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10.09.2026. Wahlen machen noch keine Demokratie, sind Aristoteles und der belgische Historiker David Van Reybrouck bei Zeit online überzeugt. Ist vielleicht der Säkularismus schuld am Wahlerfolg der AfD, überlegt in der taz der Theologe Christoph Maier. Putin wird demnächst seine Oligarchen anpumpen müssen, ist der Ökonom Marcus Keupp in der FR überzeugt, ob sie wollen oder nicht. KI hat ein mathematisches Millenium-Problem gelöst: mit etwas menschlicher Hilfe, berichten FAZ und SZ. Traumata pflegen heute vor allem die Eliten der oberen Mittelschicht, mokiert sich in der Zeit die Filmwissenschaftlerin Catherine Liu. Die SZ blickt fassungslos auf die Posting-Orgie, mit der Donald Trump die Grenzen anderer Länder umgestaltet.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Es braucht mehr als Wahlen für eine funktionierende Demokratie, meint im Interview mit Zeit online der belgische Historiker David Van Reybrouck, der dazu schon vor zehn Jahre ein Buch geschrieben hat: "Frühere demokratische Kulturen sind ohne freie und gleiche Wahlen groß" geworden. Und waren dabei auch nicht weniger repräsentativ als heute: "Jeder hat das Recht, zu wählen und zu kandidieren, aber in Wirklichkeit sind fast alle gewählten Parlamentarier in westlichen repräsentativen Demokratien akademische Diplomdemokraten. Die Mehrheiten Europas fühlen sich von ihnen nicht vertreten. Das bedeutet eine schwere Enttäuschung. Es ist kein Zufall, dass die Wahlen - elections - und die Eliten, die Auserwählten, die gleiche sprachliche Wurzel haben. Im demokratischen Athen war es ganz anders. Bürger wurden ausgelost, um gemeinsam wichtige Entscheidungen zu treffen. Leider genoss nur eine winzige männliche Elite Bürgerrechte, aber das Prinzip war gut. Aristoteles sagte schon: 'Es ist demokratisch, die Ämter durch Los zu besetzen, und oligarchisch, sie durch Wahlen zu besetzen.'"
Reybrouck hat deshalb ein Zwei-Kammern-System entwickelt, bei dem die eine Kammer gewählt wird und die andere sich durch ein Losverfahren zusammensetzt. In einem Teil Belgiens wird das Modell seit 2019 schon erfolgreich praktiziert. Mehr dazu beim IPG-Journal und hier:
Im Interview mit der Zeit denkt der Soziologe David Begrich über den Wahlerfolg der Rechten nach: "Ich glaube, dass die AfD von der moralisch aufgeladenen Berichterstattung in Ostdeutschland profitiert hat. Wenn schlecht in den großen Medien über Ulrich Siegmund geschrieben wird, dann ist das für manche ein Grund, ihn zu wählen."
Ist vielleicht der Säkularismus schuld am Wahlerfolg der AfD, überlegt in der tazChristoph Maier, Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt. Das würde erklären, warum es die AfD-Wähler nicht im mindesten beeindruckt, wenn sich AfD-Wahrheiten als Lügen herausstellen: "Wo religiöse Kommunikation und bekenntnishaftes Sprechen fremd geworden sind, fehlt möglicherweise auch die Übung darin, verschiedene Formen des Wahrheitsanspruchs auseinanderzuhalten. Säkularität allein garantiert keine aufgeklärte Gesellschaft - weder in den großen noch in den kleinen Öffentlichkeiten. In der Beobachtung des Wahlkampfes hatte ich manches Mal den Eindruck, weniger einer politischen Auseinandersetzung als einer ethnopluralistischen Glaubensgemeinschaft mit charismatischem Prediger zuzusehen. Wo politische Überzeugungen zu Bekenntnissen werden, Zugehörigkeit an die Stelle von Begründung tritt und Widerspruch den eigenen Glauben nur noch bestärkt, verändert sich der Charakter demokratischer Öffentlichkeit radikal."
In der Welt fordert Thilo Sarrazin, die Einwanderung - vor allem von Muslimen aus Afrika, der Türkei und dem Nahen Osten - zu unterbinden, "denn nur so bewahren wir als anhaltend geburtenarme Länder die Chance, von unserer Kultur und Lebensweise einiges zu erhalten". Sein Vorschlag: "Erstens: Deutschland kündigt die Genfer Flüchtlingskonvention mit dem Ziel, sie auf europäische Länder zu beschränken. So war es nämlich bis 1967. Es tritt ferner aus der Europäischen Menschenrechtskonvention aus und entzieht sich so der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. Zweitens: Auf dieser Grundlage weist Deutschland an seinen Grenzen Reisende ohne gültige Einreisepapiere zurück. ... Drittens: Deutschland bemüht sich, die Regeln für den gesamten Schengenraum entsprechend zu ändern. Gelingt dies nicht, so tritt es mit Gleichgesinnten aus dem Schengenraum aus."
Auf der selben Seite der Welt kann der Grüne Max Lucks es nicht mehr hören, dass Einwanderer für alle Probleme im Land verantwortlich sein sollen: "Entscheidend ist die Lösung von Problemen. Aber diejenigen, die Probleme lösen wollen, werden alleine gelassen, ausgegrenzt, politisch und vor allem finanziell nicht unterstützt. Das Sprach- und Qualifizierungszentrum in meiner Heimatstadt Bochum bringt Zugewanderten Deutsch bei, bildet sie aus für Pflege, Gesundheit und Erziehung und musste für die Sprachkurse eine Sonderförderung des Landes NRW erkämpfen, weil das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nicht hilft. Wir beschweren uns über mangelnde Integration und erschweren die Integration - das muss dieser Bundesregierung erstmal einer nachmachen."
Russlands Finanzsystem steht vor dem Kollaps, der Krieg gilt zwar als großes Wirtschaftsprogramm, erzeugt aber große Verluste, erklärt der Ökonom Marcus Keupp im FR-Interview mit Jan-Frederik Wendt. Deswegen wird Putin bald darauf angewiesen sein, seine Oligarchen um Geld anzupumpen. "Sie müssen daran denken, dass es in Russland so etwas wie Eigentumsrechte nicht gibt. Sie sind nur dann ein Oligarch, wenn Sie mit der politischen Elite kooperieren. Putin kann Sie also zwingen, Dinge gegen Ihren Willen zu tun, die niemand in einer freien Ökonomie tun würde. Fragen Sie mal einen europäischen Milliardär, ob er eine halbbankrotte Bank mit seinem Kapital stützen will. Natürlich will er das nicht. Wenn Sie das aber in Russland verweigern, fliegen Sie aus dem Fenster oder trinken einen vergifteten Tee."
In der NZZerinnert uns Ulrich M. Schmid daran, dass die Putin-treue russisch-orthodoxe Kirche schon in den 2000ern eine kriegsentscheidende Handlung vollzogen hat: Atombomben stehen unter dem Schutz von Heiligen. "2005 ernannte Patriarch Kirill Admiral Fjodor Uschakow zum Heiligen für die strategischen Nuklearbomber. ... Zu dieser Ehre kam der Asket aus dem 19. Jahrhundert, weil in Sarow kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die ersten sowjetischen Atomwaffen entwickelt wurden. Eine bittere Ironie liegt darin, dass die Bolschewiki in den 1920er Jahren die Mönche des Klosters in Sarow brutal ermordet hatten."
KI hat eines der sechs offenen "Millennium-Probleme" gelöst, für die das Clay Institute im Jahr 2000 je eine Million Dollar ausgelobt hatte, berichtet in der FAZ Ulf von Rauchhaupt: "Am Dienstag publizierte die Firma Open AI die Lösung der Frage zu den Navier-Stokes-Gleichungen. Die beschreiben die Strömung von Flüssigkeiten. Was aber, wenn man sie rein mathematisch betrachtet? Könnten sie dann Lösungen besitzen, in denen die Geschwindigkeitsvariable in endlicher Zeit unendliche Werte annimmt? Ob es zu solchen 'Singularitäten' kommen kann, darüber zerbrechen sich Mathematiker seit gut 90 Jahren die Köpfe. Nun steht fest: Singularitäten kann es geben. Der Open-AI-Beweis konstruiert eine Form für den Term, der in der Physik oft die Schwerkraft modelliert. Demnach gibt es eine Version dieses Kraftterms, die - ohne selbst unendliche Werte anzunehmen - das mathematische Äquivalent von Wirbeln erzeugt, die zu ihrer Achse hin immer schneller und schließlich unendlich schnell wirbeln."
Jetzt gibt es allerdings einen Streit darüber, inwieweit die Arbeit der KI auf urheberrechtlich geschützter menschlicher Vorarbeit basiert, berichtet die SZ auf ihrer Wissen-Seite: "In ihrer Mitteilung bleibt Open AI eher vage zur Frage nach der Nutzung der Arbeit von Buckmaster und Alpöge: Es sei zwar unwahrscheinlich, aber man könne nicht ausschließen, 'dass de-identifizierte Daten aus ihrer Nutzung unserer Produkte unsere Modelle verbessert haben.'"
Issio Ehrichs unterhält sich für seine Zeit-Reportage mit dem malischen Rebellen und Targi Ibrahim Ag Abdoulaye, der nicht begreifen kann, dass die repressive Militärdiktatur in Maliso beliebt ist: "Neun von zehn Malierinnen und Maliern sind mit der 'Transition', wie die Militärherrschaft genannt wird, zufrieden oder sehr zufrieden. Das ergab eine noch unveröffentlichte Erhebung der Friedrich-Ebert-Stiftung, die im August in den größten Städten Malis durchgeführt wurde. Der Zustimmungswert hat sich im Vergleich zu einer Umfrage im April noch mal etwas verbessert. 'Die Menschen sind ignorant', sagt Ag Abdoulaye über die Anhänger des Regimes. 'Meinungsfreiheit und der Schutz von Minderheiten sind ihnen egal, solange sie auf der Seite der Mächtigen stehen.'"
Bestellen Sie bei eichendorff21!Heutzutage hat fast jeder Promi und Semi-Promi ein oder ist Opfer eines "Traumas", meint leicht naserümpfend die Medien- und Filmwissenschaftlerin Catherine Liu, die das Buch "Traumatized" zum Thema geschrieben hat, in der Zeit: "Ich glaube, diese Anziehungskraft besteht vor allem für die Eliten der oberen Mittelschicht. Psychische Störungen sind in gewisser Weise 'gentrifiziert' worden und werden heute nahezu vollständig von Angehörigen der Mittelschicht beansprucht, die schon bei der geringsten Belastung in einer Welt leiden, in der sie nur ein Ziel verfolgen: sich selbst für den Wettbewerb im Kapitalismus zu optimieren. Ihr Leiden überdeckt dadurch alle anderen Formen des Leidens. ... Nur ein Beispiel: 38 Prozent der Studierenden an der Spitzenuniversität Stanford sind als Menschen mit Behinderung registriert, wozu auch Depressionen, ADHS und Angststörungen zählen. 38 Prozent! Hinter dieser Omnipräsenz psychischer Erkrankungen steht nicht zuletzt eine milliardenschwereSelbsthilfe-Industrie. Viele profitieren davon, uns Heilmittel gegen das Leiden zu verkaufen - auch eine bestimmte Klasse fragwürdiger Gurus, Ärzte, Heiler und Influencer. Doch es gibt kein Heilmittel dagegen, ein Mensch zu sein - und Mensch sein bedeutet, zu leiden."
Der "Krieg gegen den Terror" hat dafür gesorgt, dass die USA den Aufstieg Chinas nicht richtig einschätzen konnten, meint der PolitikwissenschaftlerPeter Neumann im Interview mit der NZZ. "Der zweite Faktor ist die globale Finanzkrise 2007/08, in der das amerikanische Finanzsystem zusammenbrach. Die Chinesen waren lange Zeit sehr zurückhaltend, sich als Weltmacht zu bezeichnen. Nach dem Krieg gegen den Terror und der globalen Finanzkrise sprachen chinesische Regierungsvertreter erstmals davon, dass sie eine Weltmacht seien und den Wettbewerb mit den USA suchten. Amerika schien plötzlich nicht mehr unbesiegbar." Im Interview mit der FR gibt der ehemalige US-SicherheitsberaterJohn Bolton, der damals als Unterstaatssekretär für Rüstungskontrolle arbeitete, Einblicke in die internen Abläufe der US-Administration nach den Anschlägen am 11. September.
In einer Nacht kann sich viel auf Donald TrumpsTruth Social-Account ereignen: Er postete eine Karte, die einen Bundesstaat in New America umbenannte, eine Karte, auf der Grönland und Island den USA zugeschlagen wurde, und schließlich die "neuen" Grenzen des Irans mit den Umrissen von Trumps Kopf, schreibt Claudius Seidl einigermaßen fassungslos in der SZ. Noch schlimmer: Auf diese Posting-Orgie habe es kaum Reaktionen gegeben, obwohl Trump hier vielen Weltregionen Gewalt androht. "Dass die Welt ihrerseits diesen Donald Trump fast schon verloren gibt, konnte man bald nach jener langen Nacht erkennen. (...) Hätte Xi Jinping so etwas mit einer Karte Ostasiens getan, hätten wohl manche Länder mobilisiert und andere den UN-Sicherheitsrat einberufen. Die Proteste gegen Trumps Karte, die aus Mexiko und Island kamen, klangen eher genervt als wirklich beunruhigt. Es war, als wünschten sich die Nachbarn nur eines: dass Trump sich wieder flüchte in seine KI-generierte Comicwelt. Und nie wieder zurückkehre in die Wirklichkeit."
Museen, Theater und weitere Kulturorte sind in Deutschland kaum auf Katastrophenfälle wie Extremwetter oder Kriege vorbereitet, schreiben Birgit Rieger und Nicola Kuhn im Tagesspiegel. Auf die Frage, wohin mit all den Kulturgütern in einem Katastrophenfall, gibt es keine beruhigende Antwort. "Matthias Wehry, der Präsident des Deutschen Nationalkomitees Blue Shield", die sich für den Schutz von materiellem und imateriellem Kulturgut einsetzen, "schrieb zu Beginn des Jahres in einer 'Situationsbeschreibung' für deutsche Museen: 'Im Kriegsfall wüsste man nicht, wohin mit dem Kulturgut.' Aus der Sicht von [Stiftung Preußischer Kulturbesitz]-Chef Dimter gibt es andere Prioritäten: 'Ich halte das Vorhalten von speziellen Evakuierungsräumen, die dann auch noch klimatechnisch geeignet sein müssten, derzeit für wenig realistisch bei den enger werdenden öffentlichen Haushalten. Drängender erscheint die Vorsorge für Stromausfälle', sagt er. Noch gilt Krieg als eher unwahrscheinlich."