Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.04.2026. Die SZ lässt sich von Christoph Möllers erklären, warum Antisemitismusunter Kunstfreiheit fällt. Im Ukrainekrieg erkennen inzwischen selbst russische Propagandisten den Widerspruch zwischen militärischen Zielen und der militärischen Wirklichkeit, erzählt der Schriftsteller Christoph Brumme in der NZZ. In der taz beklagt der Blogger und Aktivist Emran Feroz eine "Islamophobie-Industrie" in Deutschland. Und die SZ stellt den Zuckbot vor.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im Zweifel müssen es jüdische Gemeinden in Deutschland hinnehmen, dass antisemitische Kunst mit (ihren) Steuergeldern finanziert wird, so zitiert Peter Richter den Juristen und Berater des "Weltoffen"-Papiers Christoph Möllers, der zu dem Thema zwei bisher nicht besprochene Bücher vorgelegt hat, in der SZ. "'Wir verlernen so langsam diesen Sprechakt, zu sagen: Das ist falsch und schlimm, aber wir erlauben trotzdem, dass es gesagt wird', sagt Möllers. Das entscheidende Stichwort lautet hier: Sprechakt. In Möllers' Büchern liest sich das nämlich so: 'Ein Ausgleich zwischen Kunstfreiheit und staatlicher Aufgabenwahrnehmung kann aber auch darin bestehen, dass staatliche Organe sich zu von ihnen ermöglichten künstlerischen Praktiken öffentlich kritisch verhalten, ohne sie zu untersagen.' Im Fall antisemitischer Exponate in öffentlich geförderten Ausstellungen seien die zuständigen Stellen durchaus befugt und aufgerufen, 'Antisemitismus beim Namen zu nennen'. Der Staat dürfe und müsse sich gegen bestimmte Positionen äußern, ohne in die eigentliche ästhetische Praxis einzugreifen. 'Dieses Nebeneinander von Sollen und Nichtdürfen ist auf den ersten Blick unbefriedigend', gibt Möllers zu: 'Es schont aber die Sphären beider Beteiligter.'" Dass Institutionsleiter sich auf "diskursives Dagegenhalten" beschränken müssen, findet Möllers auch nicht ganz befriedigend: "Er gibt zu, dass es nur ein 'sehr schwaches Mittel' ist, 'auf das ich gar nicht gekommen wäre, wenn ich nicht dieses lähmende Schweigen bei der Documenta 15 erlebt hätte'."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Sogar den russischen Propagandisten, die ihr Publikum im Fernsehen rund um die Uhr anschreien und zum Massenmord an Ukrainern aufrufen, dämmert langsam, dass der Ukraine-Krieg nicht gewonnen werden kann, schreibt der in der Ost-Ukraine lebende SchriftstellerChristoph Brumme in der NZZ. "'Wir haben legendäre Waffen, sie haben moderne', klagt der Kreml-Propagandist Wladimir Rudolfowitsch Solowjow. Der Widerspruch zwischen den militärischen Zielen und der militärischen Wirklichkeit klafft immer weiter auseinander. Russland steuere unaufhaltsam auf eine 'ideale Katastrophe' zu, prophezeit der Nationalistenführer Maxim Kalaschnikow. Er spricht von einem 'albtraumhaften Krieg, der uns von innen heraus zerstört'. (...) Der russische Z-Blogger Jegor Cholmogorow wiederum glaubt, die russischen Machthaber seien von Dämonen besessen, die sie zu absurden Handlungen und Fehlern trieben. Dies sei die einzige Erklärung für ihr 'irrationales Verhalten'. Er ließ offen, ob er damit auch die immer wieder aufflackernden Forderungen seiner Kollegen nach einem Einsatz von Atombomben gegen die Ukraine und gegen westliche Staaten meint, insbesondere gegen Großbritannien oder gegen Polen."
Was hat Erdogan in 23 Jahren Regierung in der Türkei eigentlich erreicht? Bülent Mumay sieht in der FAZ eine riesige Lücke zwischen Versprechen und Realität klaffen. Das gilt sogar für die Religion: "In seiner islamistischen Identität spricht Erdoğan seit Jahren davon, eine 'fromme Generation' heranzuziehen. Zu diesem Zweck wurde der Laizismus, eines der Gründungsprinzipien der türkischen Republik, untergraben und versucht, etliche Bereiche vom Bildungswesen bis hin zum sozialen Leben zu islamisieren. Jüngst ergab eine Studie der renommierten Koç-Universität allerdings, dass das Streben nach einer 'frommen Generation' den gegenteiligen Effekt erzielt", schreibt Mumay und bezieht sich dabei auf eine Studie von Ali Çarkoğlu, der die Ergebnisse in der Wochenzeitung Oksijen zusammenfasste: "'Die Teilnahme an kollektiven Praktiken der Religionsausübung wie dem Moscheebesuch hat abgenommen. Starre Zuschreibungen religiöser Identität verloren an Bedeutung. Wird Religion mit dem Staat gleichgesetzt, wird sie für einen Teil der Menschen zu etwas, zu dem man auf Distanz geht."
Bestellen Sie bei eichendorff21!In der tazbeklagt der Blogger und Aktivist Emran Feroz eine "Islamophobie-Industrie" in Deutschland. Damit meint er alle, die den Begriff des antimuslimischen Rassismus ablehnen, weil erstens Muslime keine Rasse sind und zweitens der Begriff oft genug dazu dient, jede Kritik am Islam mundtot zu machen. Wie so oft muss Ahmad Mansour als Stellvertreter für muslimfeindliche Einstellungen herhalten, und: "Ein aktuelles Beispiel hierfür ist der Journalist Sascha Adamek, der jüngst ein vermeintlich investigatives Sachbuch mit dem Titel 'Unterwanderung - Der Politische Islam weiter auf dem Vormarsch' veröffentlichte. Es ist ein Sammelsurium an Behauptungen, die praktisch jeden muslimischen und migrantischen Akteur in Deutschland als potenziell extremistisch markieren. Hilfsorganisationen, antirassistische Vereine, kritische Wissenschaftler oder gar der Münchener Vorzeigeimam Benjamin Idriz - für Adamek sind sie alle irgendwie Teil eines islamistischen Geflechts, das im Namen der Muslimbrüder heimlich nach Einfluss strebt."
Deutschland ist voller kleiner Habermase, die jetzt in sperriger Prosa über das Vermächtnis des großen Erblassers streiten. Nach Gerhard Schweppenhäuser (unser Resümee) hält es auch der Philosoph Christoph Türcke, so weit man ihn verstehen kann, für keine gute Idee, dass ausgerechnet das Frankfurter Institut für Sozialforschung das Habermas-Haus als Tagungsstätte leiten soll, wie Gerhard Matzig es in der SZ vorschlug (unser Resümee) und später Stephan Müller-Dohm unterstützte (unser Resümee). Sein Vorwurf an Habermas: er habe die Kritische Theorie "abgewickelt", was nicht ganz negativ gemeint ist: "Abwicklung ist allerdings ein mehrdeutiger Vorgang. Eine Firma abwickeln heißt sie auflösen, aber zugleich Erhaltenswertes aus ihrer Konkursmasse in andere Zusammenhänge überführen. So mit theoretischen Gebäuden umzugehen - darin hatte Habermas großes Geschick." Nur ist Türcke nicht zufrieden mit der Art und Weise der Abwicklung, Habermas habe es sich sozusagen immer schon auf dem "kulturellen Niveau wohltemperierten Ausgleichs von verbalisierten Geltungsansprüchen" bequem machen wollen und darum Horkheimer und Adorno mit ihrer Formel vom "Eingedenken der Natur im Subjekt" gründlich missverstanden, "als rede sie romantisch von einer ursprünglichen Friedenseinheit von Mensch und Natur. Sie thematisierte jedoch die Verwicklung in vorgefundene und gesellschaftlich verlängerte Naturgewalt, die auch den Lebewesen selbst, ihrem Drang nach ungegängelter Bewegung, Gewalt antut." Am Ende geht Türcke nicht noch mal auf die Frage ein, in wessen Weltgeist die Starnberger Villa nun verwaltet werden soll.
Mark Zuckerberg trainiert aktuell seinen Nachfolger selbst: den "Zuckbot". Mit dem sollen seine Angestellten bald kommunizieren können und sich die Kommunikation mit ihren Vorgesetzten sparen, konstatiert Philipp Bovermann in der SZ. "Angestellte sollen den Bot um Rat bitten können. Auch solche, die eigentlich zu weit unten in der Befehlskette stehen, können künftig also in jeder Situation erfahren, was Mark Zuckerberg sagen und wie er entscheiden würde, jedenfalls eine automatisierte Version von Mark Zuckerberg. Immer noch besser, als den direkten Vorgesetzten zu fragen oder selbst entscheiden zu müssen, so die implizite Logik: Selbst die Kopie eines Zuck ist noch besser als die Originale von Menschen, die den Nachteil haben, nicht Mark Zuckerberg zu sein. Aut Zuck, aut nihil. Ein Herrscher, so grenzenlos wie sein Reich. Meta kehrt zurück zu den militärischen Ursprüngen der Unternehmensführung, ergänzt allerdings um die Möglichkeit unendlichen, vollautomatischen Mikromanagements."
Eigentlich hatte ein Gericht verfügt, dass eine Ausstellung über Sklaven in George Washingtons Haus in Philadelphia wieder aufgebaut werden muss, nachdem die Bundesregierung ihren Abbau verlangt hatte. Doch zwei Monate nach dem Urteil kann von einem Status quo ante keine Rede sein, berichtet Judith Lembke in der FAZ: "Von den ursprünglichen Paneelen hängt nur etwa ein Drittel wieder an ihrem ursprünglichen Platz, und auch die meisten Bildschirme bleiben dunkel. Wieder aufgehängt wurden diejenigen, die eher allgemeine Informationen vermitteln und nicht den Widerspruch berühren, dass mitten in der Independence Mall, dem Ort, der wie kaum ein anderer für den amerikanischen Freiheitskampf steht, Sklaven gehalten wurden. Der größte Teil der roten Ziegelmauer bleibt nackt. An manchen leeren Stellen kleben Zettel mit politischen Botschaften, die vom Kampf für die Rückkehr der Ausstellung zeugen: 'We the people can handle the whole truth about our nation's history and leaders!" heißt es an einer Stelle'". Warum die Verantwortlichen nach ihrem Sieg eingeknickt sind, verrät uns Lembke allerdings nicht.