Ueli Bernays (NZZ), Jan Wiele (FAZ) und Willi Winkler (SZ). Die Zeit bringt eine Bilderstrecke.

Besprochen werden ein Konzert von Kante in der Berliner Volksbühne (Berliner Zeitung), das Comeback-Album von D"Angelo (für Michael Pilz in der Welt das eigentliche Weihnachtswunder, Berliner Zeitung, mehr) und ein Konzert von Pinchas Zukerman und den Bamberger Symphonikern (SZ).

Außerdem Klaviermusik für Weihnachten: Der Pianist Nils Frahm hat Schmuckstücke aus seiner Vinylsammlung in einem Mix zusammengestellt (via).

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