Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Alles kann ein Gott sein

07.08.2023. Pavel Girouds Dokumentarfilm über die Padilla-Affäre beschwört die Gespenster vergangener Debatten herauf und rührte Mario Vargas Llosa zu Tränen, erzählt die FAZ. Berlin scheint nicht zu verstehen, welchen Wirtschaftsfaktor die Berlinale darstellt, sagt die Festivalgeschäftsführerin Mariette Rissenbeek im Deadline-Interview. Die Schriftstellerin Malinda Lo fürchtet in der SZ, dass christliche Frömmler in den USA demnächst noch Michelangelo verbieten. Mit Vivaldis Oper "Olimpiade" bei den Innsbrucker Festwochen erlebt sie ein grandioses Comeback hoher Männerstimmen. Und HipHop wird auch mit fünfzig längst nicht müde, freut sich die Welt.

Kern des Menschseins

05.08.2023. Rumänien geht den Bach runter, erzählt der rumänische Autorenfilmer Radu Jude in der NZZ. Dem israelischen Schriftsteller Eshkol Nevo wird es auf den Demonstrationen gegen die rechte Regierung seines Landes mulmig zumute: Impuls seiner Arbeit ist doch gerade die Empathie. Das Thema Migration bestimmt den literarischen Herbst, stellt die Literarische Welt fest. Die FAZ erfährt von Thomas von Steinaecker, wie er in den Comics von Chris Ware der Zeit beim Vergehen zusieht und entdeckt mit "healthy building" einen neuen Bautrend. Die FAS erkennt in der Ausstellung "Everybody talks about the weather", dass Monet den Klimawandel malte.

Die Lage ist tatsächlich ernst

04.08.2023. Jüdische Allgemeine und Jungle World wundern sich über die Verehrung Martin Walsers: Haben denn alle schon die "Moralkeule Auschwitz" vergessen? Der Tagesspiegel freut sich schon auf Ali Ahmadzadehs Film "Critical Zone" beim Filmfestival Locarno, der iranische Regisseur selbst darf nicht anreisen. Die FAZ stellt die pakistanische Architektin Yasmeen Lari vor, die zeigt, dass traditionelles Bauen erstens nicht zwangsläufig von Religion geprägt sein muss und zweitens klimafreundlich ist. SZ und Tagesspiegel fragen, warum die deutschen Bühnen im Sommer alle gleichzeitig Pause machen müssen.

Man spürt ihn als Naturgewalt

03.08.2023. Die SZ hörte, wie Georg Friedrich Haas in Bozen mit Hilfe von 50 Klavieren das Fundament der westlichen Musik zerlegte. Der FAZ fehlt das Mythische nicht mehr in Valentin Schwarz' Ring-Inszenierung in Bayreuth: Hat Wagner nicht ohnehin nur die Krise der spätbürgerlichen Familie mythisch überschminkt? Außerdem freut sie sich über die Wiederentdeckung des unter den Nazis verfemten Designers Paul Jaray, der die schönsten Autos schuf. Der Filmdienst fürchtet marktkonforme Angepasstheit nach der geplanten Reform des Kuratoriums junger deutscher Film. Die Kunstkritiker erinnern an den Pop-Art-Pionier Konrad Klapheck.

Bloß nicht zur Paartherapie!

02.08.2023. Die Feuilletons erleben mit Teodor Currentzis "The Indian Queen" bei den Salzburger Festspielen einen musikalisch phänomenalen, politisch aber zwielichtigen Abend. Die SZ sieht in Japan den neuen Film von Hayao Miyazaki und versteht danach das Leben nicht mehr. Die Zeiten ändern sich, kommentiert die Welt die vom Rolling Stone neu ausgerufenen 500 besten Alben aller Zeiten: Spürbar zeigt sich, wie junge Künstlerinnen das Musikgeschäft erobern. Linus Volkmann vom Kaput Mag erinnert sich mit Schaudern an seine Zusammenarbeit mit Fabian Wolff im Popjournalismus zurück: Schon damals inszenierte dieser sich an passenden wie unpassenden Stellen als jüdische Stimme.

Treppe aus Tönen

01.08.2023. Die Feuilletons sind sich uneinig über Karin Henkels Adaption von Michael Hanekes Kammerspiel "Amour" bei den Salzburger Festspielen. Die FAZ reist dort mit Ligetis Etüden ins Unendliche. In den Romanen des verstorbenen serbischen Schriftstellers David Albahari über die Gewaltgeschichte Jugoslawiens ist nichts erbaulich, schreibt die NZZ. Völlig entgleist findet die FAZ die Amazon-Bollywoodkomödie "Bawaal": Hier turteln junge Liebende vor den Gaskammern in Auschwitz herum. Und Monopol lässt sich von Vija Celmins Meer-Bildern ganz nah ans Wasser locken.

Die klügsten Thesen der Neuzeit

31.07.2023. Große Gefühle, Momente der Wahrheit und gewaltigen Blödsinn erlebt Zeit Online in Locarno in der Retrospektive des mexikanischen Kinos. Die SZ bejubelt in Bayreuth Tobias Kratzers "Tannhäuser"-Inszenierung als szenisches Wunder. Die FAZ schwebt sich mit einer Aufnahme des Ensembles Les Arts Florissants in den siebten Händel-Himmel. Außerdem billert und walsert es.

Unendliche Aporien des Daseins

29.07.2023. Martin Walser ist gestorben, der letzte aus der alten Garde der Großschriftsteller der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg. Zwei Dinge konnte man vor allem von ihm lernen: die Unmöglichkeit eines gelingenden Lebens, meint die SZ, und die Verführungskraft des Wegsehens, so die Zeit. Die Opernkritiker kommen in Salzburg erschöpft aus Martin Kušejs Inszenierung von "Figaros Hochzeit" im Mafiamilieu: bringt einen auch nicht weiter, meint die FR, aber die von Raphaël Pichon dirigierte Musik ist dafür aufregend subversiv. Hyperallergic kniet im Guggenheim Bilbao vor Oskar Kokoschka.

Mit den Ohren sehen

28.07.2023. In Bayreuth hadert die SZ immer noch mit Valentin Schwarz' "Rheingold"-Inszenierung, die FAZ macht einfach die Augen zu und überlässt sich Dirigent Pietari Inkinen, der zumindest klanglich für plastische Evidenz sorgt. Der Guardian bestaunt die frühen New-York-Fotos von Eve Arnold, die schon früh wusste, dass schwarze Macht und Stil die angesagtesten Spiele in der Stadt waren. Im Interview mit der taz ruft der senegalesische Musiker Baaba Maal seinen Landsleuten zu, dass "die Zukunft bei uns in Afrika" liegt.

Psychodelisch aufgejazztes Paradies

27.07.2023. Überfordert, amüsiert, angeregt kommen die Opernkritiker aus Jay Scheibs "Parsifal"-Inszenierung in Bayreuth: Einige hätten die VR-Brillen lieber abgesetzt, aber bayreuthwerkstattgemäß geht da noch was, hofft die Welt. Und außerdem: Die Sänger waren fantastisch, und Gurnemanz hatte Sex! In der Zeit erklärt Annika Lindgren, warum sie die Bücher ihrer Großmutter Astrid textlich modernisieren lässt. Die taz fühlt sich auch körperlich herausgefordert in einer Frankfurter Ausstellung der Netzkunstpioniere Eva & Franco Mattes. Die Popkritiker schreiben zum Tod Sinead O'Connors.