Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Das nervöse Tosen

11.04.2023. Der Standard beobachtet eine zunehmende Verbitterung unter ukrainischen Literaten. Der Guardian feiert eine Ausstellung des mexikanischen Architekten Alejandro Zohn, der die Eliten der Hauptstadt die Provinz fürchten lehrte. Die FAS fragt sich, wie der Disney-Konzern mit Micky Mouse Geld verdienen wird, wenn das Copyright für die Cartoon-Klassiker ausläuft. Und im ND bewundert Berthold Seliger, wie Vladimir Jurowski in Haydns "Die Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze" das revolutionäre Beben des Irans nachklingen ließ.

Die große Umkehr

08.04.2023. SZ und Welt haben sich wegblasen lassen bei "Westbam meets Wagner" in Salzburg. Die taz blickt fassungslos auf die Netflix-Reihe "Palestinian Stories": Sind keinem Verantwortlichen die antijüdischen Zerrbilder aufgefallen? Im Interview mit der Böll-Stiftung erklärt die Autorin Ronya Orthmann, warum Fiktion nicht unwahr sein muss. Die FAS stellt die nigerianische Critics Company und ihre Filme vor. Die NZZ staunt im Burgtheater, wie Maria Lazar schon in den Dreißigern die fatale Verbundenheit von Katholizismus und Nationalsozialismus in Österreich erkannte. Die SZ sieht die Münchner Kammerspiele in der Krise: Zu viel Predigt, zu wenig Kunst.

Eine nachgerade bukolische Zeit

06.04.2023. Tanz den Parsifal mit Eurythmie! Die NZZ ist begeistert wie Jasmin Solfaghari das in ihrer Inszenierung am Goetheanum in Dornach hinkriegt. Die FAZ lässt sich von Peter Weibel im ZKM in die Renaissance 3.0 führen. Ratlosigkeit erlebt die FR im Literaturbetrieb beim Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Die NZZ besucht die Künstlerin Miriam Cahn und wird rausgeschmissen. Die Filmkritiker können ein gewisses galliges Lachen nicht unterdrücken in Ben Afflecks Film "Air". Die taz bestaunt die hohe Popsprache Hendrik Otembras.

Unterboden der Spaßgesellschaft

05.04.2023. Die SZ feiert Tarik Salehs Thriller "Die Kairo-Verschwörung" über den Tod eines Großimams, während der Regisseur ebenda betont: Sein Film sei keine Kritik am Islam, er wolle auf keinen Fall ein zweiter Salman Rushdie werden. Noch nie wurde der Holocaust so für Textzwecke missbraucht wie bei Max Czollek, ärgert sich der ukrainisch-jüdische Lyriker Yevgeniy Breyger in der lyrikkritik. In der FAZ erzählt Konstantin Akinsha, wie die russische Zensur jeden Funken postkolonialer Kritik aus einer Ausstellung in St. Petersburg tilgt.

Superfunktionale Informationseinheit

04.04.2023. Die FAZ nimmt in Berlin Platz in sowjetischen Smarthomes. Den "Schmerz der Schoah" spürt sie in Frankfurt in den Werken, die Samson Schames aus Schuhcreme, Rote-Bete-Saft und Kondensmilch schuf. "Die europäische Kultur hat sich seit Tausenden Jahren mit Antisemitismus vollgesogen", sagt der israelische Regisseur Avishai Milstein in der Welt. So geht Shakespeare heute, freut sich die nachtkritik über Jan Bosses genderfluiden "König Lear" in Hamburg. Und die SZ lässt sich von Angel Bat Dawids "Requiem for Jazz" nach allen Regeln der Kunst überfordern.

Die Zeitlichkeit der Gattung Mensch

03.04.2023. Der Tagesspiegel betritt in der Berliner NGBK das Terrain des russischen Kolonialismus. Die FAZ lauscht in einer Klangausstellung in Basel dem widerständigen Surren des Prachtleierschwanzes. Und es gibt doch noch Wagner-Tenöre, jubelt die SZ nach Jonas Kaufmanns "Tannhäuser" bei den Salzburger Osterfestspielen. Im Standard kritisiert Milena Michiko Flašar die Pläne, in Österreich migrantischen Kindern das Sprechen ihrer Muttersprache auf dem Schulhof zu verbieten. Außerdem verabschiedet sie den japanischen Komponisten Ryuichi Sakamoto, den seine Respektlosigkeit berühmt machte.

In jedem Ton wahr

01.04.2023. Die SZ erklärt, weshalb sich der englischsprachige Literaturbetrieb gerade auf AutorInnen aus der DDR stürzt: Es gibt Bedarf an Romanen, die sich mit Klassenunterschieden und Überwachung auseinandersetzen. Mit Geoff MacCormack und David Bowie reist die SZ durch die Sowjetunion der Siebziger. In der FAZ schaut Anna Narinskaja auf die Blindheit der russischen Intelligenz für die Ideologie russischer Literatur. Außerdem wirft die FAZ einen ersten Blick durch die Lichtaugen von Stuttgart 21. Der Tagesspiegel spürt den Tod am eigenen Leibe im Humboldt Forum.

Das für immer verlorene Russland

31.03.2023. Standard und taz sind begeistert: Herbert Fritsch hat am Burgtheater "Die gefesselte Phantasie" entfesselt. Die FAZ schwebt mit Hugo van der Goes in der Berliner Gemäldegalerie zwischen Schmerz und Seligkeit. Im Van Magazin fürchtet Gidon Kremer, dass er wohl nie wieder in Russland auftreten wird. Die FAZ bringt Vladimir Jurowskis Hommage auf Sergej Rachmaninow. Die neueste Girls Group namens Boygenius ist laut Pitchfork eine Sensation und lässt sich ihre Videos von Kristen Stewart anfertigen.

Mit zärtlich delirierendem Gesang

30.03.2023. Er macht autobiografische Filme, sagt Christophe Honoré in der taz, und in ihnen schimmern Leid und Lust in rosa und in blau, notiert der Perlentaucher in seiner Kritik zu "Der Gymnasiast". Auch Frauke Finsterwalders Film "Sisi und ich" begeistert die Kritik. Der Tagesspiegel erfindet mit dem Kunstmuseum Wolfsburg Piet Mondrian neu. Die FAZ ist ergriffen von Christian Josts Oper "Voyage vers l'Espoir" in Genf. Ebenfalls in der FAZ erzählt die Übersetzerin Andrea Paluch von ihrer Korrespondenz mit Ted Hughes.

Gnadenlos dekorativ

29.03.2023. Die FAZ erkennt, warum nur Gérard Depardieu in Patrice Lecontes neuer Simenon-Verfilmung den Maigret spielen kann. Einen divenhaft charmanten, aber auch zynischen Tschaikowsky erlebt die NZZ in Kirill Serebrennikows dunklem Film "Tchaikovsky's Wife". Die FAZ taucht zu mystischen-meditativen Sinfonien in Refik Anadols Maschinen-Halluzinationen. Die taz würde sich lieber nicht von Ole Scheerens spektakulären Bauten überwältigen lassen. In der taz möchte auch die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Köhler lieber nicht mehr Wolfgang Koeppen lesen.