Efeu - Die Kulturrundschau

Gebt mir die Volksbühne, den Bundestag, das Universum!

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19.10.2018. FR und Critic.de finden in Frederick Wisemans Doku über die New York Public Library ihren Glauben an Menschheit und Demokratie wieder. Die SZ hört Bach pur, expressiv und kernig mit dem Cellisten Yo-Yo Ma. Die FAZ schildert ihre Extremerfahrungen in einer Fotoausstellung aus der Sammlung Olbricht. Die NZZ feiert die zum Niederknien komische Musikrevue "Drei Milliarden Schwestern" an der Volksbühne.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.10.2018 finden Sie hier

Film

Mehr als nur Architektur: Die New York Public Library in Frederick Wisemans "Ex Libris"
Frederick Wisemans Filme sind wirklich eine Kostbarkeit. Für seinen neuesten Film "Ex Libris" hat er sich einmal mehr über drei Stunden Zeit genommen, um eine gesellschaftliche Institution genauer in den Blick zu nehmen, diesmal die New York Public Library. FR-Kritiker Daniel Kothenschulte ist hellauf begeistert: "Mehr als ein Film über die Arbeit mit Büchern ist diese Innenansicht ein Plädoyer für die Demokratie. Wiseman porträtiert die Arbeit der Bibliothekare, Wissenschaftler und Kuratoren als Kämpfer für einen barrierefreien und chancengleichen Zugang zur Bildung. Vorgebracht ist dies wie stets bei Wiseman unkommentiert und ohne didaktischen Zeigefinger, vor allem aber in einer fotografischen Klarheit, einer berührenden Transparenz, die weit mehr als die Architektur oder das Kulturgut die Bürger selbst im Blick hat."

Auch Frédéric Jaeger von critic.de wird angesichts der behutsamen Filmarbeit über behutsam am Gemeinwesen arbeitende Menschen ganz weihevoll zumute: "Stets steht im Mittelpunkt die Neugier, mehr zu erfahren und mit Menschen zu verweilen, die für andere da sein wollen. Mit Menschen, die Teilhabe herstellen, gegen Diskriminierung und für Minderheiten kämpfen. Ihre physische Gegenwart, für deren Ausformulierung viel Zeit ist, stiftet die Hoffnung, die 'Ex Libris' in seiner glücklichen Ruhe verdoppelt: Es mag noch so viele Etatkürzungen und noch so seltene Kinostarts für einen Film wie diesen geben, so lange es aber mit Leben gefüllte Institutionen wie die New York Public Library und so aufmerksame Filmemacher wie Frederick Wiseman gibt, gibt es gute Gründe, ans unkomplizierte Lernen durch Kunst und Wissenschaft zu glauben."

Weitere Artikel: In Hollywood erwägen erste Künstler und Agenturen aus der Ermordung des Journalisten Jamal Kashoggi Konsequenzen zu ziehen und saudi-arabisches Fördergeld zurückzuzahlen, meldet Susan Vahabzadeh in der SZ. Mit "Deutschland 86", der nunmehr von Amazon produzierten Fortsetzung zur hierzulande kaum, im Ausland summa summarum aber doch ansehnlich erfolgreichen Serie "Deutschland 83" kommt mal wieder eine Serie auf den Markt, wie es sie "noch nie gegeben hat in Deutschland", berichtet Elmar Krekeler in der Welt.

Besprochen werden Lukas Dhonts "Girl" (critic.de, mehr dazu im gestrigen Efeu), Pedro Pinhos "A Fábrica de Nada" über die Wirtschaftskrise in Südeuropa (Tagesspiegel, taz, Perlentaucher), Florian Baxmeyers in Teheran gedrehter Unterhaltungsfilm "Liebe auf Persisch" (Welt), Bernadett Tuza-Ritters Dokumentarfilm "Eine gefangene Frau" (Filmgazette, mehr dazu hier), Milko Lazarovs "Nanouk" (FR), die zweite Staffel von "The Team" (Berliner Zeitung), der zweite Teil der Netflix-Dokuserie "Making A Murderer" (ZeitOnline), Ziad Doueiris libanesisches Polit-Drama "Der Affront" (Standard), die Superman-Prequel-Serie "Krypton" (online nachgereicht von der FAZ), Sönke Wortmanns "Der Vorname" (SZ), William H. Macys "Krystal" (Perlentaucher) und der neue "Johnny English"-Film mit Rowan Atkinson (Tagesspiegel).
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Musik

Schon mehrfach hat der Cellist Yo-Yo Ma Bachs Cellosolo-Suiten aufgenommen, doch "während bei seiner Einspielung vor 20 Jahren der Glanz, die Flexibilität und Geschmeidigkeit seines Spiels imponierten (...), präsentiert er jetzt als Mann von mehr als sechzig Jahren eine Art Altersstil", erklärt Harald Eggebrecht in der SZ. Zu hören gibt es "Bach pur, expressiv, kernig, manchmal rau, und fern aller vordergründigen Wirkungsbrillanz. Dabei beeindruckt sein überragendes Cellospiel durch Beredsamkeit, Geisteshelle und technische Souveränität wie eh und je.

Weitere Artikel: Michael Stallknecht besucht für die NZZ das neue, von den spanischen Architekten Enrique Sobejano und Fuensanta Nieto erbaute Arvo Pärt Centre auf der estnischen Halbinsel von Laulasmaa. Auf ihrem neuen Album "Aviary" nimmt Julia Holter "die Impulse der Gegenwart auf und erforscht die Produktivität des Stimmengewirrs", schreibt Elias Kreuzmair in der taz. Amira Ben Saoud spricht im Standard mit dem österreichischen Rapper T-Ser, der die Wiener Polizei nach einer auf Video festgehaltenen Kontrolle des racial profilings beschuldigt. Das ZeitMagazin flaniert mit Herbert Grönemeyer und einer Fotokamera durch Bochum. Frederic Jage-Bowler fragt sich in seinem Tagesspiegel-Porträt das Elektro-Duos Amnesia Scanner: "Was passiert im digitalen Maschinenzeitalter mit unseren Gefühlen?" Genaueren Aufschluss darüber gibt auch dieses Video des Duos nicht:



Besprochen werden Neneh Cherrys neues Album "Broken Politics" (Tagesspiegel) und weitere neue Veröffentlichungen, darunter Barbara Morgensterns "Unschuld und Verwüstung" (ZeitOnline). Daraus ein Video:

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Kunst

Ausstellungsfoto von Bernd Borchardt
FAZ-Kritiker Freddy Langer ist tief beeindruckt von der Ausstellung "The Moment of Eternity" mit Fotos aus der Sammlung Olbricht im sammlereigenen Museum me Collectors Room in Berlin: "Es geht um Extremerfahrungen in den Gefühlen, um Emotionen zwischen Liebe und Tod, die in ihrer Radikalität den Anspruch auf Wahrhaftigkeit erheben", preist der Kritiker im schönsten Werberdeutsch. "Dass neben Larry Clarks Reportageaufnahme zweier Teenager im geschlechtlichen Miteinander aus der Serie 'Teenage Lust' ausgerechnet Giorgio Sommers Ausbruch des Vesuvs im Jahr 1872 hängt, ist deshalb keineswegs kalauernd gemeint.Vielmehr sind damit die Endpunkte von Entladungen markiert, zu denen sich dann auch noch die Aufnahme der vorm Napalm-Angriff fliehenden Vietnamesen fügt und die des Mönchs, der sich im Mai 1963 aus Protest in den Straßen von Saigon verbrannt hat, die Aufnahme vom brennenden Zeppelin wie die des kreischenden Babys von Diane Arbus oder Lee Friedlanders maßlos traurige Straßenszenen." Wir sind sprachlos.

Weiteres: Nachrufe auf den türkischen Fotografen Ara Güler schreiben Jürgen Gottschlich in der taz, und Christiane Schlötzer in der SZ. Besprochen werden die Schiele-Ausstellung im Wiener Belvedere (die Presse) und die Ausstellung "The Most Dangerous Game - Der Weg der Situationistischen Internationale in den Mai '68" im Haus der Kulturen der Welt in Berlin (SZ).
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Archiv: Kunst

Literatur

In der NZZ erinnert Stefan Berkholz an an Vassilis Vassilikos' vor 50 Jahren erschienenen Politthriller "Z", dem die Ermordung des sozialistischen Abgeordneten Grigoris Lambrakis 1963 vorausgegangen war. Nur halb amüsiert berichtet Marion Löhndorf, wie Mr. Darcy und Heathcliff beim englischen Literaturfestival in Cheltenham der feministische Prozess gemacht wurde.

Besprochen werden unter anderen Pascal Rabatés Comic-Adaption von Leo Tolstois "Der Schwindler" (FR), neue Gedichte von Alberto Nessi (dem NZZ-Kritiker Roman Bucheli eine kleine Eloge widmet) und Hanna Höchs von Harald Neckelmann herausgegebenes Adressbuch (FAZ).
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Bühne

Szene aus "Drei Milliarden Schwestern" von Bonn Park und Bernd Roessler an der Volksbühne Berlin. Foto: Thomas Aurin


Eine "knallige, zum Niederknien komische, mit enormem Sprachwitz aufgepeppte musikalische Revue sehr frei nach Tschechow servierte" Aufführung des Jugendtheaters der Berliner Volksbühne, P 14, erlebte NZZ-Kritiker Bernd Noack. "Nicht 'nach Moskau' zieht es die Schwestern, aus deren drei gleich drei Milliarden geworden sind, sondern zu einem Kometen, der Erde und Spaß bedroht. Weltenschmerz und Leidensüberdruss werden besungen und verkalauert und eine, die sich Mascha nennt - und wie alle herrlich poppig kostümiert ist -, versteigt sich sogar zum Ausruf: 'Gebt mir die Volksbühne, den Bundestag, das Universum!'" Angestoßen wurde die Inszenierung zwar noch von Chris Dercon, aber Noack nimmt sie gern zum Anlass, den Interims-Intendanten der Volksbühne Klaus Dörr als endgültigen Intendanten vorzuschlagen.

Weiteres: Jürg Zbinden stellt in der NZZ die Schweizer Schauspielerin Rebekka Burckhardt vor. Besprochen werden Ted Huffmans Inszenierung der "Salome" an der Oper Köln (FR) und Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung der "Elektra" in Wien (Standard).
Archiv: Bühne