Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.08.2023. Die FAZ begeistert sich für die nagelspitze Mehrdeutigkeit des Malers Michael Armitage, dessen Bilder gerade im Kunsthaus Bregenz zu sehen sind. Die taz reist mit Markus CM Schmidts Kino-Dokumentarfilm "Le Mali 70" zu den Jazzmusikern in Mali. Die SZ besucht die Pornoproduzentin Paulita Pappel, die sich auf queerfeministische Pornos spezialisiert hat. Die Welt begutachtet Versuche, alte Schwarzweißfilm historisch akkurat zu kolorieren.
17.08.2023. Die Zeitungen gratulieren Herta Müller zum Siebzigsten: Die SZ bewundert, wie sich die Literaturnobelpreisträgerin eine sprachmagische Rüstung gegen die Zumutungen der rumänischen Diktatur bastelte. Die Filmkritiker verneigen sich zum Achtzigsten vor Robert de Niro, dem Getriebenen, dem man auch die schwachen Filme der letzten Jahre verzeiht. Die Zeit wünscht sich mehr Parität bei Klassikwettbewerben. Und Hyperallergic erkennt in New York die Morbidität in den Zypressen von Vincent van Gogh.
16.08.2023. Die FAZ ist ergriffen, verstört: Paavo Järvis radikale Luzerner Interpretation der Vierten von Brahms war eine Sensation. Die SZ schmilzt eher dahin: Der wieder edierte Pianist Alfred Cortot bewies auch im Exzess vornehme Leidenschaft. Der Perlentaucher mag den arg ostentativen Gefühlsregungen der jungen Schauspieler schauspielernden Schauspieler in Valeria Bruni Tedeschis "Forever Young" nicht folgen. Die FAZ staunt außerdem über Menzel als Shakespearianer.
15.08.2023. Die FAZ staunt über den Wagemut der libanesischen Film-Satire "Hardabasht", die ihren Finger auf so ziemlich alle Wunden des Landes legt - nur ein rauchender Polizist ging den Zensurbehörden zu weit. Die Kritiker sind schwer beeindruckt: Simon Stones "The Greek Passion" bei den Salzburger Festspielen ist die Oper der Stunde. Die taz legt sich mit der Subkultur der Sad Girls im Auto schlafen und träumt von der Anarchie. Die NZZ lässt sich von Chiharu Shiotas blutroten Spinnfäden umgarnen.
14.08.2023. So nihilistisch hat man Iran im Kino noch nicht gesehen wie in Ali Ahmadzadehs "Critical Zone", der in Locarno den Goldenen Leoparden gewonnen hat, staunen die Kritiker. Christoph Marthaler hat mit seinem Zigarre qualmenden "Falstaff" bei den Salzburger Festspielen das Publikum erzürnt - so schlimm war es gar nicht, finden die Kritiker. Die SZ ruft modernen Architekten zu, sich von der Bauhaus-Utopie inspirieren zu lassen. Außerdem gratulieren die Feuilletons Wolf Wondratschek zum Achtzigsten.
12.08.2023. Die SZ verfällt der zauberischen Realität der ersten vier Akte von Barbara Freys Inszenierung des "Sommernachtstraums", der die Ruhrtriennale eröffnete. Die FAZ lässt sich von Ulla von Brandenburg Goethes Farbenlehre vortanzen. Außerdem berichtet sie über Versuche der italienischen Regierung, die Filmpolitik nach rechts zu rücken. Die taz feiert fünfzig Jahre HipHop.
11.08.2023. Dem hingerissenen Tagesspiegel läuft die Farbe aus den Ohren beim chinesischen Animationsblockbuster "Deep Sea". Außerdem unterhält er sich mit dem kurdischen schriftsteller Yavuz Ekinci, der seiner Wut über die Gewalt in der Türkei Luft macht. Die SZ porträtiert Sylvia Robinson von Sugar Hill Records, die HipHop seinen Namen gab. Die NZZ empfiehlt ganz generell Betonkopf-Linken und Rechtspopulisten: "Hört mehr Hip-Hop". Die Berliner Zeitung ermuntert zu einem Besuch der Berliner Gemäldegalerie: Dort sind nur heute die Gemälde Sarah Haffners ausgestellt.
10.08.2023. Wie man Tradition nach vorne bringt, lernt der Standard aus der Essaysammlung "Futuromania" des Popjournalisten Simon Reynolds. Die Filmkritiker gruseln sich in einem Essayfilm von Regina Schilling vor einem pausbäckigen Eduard Zimmermann, der Frauen in "Aktenzeichen XY ungelöst" das Zuhausebleiben empfahl. Die NZZ besucht eine Ausstellung des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien im chinesischen Shenzhen und findet fast nur "schöne" Werke. In der Welt plädiert der Übersetzer Juri Durkot dafür, Denkmäler russischer Künstler aus ukrainischen Stadtbildern zu verbannen.
09.08.2023. Walser war kein Antisemit, behauptet die FAZ: Im Gegenteil, im Grunde habe Claude Lanzmann mit "Shoah" Walsers Reflexionen über den Holocaust als Film umgesetzt. Die Welt erlebt beim "Cap-Rocat"-Festival Pietro Mascagnis feurige "Cavalleria Rusticana" mit mallorquinischem Flair. ZeitOnline trauert um den Rockmusiker Erkin Koray, der für die Türkei schon immer zu unangepasst war. Die Filmkritiker trauern um William Friedkin.
08.08.2023. Der große Filmregisseur William Friedkin ist tot: Die SZ zeichnet ihn als zähen Hund, den nichts klein kriegt - außer eine Auszeichnung mit dem Oscar. Warum zeigt das Filmfestival Locarno eigentlich weiterhin Filme des Israelhassers Ken Loach, wundert sich die NZZ. Tausende Frauen werden jedes Jahr in Mexiko ermordet: Zumindest spricht man hier nicht mehr von "Verbrechen aus Leidenschaft", erzählt die Autorin Cristina Rivera Garza der taz. Der Welt schwirrt der Kopf von den Videoinstallationen Christopher Kulendran Thomas'. Die FAZ reist mit dem Architekturkollektiv "Cave-bureau" zurück an den Ursprung der Menschheit.