Efeu - Die Kulturrundschau

Sowohl feministisch, als auch glutenfrei

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.11.2020. In der FAZ erklärt die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger, warum die Aufklärung schlecht war für die Frauen im Allgemeinen und Musikerinnen im Besonderen. Die New York Times stellt den Künstler und Filmemacher Sky Hopinka aus der Ho-Chunk-Nation vor. Die NZZ kostet geschmorte Hexe im Kindertheater. Die taz probt afrikanische Tanzschritte mit Isaac Kyere. Warner testet mit "Wonder Woman" die Zukunft der Filmindustrie, die der Tod des Kinos sein könnte, berichtet die SZ. Schönheit wird die Welt retten, ruft in der FAZ Renzo Piano.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.11.2020 finden Sie hier

Kunst

Holland Cotter stellt in der New York Times den Künstler und Filmemacher Sky Hopinka vor. Hopinka ist Mitglied der Ho-Chunk-Nation. "Seine Mutter war Tänzerin; sein Vater, Mike Hopinka, ist ein Ho-Chunk-Songwriter und Sänger. Das früheste der vier kurzen Videos im Bard Museum handelt von ihm. Es wurde 2015 gedreht und trägt den Titel 'Jáaji Approx' (Jáaji ist eine direkte Anrede des 'Vaters' in der Ho-Chunk-Sprache). Das Video ist als eine imaginäre Autoreise durch den amerikanischen Westen oder Mittleren Westen gerahmt. Der Künstler und sein Vater sind die angenommenen Passagiere, und der Soundtrack für ihre Reise ist eine Reihe von Tonbandaufnahmen, die der Künstler von seinem Vater gemacht hat, der singt oder über den Gesang spricht. ('Das Ziel ist es, den Tänzer zum Tanzen zu bringen.') In Interviews hat Herr Hopinka darüber gesprochen, dass er sich während seiner Kindheit von seinem Vater distanziert gefühlt hat. Und im Video hören wir ihn, wie er kühl die Lieder kommentarlos mit Datum und Uhrzeit vorstellt. ('Jáaji's Aufnahmen, 22. Dezember 2007'). Aber er scheint auch stillschweigend eine Bindung anzuerkennen, und sei es nur in der Tatsache, dass beide Männer am meisten zu Hause sind, wenn sie - zusammen oder allein - unterwegs sind."

Hier der Kurzfilm:



Weiteres: In der Berliner Zeitung berichtet Harry Nutt, dass es vor den Ölanschlägen auf der Berliner Museumsinsel bereits einen ähnlichen Anschlag im Potsdamer Schloss Cecilienhof gab, der jetzt erst bekannt wurde. In London sind auch die Galerien geschlossen, dafür gibt's jetzt den Artists Walk, für den Künstler in London ihre Werke in die Fenster ihrer Häuser hängen, berichtet Hannah Jane Parkinson im Guardian. Beate Scheder macht für monopol virtuell wie physisch einen Rundgang durch die Galerien, die an der abgesagten Art Cologne teilgenommen hätten. Nicola Kuhn unterhält sich für den Tagesspiegel mit dem Galeristen David Zwirner über die US-Wahl, Trump und den Rassismus auch in der Kunstwelt. Die Neue Nationalgalerie, die gerade renoviert wird, wird nicht wie vorgesehen im Dezember, sondern vermutlich erst nächsten August eröffnen, meldet der Tagesspiegel. Jason Farago berichtet in der NYT vom ersten Asia Society Triennial für zeitgenössische Kunst in New York. Roberta Smith begutachtet für die NYT die neue Hängung der Sammlung in 20 Räumen des MoMA. Bei Hyperallergic erzählen Künstler, mit welchen Kunstwerken sie in Quarantäne gehen. Monopol gibt Streamingtipps für acht Kunstfilme am Wochenende.

Besprochen werden die Ausstellung zum Thema Tod im Verein Berliner Künstler (Tagesspiegel), eine Ausstellung blinder Fotograf:innen im Berliner Fotoraum Fhoch3 (taz) und Elisa Macellaris Biografie der Künstlerin Yayoi Kusama als Graphic Novel (Hyperallergic).
Archiv: Kunst

Bühne

Nina Emge als Gretel (l.), Annina Machaz als Galeristin und Anna Hofmann (r.) als Hänsel. Foto: Christiano Remo


Die Vorweihnachtszeit ist die Zeit für Märchen. Also unternimmt Daniele Muscionico für die NZZ eine kleine Reise durch die Märchenvorstellungen an Schweizer Theatern. "Gretel und Hänsel" nach dem Grimmschen Märchen zeigt das Neumarkttheater. Die Variante hat es in sich: "Zürcher Geschnetzeltes wollte die Böse aus ihren gefangenen Minderjährigen machen. Jetzt rächt sich der Nachwuchs, jetzt steht er selber am Herd: Heute Abend gibt's geschmorte Hexe. Zum Schmaus geladen sind alle, die wie die Verstoßenen, die Flüchtlinge, wie Gretel und Hänsel kein Dach über dem Kopf und Hunger zum Verrücktwerden haben." Muscionico ist begeistert: "Nils Amadeus Lange und Annina Machaz, verantwortlich für Regie, Text und Ausstattung, zaubern aus dem alten Märchenhut eine exemplarische Neudichtung, die alles bietet, was man von einer zeitgenössischen Kinder(buch)inszenierung erwartet: Sie ist sowohl feministisch, in der Besetzung und der Titelei, als auch glutenfrei, wenn Hänsel das gesunde Brot im dunklen Wald verkrümelt; und sie ist entschieden klassenkämpferisch."

Judith Rieping unterhält sich für die taz mit dem Tänzer und Choreografen Isaac Kyere über sein "African Dance Dictionary" auf Instagram, wo er afrikanische Tanzschritte per Video erklärt. Afrikanisch meint hier "die vier großen Stile des modernen afrikanischen Tanzes, die man zu aktueller Popmusik tanzt. Das sind Afrobeats, Ndombolo, Afro House und Coupé Decalé. Man kann natürlich nie die Fülle an traditionellen Tänzen abbilden, es geht hier ja immerhin um einen Kontinent. Trotzdem haben sich Begriffe wie 'Afrodance' oder 'Afrofusion' etabliert. Gemeint sind damit aber vor allem diese vier Stile vorrangig aus Ghana, Nigeria, dem Kongo, Angola und der Elfenbeinküste."

Na dann, lasst die Wände wackeln:

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Weiteres: Sandra Luzina empfiehlt im Tagesspiegel Pina Bauschs Ballett "Das Stück mit dem Schiff", das zum Auftakt des Wuppertaler Online-Festivals "under construction - Wir bauen zusammen ein Haus" heute abend live gestreamt wird. Besprochen werden der Theaterfilm "Sleeping Duties" (Berliner Zeitung) und die Arbeit "Weinen" (hier zu sehen) des Theaterkollektivs Werkgruppe2 (taz).
Archiv: Bühne

Architektur

Das Projekt "Fortnightism". Foto: Gustav Düsing
Niklas Maak begutachtet für die FAZ neue Architekturvorschläge für das Leben mit der Pandemie. Ausgedacht haben sich diese Idee fürs "Fortnightism", also für die Quarantänezeit, die Architektur Gustav Düsing und Carson Chan. Ihre Idee: eine mobile Krankenstation aus Containern und Zelten, die unser Verhältnis zu Raum und Natur neu befragt. "Welche Temperatur kann man ohne Heizung oder Klimaanlage ertragen? Wie viel Rückzugsraum, wie viel Nähe braucht man? Durch die bodenlangen Vorhänge bekommt der Bau etwas Leichtes und Feierliches. Hier kann man unter Quarantänebedingungen arbeiten, sich entspannen, sogar Freunde auf Abstand sehen. Dafür gibt es einen Raum, der nach oben offen ist wie das Pantheon in Rom - eine Mischung aus Wohnzimmer und Piazzetta, Innen- und Außenraum, in dessen Mitte kleine Bäume und duftende Kräuter wachsen. Der Zustand des 'Dazwischenseins', der die Quarantäne ausmacht - weder krank noch gesund, weder auf Arbeit noch im Urlaub - findet hier ein eher positives räumliches Bild."

Stadt bedeutet Nähe und Nähe ist in Zeiten einer Pandemie gefährlich. War's das also erst mal mit dem Stadtleben? Nein, ruft der italienische Architekt Renzo Piano in der FAZ. Schönheit wird die Welt und auch die Stadt retten! "Tatsächlich gibt es in meiner offenen, weitläufigen Stadt noch eine andere, tiefere Schönheit: Es ist die menschliche Schönheit. Sie zeigt sich in Tatkraft, Solidarität und Hingabe. Es ist die Schönheit, die sich in der Hoffnung junger Menschen auf eine bessere Zukunft zeigt. Sie haben noch einen langen Weg vor sich. Und sie haben die Aufgabe, die Erde zu retten. Wir vertrauen uns ihnen an, um einen Blick auf die Lage der Welt zu werfen, wie sie sein wird. Es ist eine Schönheit, die nicht oberflächlich ist, sondern in der das Unsichtbare die sichtbare Welt berührt. ... Schönheit wird die Welt retten, indem sie einen Menschen nach dem anderen rettet."
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Archiv: Architektur

Literatur

"Schreibtisch mit Aussicht" heißt der von Ilka Piepgras herausgegebene Band, in dem Schriftstellerinnen über das Schreiben schreiben. Das Literaturblog Nacht und Tag hat mit der Herausgeberin gesprochen. Eines der zentralen Themen des Bandes ist die Geringschätzung von Autorinnen: "Sibylle Berg schreibt, ihr erster Roman sei dafür kritisiert worden, dass ihre Sprache zu männlich sei. Da hatte sie über viele Jahre ihren eigenen Stil entwickelt, und dann kommt sie damit raus und ihr wird vorgeworfen, der sei zu männlich - das ist ja entmutigend. Haben Sie schon mal gehört, dass jemand über einen Mann sagt: Dieser Autor schreibt aber weiblich?" Entsprechend präsent sei in den Anthologietexten "der letztlich sehr sympathische Zorn" über diese Situation, "vor allem bei Elfriede Jelinek, die schreibt, ihr fehle immer nur ein Wort in der Debatte, nämlich Verachtung." Eine Besprechung des Bandes gibt es außerdem heute in der taz.

Mit einer großem Text verbeugt sich der Schriftsteller Michael Krüger in der NZZ vor dem Schriftsteller Gregor von Rezzori, der für ihn mit seinem Lebenswandel ein Musterbeispiel von Lebenskunst und Großzügigkeit darstellt: "Dieser lässige und elegante Sprachkünstler, der ganz nebenbei seinen beißenden Spott über alles und jeden ausbreiten konnte, wäre in der biederen deutschen Literaturgesellschaft tatsächlich schwer vorstellbar"

Weitere Artikel: In der NZZ staunt der Schriftsteller Cees Nooteboom darüber, wie es dem Schriftsteller und Juristen Philippe Sands gelingt, in seinem Buch "Die Rattenlinie" die chaotische Lage im unmittelbaren Nachkriegsdeutschland fast schon transparent begreifbar darzustellen: Dass der Klerus den versprengten, in Waldhütten sich vor dem Zugriff der Alliierten entziehenden Nazis zur rettenden Flucht verhalf, findet er skandalös. Daniel Zylbersztajn-Lewandowski (taz) und Christan Schachinger (Standard) schreiben über Douglas Stuart, der gerade für seinen Debütroman "Shuggie Bain" den Booker-Preis erhalten hat. Im Literaturfeature von Dlf Kultur wirft Hans von Trotha einen Blick auf die britische Literatur im Zeichen von Brexit und Corona. Irmela Hijiya-Kirschnereit erinnert in der FAZ an den Suizid des japanischen Schriftstellers Yukio Mishima vor 50 Jahren.

Besprochen werden unter anderem Barack Obamas Memoir "Ein verheißenes Land" (taz, ZeitOnline), Paul Austers Essayband "Mit Fremden sprechen" (SZ), der von  Stefanie Sargnagels "Dicht" (Freitag), Clara Maria Bagus' "Die Farbe von Glück" (NZZ), Danielle de Picciottos Comic "Die heitere Kunst der Rebellion" (taz), Mikael Ross' Comic "Goldjunge" über Beethoven (Berliner Zeitung), Anna Prizkaus Erzählband "Fast ein neues Leben" (Dlf Kultur), Thomas Kings Krimi "Dunkle Wolken über Alberta" (taz), Margaret Laurence' "Der steinerne Engel" (Literarische Welt) und Volker Weidermanns "Brennendes Licht" über Anna Seghers' Jahre in Mexiko (FAZ). Außerdem bringt die FAZ heute eine Literaturbeilage, die wir in den kommenden Tagen an dieser Stelle auswerten.
Archiv: Literatur

Film

80s-Exzess im Heimkino statt auf der großen Leinwand: "Wonder Woman 1984"

Warner wird seinen schon lange im Stall stehenden Blockbuster "Wonder Woman 1984" zumindest in den USA an Weihnachten nun definitiv in die (paar wenigen noch geöffneten) Kinos bringen, aber zeitgleich auch auf Digitalplattformen anbieten - und damit das Zeitfenster, das Kinos zur Auswertung üblicherweise zugestanden wird, de facto schleifen, berichtet Tobias Kniebe in der SZ. "Im Grunde ist es ein Traum der großen Studios, dass sie das Szenario der totalen Wahlfreiheit einmal testen können: Wer rüstet zum gemeinsamen Ausflug ins Filmtheater, um Gal Gadot als 'Wonder Woman' im Kalten Krieg der Achtzigerjahre zu sehen - und wer abonniert lieber HBO-Max, um sich das Ganze auf dem heimischen Sofa reinzuziehen? Von den Antworten, so verzerrt sie durch Virenangst und Kinoschließungen gerade sein mögen, wird für die Zukunft der Filmindustrie viel abhängen."

Außerdem: Patrick Heidmann plauscht in der SZ mit der Autorin Caitlin Moran über die (von Tobias Kniebe besprochene) Verfilmung ihres Buchs "How to Build a Girl". In der FAZ gratuliert Maria Wiesner Terry Gilliam zum 80. Geburtstag. Besprochen wird die Serie "Tehran" (Freitag).
Archiv: Film
Stichwörter: Blockbuster, Kinokrise

Musik

Die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger war schon divers, als die engagiertesten Fürsprecher des Begriffs noch gar nicht geboren waren. Bereits vor 40 Jahren deckten ihre Studien auf, wie blind ihre wissenschaftliche Disziplin gegenüber den Frauen in der Musik war - etwa in der großen Enzyklopädie "Die Musik in Geschichte und Gegenwart", in die es gerade mal nur Anna Magdalena Bach geschafft hatte. Im FAZ-Gespräch zu ihrem Achtzigsten erzählt Rieger, wie ihr klar wurde, "dass die europäische Aufklärung um 1790 aus den Tätigkeiten von Frauen Charaktereigenschaften gemacht und damit das Geschlecht als solches definiert hatte. Die Frau war plötzlich passiv, gehorsam, milde, schwach, der Mann dagegen aufwärtsstrebend, kämpferisch, stark. ...  Perfide fand ich, dass man den Frauen lange nachgesagt hatte, sie wären nicht in der Lage, ein großes Werk zu schreiben. Dabei wurde nicht bedacht, dass Frauen gar keine Kompositionsaufträge erhalten hatten."

Wer waren noch gleich die Beatles? "Armitage Road" der Heshoo Beshoo Group.

In der taz weist Detlef Diederichsen auf die Wiederveröffentlichung von "Armitage Road" von 1970 hin, dem einzigen Album der südafrikanischen Jazzband Heshoo Beshoo Group: Dass das Album nach der Straße benannt ist, die die Musiker auf dem Cover überqueren, ist mit Blick auf ein gewisses Album einer Band aus Liverpool kein Zufall, erklärt der Musikhistoriker: "Die ganze Inszenierung ist in sepiagetöntem Schwarz-Weiß gehalten und scheint die Beatles daran erinnern zu wollen, dass die Normalität eines Vormittags in St. John's Wood für einen Großteil der Weltbevölkerung eine unerreichbare Traumvorstellung ist." Doch "die Musik ist nicht wie das Cover. Man könnte sogar sagen: Sie ist dem Cover widersprechend entspannt und bedacht. Beim zweiten Hören stellt man fest, dass sie sich meistens in einem eigentümlichen Schwebezustand befindet, zwischen funky und relaxt, zwischen aggressiv und melancholisch, zwischen souverän-virtuos und angestrengt." Auf Bandcamp kann man reinhören.

Weitere Artikel: In der NZZ empfiehlt Thomas Schacher die Reihe "Swiss Chamber Concerts". Joachim Hentschel schwärmt in der SZ von der "herrlichen Ambivalenz" Dolly Partons, die zwar ultrakonservativ ist und für derben Trucker-Humor steht, aber eben auch mal eben eine Million Dollar für die Forschung am Corona-Impfstoff freigegeben hat. Und ein Tipp fürs Wochenende vom Perlentaucher: Einen tollen Podcast über ihr Leben und ihre Karriere gibt es übrigens auch.

Besprochen werden ein lediglich vor Streamingkameras stattgefundenes Schostakowitsch-Konzert der Berliner Pharmoniker unter Kirill Petrenko (Freitag), Christian Thielemanns Buch "Meine Reise zu Beethoven" (FAZ) sowie neue Alben von Pa Salieu (ZeitOnline), AnnenMayKantereit (FR) und der finnischen Band Circle, die den Metal der Achtziger liebevoll auf den Kopf stellt (Standard):

Archiv: Musik