Efeu - Die Kulturrundschau

Baff sein, froh sein, aufgeregt sein, verkünden.

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24.07.2017. Im Tagesspiegel-Interview beobachtet Diedrich Diederichsen den Kulturkampf zwischen sozialistisch-provinzialistischen Gentrifizierungsgegner und global-postkolonialen Queerfeministen. Auf ein gewohnt geteiltes Echo stößt der jährliche "Jedermann" der Salzburger Festpiele: NZZ und Standard loben säkulare Gedankenschwere, FAZ und SZ monieren die extreme Unsinnlichkeit. Bei der Aufarbeitung des Gurlitt-Nachlasses setzt die Welt auf entschlossene Nachdenklichkeit. Und auf ZeitOnline spricht die Schriftstellerin Deborah Feldman über ihren Fall in die Freiheit.

Bühne


Nicht im Messdienerhemd: Tobias Moretti und Mavie Hörbiger im "Jedermann". Foto: Matthias Horn/Salzburger Festspiele.

Mit großer Begeisterung berichtet Bernd Noack von den Salzburger Festspielen, die Michael Sturminger mit einem runderneuerten "Jedermann" eröffnet hat: "Sturminger hat dem schwierig-schwülstigen Text des Hugo von Hofmannsthal nahezu alles genommen, was ihn zum rätselhaften Dauerbrenner der Festspiele macht und was an ihm eigentlich schon immer unerträglich war: das Knittelversige, die biedere Moral, das naiv Heilsversprechende. Freilich auch das Bombastische, das katholisch Hochamtige, das volksfestnahe Unterhaltsame. Aus diesem 'Jedermann' ist so ein beinahe leises, mutig säkulares Kammerspiel geworden, ohne visuelles Brimborium und ohne Masken-Mummenschanz." Auch im Standard ist Ronald Pohl von der skeptischen Inszenierung überzeugt: "Sturminger hat seinem 'Jedermann' kein Messdienerhemd übergestreift. Er hat versucht, unser aller Ratlosigkeit, vor und mit Hofmannsthal, produktiv zu machen. Das ist ihm, auch dank der brütenden Gedankenschwere Morettis, eindrucksvoll gelungen."

Verdruss dagegen bei Christine Dössel in der SZ: "Der Regen hat die Premiere im Freien zwar vermasselt, aber für die Unausgegorenheit und extreme Unsinnlichkeit dieser profanen neuen 'Jedermann'-Inszenierung kann er nichts, auch nichts für ihre Geschmacksverirrungen." Ähnlich sieht das Simon Strauss in der FAZ und findet auch Tobias Moretti als Jedermann seltsam lustlos.

Im Tagesspiegel-Interview mit Patrick Wildermann äußert sich Diedrich Diederichsen jetzt doch ziemlich enttäuscht von Chris Dercons Programm für die Berliner Volksbühne, das nur "ein paar Rosinen aus der Festivalkultur" herauspicke. Dabei fand er zunächst den Ton "sehr unangenehm", mit dem gegen den Belgier polemisiert wurde. Aber: "Symptomatisch war, welche Fraktionen in diesem Kulturkampf aufeinander trafen: deutschsprachige, sozialistisch-provinzialistische Gentrifizierungsgegner gegen die global und postkolonial orientierten Queerfeministen, denen vorgeworfen wird, das Geschäft des Neoliberalismus zu betreiben. In dieser Auseinandersetzung steckt noch viel drin, sie wird auch nicht offen genug geführt."

Besprochen werden Monteiro Freitas' Tanzstück "Of Ivory and Flesh - Statues Also Suffer" im Frankfurter Mousonturm (FR) und Carl Maria von Webers Oper "Oberon", für die Regisseur Nikolaus Habjan Riesenmarionetten auf die Bühne des Münchner Prinzregententheaters schickt (SZ).
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Kunst


Hans Christoph: Paar, 1924. Aus ab November gezeigten Ausstellung "Bestandsaufnahme Gurlitt. Der NS-Kunstraub und die Folgen". Bundeskunsthalle Bonn
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Voll des Lobes ist Hans-Joachim Müller in der Welt für die Sorgfalt und Transparenz mit der sich die Museen in Bonn und in Bern an die Aufarbeitung des Gurlitt-Nachlasses machen. Der NS-Kunsthändler Hildebrand Gurlitt war alles andere als ein Ehrenmann, stellt Müller klar, und sein zusammengeklaubtes Kunst-Konvolut weder eine echte Sammlung noch ein Millionenschatz. Und: "Man kann nur nachgerade froh sein, dass Adam Szymczyk, der die Sammlung unbedingt für seine trübe Documenta haben wollte, den Zuschlag nicht bekommen hat. Er hätte sie doch nur zur Demonstration seines kruden Welt- und Geschichtsverständnisses missbraucht. Und was Bern und Bonn derzeit vorbereiten, hätte er mit der Kuratoren-Folklore, die er um sich scharte, nie und nimmer leisten können. Jedenfalls ist es ein starkes Signal - nicht zuletzt an das skeptische Ausland, wie aus dem Namen 'Gurlitt' ein Codewort für entschlossene Nachdenklichkeit wurde."

Weiteres: Bei einem Rundgang durch die Berliner Universität der Künste bemerkt Donna Schons in der taz, dass die Kombination aus Ironie und Post-Internet weiterhin dominiert. Stark bestückt, aber schwach konzipiert findet Andreas Platthaus in der FAZ die Ausstellung "Comic! Mangas! Graphic Novels" in der Bonner Bundeskunsthalle: "Man lernt sehr wenig und versteht noch weniger." Rose-Maria Gropp gratuliert in der FAZ dem Maler Alex Katz zum Neunzigsten.
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Design

Für die taz besucht Eva-Christina Meier in den Nordischen Botschaften Berlin eine Ausstellung über die Geschichte von  Nordischem Design für Kinder. Die FAZ hat Patrick Bahners' Besprechung der Fleckhaus-Ausstellung in der Villa Stück in München online nachgereicht.
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Literatur

Die Schriftstellerin Deborah Feldman ist aus einer strengstens orthodox-jüdischen Familie nicht nur ins echte gesellschaftliche Leben der USA ausgestiegen, sondern schließlich auch nach Deutschland übergesiedelt. Im ZeitOnline-Gespräch mit Fokke Joel spricht sie über ihre Erfahrung. Eine Möglichkeit der Rückkehr sieht sie nicht: Sie habe sich quasi in "Freiheit eingesperrt. Das ist ein seltsames Bild, aber es passt, weil sich am Anfang die Freiheit wirklich wie ein Gefängnis anfühlen kann. ... Es gibt Sünden, bei denen die Gemeinschaft sagt, jetzt bist du nicht nur von uns abgeschnitten, sondern auch von Gott, und es gibt kein Zurück. Das ist zum Beispiel so beim nicht-koscheren Essen. Das sind ultimative Brüche. Die Gemeinschaft will dich nicht zurück, egal wie sehr du deine Sünden bereust, weil dann die Gefahr besteht, dass die Gemeinschaft von deinen Sünden beschmutzt wird."

Im Interview mit der NZZ erklärt die Dichterin Monika Rinck, warum sie keine Alltagslyrik mag. Aber: "Es gibt immer Widersprüche in der normativen Festlegung. Mich haben jahrelang Gedichte begleitet, die quer zu meinen ästhetischen Überzeugungen stehen. ... Zum Beispiel Robert Gernhardts 'Nachdem er durch Metzingen gegangen war': 'Dich will ich loben, Hässliches, / Du hast so was Verlässliches. // Das Schöne schwindet, scheidet, flieht, / fast tut es weh, wenn man es sieht. // Wer Schönes anschaut, spürt die Zeit, / und Zeit sagt stets: Gleich ist's so weit. // Die Schönheit gibt uns Grund zur Trauer, / die Hässlichkeit erfreut durch Dauer.'"

Weiteres: Die FAZ hat Ralph Dutlis Essay über den mittelalterlichen Dichter Rutebeuf aus der Wochenendausgabe online nachgereicht. Reinhart Wustlich reist für die FR mit Rafael Chirbes' Reisebuch "Am Mittelmeer" ins spanische Benidorm. Der Kinder- und Jugendbuchverleger Hans-Joachim Gelberg erinnert sich in der FAZ an den vor kurzem verstorbenen Schriftsteller Peter Härtling. Im Feature für Deutschlandfunk Kultur wirft Beate Ziegs einen Blick auf die Literatur, die sich mit dem stillen Örtchen befasst.

Besprochen werden Arno Franks "So, und jetzt kommst du" (Jungle World), Francis Spuffords "Neu-York" (Standard), die mit dem Will-Eisner-Award ausgezeichnete Comicreihe "Vision" (Tagesspiegel), Vincent Alemendros' "Ein Sommer" (ZeitOnline), Theresia Enzensbergers "Blaupause" (Berliner Zeitung, online nachgereicht von der FAZ), Ellen Hinseys "Des Menschen Element" (Tagesspiegel) und Mariana Lekys "Was man von hier aus sehen kann" (SZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Kai Sina über Arne Rautenbergs Gedicht "an meinen vater":

"für dich bin ich
gestorben
so wurds mir kolportiert
..."
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Film


Szene aus "Black Level" von Valentyn Vasyanovych, Ukraine

Im Standard resümiert Bert Rebhandl das Filmfestival von Odessa, bei dem es immer wieder auch um das Odessa Film Studio ging - und das "ist so etwas wie die Cinecittà der Ukraine - ein Zentrum des Kinos mit reicher Tradition und nicht ganz so prächtiger Gegenwart. Wobei noch zu klären ist, wem die Traditionen dieser 1919 als Abteilung der Roten Armee gegründeten Institution gehören." Die Filme in Odessa zeigten immer wieder, "dass diese Klärungsprozesse derzeit in vollem Gange sind".

So fad findet Freitag-Kritikerin Sarah Khan die Serien-Adaption von Neil Gaimans Roman "American Gods", dass sie viel lieber in farbigen Erinnerungen an fesselnde Pfarrer-Diavorträge in den 70ern schwelgt, wo immerhin stets was los war: "Es gab immer wieder Tiere auf den Bildern, und die seltsame Sprache schuf einen Raum des Seltsamen. Niemand unterbrach den Pastor, nie fiel er aus der Rolle, er hatte das ja drauf: baff sein, froh sein, aufgeregt sein, verkünden. Sei baff und freue dich, das schaffst du durch die Akzeptanz irrster Vorgänge: Wal schluckt Mensch, Wal spuckt Mensch aus, Mensch folgt Gott. Pastor Strege und Kees de Kort ließen der Fantasie weite bunte Flächen. Die 'American Gods' dagegen fahren Auto, labern sich gegenseitig dicht und freuen sich nicht an dem Wunder des Glaubens."

Weiteres: Nutzer der Öffentlichen Bibliotheken Berlins können auf der Website filmfriend.de gratis Filme streamen, meldet Tilman Baumgärtel in der taz. David Hudson sammelt bei Criterion Stimmen zum Tod von John Heard.
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Musik

Was waren Arcade Fire doch mal für drollig jauchzende und taumelnde Hippies, seufzt Jens Balzer wehmütig in der Zeit. Er kann ihrem neuen Lebensratgeber-Pop und dem "durchweg erstarrten Freiheitsbegriff" herzlich wenig abgewinnen: "Gegen den Zwang zur Selbstoptimierung setzen sie heute nicht mehr auf die Offenheit, das Unbestimmte und den Exzess, sondern auf den Frontalunterricht von Psycho-Coaches und Wellness-Trainern. So ist aus der wuselnden Weichheit des Hippie-Revivals eine Musik der imperativen Empathie geworden; der störrische Individualismus des kollektiven Musizierens hat sich in den Sound des neoliberalen Sei-du-selbst-Zwangs verwandelt. Arcade Fire sind bloß die freundliche Fratze jener Totalität, gegen die sie angeblich immer noch aufbegehren."

Weiteres: In der taz plaudert Jan Paersch mit Andreas Dorau über dessen neues Album "Die Liebe und der Ärger der Anderen" und über diverse geschmackliche Präferenzen. In der NZZ resümiert Florian Bissig das Jazzfestival in St. Moritz, wo neben alten Haudegen wie Chick Corea auch der Youtube-Nachwuchs wie Jacob Collier auftrat. Für die taz porträtiert Jens Uthoff zwei Unternehmer, die in Berlin ein Vinylpresswerk eröffnet haben, da die dank Vinylboom stetig steigende Nachfrage zu teils dramatischen Produktionsengpässen geführt hat. Im Tagesspiegel schreibt Christian Schröder über das Phänomen des Sommerhits. Auf Pitchfork erinnert Eric Harvey an das vor 20 Jahren veröffentlichte Album "Dots and Loops" von Stereolab. FR-Autor Harry Nutt gratuliert dem WDR-Rockpalast zum Vierzigsten - der WDR bringt dazu online ein Multimedia-Special.

Besprochen werden ein von Herbert Blomstedt dirigiertes Bruckner-Konzert in Sankt Florian (Welt), das neue Album "Lust for Life" von Lana Del Rey (taz), ein Konzert von Benjamin Clementine (Standard), das neue Album von Japanese Breakfast (taz), ein Konzert von Feist (FR), das Konzert von Los Pirañas und Bixiga 70 beim Berliner Wassermusikfestival (Tagesspiegel), das neue Album von Haim (Jungle World) und die Ausstellung "Rock.Funk.Punk." im Fotografie Forum Frankfurt (FR).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Johanna Dürrholz über "Landlocked Blues" von Bright Eyes:


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Stichwörter: Arcade Fire, Lana del Rey