9punkt - Die Debattenrundschau
Das fordernde Tschilpen
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.09.2026. In der SZ stellen die Journalisten Shahrzad Osterer und Richard C. Schneider keine gute Prognose für die USA nach den Midterms und Israel nach den Wahlen. Analysen reichen nicht, wir brauchen Visionen: FAZ-Autor Simon Strauß schlägt ein neues "Fahnenwort" vor, um den Zwiespalt in Deutschland zu heilen. Die Welt fragt: Wie geht Labour mit Antisemitismus um in einem Land, wo zwanzig Prozent der Jugendlichen den 7. Oktober gerechtfertigt finden? Wer ist eigentlich "Campact", fragen die Ruhrbarone. Und jetzt haben sogar die Spatzen die Nase voll von Berlin, seufzt die FAZ.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
18.09.2026
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Ideen
Die "neuen Länder" haben zwar weniger Einwohner als Nordrhein-Westfalen, aber "das, was jetzt im Osten geschieht, dominiert das Geschehen im Westen. Es ist die späte Rache jener Verlierer der Geschichte, die sich anpassen, belehren und übernehmen lassen mussten", diagnostiziert Simon Strauß in einem feierlichen Essay für die erste Seite des FAZ-Feuilletons. Er hat auch ein Rezept, um den deutschen Zwiespalt zu heilen: Es gehe "um neue Begriffe und Fahnenwörter. Um neue Anmutsvokale, die etwas von dem wecken können, das hinter der Wut und der Angst einzuschlafen droht: das Ehrgefühl des Zugehörigseins." Dieses neue "Fahnenwort" ist sehr alt: In der Berufung auf die Idee der "Republik" will Strauss einen neuen bürgerlichen Elan ins erschöpfte Gemeinwesen bringen. "Was wir aber wissen: Ein Wir ist immer Erwartung. Ist immer eine sich selbst nie ganz erfüllende Prophezeiung. Gerade deshalb müssen wir nach Worten suchen, die jetzt in diesem Augenblick der Zwietracht bindende Wirkung haben. Die Republik könnte so ein Brückenbegriff sein, auf den sich noch einmal ganz unterschiedliche Gesinnungen einigen. Weil in ihr sowohl linker wie rechter Sinn gesucht werden kann, weil sie Anstand und Inklusion, Ehrgefühl und Solidarität zugleich ausdrückt."
Politik
Im Interview mit der SZ sprechen die Journalisten Shahrzad Osterer und Richard C. Schneider über den Irankrieg, Donald Trumps miserable Kriegsführung und Netanjahu. Die beiden pessimistisch zu nennen wäre Schönfärberei: "Selbst wenn Trump beide Häuser verlieren würde, beruhigt mich das gar nicht. Im Gegenteil: Es könnte gut sein, dass er sich dann in die Außenpolitik stürzt, für die braucht er die Parlamente am wenigsten - und dass er dort noch erratischer agiert. Dass er nur wartet, bis die Midterms rum sind, um wieder Krieg zu führen, ist möglicherweise mehr als nur ein Gerücht", fürchtet Schneider. Und auch bei Israel ist er nicht sicher, dass Netanjahu die nächsten Wahlen verlieren wird: "Unser Bild von einem liberalen Israel entspricht schon lange nicht mehr der Realität. Die Demografie ist massiv zugunsten der Ultraorthodoxen und der Siedler verschoben, und es gibt innerhalb des Judentums neue radikalisierte Strömungen." Was Veränderungen im Iran angeht, ist Osterer einen Hauch optimistischer: "Ich zitiere immer Ali Fathollah-Nejad, der sagt: In Iran läuft ein revolutionärer Prozess. Seit 1999 kommt es immer wieder zu Protesten, doch während die Forderungen lange reformorientiert waren, stellen die Menschen seit etwa zehn Jahren ganz offen die Systemfrage. Anders als Trump sind sie nicht mehr bereit für faule Kompromisse. Sie wollen das Ende der Islamischen Republik."
Europa
Unter ihrem neuen Vorsitzenden Andy Burnham versucht die britische Labour Partei erneut, Stimmen vor allem muslimischer Bürger zu gewinnen, indem sie die israelische Regierung allein verantwortlich für den Nahostkonflikt macht, berichtet Henry Donovan in der Welt: "Labour geht zurück auf Werkseinstellung, zurück zu Corbyn und zum harten Anti-Israel-Kurs. ... Für Großbritanniens Juden wird es damit noch ungemütlicher. Der Antisemitismus breitet sich in Großbritannien aus wie eine Pandemie, nicht an den Rändern, sondern in den Köpfen der nächsten Generation. Fast jeder fünfte 18- bis 24-Jährige hält das Massaker vom 7. Oktober für gerechtfertigt, ergab eine YouGov-Umfrage. Eine Studie des King's College London kam im August zu dem Befund, dass sich antisemitische Einstellungen binnen sechs Jahren verdoppelt haben - besonders verbreitet unter jungen Briten und unter britischen Muslimen."
Ach, und übrigens, was reitet eigentlich Friedrich Merz, wenn er sagt: "Die perfideste Form der Ausländerfeindlichkeit ist Antisemitismus"? Mehr im Spiegel.
Ach, und übrigens, was reitet eigentlich Friedrich Merz, wenn er sagt: "Die perfideste Form der Ausländerfeindlichkeit ist Antisemitismus"? Mehr im Spiegel.
Gesellschaft
In vielen anderen Städten waren sie schon verschwunden - nun verschwinden die Spatzen auch aus Berlin. Es gebe 70 Prozent weniger als noch vor ein paar Jahren, erzählt Petra Ahne in der FAZ. Gerade die Schmuddeligkeit der Stadt habe die Kulturfolger hier überleben lassen, es gab ausreichend Nischen. Vorbei, auch das. "Nie hat man sie so richtig beachtet und plötzlich fehlen sie: das fordernde Tschilpen, die lernfreudige Neugier, die über die Zeit die Gehirne wachsen und die Spatzen zum Beispiel begreifen ließ, wie man die Sensoren elektrischer Türen bedient und so in den Supermarkt kommt. Die Unbeirrbarkeit, mit der sie sich zu einem Leben in Menschennähe entschlossen, darum sogar aufhörten, Zugvögel zu sein." Ursache könnte die "für den Menschen ungefährliche Vogelmalaria" sein, so Ahne, die hofft, dass sich dagegen ein Mittel wird finden lassen.
Achim Chajim Hecht nimmt bei den Ruhrbaronen das politische Kampagnennetzwerk "Campact" unter die Lupe. Eine Organisation der subventionierten "Zivilgesellschaft" ist sie nicht, so Hecht, denn sie ist nicht gemeinnützig und finanziert sich laut Transparenzbericht über Spenden. Selbst die Linkspartei, so Hecht, ist neidisch auf Campact, denn die Organisation macht vorwiegend für die Grünen Wahlkampf und stellt sich dabei als Graswurzelbewegung dar. "Das eigentliche Problem an der Marke Campact ist aber der Etikettenschwindel. Echte Graswurzelbewegungen wachsen organisch aus lokalen Konflikten heraus - sie sind sperrig, unkontrollierbar und oft unbequem für alle Seiten. Und meistens ziemlich pleite. Campact funktioniert exakt umgekehrt: top-down, durchstrukturiert, mit einem jährlichen Millionenbudget (zuletzt über 26 Millionen Euro Einnahmen), professionellem Daten-Management, ausgefeilten Algorithmen für zielgerichtetes Micro-Targeting auf Social Media und perfekt getakteten Spendenaufrufen. Der Fachbegriff dafür lautet Astroturfing - künstlich erzeugter, zentral gesteuerter Druck, der den Anschein einer breiten Volksbewegung erwecken soll."
In Berlin scheint es immer mehr Obdachlose zu geben, viele von ihnen sind psychisch krank, viele kommen aus osteuropäischen Ländern. Im Gespräch mit dem Psychologen Herald Hopf erfahren die Blogger Ellen Daniel und Michael Miersch, wie schwierig dieses Thema auch für die Behörden ist. Wegsperren bringt jedenfalls nichts. "Die Hürden bei der Zwangseinweisung sind nicht die Hauptursache für das Elend auf den Berliner Straßen. Eine zwangsweise Behandlung verändert nicht viel. Viel wichtiger ist, was nach einem Klinikaufenthalt passiert, damit es nicht zum 'Drehtüreffekt' kommt. Man könnte auch vorher einiges tun, damit es gar nicht zu einer Einweisung kommt. In Manchester und Birmingham wurden beispielsweise aufsuchende Teams geschaffen, die psychisch Kranke auf der Straße betreuen. Wenn man schon keine Klinikplätze hat, sollte man wenigstens auf die Betroffenen zugehen und sie langfristig behandeln, mit Medikamenten, Psychotherapie und Sozialarbeit. So etwas gibt es hierzulande lediglich experimentell, organisiert von einigen Kliniken. Jedoch nur in wenigen Fällen und mit hochmotivierten Patienten."
Achim Chajim Hecht nimmt bei den Ruhrbaronen das politische Kampagnennetzwerk "Campact" unter die Lupe. Eine Organisation der subventionierten "Zivilgesellschaft" ist sie nicht, so Hecht, denn sie ist nicht gemeinnützig und finanziert sich laut Transparenzbericht über Spenden. Selbst die Linkspartei, so Hecht, ist neidisch auf Campact, denn die Organisation macht vorwiegend für die Grünen Wahlkampf und stellt sich dabei als Graswurzelbewegung dar. "Das eigentliche Problem an der Marke Campact ist aber der Etikettenschwindel. Echte Graswurzelbewegungen wachsen organisch aus lokalen Konflikten heraus - sie sind sperrig, unkontrollierbar und oft unbequem für alle Seiten. Und meistens ziemlich pleite. Campact funktioniert exakt umgekehrt: top-down, durchstrukturiert, mit einem jährlichen Millionenbudget (zuletzt über 26 Millionen Euro Einnahmen), professionellem Daten-Management, ausgefeilten Algorithmen für zielgerichtetes Micro-Targeting auf Social Media und perfekt getakteten Spendenaufrufen. Der Fachbegriff dafür lautet Astroturfing - künstlich erzeugter, zentral gesteuerter Druck, der den Anschein einer breiten Volksbewegung erwecken soll."
In Berlin scheint es immer mehr Obdachlose zu geben, viele von ihnen sind psychisch krank, viele kommen aus osteuropäischen Ländern. Im Gespräch mit dem Psychologen Herald Hopf erfahren die Blogger Ellen Daniel und Michael Miersch, wie schwierig dieses Thema auch für die Behörden ist. Wegsperren bringt jedenfalls nichts. "Die Hürden bei der Zwangseinweisung sind nicht die Hauptursache für das Elend auf den Berliner Straßen. Eine zwangsweise Behandlung verändert nicht viel. Viel wichtiger ist, was nach einem Klinikaufenthalt passiert, damit es nicht zum 'Drehtüreffekt' kommt. Man könnte auch vorher einiges tun, damit es gar nicht zu einer Einweisung kommt. In Manchester und Birmingham wurden beispielsweise aufsuchende Teams geschaffen, die psychisch Kranke auf der Straße betreuen. Wenn man schon keine Klinikplätze hat, sollte man wenigstens auf die Betroffenen zugehen und sie langfristig behandeln, mit Medikamenten, Psychotherapie und Sozialarbeit. So etwas gibt es hierzulande lediglich experimentell, organisiert von einigen Kliniken. Jedoch nur in wenigen Fällen und mit hochmotivierten Patienten."
Kulturpolitik
Kulturpolitisch hat Donald Trump kein Glück. Nun ist das "John F. Kennedy Center for the Performing Arts" in Washington angeblich aus Sicherheitsgründen geschlossen worden. Eigentlich wollte er es in "Donald J. Trump Center" umbenennen lassen und hatte eigene Leute dort in der Führung installiert. Jetzt ist offenbar erstmal ganz tote Hose, berichtet Julian Weber in der taz: "Die Liste von Künstlern und Institutionen, die inzwischen ihre Unterstützung für das Kennedy-Kulturzentrum eingestellt haben und dort nicht mehr ausstellen, Gastspiele abhalten oder Werke zur Ur-Aufführung bringen, ist lang: Die National Opera Washington, der Komponist Philip Glass, die Sopranistin Renée Fleming, Country-Superstar Rhiannon Giddens, die Martha-Graham-Ballett-Compagnie..." Und dann sind auch noch "Ticketverkauf und Spenden für das Kennedy Center radikal eingebrochen sind, seit Trump und seine Leute dort das Zepter schwingen und wahllos gestiftete Kunstwerke entfernen lassen."
Ob das Haus wirklich geschlossen werden musste, ist allerdings fraglich, meint Susanna Petrin in der NZZ. Vielleicht hofft Trump, so doch noch seinen Willen durchzusetzen: "Es sieht immer schlechter aus für das Kennedy Center. Trump und seine Anwälte drohten jüngst mit dem Abriss: Ohne Sanierung werde das Gebäude weiter verfallen, bis es schließlich nicht mehr von ihm zu retten sein werde. Er verlange einzig etwas mehr Dankbarkeit für seine guten Dienste." In der SZ berichtet Peter Burghardt.
Eine Gruppe von drei Wissenschaftlern hat die Bundesregierung aufgerufen, ihre Eigentumsansprüche an hunderttausenden kostbaren alten Büchern und Handschriften - darunter Originalpartituren von Bach, Beethoven und Mozart - aufzugeben. Die Bücher waren im Zweiten Weltkrieg zum Schutz aus Berlin nach Schlesien ausgelagert worden und fielen dann bei Kriegsende den Polen quasi zufällig in die Hände, berichtet Jörg Häntzschel in der SZ. "Sie argumentieren, dass die Schätze - anders als die von den Sowjets in Deutschland geplünderten Kulturgüter - von den Polen nicht geraubt wurden, sondern dem Land 'ohne polnisches Zutun' durch die neu gezogenen Grenzen zufielen. Außerdem verpflichte der Vernichtungskrieg Deutschlands gegen Polen 'uns Nachfahren zu fortwährender Verantwortung für eine Versöhnung'." Die Bücher waren "in Polen lange regelrecht versteckt" worden, "wohl aus Sorge, Deutschland könne Rückgabeforderungen erheben".
Ob das Haus wirklich geschlossen werden musste, ist allerdings fraglich, meint Susanna Petrin in der NZZ. Vielleicht hofft Trump, so doch noch seinen Willen durchzusetzen: "Es sieht immer schlechter aus für das Kennedy Center. Trump und seine Anwälte drohten jüngst mit dem Abriss: Ohne Sanierung werde das Gebäude weiter verfallen, bis es schließlich nicht mehr von ihm zu retten sein werde. Er verlange einzig etwas mehr Dankbarkeit für seine guten Dienste." In der SZ berichtet Peter Burghardt.
Eine Gruppe von drei Wissenschaftlern hat die Bundesregierung aufgerufen, ihre Eigentumsansprüche an hunderttausenden kostbaren alten Büchern und Handschriften - darunter Originalpartituren von Bach, Beethoven und Mozart - aufzugeben. Die Bücher waren im Zweiten Weltkrieg zum Schutz aus Berlin nach Schlesien ausgelagert worden und fielen dann bei Kriegsende den Polen quasi zufällig in die Hände, berichtet Jörg Häntzschel in der SZ. "Sie argumentieren, dass die Schätze - anders als die von den Sowjets in Deutschland geplünderten Kulturgüter - von den Polen nicht geraubt wurden, sondern dem Land 'ohne polnisches Zutun' durch die neu gezogenen Grenzen zufielen. Außerdem verpflichte der Vernichtungskrieg Deutschlands gegen Polen 'uns Nachfahren zu fortwährender Verantwortung für eine Versöhnung'." Die Bücher waren "in Polen lange regelrecht versteckt" worden, "wohl aus Sorge, Deutschland könne Rückgabeforderungen erheben".
Digitalisierung
Unseren täglichen KI-Horror gib uns heute: In der SZ berichten Lea Sahay und Gregor Scheu, wie China KI nutzt - mit Vorsicht, aber auch Optimismus. Robert Misik fürchtet in der NZZ, dass KI uns alle versklaven wird. Auch Michael Hesse fragt in der FR: Löscht die Menschheit sich mit KI selbst aus? In der SZ berichtet Philipp Bovermann außerdem von einem Essay des KI-Chefs von Microsoft, Mustafa Suleyman, der dem KI-Unternehmen Anthropic vorwirft, seiner KI Claude beizubringen, sie habe Bewusstsein und sogar ein Unterbewusstsein.
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