Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Breit und glücklich lächelnd der Kaiser

22.04.2023. Die SZ verneigt sich in der Kunsthalle Bielefeld vor Yto Barradas subtiler Kritik an der weißen Männerkunst des Westens. In der taz verteidigt die Künstlerin Angela Fette entschieden die Idee einer autonomen Kunst gegen die Kunstvermittler. Die NZZ findet den Kalten Krieg wieder in der Berliner Designausstellung Retrotopia. In der Volksbühne feiert Fabian Hinrichs ein opulentes Bankett als Sardanapel: Die Kritiker staunen, aber auch ein gewisses Völlegefühl stellt sich ein. Und: der filmische Nachwuchs fordert mehr Risikobereitschaft von deutschen Fernsehsendern und Produzenten.

Biotope leidenschaftlicher Psychosen

21.04.2023. Aus russischen Bibliotheken verschwinden reihenweise Bücher mit queeren Inhalten, berichtet 54books. Unterdessen hat das Bolschoi-Theater ein Stück über Rudolf Nurejew abgesetzt, melden die Zeitungen. Die Berliner Zeitung ärgert sich über Benjamin von Stuckrad-Barre, der erst bei Springer ordentlich verdiente und sich nun als großer Aufdecker inszeniert. Der Tagesspiegel schaut gebannt zu, wenn die japanische Künstlerin Tabaimo in Kopenhagen einen Embryo durch die Nase gebiert. Die NZZ streift in Zürich durch die Traumgärten von Alberto Giacometti und Salvador Dalí. Und die Musikkritiker hören atemberaubend perfekte K.I.-Songs von Oasis, Drake und The Weeknd.

Diese Verachtung

20.04.2023. Die SZ badet in Madrid im Licht der impressionistischen Gemälde Joaquín Sorollas. Die Zeit wundert sich nicht, dass ausgerechnet Palantir eine Kunstausstellung sponsort: Das passt, findet sie. Die Filmkritiker lieben immer noch Christian Petzolds "Roter Himmel". Die Literaturkritiker haben an einem Tag Benjamin von Stuckrad-Barres Springer-Schlüsselroman "Noch wach?" gelesen und besprochen: Wenn man im eigenen Saft kochen kann, geht das ganz leicht. Die SZ annonciert ihn als Roman einer radikalen Entfreundung, es ist ein Fall enttäuschter Liebe, diagnostiziert der Tagesspiegel, die FAZ fragt: fiktional, im Ernst?

Aus dem Dunkel des gelebten Augenblicks

19.04.2023. Das Berliner Museum der Moderne soll grüner werden, hat Claudia Roth entschieden. FR und Tagesspiegel freuen sich über den ökologischen Coup, die FAZ  spricht von einer architektonischen Amputation. In der taz fragt Mathias Greffrath die Gegner von Wolfgang Koeppen: Wie kann Rassismus gedanklich durchdrungen werden, wenn seine Darstellung tabuisiert wird? Die FAZ erlebt in Prag die körperliche Wucht der Bohème. Die Kritiker feiern Christian Petzolds Rohmer-haften Sommerfilm "Roter Himmel".  

Raum für das Nichts

18.04.2023. Die Welt liest an der Geschichte des Berliner Tacheles-Areals ab, wie eine Stadt scheiterte. Die taz stellt Yasmeen Lari vor, die von der Architektur der großen Geste zum Bauen mit Bambus, Lehm und Kalk konvertierte. FAZ und Tagesspiegel bejubeln die Wiederentdeckung von Ambroise Thomas' Hamlet-Oper. Die SZ möchte zum Thema rassistische Sprache noch etwas klarstellen. Und die Jazzkritiker trauern um den Pianisten Ahmad Jamal.

B-Waren-Wörter

17.04.2023. Auf ZeitOnline blickt der Literaturwissenschaftler Hannes Bajohr betrübt auf den ein zweites Mal, nun von der KI totgeschlagenen Autor. Rassistische Begriffe aus alten Romanen zu streichen, hält die NZZ für antiaufklärerisch. Die SZ feiert den schwarzen Humor der ukrainischen Dramatikerin Natalia Vorozhby. Die taz entdeckt den Optimismus in Eli Singalovskis Bildern des brutalistischen Beershevas. Außerdem stellt sie den Verband der iranischen Komponistinnen vor.

Indiskreter Störer

15.04.2023. Die SZ möchte nach Patricio Guzmáns Dokumentarfilm über die Aufstände in Chile gleich selbst auf die Straßen gehen und das Patriarchat in Schutt und Asche legen. In Paris lernt sie Sarah Bernhardt als begnadete Bildhauerin kennen. Die FAS lässt sich in Dänemark in die sinnlichen Werke von Carl Bloch ziehen. In der FAZ erzählt Christoph Hein von seinem skurrilen Besuch in Kathmandu. Und die taz vibriert mit dem neuen Jazz-Album des Rob Mazurek Exploding Star Orchestra vor Melancholie.

Das Fremde als Geburtshelfer

14.04.2023. Der ukrainische Schriftsteller Artem Chapeye erklärt in der FAZ, warum er sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hat. Im Perlentaucher schreibt Angela Schader ein "Vorwort" zu C. A. Davids' Roman "Hoffnung & Revolution". Die NZZ überlegt anlässlich einer Ausstellung über Europa und die islamischen Künste: Wo schlägt die Wertschätzung für eine Kunst in Ausbeutung um? Die SZ würdigt das "irre Gespür" der verstorbenen Modedesignerin Mary Quant. Die Filmkritiker begutachten das Programm für Cannes. Und das Van Magazin unterhält sich mit der Musik-Mäzenin Nicole Bru.

Bösartige rosa Affen im Wald

13.04.2023. Salman Rushdie spricht in der Zeit über seinen neuen Roman "Victory City", der sich nebenbei für Kiplings "Dschungelbuch" revanchiert. Die taz taucht mit dem Fotografen Stéphan Gladieu tief in die beninische Kultur ein und vermisst nur eins: die Frauen. Die FAZ bewundert Meisterwerke der Formkunst in einer Stuttgarter Ausstellung der Goldschmiedekünstlerin Paula Straus. Die SZ hört elektrosphärische Ballettmusik von Thomas Bangalter, Ex-Daft Punk. Der Standard empfiehlt eine Dokumentarfilmreihe arabischer Feministinnen. Die Welt fragt im Humboldt Forum: Tod, wo ist dein Schrecken?

Zündvorrichtung für Seelisches

12.04.2023. Zeit und FAZ feiern Makoto Shinkais Anime-Hit "Suzume" für sein Licht, die Melancholie und tiefenlaunische Requisiten. SZ und Tagesspiegel schwelgen in Emily Atefs Wendeliebesdrama "Irgendwann werden wir uns alles erzählen". Die NZZ bejubelt Benjamin Bernheim und Julie Fuchs als Operntraumpaar in Gounods "Roméo et Juliette". Der Guardian umkreist mit Steve McQueen die Brandruine des Grenfell Towers. Die SZ fühlt sich mit dem neuen Metallica-Album wie in einem Schuppen liebeskranker Biker.