Efeu - Die Kulturrundschau

Die Fantasie einer zweiten Kolonisierung

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21.07.2017. Die FAZ denkt anlässlich einer Hannoverschen Ausstellung über den modernen Kunstproduzenten nach. Die NZZ liest H.P. Lovecrafts Horrorfantasien als rassistische Geschichten. Die taz erfreut sich an der nostalgielosen Coolness der Musikerin Nídia Minaj. Die Filmkritiker liegen Luis Bunuels sexuellen Fantasien und der strahlenden Schönheit Catherine Deneuves zu Füßen.

Kunst


Links Oliver Larics Beethoven, rechts Max Klingers

Was unterscheidet den Kunstproduzenten eigentlich von anderen Produzenten, fragt sich Kolja Reichert in der FAZ und findet einige Antworten in der Hannoverschen Ausstellung "Produktion. Made in Germany". Zum Beispiel bei Oliver Larics aus Kunstharz gegossener Kopie von Max Klingers Leipziger Beethoven-Denkmal: "Nachdem das Museum der bildenden Künste Leipzig es dem 1981 geborenen Österreicher untersagte, das Original in 3D zu scannen, baute er es per Konstruktionssoftware nach - und stellte die Daten zum Download bereit, so dass sich theoretisch jeder seinen Klinger drucken kann. So hat es Laric schon mit zahllosen Werken getan, immer die Grenzen von Institution und Copyright austestend und auf garstig-parasitäre Weise die Frage nach Stil und Künstlerhandschrift nivellierend."

Außerdem: Paul-Anton Krüger besucht für die SZ die Kunstszene in Teheran.
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Literatur

Adrian Daub legt in der NZZ dar, was die vor rund hundert Jahren entstandenen Horrorfantasien des Pulp-Autors H.P. Lovecraft, dessen Geschichten sich auch als Codierungen seines eigenen Rassismus lesen lassen, mit der Gegenwart von Trump-Amerika zu tun haben: "Lovecrafts Angst ist uramerikanisch: phobisch statt rettend. Die Phobie gemahnt an amerikanischen Nativismus, an die Angst vor der Überfremdung durch Einwandererhorden.  ... Nicht nur die Frage, wo die Identität Amerikas zu suchen sei, auch die Phantasie einer zweiten Kolonisierung durch Andersartige - sie waren der Stoff von Lovecrafts Albträumen, aber sie scheinen auch Trumps Wähler umzutreiben." Lose dazu passend: In einem Essay im Places Journal befasste sich Will Wiles kürzlich mit der Rolle der Architektur in den Geschichten von Lovecraft und J.G. Ballard. (Bild: Eine Porträtaufnahme von H.P. Lovecraft aus dem Jahr 1915.)

Weiteres: In der NZZ bringt Roswitha Schieb Hintergründe zum von Olga Tokarczuk initiierten Literaturfestival im polnischen Eulengebirge. Verschnupft reagiert der Kafka-Experte Hans-Gerd Koch in der FAZ auf Tilman Krauses dem Sommerloch geschuldeten Versuch in der Welt, Kafka als sexuell neurotischen Freak darzustellen. In einem Feature auf Deutschlandfunk Kultur befasst sich Julia Diekämper damit, wie die Literatur auf neueste Entwicklungen in der Gentechnologie reagiert.

Besprochen werden Helga Schütz' "Die Kirschendiebin" (FR), Franzobels "Das Floss der Medusa" (NZZ) und Yasmina Rezas "Babylon" (Zeit).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Musik

Dirigent Gustavo Dudamel, der sich zur Politik seines Heimatlandes Venezuela ansonsten schweigsam verhält, hat die Maduro-Regierung in seinem Land nun dazu aufgefordert, die Verfassung nicht, wie für den 30. Juli geplant, im eigenen Sinne zu ändern, meldet Bernd Pickert in der taz: "Alle Bürger Venezuelas stehen in der Pflicht, alles ihnen Mögliche zu unternehmen, um in der jetzigen Situation eine Kehrtwende herbeizuführen, unsere fundamentalen demokratischen Werte zu verteidigen und ein weiteres Blutvergießen zu verhindern", schreibt Dudamel in der New York Times. Die Macht, die sich die gegenwärtige Regierung mit einer Verfassungsänderung verleihen würde, sei nicht dazu dienlich, die momentanen Krisen des Landes abzuwehren, so Dudamel im weiteren. Mehr dazu auch auf BR Klassik.

Aufregendere Clubmusik als die von Nídia Minaj auf ihrem Album "Nídia é Má, Nídia é Fudida" wird man derzeit kaum finden, versichert Philipp Rhensius in der taz: Ihre Musik ist "radikal synthetisch" und "eine Affirmation an das Digitale. Eine von New-Age-Wärme und Nostalgie befreite Coolness, ein freundlicher Mittelfinger in Richtung der materialistischen Analog-Renaissance." Auf Bandcamp kann man sich das Album anhören:



Weiteres: Julian Weber schreibt in der taz mit, wie sich die von Haus aus als Konzertpianistin tätige Beste Aydin unter dem Künstlerinnennamen Nene Hatun als Elektro-Musikerin selbst verortet (hier einige Klangproben). Heute beginnt in Berlin das auf Weltmusik spezialisierte Wassermusikfestival, aus welchem Anlass Lorina Speder in der taz mit Max Weissenfeldt spricht und Tobias Richtsteigt im Tagesspiegel mit Arto Lindsay. In der Village Voice schreibt Michelangelo Matos die Geschichte der derzeit krisengeschüttelten Onlineplattform SoundCloud auf. Mit ihrem neuen Album "Lust for Life" erfindet sich Lana Del Rey nicht nur als lebensbejahende, sondern auch als politische Künstlerin neu, schreibt Harald Peters in der Welt.

Johanna Bruckner schreibt in der SZ zum Tod des Linkin-Park-Sängers Chester Bennington. In der Perlentaucher-Redaktion können wir uns gut auf diesen Song zum Abschied einigen:



Besprochen werden ein Konzert von Arcade Fire (NZZ), das neue Album von Residente (NZZ), ein Konzert von Robbie Williams (FR), Hans Rudolf Vagets Buch "Wehvolles Erbe - Richard Wagner in Deutschland" (SZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter Mr Jukes' "God First (Island)" (ZeitOnline). Daraus ein Video:

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Bühne

Dominik Baur würdigt in der taz das Kabarett Scharfrichterhaus in Passau, das gerade vierzig Jahre alt geworden ist.

Besprochen werden Jan Fabres Choreografie "Belgian Rules / Belgian Rules" beim Impulstanz in Wien (nachtkritik, FAZ), Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen" in Avignon (nachtkritik) und Michael Sturmingers Inszenierung des "Jedermann" in Salzburg ("Im Kern interessiert Sturminger ein Weiterdenken der dem Stück immanenten Kapitalismuskritik", erklärt SZ-Kritiker Egbert Tholl und applaudiert).
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Stichwörter: Jedermann, Impulstanz

Film


Schön? Erotisch? Altbacken? Die Filmkritik ist sich uneins über Luis Bunuels "Belle de Jour". (Bild: Studiocanal)

Luis Bunuels Skandalfilm "Belle de Jour" mit Catherine Deneuve aus dem Jahr 1967 kommt wieder in die Kinos. Darin zieht es eine junge, bürgerliche Frau aus reiner Neugier zwecks Prostitution in ein Edelbordell, wo sie sich ihren masochistischen Fantasien aussetzt. Der Film ist auch heute noch "auf die gepflegteste Weise transgressiv", schreibt Ekkehard Knörer in der taz. Eigenartig sei die "Konstruktion" des Films dennoch: "Drei Männer (...) fantasieren die sexuellen Fantasien einer Frau, die Catherine Deneuve dann für sie ausagiert. Die Männer haben dafür viel recherchiert. Jede der im Film gezeigten masochistischen Fantasien wurde ihnen so oder ähnlich von Frauen erzählt. Absurd bleibt es doch. Und in seiner strahlenden Schönheit zugleich ein faszinierender Film." Der Film sei "erotischer als vieles, was der Gegenwartsfilm als sexy, frei und attraktiv verkauft", schreibt Sarah Pines in der Welt. "Beim Schauen erscheint die Gegenwart unerträglich aufgeladen und verplüscht." Gründlich anders sieht es Daniela Sannwald vom Tagesspiegel, die den Film im Kontext weiterer Wiederaufführungen bespricht: Sie hält den Film für einen "verkleideten Männertraum" und "unendlich altbacken."


Alles fließt: Szene aus Luc Bessons Science-Fiction-Film "Valerian - Die Stadt der Tausend Planeten" (Bild: Universum)

Hingerissen lobt Karsten Munt im Perlentaucher die "filmische Fluidität", mit der Luc Besson (hier im Welt-Interview) den französischen SF-Comic "Valerian et Laureline" (mehr zur Vorlage im Tagesspiegel) mit "Valerian - Stadt der tausend Planeten" ins Kino bringt: "Seine Erzählung entfaltet sich als eine einzige, mäandernde Bewegung durch die Weltraummetropole und ihre exotischen Nachbarplaneten. ... Nicht die Reibung treibt den Film, keine ausgefeilten dramaturgischen Konflikte oder mythologische Überbauten sind die Quellen der Energie, die Besson auf die Leinwand bringt."

Weiteres: Der Standard meldet, dass der türkische Regisseur Ali Avci, der einen Spielfilm über den letztjährigen Putschversuch in der Türkei gedreht hat, in U-Haft genommen wurde. Brooks Barnes besucht für die New York Times die Dreharbeiten zu Amazons Serie "The Last Tycoon", mit der der Online-Buchhändler den Versuch unternimmt, F. Scott Fitzgeralds gleichnamigen unvollendeten Roman zu adaptieren. Im SWR2 Forum sprechen der Soziologe Ulrich Bröckling, der Filmkritiker Georg Seeßlen und die Publizistin Barbara Sichtermann über Superhelden und Superheldinnen im postheorischen Zeitalter. Im Perlentaucher würdigt Michael Kienzl den gerade verstorbenen Regisseur George A. Romero mit einer Würdigung dessen weniger bekannten Werkes "Knightriders".

Besprochen werden Bong Joon-hoos Netflix-Schweinefilm "Okja" (Schneeland, unsere Kritik hier), die Netflix-Serie "Glow" über Wrestlerinnen in den 80ern (Jungle World), Helena Hufnagels "Einmal bitte alles" (FR) und die Netflix-Serie "Ozark", die FAZ-Kritikerin Nina Rehfeld für einen gut erzählten Thriller hält. "Ständig möchte man weggucken. Und kommt nicht los", verspricht auch Welt-Kritiker Elmar Krekeler.
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