9punkt - Die Debattenrundschau

Berlin liefert nicht

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.06.2026. In der taz erklären der Historiker David Satter und der Schriftsteller Sergej Lebedew, weshalb Stalin in Russland seit Kriegsbeginn so beliebt ist wie nie zuvor. Ebenfalls in der taz fragt Jonathan Spangenberg, Vorsitzender des Zentralrats der Armenier in Deutschland, weshalb die EU vermehrt mit Aserbaidschan zusammenarbeitet. In der NZZ ruft Pascal Bruckner die französische Politik auf, Vincent Bollores Alleinherrschaft ein Ende zu setzen. Und im täglichen Francis-Fukuyama-Interview, heute in der FAZ, hat der Politikwissenschaftler mit Blick auf China plötzlich Zweifel, ob die liberale Demokratie wirklich alternativlos ist.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.06.2026 finden Sie hier

Europa

In Russland werden vor allem seit dem Krieg gegen die Ukraine vermehrt Stalin-Denkmäler aufgestellt. In der taz will Jens Malling unter anderem von dem amerikanischen Historiker David Satter wissen, wo der Zusammenhang liegt: "'Die Invasion in die Ukraine nährt den Traum von einem Imperium, und niemand hat ein größeres Imperium für Russland geschaffen als Stalin', sagt der Autor, dessen Buch sich mit der Verdrängung der Verbrechen der Stalin-Ära in der russischen Gesellschaft befasst. Die Errichtung der vielen Denkmäler geht Hand in Hand mit Stalins wachsender Beliebtheit in der russischen Bevölkerung. Zwei Jahre vor Russlands Angriff auf die Ukraine in 2014 hatten nur 28 Prozent der Russen eine positive Meinung von Stalin. Im Jahr 2023 war diese Zahl auf 63 Prozent gestiegen. Das zeigen Umfragen des Levada-Zentrums. Laut einer Umfrage vom Juni 2025 ist Stalin für die Russen die weltweit herausragendste Persönlichkeit aller Zeiten." Der russische Autor Sergej Lebedew glaubt indes, dass Putin seinen Gefolgsleuten ein Signal sendet: "Wie Stalin und seine Gefolgsleute, wie die anderen Täter jener Zeit, werdet ihr niemals zur Rechenschaft gezogen. Wir decken euch. Niemand wird euch verurteilen. Im Gegenteil. Wir werden euch auszeichnen."
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Politik

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Nach Welt und SZ (unsere Resümees) gibt Francis Fukuyama anlässlich seines neuen Buches heute Majd El-Safadi von der FAZ ein Interview. Dass die liberale Demokratie eine Zukunft hat, stellt er nicht in Frage, und doch bezweifelt Fukuyama, dass sie alternativlos ist: "Wenn China seinen derzeitigen Kurs beibehält - politisch stabil, autoritär, ökonomisch aufsteigend -, dann müsste ich zugeben, dass meine These hier falsch ist. Gleichwohl habe ich eine Modernisierungshypothese aufgestellt, die besagte, dass mit der Entstehung einer Mittelschicht in China und dem steigenden Bildungsniveau der Bevölkerung auch die Forderungen nach Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und einer Annäherung an westliche liberale Demokratien zunehmen würden. Das ist nicht eingetreten. Aber ich bin noch nicht bereit, zuzugestehen, dass China ein vollkommen erfolgreiches Modell sein wird. Es wird schwer sein, das chinesische Regierungsmodell zu exportieren. Und China hat Schwächen. Der Immobiliensektor erlebt einen beispiellosen Abschwung. Kurzum: Es ist noch nicht entschieden, wie erfolgreich China als alternatives Modell zur liberalen Demokratie sein wird."

Das Flüchtlingshilfswerk UNRWA steht in der Kritik, weil dessen Mitarbeiter über lange Zeit mit der Hamas zusammengearbeitet haben. Diese Mitarbeiter wurden entlassen und weitere Maßnahmen getroffen, erklärt der UNRWA-Direktor Roland Friedrich im FR-Interview mit Elias Feroz. Die Konsequenzen sind schärfere Regeln für politisches Engagement der Mitarbeiter, Schulungen und eine strengere Aufsicht. Trotzdem müsse die UNRWA weiterhin mit lokalen Machthabern Kontakt halten. "Im Gazastreifen bedeutete das über viele Jahre hinweg auch Kontakte zur Hamas, die dort die Kontrolle ausübte - genauso wie eine enge Koordination mit den israelischen Behörden notwendig war, um Hilfslieferungen, Gesundheitsversorgung, Bildung und andere lebenswichtige Dienstleistungen für mehr als zwei Millionen Menschen aufrechterhalten zu können. Gleichzeitig hat die Hamas der UNRWA immer wieder erhebliche Probleme bereitet - etwa durch politischen Druck, Vorwürfe der Zusammenarbeit mit Israel oder Kritik an Bildungsinhalten und Koedukation."

Es gibt im Islam mehrere Ansätze den Dschihad "defensiv" auszulegen und gegen Islamisten, die es auch auf Muslime abgesehen haben können, vorzugehen, konstatiert Kacem El Ghazzali in der NZZ. Islamisten entscheiden sich aktiv gegen diese Auslegungen des Islam und können auch nicht mit Sozaialarbeit wieder für ein friedliches Zusammenleben gewonnen werden. "Liegt vor diesem Hintergrund nicht eine geradezu paternalistische Arroganz in der Annahme der westlichen Deradikalisierungsindustrie, man müsse dem radikalisierten Jugendlichen nur ein bisschen mehr gesellschaftliche Anerkennung und einen Workshop über Toleranz bieten, um ihn von seinem Weg abzubringen? Man übersieht völlig, dass eine Radikalisierung nicht aus einem diffusen sozialen Minderwertigkeitskomplex entspringt, den man einfach wegtherapieren könnte. Sie speist sich aus der eiskalten Gewissheit theologischer und moralischer Überlegenheit. (...) Am Ende helfen nur die harten, kompromisslosen Massnahmen des Rechtsstaates."

Heute jährt sich die Anerkennung des Genozids an den Armeniern durch den Bundestag zum zehnten Mal. Aber welche Konsequenz folgte daraus, fragt Jonathan Spangenberg, Vorsitzender des Zentralrats der Armenier in Deutschland, in der taz mit Blick darauf, dass die EU trotz der gewaltsamen Vertreibung der Armenier aus Bergkarabach zunehmend auf Aserbaidschan als Energielieferanten setzt: "Diese energiepolitische Ausrichtung schafft nicht nur neue politische Abhängigkeiten, sondern führt zugleich zu einer gefährlichen Normalisierung autoritärer und genozidaler Politik. (...) Dabei verfügt die EU über klare rechtliche Hebel. Das Partnerschafts- und Kooperationsabkommen mit Aserbaidschan erklärt die Achtung der Menschenrechte ausdrücklich zu einem 'wesentlichen Bestandteil' der Beziehungen. Die fortdauernde Inhaftierung armenischer Gefangener und die Verweigerung grundlegender Rechte für die vertriebene Bevölkerung Bergkarabachs stellen einen Verstoß gegen diesen Grundsatz dar, bleiben jedoch bislang weitgehend folgenlos."
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Ideen

Im Zeit Online-Interview mit Elisabeth von Thadden überlegt der Philosoph Hannes Kuch, wie man den Mittelstand aus der Krise führen könnte, auch mit Blick darauf, dass viele Unternehmenseigentümer bald in den Ruhestand gehen. Belegschaften könnten die eigenen Unternehmen durch Kredite kaufen und durch die Gewinne des Unternehmens dann selber abstottern. Die Belegschaft hält hundert Prozent an dem Unternehmen und muss keinen Eigentümer fürchten. "In den USA ist Belegschaftseigentum seit den 1970er-Jahren gesetzlich verankert. Dort gibt es heute mehr als 6000 private Unternehmen mit 15 Millionen Beschäftigten, die zu Miteigentümern wurden. Ausgerechnet Ronald Reagan, der Wegbereiter des Neoliberalismus, hat das Modell in den 1980er-Jahren seiner Präsidentschaft befürwortet, weil es den amerikanischen Eigentumsspirit beflügelt. (...) In Dänemark geht es nicht zuletzt darum, übrigens wie auch in Slowenien, regionales Eigentum vor ausländischen Investoren zu schützen. Es sind interessante Allianzen aus Liberalismus, konservativen Ideen und Sozialismus, die sich um diese Idee des Belegschaftseigentums herum finden lassen. Auch das macht seine Stärke aus."

In der FR erinnert Arno Widmann anlässlich des 100. Geburtstags von Raul Hilberg, wie schwierig es für diesen war, einen Verleger für sein Monumentalwerk "Die Vernichtung der europäischen Juden" zu gewinnen. Dlf Kultur veröffentlicht zu Hilbergs Veröffentlichtungs-Odysse ein 160 Minuten langes Stück. In der FAZ resümiert Helene Röhnsch eine Tagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Halberstadt zum Thema "Freundschaft in Zeiten des Streits".
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Kulturpolitik

Ohne Sanierung sei die die Urania in ihrer Existenz gefährdet, warnt deren Geschäftsführerin Johanna Sprondel gegenüber Petra Ahne von der FAZ. Dabei steht die Kofinanzierung von Bund und Berlin für die Sanierung und Neugestaltung durch das Architekturbüro rw+ und Daniel Libeskind eigentlich - allein Berlin liefert nicht, so Ahne: "Denn der eine Partner der geplanten Kofinanzierung liefert nicht. 32,75 Millionen Euro hat der Haushaltsausschuss des Bundes längst freigegeben. Das Geld kann nur abgerufen werden, wenn Berlin bereit ist, die gleiche Summe zu zahlen. Es steht zudem weiterhin nur zur Verfügung, wenn bis Jahresende die sogenannte Planungsleistung mit einer Grobkostenschätzung eingereicht ist. Davor steht eine gründliche Begutachtung der Bausubstanz. Diese Vorleistungen von etwa zwei Millionen Euro, sagt Johanna Sprondel, könne die Urania nur erbringen, wenn sicher ist, dass sie zurückerstattet werden - Berlin also zahlt."
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Stichwörter: Urania

Medien

Der Medienmogul Vincent Bolloré ist kein Faschist, sondern ein Milliardär, "der sich von Gott auserwählt fühlt, Frankreich zu retten", schreibt Pascal Bruckner in der NZZ. Doch der ständigen Konzentration von Medien unter seiner Kontrolle sollte dringend ein Ende bereitet werden. "Es ist Aufgabe der Politik und der Medienaufsichtsbehörde, ein System zu überdenken, das anachronistisch geworden ist. Die Kultur ist par excellence der Bereich der Vielfalt und des Pluralismus; sie unter dem Vorwand der Finanzierung kontrollieren zu wollen, bedeutet, sie zu zerstören. Es ist an der Zeit, dass im Parlament ein Gesetz verabschiedet wird, um die Konzentration aller Machtbefugnisse in den Medien in den Händen eines einzigen Akteurs einzudämmen. Umso mehr, wenn derselbe Mann das Monopol auf den französischen Film, einen Großteil der Presse und des Verlagswesens besitzt und sich für Citizen Kane hält. Um es in Bollorés Duktus auszudrücken: Gott bewahre uns vor den Potentaten!"
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