Efeu - Die Kulturrundschau

Hinten der Po, sehr meta

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.03.2019. Heute Abend beginnt die Leipziger Buchmesse. Die NZZ sieht im Auftritt des Gastlands Tschechien auch die ultimative Geste der Versöhnung. In Liberation schreibt Philippe Lançon über Rembrandt. Der Tagesspiegel  erkundet mit Luk Perceval in Gent, wie kolonialistischen Verbrechen auch den eigenen Blick zerstören. Und der Guardian meldet, dass die National Portrait Gallery dankend auf eine Millionenspende der Familie Sackler verzichtet. Und was richtig gut ist: Gebrannte Mandeln, wenn man mal 'ne Ente macht.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.03.2019 finden Sie hier

Literatur

Tschechien als Gastland der Leipziger Buchmesse bietet den Feuilletons Anlass zu zahlreichen Reportagen und Überblicken: Andreas Breitenstein referiert in der NZZ ausführlich das konfliktreiche deutsch-tschechische Verhältnis im 20. Jahrhundert und erklärt den Auftritt des Landes in Leipzig zur finalen Versöhnungsgeste zwischen den beiden Ländern: "Generell ist ein Dammbruch festzustellen, was belastete historische Themen angeht: Der jungen Generation stehen die alten Komplexe fern, sie hat keine Berührungsängste gegenüber der Tatsache, dass die Tschechen nicht nur Opfer waren und die Moral nicht immer auf ihrer Seite lag. Sie will, wie Václav Havel einst sagte, 'in der Wahrheit leben'." Und Tilman Spreckelsen erklärt in der FAZ: "Die tschechischen Autoren, die heute publizieren, sind zumeist Grenzgänger: zwischen Realität und Phantasma, zwischen Geschichte und Gegenwart und nicht zuletzt zwischen den Kulturen. Der Generationenwechsel von den Helden des Prager Frühlings, wohl auch von denen der Samtenen Revolution ist längst vollzogen."

Ein Land der Leser stellt sich vor, schreibt Gregor Dotzauer im Tagesspiegel, staunend über "die größte Bibliotheksdichte der Welt", die in Tschechien anzutreffen ist. Da in den letzten Jahren nur überschaubar Romane ins Deutsche übersetzt wurden, nun aber gleich fast 70 Übersetzungen kommen, nimmt er die Einladung dankbar an, "die Dinge einmal von ihrer tschechischen Seite aus anzusehen". Für die SZ ist Alex Rühle mit dem Schriftsteller Jaroslav Rudiš durch Tschechien gereist. Unsere Buchnotizen über tschechische Bücher finden Sie hier.

Weitere Artikel: Die SZ erinnert an die DDR-Autorinnen und -Autoren Edeltraud Eckert, Jutta Petzold, Heidemarie Härtl, Günter Ullmann, Salli Sallmann, Gabriele Stötzer, Ralf-Günter Krolkiewicz und Radjo Monk, die unter Beobachtung standen und denen der Zugang zur Leipziger Buchmesse entsprechend verwehrt war. Im Logbuch Suhrkamp führt Michael Hagner durch seine Buchsammlung.

Besprochen werden unter anderem Thomas Gottschalks neue Literatursendung im BR, die bei der Kritik eher auf Spott als auf Anerkennung stößt (Welt, FAZ, SpOn), Ursula Wiegeles "Was Augen hat und Ohren" (Freitag), Dominique Goblets und Kai Pfeiffers Comicband "Bei Gefallen auch mehr..." (Presse), Maria Stefanopoulous "Athos der Förster" (Freitag), Charles Lewinskys "Der Stotterer" (NZZ), Sheila Hetis "Mutterschaft" (Berliner Zeitung) und Matthias Nawrats Episodenroman "Der traurige Gast" (Tagesspiegel, FAZ).

Außerdem erscheint heute die Beilage taz zur Buchmesse, die wir in den kommenden Tagen auswerten werden. Darin besprochen werden unter anderem Siri Hustvedts Essayband "Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen", Saša Stanišićs "Heimat", Barbara Honigmanns "Georg" und Philippe Lançons "Der Fetzen".
Archiv: Literatur

Kunst

Als erste große Kunstinstitution wird die Londonder National Portrait Gallery auf eine Millionenspende der Familie Sackler verzichten, deren Firma Purdue Pharma mit seinem Schmerzmittel OxyContin maßgeblich für die Opioid-Krise in den USA verantwortlich gemacht wird, meldet der Guardian: "Während beide Seiten betonten, dass die Entscheidung in gegenseitigem Einvernehmen getroffen wurde, wird es als schwerer Schlag für den Status der Familie als führende Philanthropen betrachtet, aber auch als Beleg, dass die von der amerikanischen Künstlerin Nan Goldin geführten Kampagne gegen die Sacklers Wirkung zeigt. Goldin, eine Kunstfotografin, die selbst bekannt machte, dass sie von OxyContin abhängig wurde, sagte gegenüber dem Guardian, sie freue sich sehr über diese wichtige Entscheidung der Portrait Gallery und sie hoffe, das werde anderen Museen und Institutionen in Britannien und den USA zu denken geben."

Weiteres: In einem sehr schönen Text in Libération schreibt Philippe Lançon über die Rembrandt-Schau in Amsterdam: "Dieser Sinn für das Unsichtbare, diese Suche nach der Verbindung von innerem und äußeren Licht spürt man überall, wenn man in diesen Tage das Rijksmuseum betritt." Anne Katrin Fessler beobachtet im Standard, wie sich das Fotofestival "Eyes On" nach seinem Relaunch als "Foto Wien" professionalisiert. Die NZZ meldet, dass der Frank-Schirrmacher-Preis in diesem Jahr an Ai Weiwei geht. Besprochen wird eine Schau der Chicagoer Imagist im Goldsmiths Centre for Contemporary Art in London (Guardian).
Archiv: Kunst

Film

Am Rande des menschlichen Verstands: "Wintermärchen"

Zum raunenden Pathos, in das die NSU-Terroristen und ihre Morde hierzulande oft verpackt werden, verhält sich Jan Bonnys "Wintermärchen" wie ein bitter benötigtes Antidot, schreibt Lars Fleischmann in der taz: Keine Nationalstolz-Helden treten hier auf, sondern ein Haufen narzisstisch gekränkter, triebhaft durchs Leben stolpernde Versager. Im Mittelpunkt des Films stehen "die Dynamiken der unheiligen Dreierallianz", in die einen der Film hineinzwingt: "Wir müssen ihnen zuschauen, wenn sie sich mal wieder anschreien und geifern, wenn sie am Rande des menschlichen Verstands entlang formulieren, was sie wollen. Becky, Tommi und Maik sind keine straff organisierten Nazikader, keine Kameraden und ganz sicher keine Helden, sondern bloß stumpfe, grunzende Primaten. ... Wir sehen hier das 'Wintermärchen', den leichenkalten Zwilling des Nationalstolzes." Georg Seeßlen nimmt den Kinostart in epdFilm zum Anlass für einen großen Essay über Filme, die aus Perspektive der Täter erzählt sind.

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel spricht Christiane Peitz mit Ulrich Matthes über die Arbeit der Deutschen Filmakademie, der er als neuer Präsident vorsteht. Besprochen werden Jordan Peeles Horrorfilm "Wir" (SZ, FAZ), Małgorzata Szumowskas "Die Maske" (Freitag, mehr dazu hier) und Robert Guédiguians "Das Haus am Meer" (critic.de).
Anzeige
Archiv: Film

Bühne

Luk Percevals "Black / The Sorrows of Belgium I: Congo. Foto: Michiel Devijver / Nationaltheater Gent

Hin und her geworfen zwischen "theatraler Schockstarre, versöhnungstrunkenem Ideal und böser Persiflage" wurde Tagesspiegel-Kritiker Eberhard Spreng von Luk Perceval, der in seinem Genter Stück "Black" Belgiens Verbrechen im Kongo nachspürt. Zehn Millionen Menschen starben dort, als Leopold II. sein Söldnerheer Force Publique auf Raubzug schickte: "Nicht nur Perceval fordert, Leopold in eine Reihe mit Massenmördern wie Hitler, Stalin oder Pol Pot zu stellen. Warum, fragt sich der Regisseur, gibt es in Belgien immer noch Statuen, die den Ausbeuter Leopold als väterlichen Wohltäter inszenieren. Scham sei das Gefühl, das sein Verhältnis zum Heimatland beschreibt, sagt Perceval. Der Regisseur weiß, dass dem Thema mit Drastik wohl nicht beizukommen ist, nicht mit blutigen Macheten und abgehackten Theaterhänden. Auch der pädagogische Eifer eines aufklärerischen Dokumentartheaters interessiert ihn nicht. Er vertraut auf ein Gruppenbild, das eher einer musikdramaturgischen Logik folgt, als einer historischen Chronik. Ein Bild, das immerfort sagen will: Na schaut mal, ihr Weißen mit dem nach Jahrhunderten des Rassismus zerstörten Blick."

Sehr fordernd, aber ziemlich witzig und ungemein anregend findet Jan Brachmann, wie der ukrainische Regisseur Andriy Zholdak in Lyon mit Tschaikowskys "Zauberin" die Oper auf ihre Möglichkeiten abklopft: "Jeder Aspekt der Oper, Eskapismus, Kunstreligion, Sexualität, erschafft sich auf der Bühne seinen eigenen Symbolraum. Gleichzeitig!"

Weiteres: Doria Batycka meldet auf Hyperallergic, dass die russischen Behörden ein Theaterfestival in Komsomolsk na Amur mit ihrem berüchtigten Gesetz gegen "schwule Propaganda" gestoppt haben. Besprochen werden Hans Werner Henzes Oper "Prinz von Homburg" in Stuttgart (SZ), Kay Voges "Die Stadt der Blinden" und Katie Mitchells "Bluets" in Hamburg (SZ, FAZ), Jérôme Bels filmische Rückschau auf sein choreografisches Werk "Retrospektive" (Berliner Zeitung).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Perceval, Luk, Rassismus

Musik

Lee Gambles neues Album "In a Paraventral Scale" ist eine akustische Reaktion auf die ökonomisch befeuerte Reizüberflutung urbaner und digitaler Räume, erklärt Philipp Rhensius in der taz. Die "weitgehend beatlose Klanglandschaften zwischen Ambient, Klangkunst und skelettierten Clubtracks" lassen den Eindruck "einer fremden Welt" entstehen, "die Klangpartikel aus vertrauten Geräuschen enthält. Eine Form von akustischer Science-Fiction - und das ist auch so intendiert." Wir hören rein:



Weitere Artikel: Ronald Pohl erinnert im Standard an den vor 100 Jahren geborenen Jazzmusiker Lennie Tristano. Auch im Gastauftritt im neuen Deichkind-Video "Richtig gutes Zeug" zieht Lars Eidinger wieder blank, schreibt Jan Kedves in der SZ-Popkolumne: "Pappe über dem Puller, aber hinten der Po, sehr meta."



Besprochen werden Elfi Aichingers Album "Core" (Standard), ein Konzert des Cellisten Jean-Guihen Queyras (Tagesspiegel), Jadus Debütalbum "Nachricht vom Feind" (Tagesspiegel) und Efdemins zwischen Klangkunst und Techno changierendes Album "New Atlantis" (FAZ).

Außerdem sehr schön: Eine von Spike Jonze live inszenierte Performance von Karen O und Danger Mouse bei Stephen Colbert:

Archiv: Musik