9punkt - Die Debattenrundschau
Es genügt, wenn er Kisten bewegt
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.08.2026. Soziologie ist gar nicht so links, allenfalls sozialdemokratisch, erwidern Stephan Lessenich und Sarah Nies in Zeit online zur jüngsten Soziologiedebatte. Warum werden eigentlich so viele Hoffnungen auf humanoide Roboter gesetzt, fragt die FAZ auf ihren Wirtschaftsseiten. Die Medien untersuchen weiter das woke Münchhausen-Syndrom an der Uni Cambridge. In der NZZ erklärt Susanne Schröter, wie das "Dritte Geschlecht" in vielen muslimischen Ländern die Machtverhältnisse eher zementiert.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
10.08.2026
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Wissenschaft
Der Fall des Jason Arday (unser Resümee) ist natürlich ein gefundenes Fressen. Der Pädagoge, jüngster schwarzer Professor in der Geschichte der Cambridge Universität, hat sich als eine Art Münchhausen der woken Ideologie erwiesen. Nicht nur waren seine Arbeiten über weite Strecken plagiiert und dabei nicht einmal von Belang, sondern auch seine Lebensgeschichte eines autistischen Kindes, das erst spät zur Blüte kam, und die er mit vielen unglaublichen Details ausgeschmückt hat, musste auffliegen. Peinlich ist der Fall für die Uni auch, weil er ihren Ruf beschädigt - Studenten zahlen zwischen 25.000 und 67.000 Pfund jährlich, um dort studieren zu dürfen. Aus all dem sollte man nicht schließen, dass Antidiskriminierungspolitik ("DEI") grundsätzlich gescheitert sei, mahnt der Guardian in seinem Editorial: "Maßnahmen zur Unterstützung von Menschen mit Autismus und Angehörigen ethnischer Minderheiten zu diskreditieren, muss energisch entgegengewirkt werden. Im Nachhinein erscheint es erstaunlich, dass die Einzelheiten von Ardays erstaunlicher Lebensgeschichte nicht schon früher unter die Lupe genommen wurden. Es war falsch von ihm, den Journalisten Jack Grove von der Times Higher Education aufgrund einer Reihe von per E-Mail gestellten Fragen bei der Polizei anzuzeigen. Doch Arday ist eine Einzelperson. Auch wenn aus seinem übereilten Aufstieg Lehren gezogen werden können, besteht die Lösung nicht darin, das Ziel der Chancengleichheit aufzugeben."
"Die Geschichte des jungen schwarzen Intellektuellen liest sich wie ein Märchen, und leider ist sie auch eines", kommentiert Dominic Johnson in der taz. "Das Lehrestablishment in Cambridge hält viel auf seinen guten und neuerdings progressiven Ruf. Sally Morgan, Vorsitzende des Einstellungpanels für Arday, sitzt für die regierende Labour-Partei im britischen Oberhaus. Noch Ende Juli pries sie Arday als 'den Besten der Welt'. Ardays erstes Buch empfahl David Lammy, der ranghöchste schwarze Labour-Politiker, als 'Pflichtlektüre'. Morgan und die anderen müssen sich nun fragen lassen, ob sie Arday als Maskottchen des Antirassismus benutzt haben, um sich selbst zu profilieren."
Bei Zeit Online reagieren die Soziologen Stephan Lessenich und Sarah Nies auf einen Artikel von Armin Nassehi und seiner Kollegin Irmhild Saake (unser Resümee). Die Soziologie sei zu links ausgerichet, schreiben die beiden, gestützt auf eine Studie des amerikanischen Wissenschaftlers James Manzi. Schon diese Grundlage sehen Lessenich und Nies kritisch. Manzi konstruiere "ein 'Rechts-Links-Spektrum des US-amerikanischen politischen Denkens', mit dem die jeweilige Semantik der Abstracts abgeglichen wird. "Im Ergebnis rangiert die Soziologie im oberen Mittelfeld der ausgewählten Disziplinen. Mit einem Wert, der sich zwischen 1960 und 2024, gemäß einer im 'linken' Spektrum vornehmlich an Repräsentant:innen der Demokratischen Partei orientierten Skala, von der typisierten Position eines 'Joe Biden' hin zu jener von 'Elizabeth Warren' bewegt." Auf "Grundlage eines diskutablen Studiendesigns wird in einem wissenschaftlichen Artikel konstatiert, dass soziologische Publikationen der englischsprachigen Welt tendenziell eine sozialdemokratische normative Grundierung aufweisen. In diesen Publikationen dürfte, so lässt sich auf der Linie dieses Befunds vermuten, womöglich weniger häufig von 'Volk' und 'Nation' die Rede sein, dafür wohl vermehrt von 'Demokratie' und 'Geschlecht'. Oder aber von 'Ungleichheit', dem erklärten Reizwort der beiden deutschen Autor:innen."
"Die Geschichte des jungen schwarzen Intellektuellen liest sich wie ein Märchen, und leider ist sie auch eines", kommentiert Dominic Johnson in der taz. "Das Lehrestablishment in Cambridge hält viel auf seinen guten und neuerdings progressiven Ruf. Sally Morgan, Vorsitzende des Einstellungpanels für Arday, sitzt für die regierende Labour-Partei im britischen Oberhaus. Noch Ende Juli pries sie Arday als 'den Besten der Welt'. Ardays erstes Buch empfahl David Lammy, der ranghöchste schwarze Labour-Politiker, als 'Pflichtlektüre'. Morgan und die anderen müssen sich nun fragen lassen, ob sie Arday als Maskottchen des Antirassismus benutzt haben, um sich selbst zu profilieren."
Bei Zeit Online reagieren die Soziologen Stephan Lessenich und Sarah Nies auf einen Artikel von Armin Nassehi und seiner Kollegin Irmhild Saake (unser Resümee). Die Soziologie sei zu links ausgerichet, schreiben die beiden, gestützt auf eine Studie des amerikanischen Wissenschaftlers James Manzi. Schon diese Grundlage sehen Lessenich und Nies kritisch. Manzi konstruiere "ein 'Rechts-Links-Spektrum des US-amerikanischen politischen Denkens', mit dem die jeweilige Semantik der Abstracts abgeglichen wird. "Im Ergebnis rangiert die Soziologie im oberen Mittelfeld der ausgewählten Disziplinen. Mit einem Wert, der sich zwischen 1960 und 2024, gemäß einer im 'linken' Spektrum vornehmlich an Repräsentant:innen der Demokratischen Partei orientierten Skala, von der typisierten Position eines 'Joe Biden' hin zu jener von 'Elizabeth Warren' bewegt." Auf "Grundlage eines diskutablen Studiendesigns wird in einem wissenschaftlichen Artikel konstatiert, dass soziologische Publikationen der englischsprachigen Welt tendenziell eine sozialdemokratische normative Grundierung aufweisen. In diesen Publikationen dürfte, so lässt sich auf der Linie dieses Befunds vermuten, womöglich weniger häufig von 'Volk' und 'Nation' die Rede sein, dafür wohl vermehrt von 'Demokratie' und 'Geschlecht'. Oder aber von 'Ungleichheit', dem erklärten Reizwort der beiden deutschen Autor:innen."
Geschichte

Religion
Die Ethnologien Susanne Schröter untersucht in der NZZ das ambivalente Verhältnis der islamischen Welt zu Homosexualität. Diese sei geprägt "durch eine auffällige Diskrepanz zwischen Norm und tatsächlichem Verhalten." Zu dieser Historie gehört auch die Existenz eines "dritten Geschlechts" in vielen islamischen Ländern: "In vielen Gesellschaften existiert das Dilemma, dass von jungen Männern erwartet wird, sich als viril und sexuell aktiv zu zeigen, gleichzeitig jedoch Mädchen und Frauen zu meiden. Die Lösung besteht in der Erschaffung einer Kategorie des 'dritten Geschlechts', oft mit eigener Bezeichnung und spezifischen Vorgaben für Kleidung, Verhalten und Handlungsspielräume. Stets betrifft es biologische Männer, die sich Attribute des Weiblichen aneignen und mit Männern Sexualverkehr haben können, ohne dass dies die heteronormative Ordnung beeinträchtigt. In Oman heißen sie Xanith, schminken sich stark, bemühen sich um effeminierte Bewegungen und sprechen mit hoher Stimmlage. Sie gehen mit Männern sexuelle Beziehungen ein, die sich selbst als heterosexuell verstehen." Da "Xanith auch als Substitute für die nicht ohne Gefahr für Leib und Leben erreichbaren jungen Frauen figurieren, stabilisieren sie sogar die rigide sexuelle Ordnung, die sie durch ihre Existenz gleichzeitig implizit negieren."
Politik
Der israelische Aktivst Dror Etkes warnt im FR-Interview mit Hanno Hauenstein vor der zunehmenden Siedlergewalt im Westjordanland. Die Angriffe von radikalen Siedlern auf Palästinenser würden von der Regierung meistens gedeckt: "Mehr noch, nach dem 7. Oktober rekrutierte die Armee Tausende Siedler in ihre Einheiten - viele von ihnen dienen bis heute im Westjordanland. Sie haben dort eine Doppelrolle inne: Einerseits sind sie Soldaten mit militärischer Autorität und Ausrüstung, andererseits sind sie eingebettet in lokale Gemeinschaften, die sehr extrem, gewalttätig und kriminell sind. Sie verstehen sich als ausführendes Organ des Zusammendrängens von Palästinensern in immer kleinere Enklaven (...) Die Gewalt der Siedler wäre ohne die Unterstützung der Regierung und des Militärs nicht umsetzbar."
Digitalisierung
Warum werden eigentlich so viele Hoffnungen auf humanoide Roboter gesetzt, fragen Frank Kirchner und Reinhard Karger vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz GmbH (DFKI) in den Wirtschaftsseiten der FAZ, und antworten: "Der Vorteil der Humanoiden ist nicht anthropomorphe Technikromantik, sondern infrastrukturelle Kompatibilität... Der ökonomische Reiz besteht in der Aussicht, nicht jede Fabrik, jedes Lager und jede technische Anlage vollständig für Maschinen umbauen zu müssen, sondern Robotersysteme zu entwickeln, die in bestehende menschliche Umgebungen hineinwachsen können. Das ist ein Grund, aus dem Industrie- und Technologiekonzerne den Bereich inzwischen mit erheblicher Entschlossenheit und relevanten Investitionen besetzen. ... Ein nützlicher Humanoid muss keine Science-Fiction-Figur sein. Es genügt, wenn er wiederholt Kisten bewegt, Werkzeuge reicht, Türen bedient, Messpunkte abläuft, Schäden erkennt oder standardisierte Wartungsschritte übernimmt."
Ideen
Auch erstaunlich: Nicht jeder rechtsextreme Vordenker kriegt in der FAZ einen Feuilletonaufmacher zum Achtzigsten, wie heute Renaud Camus. Camus hat mit seiner Idee des "großen Austauschs" eine Globalisierung des Rechtsextremismus ermöglicht, der vorher in seinen nationalistischen Ausprägungen kaum anschlussfähig war. FAZ-Autor Simon Strauß geht aber weder hierauf ein, noch auf die antisemitische Spitze dieses Diskurses, der auch bei der AfD sehr erfolgreich ist. Über Camus' Wirkung in Frankreich schreibt Strauß: "Während politische Unternehmerfiguren wie Eric Zemmour sich klar zu Camus bekennen und seine Idee vom 'grand remplacement' popularisiert haben, hat Marine Le Pen selbst den Begriff des 'Großen Austauschs' als 'verschwörungstheoretisch' abgetan. Vielleicht auch, weil sie sich über eine Stelle in Michel Houellebecqs Roman 'Unterwerfung' geärgert hat, in der Renaud Camus einen kurzen Gastauftritt als ein ihr intellektuell überlegener Redenschreiber hat. Ihre Nichte Marion Maréchal nutzt den Begriff hingegen ostentativ, ähnlich wie Jordan Bardella, der von der Umvolkung in seinen Reden als 'einer Realität' spricht."
Ebenfalls in der FAZ legt der Historiker Caspar Hirschi einen Essay über das "verrückte Genie" vor, früher eher ein Pop-Phänomen, das nur heute leider an den Schalthebeln der Macht sitzt.
Ebenfalls in der FAZ legt der Historiker Caspar Hirschi einen Essay über das "verrückte Genie" vor, früher eher ein Pop-Phänomen, das nur heute leider an den Schalthebeln der Macht sitzt.
Europa
Russland zerstört bei Angriffen in der Ukraine offenbar gezielt Orte, wo Bücher produziert oder gelagert werden, berichtet Kristina Thomas in der NZZ, wie bei einem Angriff auf eine Druckerei in Kiew am 19. Juli: "Das Ukrainische Buchinstitut schätzt den Verlust auf nahezu 10 Millionen Exemplare." Betroffen seien "mehrere Knotenpunkte der Buchwelt, die den gesamten Produktionszyklus betreffen: von Redaktionsbüros über zentrale Lager und Distributionszentren bis hin zu einer der größten Druckereien des Landes." Für "viele Ukrainer begann die Bedrohung der eigenen Sprache und Identität nicht erst mit den Angriffen auf Druckereien und Lagerhäuser. 'Als Russland Mariupol zu Beginn der Invasion besetzte, war eines der ersten Dinge, die sie taten, ukrainische Bücher zu verbrennen und durch russische zu ersetzen', sagt der ehemalige ukrainische Aussenminister und Autor Dmitro Kuleba, dessen Bücher im Lager von Kniholaw verbrannten."
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