Efeu - Die Kulturrundschau

Mit bärenhafter Wucht und Weichheit

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22.07.2017. Die Literarische Welt spricht mit Ismail Kadare über Literatur in totalitären Regimen. Der Tagesspiegel erlebt in Mailand in einem virtuellem Kunstprojekt von Regisseur Alejandro Inarritu die ganze Brutalität von Trumps Abschottungspolitik. Die SZ lässt sich von Elena-Ferrante-Übersetzerin Karin Krieger erklären, wie man die deutsche Sprache zum Schwingen bringt. Geteilter Meinung sind die Kritiker über Lotte de Beers "Moses in Ägypten" bei den Bregenzer Festspielen.

Literatur

Im Welt-Interview mit Vjollca Hajdari spricht der albanische Schriftsteller Ismail Kadare über seine Heimat, französisches Exil und die Freiheit der Literatur in tyrannischen Zeiten: "Totalitäre Regime neigen dazu, der Literatur zu schmeicheln, um sie gleichzeitig nur umso besser zu überwachen, um ihr parallel mit Gefängnis oder Tod zu drohen. Paradoxerweise kann sich auch in einem grausamen Regime erstklassige Literatur entwickeln - und ein solches Regime wird sogar versuchen, aus dieser Literatur Profit zu schlagen. Diktatorische Systeme zeichnen sich nicht nur durch Willkür, sondern auch durch List aus."

Für die SZ hat Alex Rühle ein sehr schönes Porträt der Elena-Ferrante-Übersetzerin Karin Krieger verfasst, die er in ihrer Ost-Berliner Wohnung besucht hat. Bald geht es in dem Gespräch um das zentrale Problem, wie man das vokalreich-singende, rhythmisch pulsierende Italienisch ins harte, zuweilen etwas mümmelnde Deutsch übertragen will. Wie dem begegnen? "Man muss sich jeden Satz vorlesen. ... 'Lila era troppo per chiunque.' Wörtlich: Lila war zu viel für jeden. 'Kann man machen', sagt Krieger. Sie spricht den deutschen Satz so, dass das Wort 'jeden' so schwer am Satzende hängt, als würde es gleich auf den Boden plumpsen. 'Aber wenn Sie es umstellen, klingt es viel leichter. 'Lila war für jeden zu viel.' Das wirkt sich auf den nächsten Satz aus: 'Sie ließ keinerlei Raum für Wohlwollen.' Auch plump. Wenn ich daraus mache: 'Sie ließ keinerlei Raum für Sympathie.', schwingt das schön: zu víel. Sympathíe.' Sie dirigiert die beiden Wörter wie Musik, 'da trägt der Text sich selbst weiter, die Sätze stupsen einander an. Aber ich mach erst mal einen Kaffee.'"

Schriftsteller Ralph Dutli widmet sich im literarischen Wochenendessay der FAZ dem mittelalterlichen Pariser Dichter Rutebeuf: Der war "eine außergewöhnliche Erscheinung", nämlich "ein urbaner Poet völlig neuen Typs" und "ein gewiefter Allrounder, der ins politische Tagesgeschehen eingriff."

Weiteres: Ulrich Gutmair von der taz trifft sich mit der Schriftstellerin Deborah Feldman, die aus streng-orthodoxen jüdischen Familie in Brookyln nach Deutschland geflohen ist, wo sie demnächst die deutsche Staatsbürgerschaft annimmt. Deutschlandfunk Kultur widmet sich in einer "Langen Nacht" Jane Austen. Außerdem hat Thomas David für den Deutschlandfunk Kultur den britischen Autor Graham Swift besucht. Für den Standard spricht Bert Rebhandl mit Karl Ove Knausgård darüber, wie sich der Schriftsteller nach Abschluss seiner großen autobiografischen Saga die Zeit vertreibt. Timo Berger berichtet in der taz vom Poesiefestival Medellín in Kolumbien. Marc Reichwein blickt in der Literarischen Welt einen Blick auf das Phänomen Bookcrossing, worunter öffentlich zugängliche Buchschränke für den Büchertausch zu verstehen sind. Für die taz spricht Christoph Haas mit dem Comiczeichner Bastien Vivès. Schriftstellerin Julya Rabinowich besingt im Standard die Melancholie des Spätsommers. Und die taz gibt Buchempfehlungen für den Strand.

Besprochen werden Yasmina Rezas "Babylon" (Welt, Tagesanzeiger), Jochen Schimmangs "Altes Zollhaus, Staatsgrenze West" (Tagesspiegel), Abir Mukherjees Kriminalroman "Ein angesehener Mann" (FR), neue Bücher von Felix Philipp Ingold (NZZ), Stefanie Sargnagels "Statusmeldungen" (SZ) und Michael Pyes Gedichtband "Am Rand der Welt" (FAZ).
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Kunst


Bild: Alejandro Inarritu. "Carne y Arena". Fondazione Prada. Mailand.


So "wuchtig" hat sich bisher noch kein Kunstprojekt mit Trumps Abschottungspolitik auseinandergesetzt, staunt Tagesspiegel-Kritiker Peter von Becker nach einem Besuch in der Fondazione Prada in Mailand, wo aktuell die virtuelle Installation "Carne y Arena" des Birdman-Regisseurs Alejandro Inarritu zu sehen ist. Das Projekt versetzt den Besucher in die Situation mexikanischer Flüchtlingen, erklärt Becker: "Ein kurzes Rauschen, und plötzlich befindet sich der Besucher in einer dämmrigen, leicht hügeligen Wüstenlandschaft, wohl in der letzten Abendsonne, während die Schatten auf und um die Kakteen und andere Trockensträucher länger werden. Da zieht in der zunächst märchenhaften Einsamkeit ein Tross Menschen heran, Männer, Frauen, Kinder, spanische Stimmen ertönen, ein Flüchtlingszug. Sie lagern sich zur Nacht, man steht oder geht in der Virtual Reality zwischen ihnen. Dann irgendwann ein anschwellendes Rauschen, das sich zum schon vorher gehörten Dröhnen und Beben steigert, wie ein Wüstensturm. Künstliche Sonnen erhellen die Nacht, Scheinwerfer blenden, es sind amerikanische Polizeihubschrauber, Männer mit MPs..."

"Gnadenlosen" Realismus, ganz ohne Zynismus erlebt Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung in der Lucian Freud Ausstellung "Closer" im Martin Gropius Bau: "Der Kopf der alten Mutter, die Porträts von Freunden wie dem bulligen Australier Leigh Bowery, ein Künstlerfreund, den Freud bis zu seinem Aids-Tod immer wieder porträtierte, hängen im ersten Saal. Im nächsten dann die Akte, von Frauen, von Männern, atemberaubend präzise, von sexueller Aufladung keine Spur. Das hatte Freud nicht nötig, seine Bilder sind kreatürlich, spröde, existenziell, Erotik würde bloß stören. Seine Modelle sollten sich gut fühlen, nicht etwa dem Künstler ausgesetzt. Er sei an Menschen als animalische Wesen interessiert, nicht als Ideal, sagte er." Bild: Lucian Freud, Head and Shoulders of a Girl, 1990. Etching, 78 x 63,5 cm. The Lucian Freud Archive/Bridgeman Images, UBS Art Collection.

Weiteres: Georg Seesslen nimmt die, wie er findet, gelungene Münchner Ausstellung "After the Fact" im Freitag zum Anlass, über den Zusammenhang von Kunst und Politik nachzudenken: "Politische Kunst ist weder eine ästhetische Form von Statement und Eingriff, noch selber eine mehr oder weniger avantgardistische Form von Propaganda (für die gute Sache); sie kann beides immer nur auch sein, wenn sie es aber nur ist, dann ist sie keine Kunst mehr."

Besprochen werden die Arnulf Rainer Ausstellungen "Neue Arbeiten auf Papier" im Linzer Lentos und "Die Farben des Malers" im Badener Arnulf-Rainer-Museum (Standard) und die von Karl-Ove Knausgard kuratierte Munch-Ausstellung "Zum Wald" in Oslo (Standard).
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Film

Dietrich Leder schreibt im Filmdienst über den Dokumentarfilme-Macher Eberhard Fechner, dem gerade eine umfangreiche DVD-Box gewidmet wurde. Dessen in den 70er und 80er Jahre entstandenen Arbeiten für das öffentlich-rechtliche Fernsehen "wirken heute selbst wie aus einer anderen Zeit. Welcher Sender - wie der NDR Fechner Ende 1979 - erlaubte heute noch einem Regisseur, sich vier Jahre lange ausschließlich einem Prozess zu widmen und dann über zwei Jahre einen solchen monumentalen Film zu schneiden? Vielleicht werden die großen Leistungen der Geschichte des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ja auch deshalb verdrängt, weil sie seine Schwächen der Gegenwart aufzeigten."

Weiteres: Dunja Bialas empfiehlt auf Artechock den Besuch der Filmkunstwochen in München. Auf ZeitOnline empfehlen Carolin Ströbele und Adrian Daub die besten Serien im Juli.

Besprochen werden Eleanor Coppolas Spielfilmdebüt "Paris kann warten" (Freitag), Radu Mihaileanus "Die Geschichte der Liebe" (FAZ) und die "brillante" Netflix-Serie "Ozark" (online nachgereicht von der FAZ).
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Musik

Im Standard berichtet Renate Graber von Auseinandersetzungen zwischen dem Wiener Konzerthaus und dem Stall-Records Tonstudio. Electronic Beats bringt einen Auszug aus Paul Hockenos' neuem Buch "Berlin Calling" über Berlins Technoszene der 90er. Zum Tod des Linkin-Park-Sängers Chester Bennington schreiben Felix Zwinzscher (Welt), Harry Nutt (FR) und Nadine Lange (Tagesspiegel).

Besprochen werden das neue Album von Lana Del Rey (SZ), die Multimedia-Ausgabe von Kraftwerks "Katalog" (FR), ein Konzert von Brian Wilson (FR), eine luxuriöse Wiederveröffentlichung des zweiten Ramones-Albums (Pitchfork) und das neue Album von Tyler, The Creator (Pitchfork). Daraus das aktuelle Video:

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Stichwörter: Lana del Rey

Bühne

Das Alvin Ailey American Dance Theater ist ein "Leuchtturm afroamerikanischen Selbstbewusstseins", schreibt FAZ-Kritiker Wolfgang Sandner nach einem Probenbesuch in New York. Für weiße Tänzer ist es gar nicht so einfach, Mitglied zu werden, erklärt ihm der aktuelle Direktor Robert Battle, denn: "Stücke, die in der Tradition des Ensembles moderne Techniken mit afroamerikanischen Tanzformen kombinieren, erfordern spezifische Bewegungsabläufe. Wie 'Revelation', die legendäre Choreographie Aileys von 1960, die seither jede Aufführung des Ensembles als tänzerisches Ausrufezeichen beschließt. Angemessen lässt sich diese komprimierte Geschichte des schwarzen Amerikas in Tanzform wohl nur präsentieren, wenn afroamerikanische Kultur vom Spiritual bis zum Rap und entsprechende Verhaltensnormen von cool über hip zu sophisticated, nicht zuletzt aber die afroamerikanische Realität, die Hintertür statt des Vordereingangs benutzen zu müssen, durchlebt wurden."

Berührt von den Miniaturpüppchen des Theater-Kollektivs Hotel modern und umgehauen von Goran Juric, der den Moses mit "bärenhafter Wucht und Weichheit" gab, berichtet Standard-Kritiker Stefan Ender von Gioachino Rossinis "Moses in Ägypten" bei den Bregenzer Festspielen. Auszusetzen gab es nur eines: "Plakativ und falsch gedacht ist lediglich das Schlussbild, als sie beim Ausharren der Hebräer vor dem Roten Meer diese mit den ertrinkenden Flüchtlingen gleichsetzt; suggeriert es doch, dass die Mittelmeerflüchtlinge von heute mit einem stärkeren Glauben ihren Weg durch die Meeresbarriere easy hätten finden können."

Enttäuscht kehrt FAZ-Kritikerin Eleonore Büning von den Festspielen zurück: "Die zurzeit angesagte Regisseurin Lotte de Beer, die von dem zeitlos aktuellen biblischen 'Let my people go'-Plot, wie sie liebenswürdig im Programmbuch erklärt, nur gerade so viel verstanden hat, dass dabei 'Gott' irgendwie eine Rolle spielt, wobei sie persönlich mit 'Gott' nicht viel am Hut habe, hatte sich ihrerseits das ebenfalls gerade angesagte Kollektiv Hotel Modern mit ins Team geholt: vier virtuose junge Marionetten- und Videokünstler. Und die spielten ein bisschen Gott, kindergartenkompatibel." Auch NZZ-Kritiker Daniel Ender meint: "Kein Wunder, kein Geistesblitz."

In der Berliner Zeitung spricht der Direktor des Theaterfestivals in Avignon, Olivier Py, mit Jörg Winterfeldt über politische Ambitionen, Macrons Inszenierungskunst und seine Bewunderung für Frank Castorf und die Volksbühne: "Als ich das erste Mal da in die Kantine ging, hatte ich das Gefühl, ich wäre zurück in der DDR! Es war so verrückt, alles war so unverändert. Es war so dunkel und traurig auf eine Art, aber gleichzeitig so authentisch. Ich hatte dieses Gefühl, einen Ort gefunden zu haben, der mit nichts anderem auf der Welt vergleichbar ist. Was immer Chris Dercon tut, das muss er bewahren."

Weiteres: Martin Kusejs Nachfolger wird am Münchner Residenztheater einiges zu tun haben, meint Bernd Noack in der NZZ: "Kusejs Theater war zuletzt nurmehr solide zu nennen, war kalkuliert provozierend und mied die Experimente und die kontroverse inhaltliche Auseinandersetzung; wenn er einmal Frank Castorf für eine Inszenierung holte, war das in etwa das zugestandene Schock-Tüpferl für den soignierten Parkett-Abonnenten." Der Deutschlandfunk bringt ein Feature zu den letzten Monaten der Ära Castorf.
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