Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Weiche Linien

30.08.2023. Streik in Hollywood? Bei den Filmfestspielen in Venedig ist davon nichts zu merken, notiert der Tagesspiegel angesichts der auf der Leinwand versammelten Hollywood-Power. Die NZZ blickt mit Alberto Giacometti ins alte Ägypten. Die FAZ fragt sich angesichts eines Hochhauses ganz aus Holz im schwedischen Skellefteå, ob dies auch für Berlin die Zukunft sein kann. Und: die Ermittlungen gegen Till Lindemann wurden eingestellt, berichtet der Tages-Anzeiger, der auch kritisch auf die Medienberichterstattung blickt.

Das Gift arbeitet im Verborgenen

29.08.2023. Die Filmkritiker begeistern sich für Ira Sachs' "Passages", in dem Franz Rogowski einen schwulen Regisseur in Paris spielt. Die NZZ sieht die Ära der Patriarchen am Taktstock zwar noch nicht am Ende, aber die Orchester lassen sich auch nicht mehr alles gefallen. Für den naiven Umgang der Berliner Staatsoper mit Anna Netrebko hagelt es Kritik im Internet. Die FAZ bestaunt extravagante Särge in Ghana.

Ein Hund kann eben nicht lügen

28.08.2023. Im Tagesspiegel erzählt der Filmmanager Gaga Chkheidze, wie die georgische Regierung die Filmszene des Landes drangsaliert. Umberto Eco hätte das Rätselraten um eine Novelle, die ihm zugeschrieben wird, aber kaum von ihm stammen dürfte, ziemlich gut gefallen, glaubt die FAZ. Außerdem genießt sie beim Saisonauftakt der Berliner Philharmoniker den Wechsel vom Sahnigen zum Metallischen. Die Nachtkritik kniet vor Katharine Mehrlings phänomenaler Brecht-Performance am Berliner Ensemble. Die Feuilletons trauern um den Underground-Dichter Bert Papenfuß.

Außertextuelle Fiktionalitätssignale

26.08.2023. Die Berliner Zeitung stellt die Künstlerin Olga Mezenceva und ihre farbstarke "Outsider-Kunst" vor. Monopol fragt sich, wie die Medien schon wieder so auf Trump hereinfallen konnten. Nicola Bardola sichtet für die FAZ den Briefwechsel Ingeborg Bachmanns mit Hermann Kesten. Die SZ hört den Tod in Kaija Saariahos letztes Komposition, "Hush". Außerdem fragen sich die Musikkritiker, ob die Karriere Sir John Eliot Gardiners mit einer Ohrfeige endet.

Diese teuflische Achterbahn-Epoche

25.08.2023. Das Kunstfest Weimar ist eröffnet. Die SZ warnt vor Klassikerbesoffenheit, von der man sich laut nachtkritik mit Robert Wilsons "Ubu"-Inszenierung heilen lassen kann. Die SZ trauert um die Garde der großen Nachkriegsautoren, die bei allen Fehlern immer die Demokratie verteidigt hätten. In der Welt erklärt die französische Regisseurin Maïwenn die Verführung der Macht. Die FAZ bestaunt die Kunst der Rückenbeuge im Salzburger Museum der Moderne. Die taz taucht in die Berliner Italo-Disco-Szene ein.

Kaffeebecher statt Flinten

24.08.2023. Die Feuilletons feiern Dominik Grafs Essayfilm "Jeder schreibt für sich allein" über Schriftsteller, die in Nazi-Deutschland geblieben sind: Niemand wird mit Gratismut verurteilt, lobt die taz. Die Zeit steht in Düsseldorf vor naiven Tulpenporträts von Anton Hofreiter und möchte diskutieren, was Museen heute noch unter Qualität verstehen. Die SZ plädiert für mehr Öffnung bei den Bayreuther Festspielen. Und Zeit Online verlässt die Kapsel mit wuchtigem Jazz von Jaimie Branch.

Das Miteinander von Mensch und Krake

23.08.2023. Überraschende Nominierungen findet die erfreute FAZ auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Da gibts viel junge deutsche Literatur zu entdecken, ermuntert auch Intellectures. In Interviews mit SZ und FAZ kündigt Joana Mallwitz, die neue Dirigentin des Berliner Konzerthausorchesters, an, künftig auch in den Revieren der Spezialisten zu wildern. Der Tagesspiegel porträtiert den koreanischen Maler Sun Mu. Die NZZ betrachtet in Luzern die Fotografien Zanele Muholis von der verfolgten queeren Community in Südafrika. Die SZ fühlt sich sehr wohl im neuen Archiv der Zukunft in Lichtenfels.

Dem Irdischen entrückte Superfrauen

22.08.2023. Dominik Grafs neuer Essayfilm gräbt sich tief ein in die Fragen von Schuld und Verantwortung der Literaten der "inneren Emigration", schreibt der Filmdienst. Vielleicht sollte das Lucerne Festival sich von dem Gedanken verabschieden, dass ein einziger Dirigent das Festival prägt, muss die NZZ seufzend feststellen. Außerdem schwelgt sie in der Londoner "Diva"-Ausstellung in der mythischen Entrücktheit göttlicher Abendkostüme. Die FAZ wird in einer Ausstellung zum "Okkulten in der Thyssen-Bornemisza-Sammlung" von einem unerwarteten Blick getroffen. Und die Welt freut sich, dass Berlin den Brutalismus plötzlich wieder schön findet.

Was der KI jetzt vorgehalten wird

21.08.2023. Ersetzt KI Drehbücher von echten Menschen? Die FAZ hat beim Blick ins deutsche Vorabendprogramm jetzt schon Probleme, hier überhaupt noch Unterschiede zu erkennen. Mit seinem Roman "Unser Deutschlandmärchen" will Dinçer Güçyeter auch den Frauen der Gastarbeiterjahre ein Denkmal setzen, erzählt er im Standard. Taz und Tagesspiegel schlagen angesichts des Skandals um die "Oh Boy"-Anthologie die Hände über dem Kopf zusammen. Die FAZ sieht El Lissitzky im Spiegel seiner Nachfahren. Und die SZ wird von Anne Teresa de Keersmaekers Performance "Exit Above" bei Tanz im August hinweggefegt.

Ein Rest von Aura

19.08.2023. Die taz spricht mit dem Regisseur Sudhir Mishra über ethnoreligiöse Gewaltexzesse in Indien. Die SZ gibt sich dem Klangrausch von Fabián Panisellos Oper "Die Judith von Shimoda" bei den Bregenzer Festspielen hin, die das Schicksal der Geisha Okichi besingt. Ein Herausgeber der Anthologie "Oh Boy" hat mit einem Text über sein übergriffiges Verhalten die Grenze der betroffenen Frau ein zweites Mal übertreten, schreibt die FAZ. Zum 500-jährigen Bestehen des Bayerischen Staatsorchesters versenkt sich das ND tief in die Geschichte des Klangkörpers. Die NZZ bezieht in Zürich Stellung zwischen Käthe Kollwitz und Mona Hartoum.