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Efeu - Die Kulturrundschau

Alle Gravitas unter den Teppich

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.10.2018. Was muss geschehen, damit die Staatlichen Museen Berlin und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz endlich aus ihrem Beamten-Tiefschlaf aufwachen, fragt die Welt. Die nachtkritik sieht in Hamburg die Welt mit Karin Beyers "König Lear"-Inszenierung in Farbe untergehen. Die SZ streift mit dem Fotografen Martin Parr auf Motivsuche durch eine Kleingartenanlage bei Düsseldorf. taz und Zeit online werfen dem Bauhaus Dessau Einknicken vor den Rechtspopulisten vor, nachdem dort ein Konzert der linken Punkband Feine Sahne Fischfilet abgesagt wurde.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.10.2018 finden Sie hier

Architektur

Frank Gehry, Yale Psychiatric Institute in New Haven, Connecticut, Ende der achtziger Jahre. Mit freundlicher Genehmigung von Frank Gehry / Tchoban Foundation


In der Welt stellt Marcus Woeller den russischen Architekten Sergei Tchoban vor, der in Berlin ein privates Museum für Architekturzeichnung aufgebaut hat: "In Berlin gibt es kein Architekturmuseum. Die Berlinische Galerie hat eine gute regionale Sammlung. Die Staatlichen Museen ignorieren die Baukunst. Bis die Bauakademie wieder - und mit welchem Auftrag - errichtet ist, vergehen noch Jahre. Im Pfefferberg-Komplex residiert immerhin die Architekturgalerie Aedes. So füllt Tchoban mit seinem ohne öffentliche Förderung finanzierten Leuchtturm in Prenzlauer Berg eine echte Lücke. 'Ich wollte als Sammler ernsthaft auftreten und Museen, die nie in Berlin ausgestellt haben, hier eine Plattform schaffen.' Das Londoner Sir John Soane's Museum mit dem Nachlass des berühmten englischen Architekten war schon dreimal zu Gast. Die Wiener Albertina hat in Berlin erstmals ihre Architekturzeichnungen ausgestellt. Nun kommt die Technische Universität und zeigt Zeichnungen von Hans Poelzig."

Außerdem: Die taz feiert heute auf sage und schreibe 48 Seiten ihren Neubau.
Archiv: Architektur

Musik

Nach rechten Protesten wurde ein ZDF-Konzert der linken Punkband Feine Sahne Fischfilet seitens des Veranstaltungsortes, dem Bauhaus Dessau, abgesagt. Auch die CDU hatte sich unter Verweis auf einige ältere, gängiger Punk-Folklore entsprechende Textzeilen gegen das Konzert ausgesprochen. Für "ein überaus schlechtes Zeichen" hält es tazler Jens Uthoff in seinem Hintergrundartikel, "wenn der rechte Flügel der CDU aktuell den Argumentationslinien von Rechtspopulisten folgt und deren Schema Linksextremismus gleich Rechtsextremismus übernimmt".

Jens Balzer legt auf ZeitOnline dar, in welchem textimmanentem Kontext die inkriminierten Textstellen von Feine Sahne Fischfilet zu sehen sind: Nicht als Aufruf zur Gewalt, sondern als künstlerischer Ausdruck eines Ohnmachtgefühls nach selbsterlebter Polizeigewalt. Als "realen Selbstermächtigungsaufruf" könne man diese Passagen nur interpretieren, wenn man die Position einnimmt, "dass es zwischen einem künstlerischen Ausdruck und einer politischen Aussage keinen Unterschied gibt; dass also alles, was in einem Lied (...) geäußert wird, eins zu eins zu verstehen ist." Und eben darin liege rechterseits des Pudels wahrer Kern: "So wie die Neuen Rechten die Politik ästhetisieren und mit kalkulierten Mehrdeutigkeiten durchsetzen - so wollen sie umgekehrt der Kunst jedes Recht auf Nicht-so-gemeint-sein entziehen. Es gehört zum Wesenskern dieser politischen Ideologie, dass sie die Hoheit über die Ambivalenzproduktion absolut für sich allein beansprucht. Ästhetische Gegenstände kommen in diesem Weltbild nur noch als Medium zur Verbreitung eindeutiger politischer Botschaften vor." Für Dirk Knipphals in der taz ist die Absage des Bauhauses, die sich auch noch auf eine angeblich unpolitische Tradition des Hauses bezieht, ein kulturpolitisches Desaster.

Was sagt die Band selbst? "Es ist doch wohl klar, dass wir am 6.11. in Dessau spielen werden!"

Kunst hilft beim Verständnis der vielen Differenzen auf dieser Welt, sagt Cellist Yo-Yo Ma im FAZ-Interview. Und gerade Bach sei hier ein Gewährsmann: "Weil Bach nicht nur Musiker ist, sondern auch Gelehrter und Philosoph. Bach betrachtete die menschliche Natur in objektiver Weise wie ein Wissenschaftler. Zugleich haben wir den empathischen Bach, der alles auf der Gefühlsebene begreifen möchte: Schmerz, Leid, Freude, die ganze conditio humana. Dabei urteilt er nicht und liefert auch keine fertigen Antworten. Vielmehr scheint er zu sagen: Das ist unsere Welt, wir wollen unsere Augen nicht verschließen und ihr mit dem Verstand wie mit dem Gefühl begegnen."

Überhaupt Bach: Dessen Perfektionismus kann Hans Ulrich Gumbrecht ohne weiteres goutieren, während ihm der Perfektionismus etwa eines Thomas Mann doch ziemlich schal vorkommt, wie er im Welt-Gespräch mit Techno-DJ Westbam erklärt: "Ich kann bei Thomas Mann nie vergessen, dass es so gekonnt ist. Bei Bach kommt der Moment, wo die Musik etwas Absolutes bekommt; etwas artikuliert sich da, das nicht Bach ist."

Weitere Artikel: Stephanie Grimm (taz) und Jan Kedves (SZ) haben sich auf Gespräche mit Neneh Cherry getroffen. In der SZ berichtet Dirk Wagner von der ersten, durchweg geglückten Ausgabe des Progressive Chamber Music Festivals in Milla. Für die FR plaudert Arne Löffel mit DJ Mladen Solomun.

Besprochen werden das Comeback-Album von Elvis Costello (Welt), das neue Album von Element of Crime (FAZ), ein Konzert der Berliner Philharmoniker unter Paavo Järvi (Tagesspiegel) und ein Auftritt von Ady Suleiman (Tagesspiegel).
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Kunst

Auch wenn er sich nicht viel davon erwartet: In der Welt ist Boris Pofalla heilfroh, dass Monika Grütters endlich den Deutschen Wissenschaftsrat um eine Evaluierung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gebeten hat. Deren Leiter Hermann Parzinger findet er ebenso uninspiriert und beamtenhaft wie Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, der direkt unter Parzinger steht. Warum zum Beispiel, fragt Pofalla, sind die Werke der Neuen Nationalgalerie während der sechjährigen Renovierung dauerhaft weggesperrt? "Als das MoMA 2004 umgebaut wurde, kamen zweihundert Meisterwerke aus Manhattan nach Berlin, das war eine Sensation, ein Blockbuster mit 1,2 Millionen Besuchern. Warum geht die Nationalgalerie nicht in Amerika auf Tournee? Oder in Japan?" Wie einfallslos Berlins oberste Museumsdirektoren sind, zeigt sich auch an den sinkenden Besucherzahlen, "von 4,7 Millionen im Jahr 2010 auf 3,5 Millionen 2017, das ist ein Viertel. Im selben Zeitraum ist die Zahl der Touristenübernachtungen in Berlin um vierzig Prozent gestiegen. Besucherzahlen sind nicht alles. Aber langfristig liefert die SPK sich durch ihr alternativloses Weiter-So völlig der jeweils amtierenden Bundesregierung aus, die zuletzt für achtzig Prozent des Budgets aufkam. Wer zahlt, bestellt auch die Musik. Keiner weiß, wer in fünf oder zehn Jahren Kulturstaatsminister ist, welcher Wind dann weht."

Catrin Lorch spaziert für die SZ mit Martin Parr durch eine Kleingartenanlage bei Düsseldorf - immer auf der Suche nach einem Motiv und immer ein bisschen in der Angst, der große britische Fotograf könne sie über die deutschen Kleingärtner lustig machen. Was ganz ungerecht ist: "Offensichtlich hat Martin Parr deutsche Porträtkunst verinnerlicht, sich mit deutschen Fotografen von August Sander bis Thomas Struth beschäftigt. Wer ihm an diesem Tag Modell steht, wird später auf den Fotografien so charakteristisch wirken wie die Bäcker, Schornsteinfeger und Maurergesellen, die August Sander für seinen Klassiker 'Menschen des 20. Jahrhunderts' versammelt hat. Der ältere Herr in gebügeltem Karohemd und Jeans steht mit seinem Rechen so knurrig und tatkräftig unter seinem Apfelbaum, als sei er ein Enkel der Sander'schen Typen. Und sogar das Guns N' Roses-Shirt eines Vereinskameraden, der in seinem Gartenteich Koi-Karpfen hält, gewinnt an Charakter, wirkt lokalstolz, fast bodenständig. Schon weil unweit jemand am Fahnenmast die Flagge der Toten Hosen gehisst hat."

Weiteres: In der NZZ schildert Maria Becker die Probleme bei der notwendigen Restaurierung des Isenheimer Altars in Colmar: wieviel Original wird am Ende noch übrig sein? In der taz annonciert Andreas Hartmann die Kunstauktion von Bernd Schultz, Gründer des Auktionshauses Villa Grisebach, der seine Sammlung für die Gründung eines Exilmuseums verkaufen will.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Matthias Bruggmanns Fotos aus dem syrischen Bürgerkrieg im Musée de l'Elysée in Lausanne (NZZ), eine Schau der kolumbianischen Künstlerin Beatriz González in den Berliner Kunstwerken (taz) und die Ausstellung "Florenz und seine Maler. Von Giotto bis Leonardo da Vinci" in der Alten Pinakothek in München (FAZ).
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Archiv: Kunst

Film

Jonas Nay und Maria Schrader undercover in "Deutschland 86"


Wie zuvor schon bei der zweiten Staffel von "4 Blocks" muss ZeitOnline-Kritikerin Carolin Ströbele auch bei "Deutschland 86" abwinken: Der ungewohnte Erfolg, den deutsche Serien zuletzt hatten, bekommt ihnen irgendwie nicht so richtig. "Man hat das Gefühl, ein paar Kinder hätten sich mal richtig austoben dürfen und alles auf die Leinwand geworfen, was sie schon immer mal gut fanden und nachmachen wollten. Blöderweise hatte im Anschluss keiner von den Erwachsenen Lust, das Ganze zu sortieren und aufzuräumen. Man merkt diesen ersten Fortsetzungen neuer deutscher Serien an, dass sie unter großem Druck produziert wurden. Die Zeit des Feierns ist vorbei, jetzt muss nachgeliefert werden, und zwar schnell." Oliver Jungen seufzt in der FAZ über "die allzu vielen Zufälle", mit denen sich die Autoren dieser BRD/DDR/Südafrika-Spionage-Saga die Arbeit etwas erleichtern. Im Filmdienst hat Rüdiger Suchsland zwar den einen oder anderen Verbesserungsvorschlag, aber insgesamt "dominiert der Eindruck einer überdurchschnittlich guten Serie."

Weitere Artikel: Patrick Holzapfel meditiert im Filmdienst über das Kino von Matteo Garrone. Kirsten Taylor schreibt im Filmdienst über Transgender im Film. Außerdem haben sich Patrick Holzapfel und Christoph Huber für das Blog des Österreichischen Filmmuseums sehr ausführlich mit Nicolas Wackerbarth über dessen Film "Casting" (unsere Kritik) und Rainer Werner Fassbinder unterhalten.

Besprochen werden William H. Macys Coming-of-Age-Film "Krystal", den FAZ-Kritikerin Lisa Bingenheimer entrüstet in die Tonne tritt, während ihn Perlentaucher Lukas Foerster in höchsten Tönen lobt, Matteo Garrones "Dogman" (Standard), Quinn Shephards "Blame" (SZ) und Sönke Wortmanns "Der Vorname" (FAZ).
Archiv: Film

Literatur

Der Science-Fiction-Autor der Stunde ist zweifelsfrei der Chinese Liu Cixin: In Deutschland ist gerade der zweite Teil seiner international gefeierten, auf Chinesisch bereits vor knapp 10 Jahren erschienenen Trisolaris-Trilogie erschienen. Wieland Freund hat die Gunst einer Lesetour (hier Eindrücke vom Berliner Auftritt, moderiert von Dietmar Dath) für ein Treffen mit dem Autor genutzt und dabei einige Impulse mitnehmen können: Während im Westen nämlich die Dystopie als Narrativ bis in Politiker-Ansprachen vorgedrungen ist, blicken Chinesen anders, nämlich positiv in die Zukunft, wie Liu erklärt: "Ich habe mein ganzes Leben in China gelebt, aber das Land meiner Kindheit war eine andere Welt, die sich radikal von der Welt unterscheidet, in der ich jetzt zu Hause bin. Selbst die größten Pessimisten in China müssen zugeben, dass das Land in den letzten 40 Jahren riesige Fortschritte gemacht hat."

Weitere Artikel: Fritz Senn verteidigt in der NZZ die von ihm angeleitete Überarbeitung der "Ulysses"-Übersetzung von Hans Wollschläger, die nach einem Veto der Wollschläger-Erbin Gabriele Gordon nicht erscheinen darf. Angela Schader liest beide Fassungen im Vergleich: "Lässt man sich erst einmal auf dieser Ebene auf die Bücher ein, dann wird schnell klar, wie viel interessanter und fruchtbarer es ist, sie in einen Trialog treten zu lassen, statt sie gegeneinander auszuspielen." In der SZ freut sich Felix Stephan über den Bestsellerlisten-Erfolg der wiederveröffentlichten James-Baldwin-Bücher. Sarah Pines lässt sich im Welt-Gespräch von der Soziologin Eva Illouz erklären, warum in der westlichen Kultur so oft vom Anfang der Liebe, aber weit seltener von deren Ende erzählt wird.

Besprochen werden eine Geschichte des Dreißigjährigen Krieges von Georg Schmidt (NZZ), Mark Greengrass' historisches Lesebuch "Das verlorene Paradies. Europa 1517-1648 (NZZ), Wolf Haas' "Junger Mann" (taz), die Neuauflage von Jörg Schröders "Siegfried" (Welt), Jennifer Egans New-York-Roman "Manhattan Beach" (online nachgereicht von der Zeit), Christian Lehnerts Lyrikband "Cherubinischer Staub" (taz), die Lyrik-Anthologie "Das Gedicht und sein Double" (FR), Christoph Heins "Verwirrnis" (online nachgereicht von der FAZ) und Karl Wolfgang Flenders' Meta-Krimi "Helden der Nacht" (FAZ).
Archiv: Literatur

Bühne

Szene aus "König Lear" am Schauspielhaus Hamburg. Foto: © Matthias Horn

"Konnte die Welt noch dunkler werden? So geborsten, wie sie war - 2009 in Köln. Als 'König Lear' eine Frauensache abgab und doch in nichts einem Männer-Ding nachstand. Barbara Nüsse ging für Karin Beier in den Wahn, der sie ihre Wunde aushalten ließ. Mit ihr ging mehr als ein Reich zuschanden ... Nun dreht es sich", schreibt nachtkritiker Andreas Wilink über Karin Beiers neue Inszenierung von Shakespeares "König Lear" am Schauspielhaus Hamburg. "Die Welt - 'What a wonderful world', wie der Narr mit kleiner Stimme singt - muss nicht Schwarzweiß zu Grunde gehen. Sie kann es in Farbe tun und uns dabei eine Nase drehen. Sie ist tollwütig, ungebärdig, politisch diskursiv, schürft sich auf. Manchmal bis aufs rohe Fleisch. Bisweilen wird es einem zu bunt und zu viel. Beier kehrt alle Gravitas unter den Teppich, holt das Stück aus der Zeitlosigkeit des Endspiels in die Gegenwart der Schrecken: mit einem Epilog als revoltierendem Manifest der Heimatlosen, Entwurzelten, Vertriebenen, vorgetragen vom überlebenden Edgar (Kampwirth). Dieser 'Lear' folgt vielen Fährten: der des Geschlechter-Kampfes und seiner variablen Grenzen. Es scheint, als würde erst im Wechsel der Masken das Doppelgesichtige deutlich, als würden Kostüme, Farben, Aufputz, verstellende Identitäts-Attribute das Figuren-Innere ausloten."

In der taz porträtiert Sabine Seifert den Regisseur Georg Genoux, der versucht, mit Theater die Menschen zu heilen - erst kriegstraumatisierte Ukrainer und nun die Sachsen: "Seit fünf Monaten arbeitet er in Zittau, die taz hat ihn dabei begleitet. 'Das Dokumentarische inszenieren: einen größeren Gegensatz gibt es kaum', sagt Genoux auf dem Marktplatz. Er versucht etwas aus der Wirklichkeit auf die Bühne zu holen, etwas sichtbar zu machen, das man im Alltag nicht sieht. Der Regisseur legt die Sonnenbrille mit sehr kleinen Gläsern vor sich auf den Tisch. Es geht ihm um Verletzungen, beschädigte Biografien und unbeschädigte Träume. 'Die Wirklichkeit noch wirklicher machen', nennt er es. 'Ich weiß, dass das angreifbar ist.'"

Besprochen werden außerdem Thorleifur Örn Arnarsson Inszenierung von Shakespeares "Macbeth" am Schauspiel Hannover (nachtkritik, FAZ), Stephan Müllers Inszenierung von Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" am Theater in der Josefstadt in Wien (Presse, Standard, FAZ), Christine Eders und Eva Jantschitschs Politshow "Verteidigung der Demokratie" am Volkstheater Wien (nachtkritik, Presse, Standard) sowie Ursina Tossis Choreografie "Blue Moon" auf dem Hamburger Kampnagel (taz).
Archiv: Bühne