Efeu - Die Kulturrundschau

Duktus aus Verklärung und Verzicht

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23.11.2020. Die Feuilletons erinnern an Paul Celan, der vor hundert Jahren geboren wurde und dessen Czernowitzer Sprachklang auch von deutschen Märschen nicht übertönt werden konnte. Die FR lernt im Architekturmuseum München, was Künstliche Intelligenz am Bau leisten kann. In der Jungle World fordert Lars Henrik Gass Kinematheken für die Großstädte. Die SZ kann das Gejammer der Theaterintendanten nicht mehr hören. Der Tagesspiegel kann die Verödung des Großstadtlebens nicht mehr ertragen. Die FAZ zählt die Opfer, die der Kampf der Moskauer Bühnen gegen Corona fordert.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2020 finden Sie hier

Literatur

Der Dichter Paul Celan auf einem Passfoto aus dem Jahr 1938
Die Feuilletons erinnern an Paul Celan, der heute vor hundert Jahren geboren wurde. Helmut Böttiger begibt sich in der SZ auf Spurensuche nach Celans Sprachfarbe und -klang: Ohne Celans damals in Rumänien gelegenen Geburtsort Czernowitz ist Celans Sprache nicht zu begreifen, schreibt er. Hier "bestand das Bürgertum zum größten Teil aus Juden, die Deutsch als ihre Muttersprache empfanden. Und diese Muttersprache war bei Celan ganz konkret dadurch konnotiert, dass seine Mutter stark von der Kultur des Wiener Fin de siècle geprägt war, vom Ton des Burgtheaters. ... Die Kunst als Verheißung - in dieses Lebensgefühl ist Celan hineingewachsen", doch "der Wiener Ton der Jahrhundertwende, der spätromantische Duktus aus Verklärung und Verzicht wurde überdeckt und unmöglich gemacht durch deutsche Märsche, durch Stiefel, Schaufel und Grab." Leander F. Badura widmet sich eingehend Celans Gedicht "Todesfuge", das diese traumatische Erfahrung zu verarbeiten sucht: "In der Bundesrepublik, wo das Gedicht Schullektüre und das 'Auschwitz-Gedicht' par excellence wurde, blieb es oft unverstanden. Von Metaphern war die Rede, und mitunter versuchten Schulklassen, die Struktur des Gedichts mit jenem der musikalischen Fuge zu vergleichen. Aber Celan meinte all das wirklich. Das 'Grab in den Lüften', es war für die Jüdinnen und Juden real, 'wir schaufeln, wir schaufeln', das war Celans Tätigkeit im Arbeitslager; der Tod ist tatsächlich ein 'Meister aus Deutschland'. In diesem Gedicht gelang Celan etwas, das über Jahre hinweg der Kern seiner Lyrik bleiben sollte."

Susanna Ayoub schreibt im Standard über Celans Jahre im Wien der Nachkriegszeit. Celan sollte man nicht zu Tode zitieren und sich mit seinen Versen schmücken, wenn man Bedeutsamkeit markieren will, rät Paul Jandl in der NZZ, sondern ihn am besten einfach lesen - und zwar "wieder. Und wieder." In der FAZ erinnert Jochen Hieber an das schwierige Verhältnis zwischen Celan und Ingeborg Bachmann. An das schwierige Verhältnis der deutschen Intellektuellen zu Celan erinnert Wolf Scheller im Standard.

Hier liest er "Allerseelen":



Weitere Artikel: Für Dlf Kultur hat René Aguigah ein großes Gespräch mit Eddie S. Glaude jr über dessen James-Baldwin-Studien geführt. Mia Eidlhuber unterhält sich im Standard mit der Schriftstellerin Monika Rinck, die seit kurzem in Wien lehrt. Für die Berliner Zeitung verfolgt Cornelia Geißler am Bildschirm die Verleihung des Anna-Seghers-Preises an Hernán Ronsino und Ivna Žic. Gina Thomas schreibt in der FAZ einen Nachruf auf die Autorin Jan Morris.

Besprochen werden unter anderem Markus Ostermairs "Der Sandler" (taz), Verena Keßlers Debütroman "Die Gespenster von Demmin" (Berliner Zeitung), Jonas Eikas "Nach der Sonne" (online nachgereicht von der FAS), Yoko Tawadas Roman "Paul Celan und der chinesische Engel" (FR), Candice Carty-Williams' "Queenie" (Standard), Brita Steinwendtners "Gesicht im blinden Spiegel" (Standard), neue Bücher über Paul Celan (SZ) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Oliver Jeffers' "Die Fabel von Fausto" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Werner von Koppenfels über Keith Douglas' "Vergissmeinnicht":

"Drei Wochen schon alle Kämpfer davon
und wir kamen zurück an dem Albtraumort,
fanden die Stelle und fanden dort
..."
Archiv: Literatur

Film

Im Gespräch mit der Jungle World bekräftigt der Filmhistoriker Lars Henrik Gass seine in den letzten Monaten häufiger unterstrichene Position, dass das Kino, nicht erst seit Corona in der Krise, seiner Musealisierung und damit einer kulturpolitischen Wertschätzung entgegen geführt werden müsse. "Man versucht immer noch, die Filmförderung an die Kinoauswertung zu binden, in der Illusion, dass Kinoauswertung die letztgültige Form sei, mit Film umzugehen. Damit hat man weder die mediengeschichtliche Besonderheit des Kinos verstanden noch zur Kenntnis genommen, welche gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen wir gerade in rasender Geschwindigkeit durchlaufen. ... In ganz Deutschland gibt es gerade einmal fünf Filmmuseen - wovon eines noch nicht einmal eine eigene Kinemathek hat -, dagegen in jeder Stadt ein Theater" und "wenn sich die Stadt Hamburg eine Elbphilharmonie für über 800 Millionen Euro leisten kann, darf ich doch einmal ausrechnen, dass sich allein mit dieser Summe jede Großstadt in Deutschland eine Kinemathek leisten könnte."

Weitere Artikel: Susanne Burg spricht für Dlf Kultur mit dem Schriftsteller Daniel Kehlmann über dessen Drehbuch für den Arte-Film "Das Verhör in der Nacht".

Besprochen werden Ron Howards Verfilmung von J. D. Vances Memoiren "Hillbilly-Elegie" (taz, Standard, Dlf Kultur hat mit dem Regisseur gesprochen), die Serie "Das Damengambit" (Freitag), die Serie "I May Destroy You" (Freitag), die DVD-Edition des österreichischen Tonfilmoperettenklassikers "Sehnsucht 202" von 1932 (NMZ) und weitere neue Heimmedienveröffentlichungen, darunter Richard Fleischers SF-Klassiker "Die phantastische Reise" (SZ).
Archiv: Film

Bühne

In der SZ platzt Peter Laudenbach der Kragen. Er kann das Gejammer der Theaterindentanten nicht mehr hören, die permanent und in völliger Selbstüberschätzung  die Öffnung ihrer Häuser einforderten: "Es genügt Ulrich Khuon und seinen Kollegen und Kolleginnen in den Chefetagen der Theater nicht, Ansteckungsrisiken kleinzureden. Sie überhöhen das Theater, als sei es die wichtigste Instanz des gesellschaftlichen Zusammenhalts, das letzte Bollwerk gegen Barbarei, Vereinsamung und Sinnkrisen. In dieser schrägen Logik erscheint eine vorübergehende Theaterschließung aus Gründen des Gesundheitsschutzes wie die administrative Anordnung zum Untergang des Abendlandes. So erklärt Khuon in seinem Brief an die Kanzlerin, 'das Schließen dieser wichtigen öffentlichen Orte' stifte 'großen gesellschaftlichen Schaden'. Theater und andere Kultureinrichtungen seien 'Orte des Austauschs, die für die Gesellschaft eine unverzichtbare Bedeutung haben' ... Außerhalb der Theaterblase mutet solch pathetische Rhetorik nicht nur schwer nachvollziehbar an. Sie ist peinlich."

Im Tagesspiegel hält Gregor Dotzauer dagegen, dass durch den Lockdown nicht nur die Existenz der Kunstschaffenden auf dem Spiel steht: "Die ökonomischen, stadtplanerischen und psychohygienischen Gefahren von Verarmung, Verödung und Verblödung sind offensichtlich."

Tolle Stücke werden gerade in den Moskauer Theatern gezeigt, versichert Kerstin Holm in der FAZ, Dokumentardramen, schwarze Komödie, Dichterstücke. Und doch fühlt es sich an wie "ein Kunstfest zu Zeiten der Pest", schreibt sie: "Die Ensembles, die ihren Unterhalt bestreiten müssen, spielen in dichtbesetzten Sälen vor Zuschauern, die Masken tragen und zum Nebenmann jeweils einen Platz frei lassen. An vorsorgliche Schnelltests für Solisten ist schon aus Kostengründen nicht zu denken, Krankheitsfälle führen nur zu kurzfristigen Umbauten im Spielplan. Dass der Dirigent und Musikalische Leiter des Petersburger Michailowski-Theaters, Alexander Wedernikow, Ende vorigen Monats einer Corona-Infektion erlag - zwei Wochen nachdem er mit einer Premiere von Petro Mascagnis 'Cavalleria Rusticana' die Saison eröffnet hatte -, erschien fast wie eine Nachricht im Frontbericht. Vorige Woche starb der 84 Jahre alte Moskauer Regisseur Roman Viktjuk ebenfalls an Corona. Sowohl das Michailowski- wie auch das Viktjuk-Theater spielen unterdessen weiter."

Weiteres: In der Nachtkritik erzählt Joseph Hanimann, wie sich die französischen Theater mit Zoom-Inszenierungen gegen die Spielpause stemmen. In der NZZ gerät dagegen Daniele Muscionico ganz aus dem Häuschen über Lily Sykes' Bühnenfassung von Elena Ferrantes Erfolgsroman "Meine geniale Freundin" am Theater Luzern und triumphiert: "Glückliche Nation, in der die Bühnenkunst nicht ganz mundtot gemacht ist." Aber auch Musionico muss einräumen, dass es weniger um Freiheit als um ein Privileg geht, das nur noch 50 Zuschauern pro Vorstellung gewährt wird. In der FAZ porträtiert Simon Strauß die Schauspielerin Valery Tscheplanowa, die dem Theater den Rücken kehrt, weil sie mit den vielem "moralpolitischen Regeln" nichts anfangen kann.
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Archiv: Bühne

Architektur

Jana Culek: Hilma af Klimt Museum. Bild: Studio Fabula

Oliver Herwig bringt sich in der Ausstellung "Die Architekturmaschine" im Architekturmuseum München auf den neuesten Stand in Sachen Künstlicher Intelligenz. BMI, berichtet er in der FR, ist das neue große Ding in der Gestaltung: "Building Information Modeling bezeichnet den nächsten Schritt auf dem Weg zur digitalen Planung. Statt wie bisher dreidimensionale Modelle zu erstellen und Pläne auszudrucken, die auf der Baustelle spontan geändert werden, zwingt ein digitaler Zwilling des jeweiligen Bauwerks alle an einen Tisch: Die Beteiligten aus dem Architektur- und dem Ingenieursbüro sowie den ausführende Firmen. Sie arbeiten an einem Modell, das sämtliche Leitungen, Kabel und Rohre verzeichnet und so Konflikte ausschließt." Also, in der Berlin brauchen wir so etwas nicht!
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Kunst

In der Haltung zur Gegenwartskunst manifestieren sich oft gesellschaftliche Spaltungen erkennt Christian Saehrendt in der NZZ und verteidigt die Freiheit der Kunst gegen rechte Populisten und Identitätslinke: "Vielleicht sollte man sich an dieser Stelle in Erinnerung rufen, dass eine weitreichende Autonomie der Kunst nicht nur den Kunstschaffenden nutzt, sondern der Gesellschaft insgesamt. Analog zur Freiheit der Wissenschaft und zur Meinungsfreiheit sollte auch die bildende Kunst als Experimentiergelände für Ideen und Problemlösungen erhalten bleiben, als gesellschaftliches Forum, wo Streit, Widerspruch, Vielfalt von Meinungen, zugleich aber auch Toleranz und Dialogfähigkeit erprobt werden können. Kunst sollte der Entfaltung freier Individuen dienen können, denn Kunst ohne Freiheit ist keine Kunst mehr, sondern nur noch Dekoration."

Weiteres: In der FAZ-Reihe zu historischen Ausstellungen erinnert der frühere Direktor des Hamburger Bahnhofs, Eugen Blume, an seine liebste Ausstellung, die von Ydessa Hendele kuratierte Schau "Partners (Teddy Bear Project)" von 2003 in München. Besprochen werden die Ausstellung "Remember September" in der Zwinger Galerie (Tsp).
Archiv: Kunst

Musik

Im FAZ-Gespräch mit Clemens Haustein erklärt der Dirigent Iván Fischer, dass er alle Hoffnungen für den Konzertbetrieb auf die Entwicklung von Schnelltests setzt, die es gestatten würden, ein Konzertpublikum vorab zu testen. Außerdem berichtet er, mit welcher Teststrategie es dem Budapest Festival Orchestra gelingt, auf der Bühne ohne Abstand aufzutreten: Getestet werde "immer am Anfang einer Probenphase und danach in flexiblen Abständen. Wir arbeiten dabei eng mit drei Infektiologen zusammen. ... Die Idee ist, dass wir das Orchester virusfrei halten, dann brauchen wir den Unsinn nicht mit den Abständen auf der Bühne." Zwar gab es schon sechs Positivfälle, aber "im Probenraum selbst wissen wir, wer in der Nähe sitzt. Wenn jemand positiv getestet wird, isolieren wir die Mitspieler aus dem direkten Umfeld, sie müssen dann in Quarantäne." Weitere Ansteckungen im Klangkörper habe es nicht gegeben,

Weitere Artikel: Der populären Musik der Gegenwart ist der Freiheitsimpuls und die Aufbruchstimmung des Jazz und insbesondere des Free Jazz verloren gegangen, seufzt Ueli Bernays in einem NZZ-Essay, auch wenn er immerhin hoffnungsvoll zur Kenntnis nimmt, dass sich in den letzten Jahren eine junge Jazzszene formiert hat. Im ZeitMagazin widmet sich Carolin Pirich Mozarts Geige. Maxim Biller erzählt im Zeit-Magazin von einem Spaziergang mit Igor Levit im Berliner Weinbergspark (das portugiesische Café, an dem sich die beiden treffen, können im übrigen auch einige Perlentaucher empfehlen). Für die FAZ porträtiert Elena Witzeck die Berliner Band Von Wegen Lisbeth.

Besprochen werden Nick Caves Livealbum "Idiot Prayer" (Berliner Zeitung), das digital aufgeführte Konzert, mit dem die Musikerin Mary Ocher den Start ihrer Bookingagentur Underground Institute annonciert (taz) und das neue Album von King Gizzard and The Lizard Wizard (Berliner Zeitung).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Andrea Diener über "Ich, am Strand" von Die Ärzte:

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