Efeu - Die Kulturrundschau

Wie aus Bärenkrallen geschaffen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.06.2019. Der Freitag staunt im New Yorker Museum of Art über Fetisch und Perversion alter Western-Plakate. "Habemus Volkstheater-Intendant", freut sich der Standard über die Wahl von Kay Voges, der das Haus zur digitalen "Factory für Theaterkunst" umbauen möchte. Aber bitte ohne "Spaßetteln" und Mut, ruft der Rest der Wiener. FAZ und FR klettern mit John Armleder in der Schirn auf überdimensionale Katzenkratzbäume. taz und Welt empfehlen die Neuentdeckung der Tagebücher Anne Franks. Und alle trauern um den Bluesmusiker Dr. John.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2019 finden Sie hier

Film

"Ein bisschen pervers": Lobbycard zum Film "Jagd auf James A."


In einer Ausstellung im Museum of Modern Art in New York entdeckt Freitag-Kritikerin Nadja Sayej die Filmwerbematerialien des klassischen Hollywoodkinos als Fläche zum Spiel mit den Geschlechterklischees - eine Perspektive, zu der die Kuratoren Britanny Shaw und Ron Magliozzi explizit einladen. Zu sehen auf den alten Filmplakaten und Aushangbildern gibt es Männer, die Frauen spielen, Frauen, die Männer spielen, androgyne Figuren und durchschaubar codierte Fetischismen - etwa unverhohlene Homoerotismen in den Western-Lobbycards: "Auf einer, die einen Cowboy-Film anpries, steht: 'Ihre Gläser waren leer, ihre Waffen geladen.' ('Their glasses were empty, their guns were loaded.') 'Western sind die am meisten fetischisierten Filme überhaupt, da geht es viel ums Auspeitschen, ein ganzer Katalog voller suggestiven Erotizismus', sagt Magliozzi. An anderer Stelle hängt ein Plakat für einen Warner-Bros.-Film namens 'Jagd auf James A.', das einen Mann mit nacktem Oberkörper zeigt, der von einer Gruppe Männern ausgepeitscht wird. 'Das ist eine sadomasochistische Szene, es ist ein bisschen pervers', meint Magliozzi. 'Es gibt eine Perversion in vielen von diesen Bildern.'"

Besprochen werden die Serie "Fleabag" (Freitag), Dominik Grafs Arte-Film "Hanne" (FAZ), die Ausstellung "Aufbruch ins Jetzt" in der Bayerischen Akademie über den Neuen Deutschen Film  (SZ), Olivier Assayas' "Zwischen den Zeilen" mit Juliette Binoche (Standard, unsere Kritik hier), die Netflix-Serie "When they see us" (Berliner Zeitung) und die zweite Staffel der Serie "Big Little Lies" (FAZ).
Archiv: Film

Literatur

Klaus Hillenbrand (taz) und Marc Reichwein erinnern an Anne Frank, die am 12. Juni 90 Jahre alt geworden wäre. Auch ein guter Anlass, meint Reichwein, ihre "literarische Qualitäten neu zu entdecken. Man findet in Anne Franks Tagebüchern schon immer jede Menge Belege dafür, dass Anne Journalistin oder Schriftstellerin werden wollte und alle Voraussetzungen dazu hatte: Erzählgabe, Humor, Talent zur Selbstdistanz, zur Konkretion und Abstraktion. ... In ihrem über zwei Jahre geführten Tagebuch reift eine anfangs naive Schreiberin zur Schriftstellerin."

Weitere Artikel: Matthias Hannemann hat sich fürs "Literarische Leben" der FAZ nach Lillehammer aufgemacht, um sich auf die Spuren der norwegischen Schriftstellerin Sigrid Undset zu begeben, die 1928 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, sich gerade in den Jahren zwischen den Weltkriegen in Deutschland einer großen Popularität erfreute, heute hierzulande aber kaum noch gelesen wird. In der FAZ schreiben Stefanie Sargnagel und ihre Freundinnen gemeinsames Urlaubstagebuch in Zypern. In der NZZ beschäftigt sich Karl Corino ausführlich mit der Geschichte des Wiener Frauenmörders Christian Voigt, der im Gefängnis seine literarische Ader entdeckte und Robert Musil im "Mann ohne Eigenschaften" als Vorbild seiner Figur Moosbrugger diente. Dlf Kultur bringt eine Lange Nacht von Katharina Palm über James-Bond-Erfinder Ian Fleming.

Besprochen werden unter anderem Leïla Slimanis "All das zu verlieren" (taz), Jewgeni Wodolaskins "Luftgänger" (NZZ), Mokis Comic "Sumpfland" (Freitag), Geovani Martins' Erzählband "Aus dem Schatten" (SZ), die Goethe-Ausstellung der Bundeskunsthalle in Bonn (SZ), Abbas Khiders "Weltdeutsch" (Literarische Welt) sowie Jan Nováks und Jaromír 99s Comic "Tschechenkrieg" (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Archiv: Literatur
Stichwörter: Frank, Anne, Shoah

Musik

Dr. John "war der unbestrittene Hohepriester der einzigartigen Musiktradition von New Orleans", schreibt Andreas Busche in seinem Nachruf im Tagesspiegel auf den verstorbenen Bluesmusiker. Auch für Jonathan Fischer in der SZ ist die musikalische Südstaatenmetropole ohne Dr. John schlichtweg nicht denkbar: "Wann hatte ein Musiker je die Atmosphäre einer Stadt so akkurat heraufbeschworen, in der fast täglich Brassbands und Beerdigungs-Parades durch die Straßen ziehen, während Kellner und Serviermädchen, Straßenverkäufer und Nachbarschaftskinder den Downbeat mit den Hüften aufnehmen, auf den Bürgersteigen tanzen, auf Töpfen die Synkopen mitschlagen? Welcher Alchimist konnte die lokale Mythologie von Voodoo Queens und Rock'n'Roll-Transvestiten so überzeugend in die hippe Sprache der Popkultur überführen?" Und in der NZZ erinnert sich Eric Facon an Interviews, zu denen Dr. John in beeindruckender Montur erschien: Da kam er "auf einen mit kunstvollen Schnitzereien verzierten Gehstock gestützt, unzählige Ketten um den Hals, eine sah aus wie aus Bärenkrallen geschaffen. "verbreitete die Aura eines Voodoo-Priesters oder Schamanen." Seinen Stil fand Dr. John 1968 mit dem Album "Gris-Gris":



Nicht stehen lassen kann SZ-Kritiker Jan Kedves, mit welcher Inbrunst seine Kollegen "Madame X", das neue Album von Madonna, schlachten (unser Resümee). Die Platte "ist im Grunde ein Madonna-Weltmusik-Album, aber ohne Weltmusik-Klischees. 'La Isla Bonita', erweitert um Portugal und Südamerika, Fado und Baile Funk. ... Hat je eine 60-jährige Pop-Ikone schon mal ein Album veröffentlicht, das einerseits so bunt zusammengewürfelt ist und frisch klingt, das zugleich aber voll auf Linie mit dem bisherigen Werk liegt? Es fällt einem keines ein. Aber die Kritiker motzen."

Weitere Artikel: Ulrich Amling hat sich für den Tagesspiegel mit Dorothee Oberlinger getroffen, die erstmals die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci leitet. Für die taz plaudert Thomas Winkler mit Sarah Connor.

Besprochen werden neue Alben von Skepta und Kate Tempest (ZeitOnline), das Jubiläumskonzert der Berliner Philharmoniker zu Ehren von Daniel Barenboim, der das Orchester vor 50 Jahren zum ersten Mal dirigiert hat (Tagesspiegel), ein Abend mit dem Konzertchor Harmonie Zürich (NZZ), das Berliner Konzert von Fleetwood Mac (taz, Tagesspiegel, Märkische Allgemeine, Berliner Zeitung) und Phil Collins' Auftritt in Berlin (Berliner Zeitung).
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Archiv: Musik

Kunst

John Armleder, Divino, 2019, Detail, Mixed Media on Canvas, 350 x 700 cm, detail, Courtesy of the artist and David Kordansky Gallery, Los Angeles, Foto: Julien Gremaud
Das Komplexe hinter dem scheinbar Banalen erkennt FR-Kritikerin Sandra Danicke in der großen John-Armleder-Schau in der Frankfurter Schirn, wo der Schweizer Konzeptkünstler mit Referenzen an Dan Flavin oder Damien Hirst spielt, Discokugeln über überdimensionalen Katzenkratzbäumen funkeln lässt und immer wieder die Wahrnehmung des Betrachters herausfordert: "Zum Beispiel dieses sieben Meter breite Schüttbild, auf dem eine große Anzahl von Farben nebeneinander von oben nach unten geschüttet wurden: Es ist knallbunt. Es glitzert und schimmert. Und jemand, der sich vielleicht mit Farben auskennt, weil er zum Beispiel als Lackierer arbeitet, wird die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, weil die Farben nicht das tun, wofür sie voraussichtlich hergestellt wurden, nämlich eine glatte Oberfläche brillanter Töne zu ergeben. Armleder hat alle möglichen Farben aus allen möglichen Kontexten verwendet, um zu sehen, wie sie miteinander reagieren: Sie bilden Wellen und Schuppen, kräuseln sich zu Schnecken, klumpen und bröckeln. Hanebüchen. Oder auch: hochgradig faszinierend. Armleder wollte, dass das Bild sich im Wesentlichen selbst herstellt." Als "intellektuellen Dekonstrukteur von Umwelt" würdigt auch FAZ-Kritikerin Rose-Maria Gropp den Künstler, dessen Kunst ihr im besten Sinne wie "halbseidener Luxus" erscheint.

Die Gentrifizierung macht auch vor Chinas Künstlern nicht halt: Aus den traditionellen Kunstvierteln sind sie vertrieben worden und ziehen unter zunehmend prekären Lebensbedingungen umher wie die "Nomaden", berichtet Minh An Szabo de Bucs in der NZZ, die sich mit chinesischen Künstlern, etwa Liao Jianhua, getroffen hat: "Die Künstler gehören so gleich den Wanderarbeitern zur untersten Schicht der Gesellschaft. Sie haben keine Krankenversicherung, keine Rentenversicherung und keine andere Grundsicherung. 'Wer krank ist und kein Geld hat, ist geliefert', fasst Liao die Situation nüchtern zusammen."

Ebenfalls in der NZZ ärgert sich Sarah Pines über die Kritiken aus New York Times und New Yorker, die der Ausstellung "Epic Abstraction: Pollock to Herrera" im Metropolitan Museum mangelnde Diversität und Macho-Gehabe vorwerfen: "Die Tatsache indes, dass in der Schau neben Pollock und Rothko auch viele weibliche Künstler vertreten sind, und auch afroamerikanische und japanische, wird nicht etwa als Öffnung des Kanons gewertet, sondern vielmehr als provokant hierarchische Positionierung hingestellt."

Weitere Artikel: Die Debatte um den Künstler und AfD-Anhänger Axel Krause, der zur Leipziger Jahresausstellung erst ein-, dann ausgeladen wurde, worauf die Ausstellung zunächst abgesagt wurde, um nun doch stattzufinden - allerdings ohne Krause, hat vor allem Krause selbst genützt, erkennt Juliane Streich in der taz: Der erhofft sich nach all der Aufmerksamkeit "ein halbes Prozent mehr für die AfD". In der Welt erinnert Wolf Lepenies anlässlich des 200. Geburtstages von Gustave Courbet an dessen Freundschaft mit dem Philosophen Pierre Joseph Proudhon.

Besprochen wird die André-Kirchner-Ausstellung "Stadtrand Berlin" in der Berlinischen Galerie (Tagesspiegel).
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Bühne

"Habemus Volkstheater-Intendant" ruft Margarete Affenzeller im Standard zur Wahl des Dortmunder Theaterleiters und Regisseurs Kay Voges - der auch für die Berliner Volksbühne im Gespräch war. Erst in einer Vorstellung im Volkstheater war Voges bisher, Großes hat er mit dem Haus dennoch vor, weiß Affenzeller: "Das Ensemble soll also das dezidierte Zentrum des Hauses sein, ein 'hochkarätiges Ensemble gleichberechtigter Personen - und weniger Gäste', so Voges. Damit wischt der künftige Direktor auch Befürchtungen vom Tisch, er, der als Regisseur den Kampf mit dem digitalen Zeitalter aufgenommen hat (…), würde den Fokus auf technische Spaßetteln legen und vorzüglich Videos spielen. Mitnichten: Zwar gehe es ihm darum, das Volkstheater 'für die digitale Moderne fit zu machen', eine 'Factory für Theaterkunst' zu etablieren, aber dennoch soll es hier 'richtiges Schauspielertheater' geben."

Leicht wird Voges es allerdings nicht haben an dem "chronisch unterdotierten" und unterbesuchten Haus, weiß Nachtkritiker Martin Thomas Pesl: Kulturstadträtin Veronica "Kaup-Hasler gab bekannt, dass Voges - als Puffer sowohl für seine knappe Vorbereitungszeit als auch für den Zeitplan der Sanierung - erst im Januar 2021 starten darf. Das wird noch Diskussionen geben. Auch nachdem der designierte Intendant schon das Rathaus verlassen hatte, um sich im Volkstheater selbst vorzustellen, wurde die Kulturstadträtin bestürmt. Mag sein, dass Voges in Dortmund sein Theater füllt, hieß es, aber das habe ja auch nur 500 Plätze und nicht 900 wie das Volkstheater. 'Weniger Mut!', rief tatsächlich einer. Mit Experimenten werde man doch das Publikum nicht zurückbringen." Und in der Presse erinnert Thomas Kramar: "Gerade das klein- und bildungsbürgerliche Publikum, das Wien zur Theaterstadt macht, hängt an traditionellen Formen."

Weitere Artikel: Im großen taz-Interview zum 50. Geburtstag des Grips Theaters sprechen Regisseur Vassilis Koukalani und Grips-Gründer Volker Ludwig über Neuinszenierungen, Gentrifizierung und die Kinderfeindlichkeit der Siebziger. Der Standard zitiert Ronald Pohls Laudatio, die Pohl, ebenfalls Jury-Mitglied auf René Pollesch anlässlich des Arthur-Schnitzler-Preises hielt.

Besprochen werden Alienor Dauchez' Video-Oper "I'd rather sink" in der alten Industriehalle am Wriezener Bahnhof (Tagesspiegel), Lisa Nielebocks Inszenierung von Herman Hesses "Siddharta" am Schauspiel Frankfurt (nachtkritik), Monika Gintersdorfers "Körper als Unternehmen" von La Fleur auf Kampnagel (nachtkritik), Michael Talkes Inszenierung von Akin Emanuel Sipals und Edis Arwed Sipals "Shirin und Leif" am Theater Bremen (nachtkritik), Oliver Frljics Inszenierung von Bertolt Brechts "Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer" am Schauspiel Köln (nachtkritik) und Alice Buddebergs Inszenierung von Heiner Müllers "Der Auftrag" am Theater Paderborn (nachtkritik).
Archiv: Bühne