9punkt - Die Debattenrundschau

Zugeknöpft wie ein Nachkriegsauto

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.12.2014. Im Perlentaucher wendet sich Ralf Fücks gegen die putinistische Verdrehung von Tatsachen. In der FAZ fragt Timothy Snyder, warum Wladimir Putin den Hitler-Stalin-Pakt rehabilitiert. Neunetz fürchtet, dass Europa sich per Regulierung gegen das Internet wehrt. Großer Ärger bei der NZZ: Die Redaktion wehrt sich gegen die Installation eines Christoph-Blocher-Manns als Chefredakteur.

Europa

Der Perlentaucher bringt Ralf Fücks" Rede zur Verleihung des Hannah-Arendt-Preises an die Pussy-Riot-Sängerinnen Nadeshda Tolokonnikowa und Marija Aljochina und an Juri Andruchowytsch. Sie ist zugleich eine Reaktion auf die Manipulationen des Putinismus und die Gutgläubigkeit eines großen Teils der westlichen Öffentlichkeit: "Man kann bei Arendt lernen, dass demokratische Gesellschaften einer doppelten Gefahr ausgesetzt sind: die eine ist die systematische Verwischung des Unterschieds von Wahrheit und Lüge, die andere liegt in der Versuchung, Augen und Ohren vor unbequemen Wahrheiten zu schließen. Beides trifft für den Konflikt um die Ukraine zu. Wir wollen nicht wahrhaben, dass Putin längst die Grenze zum Krieg überschritten hat, die wir aus guten Gründen keinesfalls überschreiten wollen."

Timothy Snyder stellt sich in einem weiteren Artikel die Frage, was es mit der Rehabilitierung des Hitler-Stalin-Pakts durch Wladimir Putin auf sich hat (unser Resümee eines ersten Artikels zur Frage). Den osteuropäische Ländern muss man jedenfalls nicht sagen, was es damit auf sich hat, meint er in einem ganzseitigen Artikel im politischen Teil der FAZ: "Sie erinnern sich nicht nur an den Hitler-Stalin-Pakt, sondern auch an den anschließenden deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag, an die Scheinwahlen und die Propaganda in der sowjetischen Zone - Vorgänge, die den russischen Aktivitäten in den besetzten Teilen der Ukraine frappierend ähnlich sind." Über aktuelle Scharmützel vor dem Schloss Bellevue berichtet Richard Herzinger in der Welt.

Außerdem berichtet Volker Breidecker in der SZ von den "seltsamen Verdrängungsritualen", mit denen bei den Frankfurter Römerberggesprächen "Krieg in Europa" befürchtet wurde, als wäre er nicht schon längst angezettelt worden.

Während französische Politiker nicht aufhören, auf Angela Merkel zu schimpfen, genießt sie in der Bevölkerung einhellige Zustimmung. 72 Prozent der Franzosen haben laut einem AFP-Ticker bei huffpo.fr eine gute Meinung von Angela Merkel. "Die Anhänger der bürgerlichen Rechten denken zu 95 Prozent gut über Merkel, die Anhänger der Linken sind zu 64 Prozent und die des Front national zu 68 Prozent Merkel-freundlich."

Etwas ungehalten reagiert Thomas Steinfeld in der SZ auf die allgegenwärtigen Klagen von italienischen Autoren, Deutschland unterwerfe sich Europa: "Wenn das Land nun die Verpflichtung auf die Stabilitätskriterien des Euro als Fron empfindet, so ist dieses Diktat nur die andere Seite der Hoffnung, die Teilhabe am Euro werde Italien alle Freiheiten einer großen ökonomischen Macht eröffnen. Von Gründen und Ursachen aber wollen viele italienische Gelehrte und Publizisten nicht wissen."
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Internet

Marcel Weiß wirft in seinem Neunetz wie jedes Jahr einen Blick auf digitale Tendenzen und macht sich Sorgen um den Rückfall Europas ins Lobbywesen und Bürokratismus: "Noch sind die reichen Länder Europas zumindest wichtige Absatzmärkte. Aber wie lang bleibt das so, wenn es an der Infrastruktur fehlt, auf Jahre keine ernsthaften Investitionen angestrebt werden und die asiatischen Märkte aufsteigen? Was passiert, wenn irrgeleitete Regulierung zum Schutz hiesiger Konzerne Europa zusätzlich unattraktiver für genuin digitale Modelle macht?"
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Gesellschaft

Im Gespräch mit Arno Widmann erklärt die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan in der FR, warum in einer postmigrantischen Gesellschaft der "Markenkern Deutschland" neu verhandelt werden müsse: "Viele denken im Gegensatz von "wir, die wir schon immer hier waren und ihr, die ihr erst später gekommen seid". Demokratien funktionieren aber nicht nach dem Prinzip "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst". Sondern nach dem Prinzip "Gleiches Recht für alle". Im Bauchgefühl gibt es die Vorstellung, es gäbe auf der einen Seite die Deutschen, denen mehr Rechte zustehen, die Gesellschaft zu definieren, und auf der anderen die Migranten. Wenn aber in Städten wie Frankfurt knapp 70 Prozent der Kinder einen sogenannten Migrationshintergrund haben - wer ist dann die deutsche Gesellschaft? Wer definiert ihre Identität?"

Mit sanfter Wehmut blickt Ulf Erdmann Ziegler in der NZZ auf ein Westdeutschland zurück, bei dem man nie zwischen totaler Normalalität und sozialer Travestie unterscheiden konnte und deswegen Opel fuhr: "Der Kadett wirkte noch zugeknöpft wie ein Nachkriegsauto, als hätte er seinen Mantelkragen hochgeschlagen. Schon der Kadett B aber, pünktlich zu meiner Einschulung, war auf kokette Weise gestreckt. Jetzt sah man plötzlich, dass dieses kleine Auto gar kein Junge war. Ja, fast ein Mädchen."

Katharina Granzin trifft die Holocaust-Überlebende Greta Klingsberg, die in Theresienstadt in der Kinderoper "Brundibar" mitsang und in diesen Tage einen Film über ihr Schicksal in Deutschland vorstellt.
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Kulturpolitik

In Berlin fand eine Tagung über Raubgrabungen und Archäologiemafia statt, über die in der Welt Werner Bloch berichtet. Er thematisiert auch die deutsche Hauptrolle beim Handel mit dem Diebesgut, die Staatskulturministerin Monika Grütters nun mit einem Gesetz beenden will: "Unter 28 europäischen Ländern haben nur zwei ähnlich laxe Bedingungen wie die Bundesrepublik. Deshalb, so Grütters, werde ein Großteil des illegalen Handels über Deutschland abgewickelt. Ein Eldorado des internationalen illegalen Kunsthandels." Weitere Berichte im Tagesspiegel (hier) und der Berliner Zeitung (hier).

Weiteres: Skeptisch nimmt Stephan Opitz in der SZ das erste deutsche Kulturfördergesetz auf, das sich NRW gegeben hat. In der FAZ plädiert Oberkirchenrat Martin Vogel für den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche.

Medien

Heftiger Ärger bei der NZZ. Chefredakteur Markus Spillmann wurde abgesetzt, angeblich, so turi2 unter Berufung auf verschiedene Quellen, weil er sich nicht Mathias Müller von Blumencron von der FAZ vor die Nase setzen lassen wollte, der aber offenbar gar nicht nach Zürich gehen will. Statt dessen soll Markus Somm als Chefredakteur installiert werden, der als Mann des Rechtspopulisten Christoph Blocher von der Schweizer Volkspartei gilt. Die Schweiz am Sonntag berichtet: "Präventiv haben deshalb vergangene Woche mehrere NZZ-Kader, darunter Inlandchef René Zeller, mit der Kündigung gedroht, sollte ihnen Somm vor die Nase gesetzt werden. Die Redaktion pocht auf die Redaktionsstatuten, die besagen, dass sie bei einem Chefredaktorenwechsel angehört werden muss. Am Dienstag ist eine Sitzung des Verwaltungsrats mit den Ressortleitern angesetzt."

Mehr im Tages-Anzeiger: "Gegen Somm formiert sich Widerstand." Und "Kündigungsdrohungen wurden ruchbar, doch fand vor allem ein Anti-SVP-Kommentar von Felix E. Müller, Redaktionsleiter der NZZ am Sonntag, große Beachtung (die Zeitung stellte dafür extra ihr Standardlayout um): Die Ausrichtung der SVP - "modernisierungsfeindlich, isolationistisch, gesellschaftspolitisch konservativ" - sei mit den liberalen Werten der FDP unvereinbar." Die NZZ steht per Statut den Freisinnigen von der FDP nahe.

Korrigiert (siehe Kommentare unten):
Jürgen Kaube hat sein erstes Print-Interview in seiner Eigenschaft als installierter Schirrmacher-Nachfolger ausgerechnet einem Medium gegeben, das nicht online ist, dem Focus. Newsroom.de zitiert zum Glück ausgiebig genug. Er will die Zeitungen mit neuen Beilagen für Akademiker attraktiver machen: "Darüber hinaus kann man natürlich - was ein sehr kompliziertes Thema ist - im Bereich des Internets entweder zusätzlich Leser für die Zeitung gewinnen oder aber ökonomisch erfolgreich sein. Zumindest sollte man sich auf jeden Fall mit den Aktivitäten im Internet nicht selbst ökonomisch schaden."

In der NZZ beschreibt Andrea Köhler, mit welchem Geschick die bereits weithin gefeierte Podcast-Reportage "Serial" einen alten Mordfall aufrollt, dabei auch von einer gewissen Frivolität zehrt: "Scheinbar unter Live-Bedingungen hergestellt, in Wirklichkeit freilich einem literarisch ausgetüftelten Skript folgend, entfaltet sich der Spannungsbogen in einer raffinierten Strategie aus Enthüllen und Verschweigen, der uns stets nur einen winzigen Schritt voraus zu sein scheint. Was so entsteht, ist eine Art Komplizenschaft, die uns zu Verbündeten der Erzählerin, ihrer Sympathien, Zweifel und besonders ihrer Charakter-Einschätzungen macht."
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