Efeu - Die Kulturrundschau

Einbettung in den Heiligenschein

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19.03.2019. Die NZZ fragt nach der Ausstellung "Fotografinnen an der Front", warum die Verklärung des Krieges nicht mehr hinterfragt wird, wenn Frauen dieses Geschäft betreiben. Die FAZ fragt dagegen das Frankfurter Museum Angewandte Kunst, ob die Unterdrückung der Frau jetzt in Ordnung geht, wenn sie in kleidsamer islamischer Mode daher kommt. Die taz erlebt mit Talal Derkis Dokumentarfilm "Fathers and Sons" den erschreckenden Grad der Verrohung in Syrien. Und die Spex berichtet, wie Erdogans Behörden jetzt auch gegen Rap und HipHop vorgehen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2019 finden Sie hier

Design

Wesaam Al-Badry: Chanel #VII, aus der Serie Al-Kouture, 2018. © Wesaam Al-Badry
In der Leitglosse der FAZ vermisst Hannah Bethke etwas kritisches Urteilsvermögen in der aus San Francisco übernommenen Ausstellung "Contemporary Muslim Fashion", die ab April im Frankfurter Museum Angewandte Kunst zu sehen sein wird und in etwas heiliger Einfalt selbst die Burka als Ausdruck kleidsamer Diversität zelebriert: "Jeder möge doch anziehen, was er will, wird dann oft gesagt, und das sei es doch, was wir alle wollten: eine multikulturelle und tolerante Gesellschaft. Das aber ist eine Toleranz, die blind macht. Die Schau, so viel ist den vorab veröffentlichten Bildern schon zu entnehmen, befördert eine Entpolitisierung der Bekleidung, die genau das nicht ist: bloß eine Mode. Mit westlichem Blick, den sie gerade in Frage stellen wollen, rufen Verfechter kultureller Vielfalt gerne aus: Das sei bloß anders als bei uns, nicht schlechter! Doch das kann nur annehmen, wer nicht sehen will, was es bedeutet, sich zeit seines Lebens in der Öffentlichkeit verschleiern zu müssen, entrechtet zu werden, einfache Dinge wie die Nahrungsaufnahme nur unter großen Mühen verrichten zu können, weil die Burka über dem Mund hängt, während Männer in T-Shirts und Flipflops mit freiem Gesicht daneben sitzen."
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Kunst

Anja Niedringhaus: Afghanische Männer auf einem Motorrad überholen kanadische Soldaten auf einer Patrouille im Bezirk Panjwayi; Salavat, Afghanistan, September 2010. Bild: Kunstpalast, Düsseldorf © picture alliance / AP Images

Schön, dass der Düsseldorfer Kunstpalast die Arbeit von Kriegsreporterinnen würdigt, aber in den Augen der NZZ-Kritikerin Antje Stahl hätte sich der Feminismus keinen Zacken aus der Krone gebrochen, wenn die Kuratorinnen auch kritisch, etwa mit Susan Sontag, ihre Arbeit reflektiert hätten. Besonders an einem Bild der Fotografin Carolyn Cole nimmt Stahl Anstoß, das die Los Angeles Times selbst nicht publiziert hatte: "Die Kuratorinnen haben sich trotzdem dafür entschieden, sie auszustellen: Nach allen Spielregeln der Ästhetik suchten sie nach Aufnahmen, deren 'Bedeutung weit über das hinausgeht, was sie abbilden'. In diesem Fall soll offenbar die Schönheit des Todes die Verwesung der Körper in einem Massengrab am Rand von Monrovia, Liberia, überdauern. Cole fotografierte im August 2003 in Nahaufnahme die Gesichter von zwei Leichen, die Sandkörner so verzieren, als handelte es sich um Goldstaub. Man ist so ergriffen von dieser Einbettung in den Heiligenschein, dass der langjährige brutale Bürgerkrieg zur Nebensache wird. Ob das zur Auf- oder eher zur Verklärung des Krieges beiträgt, müssen wir an anderer Stelle ausdiskutieren."

Bernd Graff berichtet in der SZ von einer Münchner Tagung zu KI in der Kunst.
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Film

Kindersoldaten für den Heiligen Krieg: "Of Fathers and Sons"
Barbara Schweizerhof staunt in der taz darüber, dass es dem seit 2014 in Berlin lebenden, syrischen Filmemacher Talal Derki gelungen ist, sich für seinen Dokumentarfilm "Of Fathers and Sons" als vorgeblicher Kriegsfotograf das Vertrauen einer islamistischen Familie in der syrischen Provinz erschlichen zu haben. Der unbekümmerte Patriarch prahlt mit brutalen "Großtaten", die Söhne sind einem harten militärischen Regiment ausgeliefert. Pathos suche der Film allerdings nicht, er komme ruhig und zurückhalten, aber nicht minder intensiv daher: Es sind "die kleineren, unspektakulären Momente, die den Grad der Verrohung deutlicher zeigen. Wenn ein Freund des Vaters einen der kleineren Brüder damit bedroht, ihm mit dem Messer die Haut abzuziehen oder ihn mit einem Stromkabel zu peitschen, nur im Scherz natürlich, dann scheint der Kleine offenbar genug von solchen Taten zu wissen, um auch bei scherzhafter Drohung fast weinen zu müssen. 'Wir haben seinen Kopf heruntergedrückt und ihn abgetrennt, so wie du es mit dem Mann gemacht hast', erzählt ein anderer der Jungs seinem Vater von der erfolgreichen 'Hinrichtung' eines Vogels."

Weitere Artikel: Die WamS hat ihr Gespräch mit Barbara Sukowa online nachgereicht. Besprochen werden Jan Bonnys unabhängig von Fernsehredaktionen entstandener NSU-Thriller "Wintermärchen" (Tagesspiegel), Małgorzata Szumowskas "Die Maske" (SZ, mehr dazu bereits hier) und die Comedy-Serie "Andere Eltern" (FAZ).
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Literatur

Im Freitag klagt Andreas Merkel sein Leid über den jährlich zu bewältigenden Durs-Grünbein-Türstopper: Die neue Lieferung "Aus der Traum (Kartei)" sei nicht viel mehr als ein "prätentiöses Stilblüten-Schatzkästlein. ... Die Texte sind stellenweise so schlecht, dass man zwischendurch kurz zweifelt, ob man hier nicht einer großen Selbst- und Betriebsverarschung aufsitzt. Mittel- statt Zeigefinger für die 80-jährigen Sinn und Form-Leser, die diese erschöpfte Zettelwirtschaft womöglich noch goutieren."

Weitere Artikel: Martin Reiterer stellt im Standard Neuerscheinungen aus der künstlerisch blühenden tschechischen Comicszene vor. Lars von Törne spricht im Tagesspiegel mit Kim Thúy über deren literarisches Schaffen. Für den Freitag hat sich Jana Volkmann mit dem Schriftsteller Thomas Stangl zum Gespräch getroffen.

Besprochen werden Gabriela Adameșteanus "Verlorener Morgen" (Standard), Goran Vojnovićs "Unter dem Feigenbaum" (Tell-Review), Saša Stanišićs "Herkunft" (Tagesspiegel), Lothar Müllers "Freuds Dinge" (Standard), Dag Solstads im norwegischen Original bereits 1999 veröffentlichter Roman "T. Singer" (NZZ), Dževad Karahasans Erzählband "Ein Haus für die Müden" (SZ) und Marion Braschs "Lieber woanders" (FAZ). Und die SZ bringt heute ihre Literaturbeilage zu Leipziger Messe, die wir in den nächsten Tagen auswerten werden.
Archiv: Literatur
Stichwörter: Grünbein, Durs

Bühne

Kay Voges' Inzenierung "Die Stadt der Blinden" am Hamburger Schauspielhaus. Foto: Marcel Urlaub


Absolut überwältigt kommt taz-Kritikerin Katrin Ullmann aus Kay Voges' Hamburger Inszenierung von Jose Saramagos apokalptischer Parabel "Die Stadt der Blinden", in der sich Blindheit wie eine Epidemie ausbreitet und die Erkrankten von der Regierung weggesperrt werden. So viel Schönheit und Grauen in einem hat Ullmann lange nicht gesehen: "Voges ist ein Theater-Filmerzähler. Mit großer Exaktheit und noch größerer Virtuosität baut er Bilder, erstellt mit dem 21-köpfigen Ensemble einen beeindruckenden Live-Film auf der Bühne, gezeigt im Moment seiner Produktion. Mitten im um sich greifenden Elend, mitten im Schmutz und Hass, der sich in der Gefangenschaft jener Blinden grausam schnell ausbreitet, hält Voges die Kamera zwar auf die dreckige, menschliche Realität, schafft aber zugleich auch alptraumhaft schöne Tableaux vivants. Hier eine stumme Pietà, dort ein verlorenes Kauern, hier eine verzweifelte Sexszene, dort ein exzessiver Tanz. Inmitten des größten Ekels singt sich eine irrlichternde Rosemary Hardy mit Gustav Mahlers 'Ich bin der Welt abhanden gekommen' aus der Meute."

Weiteres: Der österreichische Journalist Florian Klenk und der Schriftsteller Doron Rabinovici haben Reden und Tweets von den Rechtspopulisten, die in Österreich, Polen und Ungarn an der Regierung sind, zu einem "Stimmenorkan" zusammengfasst. Im SZ-Interview sprechen sie über ihr Dokumentarstück "Alles kann passieren", wobei Rabonovici versichert: "Wenn man das alles in einem Schwung liest und hört, versteht man: Alle Rücksichtnahmen, die die frühere Politik der Nachkriegszeit noch gekennzeichnet haben, sind aufgehoben." Mit Damien Jalets hypnotischer Choreografie "Omphalos", die auf Hamburgs Kampnagel uraufgeführt wurde, blickt FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster auf das veränderte Verhältnis des zeitgenössischen Tanzes zur Unterhaltungsindustrie.

Besprochen werden außerdem Ersan Mondtags gendergerechte und mit einem Monolog von Carolin Emcke unterlegte Inszenierung von Schillers "Räubern" in Köln (die NZZ-Kritiker Bernd Noack als "lähmend surreale Kitschoper" tituliert, SZ), Harry Kupfers Inszenierung von Händels "Poros" an der Komischen Oper ("sturzlangweilig" findet sie taz-Kritiker Niklaus Hablützel), Árpád Schillings "Der letzte Gast" am Berliner Ensemble (den Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung "kläglich gescheitert sieht), eine Inszenierung von Richard Strauss' "Ariadne von Naxos" an der Opéra de Lausanne (NZZ), Richard Wagners "Walküre" in Kassel (SZ) und Hans Werner Henzes "Prinz von Homburg" an der Stuttgarts Oper (FAZ).

Archiv: Bühne

Architektur

Annegret Eberhard besucht für die taz die Ausstellung zur "Neuen Heimat" im Architekturmuseum der TU München, die noch einmal der Geschichte der sozialen, aber grandios pleite gegangenen Wohnungsbaugesellschaft auf den Grund geht.
Archiv: Architektur
Stichwörter: Neue Heimat

Musik

Auch in der Türkei ist Hip-Hop die bestimmende Musikrichtung in der Jugend- und Subkultur und bietet der heranwachsenden Generation ein Vehikel sowohl für den eigenen Hedonismus als auch für einen kritischen Blick auf gesellschaftliche und politische Zustände. Längst überziehen Erdogans Behörden die Szene mit Repressalien, berichtet Pınar Üzeltüzenci in der Spex. Schon ein Lied über Drogenkonsum kann zu mehreren Jahren Haftstrafen führen, erfahren wir. So im Fall von Ceg und seinem Producer Server Uraz, der vier Jahre absitzen muss. Uraz erzählt, "dass er seit 2006 mehrmals vor Gericht stand, aber bis dato nie verurteilt wurde. 'Dieses Mal ist es anders', sagt er, "was zeigt, dass sich der politische Druck intensiviert hat und wir uns sorgen, was da noch kommen wird.' Er findet den von oben verordneten Konformismus besorgniserregend: 'Die Regierung verschließt ihre Ohren nicht nur vor unterschiedlichen Stimmen, sie versucht darüber hinaus, jede_n zum Schweigen zu bringen, der oder die eine andere Meinung vertritt als sie selbst.'"

Die britische Musikszene protestiert gegen Ankündigungen der BBC, ihre Musikwelle Radio 3 künftig stromlininienförmiger zu gestalten, berichtet Richard Foster auf The Quietus: "Die BBC hatte immer Raum "für das Sonderbare, das Unerwartete, das Nervige. Für die Seltsamkeiten, die andere Medien nicht anfassen. ... Darin liegt der wahre Genius dieses Unternehmens. In ihren besten Momenten gelang es der BBC mühelos, intellektuelle Strenge mit einem Sinn für das wunderliche Regionale zu verbinden. Man werfe nur einen Blick auf Steve Barkers legendäre Radiosendung 'On the Wire' auf Radio Lancashire. Worin auch der Grund liegt, warum insbesondere diese Entscheidung so wütend macht. 'Brot und Spiele'-Sendungen gibt es heute an jeder Straßenecke. Der Anspruch, auf einen Schlag einfach alle zu erreichen, stößt uns immer näher in Richtung einer uns zunehmend den Atem raubenden Echokammer." Sehr ähnlich sieht das auch Luke Turner im Guardian.

Weitere Artikel: In der taz stellt Steffen Greiner Clementine Creevy von der US-Rockband Cherry Glazerr vor, die manche Medien bereits zur neuen Punkikonie hochjazzen. Wer kein Backup hatte, war schlecht beraten: Bei einer Serverumzug hat Myspace mal eben knapp 50 Millionen hochgeladene Songs unrettbar im digitalen Orkus verpuffen lassen, meldet The Quietus. Thomas Schacher wirft in der NZZ einen Blick ins Programm des Forums Alte Musik in Zürich. Derek Robertson plaudert für The Quietus mit der japanischen Acid-Folk-Band Kikagaku Moyo. Nachrufe auf den Surf-Pionier Dick Dale schreiben Christian Schachinger (Standard), Christian Schlüter (Berliner Zeitung), Christian Schröder (Tagesspiegel), Michael Pilz (Welt) und Julian Weber (taz). Dale satt bietet diese Youtube-Playlist:



Besprochen werden ein von Simon Rattle dirigiertes Konzert der Berliner Philharmoniker (Tagesspiegel), The Comet is Comings neues Album "Trust in the Lifeforce of the Deep Mystery" (Pitchfork), ein Britten- und Schostakowitsch-Abend des Berliner Konzerthausorchesters (Tagesspiegel), Evgeny Kissins Aufrtitt in München (SZ), Matmos' neues Album "Plastic Anniversary" (Pitchfork), ein großes Coffeetable-Book über die Butthole Surfers (The Quietus) und neue Klassikveröffentlichungen, darunter Bach-Aufnahmen des Geigers Mikhail Pochekin (SZ).
Archiv: Musik
Stichwörter: Türkei, Rap, Hiphop, Bbc, Matmos