Efeu - Die Kulturrundschau

Ist Bamberg der apokalyptische Vorreiter?

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20.11.2020. Die Welt betrachtet spöttisch die orientalisierenden Gutmenschen in "Rembrandts Orient". Die nachtkritik erklärt am Beispiel Bambergs, was den Theatern nach der Pandemie droht, wenn die Kassen der Kommunen leer sind. Artechock guckt zähneknirschend Filme des Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg im Netz. Die taz begutachtet die Praktiken der Musikplattform Bandcamp.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.11.2020 finden Sie hier

Kunst

Rembrandt, Daniel und Cyrus vor dem Götzenbild des Bel, 1633. The J.Paul Getty Museum Los Angeles


Hans-Joachim Müller (Welt) betrachtet in der Basler Ausstellung "Rembrandts Orient" spöttisch die Versuche des Malers und einiger seiner Zeitgenossen, sich den Orient einzuverleiben und gleichzeitig vom Hals zu halten: indem er ihn zum modischen Phänomen deklariert. "So viel Seide an den parfümierten Körpern war nie. Die Säbel werden jetzt krumm geschmiedet, die Teppiche selbst in Rundzelten ausgerollt, und dass der alttestamentliche König Saul mit der landesfremden, aber saisonal angesagten Turban-Bedeckung gekrönt ist, während David ihm das abgeschlagene Haupt des Goliath vor die Füße legt, das fordert der Markt von Rembrandt geradeso wie von seinen Schülern. Selbst der barmherzige Samariter, der bislang ganz dem Neuen Testament, also Europas vorbildlichem Bibelbuch angehört hat, ist auf Pieter Lastmans Bildbühne nicht mehr ohne orientalisierende Gutmenschen-Mütze zeigbar."

Weiteres: In der taz stellt Bettina Maria Brosowsky die Künstlerin Birgit Brenner vor, diesjährige Trägerin des Wolfsburger Kunstpreises "Junge Stadt sieht junge Kunst". In der FAZ erinnert sich Andreas Platthaus an seine liebste Ausstellung: eine Schau zu den russische Moderne-Sammlungen von Iwan Morosow und Sergej Schtschukin 1993 im Essener Folkwang-Museum.
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Bühne

In der nachtkritik beschreibt Harald Raab am Beispiel des Theaters Bamberg, welche Auswirkungen die Coronakrise auf die Theaterszene hat. "Der Zuschuss der Kommune wird um 2,5 Prozent jährlich gekürzt. Die Stadt ist in Finanznot. Die Kultur muss es als erste ausbaden. Ist Bamberg der apokalyptische Vorreiter? Werden andere deutsche Städte folgen, denen durch Corona die Gewerbesteuer-Einnahmen dramatisch wegbrechen? Bamberg, ein Testfall nach altbekanntem Muster: Kulturausgaben sind absurder Weise als freiwillige Leistungen eingestuft. Wenn Steuereinnahmen ausfallen, geraten die Kommunen in die Bredouille. Sie müssen den Rotstift ansetzen, um einen Haushalt aufstellen zu können, in dem die Ausgaben durch Einnahmen gedeckt sind. Gelingt das nicht, übernehmen in Bayern die zuständigen Bezirksregierungen diese Aufgabe. Die Folge: Alle Kulturausgaben werden unter Umständen bis auf Null reduziert."

Außerdem annonciert die nachtkritik das Streaming von Sebastian Hartmanns Adaption des "Zauberbergs" heute abend um 19.30 Uhr live aus dem Deutschen Theater. Die neue musikzeitung gibt Streamingstipps für die nächsten sieben Tage.
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Film

"My Mexican Bretzel" - derzeit online zu sehen beim Filmfestival Mannheim

"Mediatheken sind Krücken", seufzt Rüdiger Suchsland auf Artechock und kann es bei allem Verständnis auch nicht ganz verschmerzen, dass die Festivals ihre Filme derzeit schon aus Sachlagezwang online statt vor Ort zeigen. "Das Netz ist großartig, wo es das Kino nicht abschafft, sondern es als schützender, fördernder Raum umgibt. Darum wären Festivals eigentlich dann am Besten, wenn sie alles Mögliche im Netz machen, aber dort keine Filme zeigten." Tipps gibt er dennoch, etwa Nuria Giménez Lorangs "My Mexican Bretzel" - "sensationell" mit drei Ausrufezeichen -, den das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg gerade online zeigt und der "gewissermaßen das Kino ganz neu erfindet". Übrigens zeigt das Festival in seiner Retrospektive auch Filme der zweiten Generation der Nouvelle Vague, berichtet Daniel Moersener in der Jungle World.

Weitere Artikel: Scott Tobias erinnert im Guardian an den beschwerlichen Weg, den es brauchte, um in Michael Ciminos einst von der Kritik verschmähten und legendär gefloppten "Heaven's Gate" als das große Meisterwerk zu erkennen, als das er 40 Jahre nach seiner Premiere gilt. Jens Balkenborg wirft für Artechock einen Blick ins Programm des Kasseler Dokfests, das in diesem Jahr ebenfalls online stattfindet. In der Berliner Zeitung empfiehlt Ralf Schenk Elia Kazans "Tabu der Gerechten" von 1947. Für die taz spricht Benjamin Moldenhauer mit Christian Keßler, gerade ein Buch über das italienische Thrillerkino der 60er und 70er veröffentlicht hat. Für ziemlich viel Aufregung in den Sozialen Medien sorgt außerdem die Meldung, dass Warner seinen neuen Superheldenblockbuster "Wonder Woman 1984" zwar definitiv an Weihnachten ins Kino bringen, aber nahezu parallel auch online auswerten will.

Besprochen werden Andres Veiels "Ökozid" (Artechock, mehr dazu bereits hier), David E. Talberts Weihnachtsmusical "Jingle Jangle Journey" (SZ) und der neue auf Spongebob-Film (Presse).
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Archiv: Film
Stichwörter: Filmfestivals, Kinokrise, 70er

Literatur

Im Freitag findet es Charlotte Gneuß unangemessen, dass Monika Maron in der Kontroverse um sie und S.Fischers Aufkündigung der Zusammenarbeit eine Parallale zu den Repressalien sieht, die die DDR einst ausübte. Der Booker-Literaturpreis geht in diesem Jahr an den schottischen Schriftsteller Douglas Stuart. In den "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Tilmann Krause daran, wie Hölderlin 1805 in den Wahnsinn abglitt.

Besprochen werden unter anderem Fabiano Alborghettis "Maiser" (NZZ), Marina Zwetajewas "Lichtregen" (Dlf Kultur), Helmut Lethens Autobiografie (Berliner Zeitung), Helena Adlers "Die Infantin trägt den Scheitel links" (ZeitOnline), Wolfgang Schorlaus "Kreuzberg Blues" (taz), Ali Smiths "Winter" (Standard), Monika Baarks Neuübersetzung von Margaret Laurences "Der steinerne Engel" (SZ) und Axel Schildts Studie "Medien-Intellektuelle in der Bundesrepublik" (FAZ).
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Musik

Die Plattform Bandcamp wird im Gegensatz zu Spotify unter Musikern sehr geschätzt, zumindest unter jenen mit eher begrenzter kommerzieller Reichweite. Vor allem auch deshalb, weil Bandcamp eher auf den Verkauf drängt als auf Streaming. Nicht zuletzt der Bandcamp Friday - einmal monatlich verzichtet der Anbieter auf die Verkaufsprovision - sorgte in der Coronakrise anfangs für Prestige, sorgt jetzt aber für Murren, hat tazler Lars Fleischmann recherchiert: "20 Millionen US-Dollar sollen an bloß vier solcher Spendentage geflossen sein. Was auf den ersten Blick wie eine Erfolgsgeschichte in mauen Zeiten daherkommt, ist bei mehr als 4.000 beteiligten Labels und etwa dem 30-Fachen an 'Content-generierenden' Usern nichts weiter als Almosen im niedrigen zweistelligen Euro-Bereich. So ist auch nur folgerichtig, wie sich einige Musikschaffende bei Instagram bitter beklagten, dass bei ihnen, trotz hoher Gesamtumsätze - die auch als solche von der Plattform selbst vermarktet werden -, nichts ankomme." Obendrein ist es noch so, "dass Bandcamp in Deutschland keinerlei Gelder an die Verwertungsgesellschaften (Gema und GVL) abführe, Plays auf der Seite sowieso nicht abgerechnet würden, da man sich eben als Verkaufsplattform verstehe."

Weitere Artikel: In der FR deutet Sylvia Staude Barack Obamas neue Playlist als codierte Nachricht an Trump.

Besprochen werden das Abschiedsalbum der Aeronauten (Tagesspiegel), per Stream aus Wien übertragene Uraufführungen von Matthias Kranebitter und Friedrich Cerha (Standard), Streamkonzerte von Nur Ben Shalom und David Geringas (Tagesspiegel) und Leif Ove Andsnes Aufnahme von Mozarts Klavierstücken mit dem Mahler Chamber Orchestra (Welt).
Archiv: Musik
Stichwörter: Bandcamp, Coronakrise