9punkt - Die Debattenrundschau

Ohne unmittelbares menschliches Zutun

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.04.2026. In der NZZ fordert der Historiker Jan Grabowski einen offenen Blick auf den Holocaust - auch die Komplizen in den besetzten Ländern müssen in der Geschichtsschreibung vorkommen, fordert er. In Frankfurt wird ein Habermas-Kongress vorbereitet, und so gut wie alle Adepten fragen sich laut FAZBin ich es, der da reden soll? Die Welt beleuchtet das unheimliche, von Palantir in Aussicht gestellte Szenario eines von KI automatisierten Krieges. hpd.de beleuchtet den religiösen Aspekt am Trumpismus: Die Trennung von Staat und Religion erodiert.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.04.2026 finden Sie hier

Ideen

Alan Posener hat für die Welt auf X das 22-Punkte-Manifest von Palantir-CEO Alexander Karp zur KI gelesen: "Die Frage ist nicht, ob KI-Waffen gebaut werden. Die Frage ist, wer sie bauen wird und zu welchem Zweck", weshalb man sich alle Debatten sparen könne und besser schnell baue, zitiert Posener und widerspricht: Denn was Palantir kann, kann bald jeder. "Es war relativ einfach, festzustellen, wer wo Atomwaffen entwickelt, und doch konnte deren Verbreitung nicht verhindert werden", meint Posener, weshalb es bei Atomwaffen irgendwann Verträge zur Kontrolle und schließlich sogar zum Abbau gab. "Solche Mechanismen fehlen bei KI-Waffen gänzlich. Wenn alle nach dem Palantir-Motto handeln, 'Hauptsache, wir entwickeln sie zuerst', wird es zu einem Wettrüsten kommen, bei dem der Sieger keine Kultur sein wird, egal wie angeblich überlegen sie ist, sondern die KI selbst, deren Ziele weder mit 'unseren' Idealen noch mit denen unserer Gegner übereinstimmen müssen. Es ist Zeit, über alle ideologischen und nationalen Grenzen hinweg sich zu überlegen, wie dieses Wettrüsten verhindert werden kann."

Hier das bei Twitter veröffentlichte Manifest:

Im Irankrieg kann man gerade sehen, wie die billigen Shahed-Drohnen der Iraner die Abwehr von Israelis und Amerikanern an ihre Grenzen bringen, meint Andrian Kreye in der SZ und warnt, dass Deutschland nicht bis 2039 Zeit hat, sich auf die neuen KI-gesteuerten Waffensysteme einzustellen, wie es Boris Pistorius' gerade vorgestellte neue Militärstrategie vorsieht: "Autonome Drohnenschwärme, die ohne unmittelbares menschliches Zutun Ziele suchen und Aufgaben verteilen, zeigen, wohin diese Entwicklung führt. In der Ukraine sind sie schon im Einsatz, in Industrieländern wie Deutschland, Schweden und den USA in der Entwicklung. Ein Netz aus KI-Modulen koordiniert dabei Hunderte kleiner Drohnen, die sich die Aufgaben teilen. Manche Drohnen leiten den Angriff, andere dienen der Aufklärung, um schließlich den Angriff der kleinen Flugobjekte mit Sprengladung einzuleiten. Traditionelle Luftverteidigung ist da machtlos", es bleibe "keine Zeit mehr, jahrelang zu lernen. Denn die Zukunft des Krieges ist schon die Gegenwart."

In Frankfurt wird ein großer Habermas-Gedenk-Kongress vorbereitet, der schon im Juni stattfinden soll. Es planen die Stadt, die Uni Frankfurt und der Suhrkamp-Verlag. In der bereits jetzt zerstrittenen (unser Resümee) Adeptenschaft herrscht große Sorge, beobachtet Christian Geyer in der FAZ. "Dort will man wissen: Bin ich es, der da reden soll? Oder wird etwa sie es sein, er es sein, jemand anders also, auf den es dann in verschatteter Dezision zuläuft? Aber nicht nur Eitelkeiten sind im Spiel, wenn es faktisch doch auch um Weichenstellungen der Rezeption geht. Wer spricht etwa zu der jüngst wieder aufgeworfenen Frage, ob Habermas die Kritische Theorie nun weiterentwickelt oder abgewickelt hat?"
Archiv: Ideen

Politik

In Washington konnte mal wieder ein Attentat auf Trump vereitelt werden. Das Interessante am Täter ist, dass er ein linker Trump-Gegner zu sein scheint - für Laurent Joffrin in librejournal.fr der Beweis, dass in den USA auch die Linke von dem für Europa so befremdlichen Gewaltkult der USA infiziert ist: "Dieses Ereignis konfrontiert uns mit einer grundlegenden Tatsache für jeden, der die heutige Welt verstehen will: Die Vereinigten Staaten, die die internationale Bühne dominieren, sind ein Land, das auf dem ungleichen Kampf zwischen Gewalt und Recht beruht. Einige Zahlen: Die Mordrate ist dort zehnmal höher als in Europa; es sind dort genauso viele Waffen im Umlauf wie es Amerikaner gibt; die Zahl der Gefängnisinsassen bricht alle Rekorde unter den Demokratien; im Laufe der Geschichte wurden sechzehn Präsidenten Opfer von Attentaten (das ist ein Drittel der Gesamtzahl); vier von ihnen wurden ermordet: Lincoln, Garfield, McKinley und Kennedy."
Archiv: Politik

Geschichte

Was geschah mit den Juden im Zweiten Weltkrieg? Das wird immer unklarer in Osteuropa, denn "je länger der Krieg vergangen ist, desto aggressiver wird versucht, die Geschichte umzuschreiben", erklärt im Interview mit der NZZ der polnisch-jüdische Historiker Jan Grabowski. "Der Staat fördert einerseits eine Geschichtsschreibung, in der so getan wird, als habe es in Polen nach dem Überfall der Nazis nur noch Deutsche und Juden gegeben, während die Polen als eine Art Aliens erscheinen, die bloß zuschauen. Gleichzeitig betreibt man eine groteske Verklärung der eigenen Bevölkerung." Wenig hilfreich findet er die Bemühungen beispielsweise des früheren Außenministers Heiko Maas und des Historikers Andreas Wirsching 2020, den Holocaust zu einer rein deutschen Angelegenheit zu erklären. "Ja, der Holocaust war ein deutsches Projekt, aber in jedem Land haben sie willfährige Komplizen gefunden, von Bordeaux bis Stalingrad. Maas und Wirsching wollten wohl sagen: Wir sind gute Deutsche, wir haben unsere Arbeit gemacht, wir nehmen die Schuld auf uns. Sie wollten der AfD und anderen Rechtsradikalen die Argumente wegnehmen", aber es geschehe genau das Gegenteil: "Sie geben damit allen Neonazis, Faschisten und Nationalisten in Osteuropa recht. 'Seht her, die Deutschen sagen es ja selbst, dass sie allein schuld seien', bekommen wir Historiker dann zu hören. Wer so spricht wie Maas, legitimiert genau die Leute, die Europa spalten wollen."

Vor hundert Jahren erfand der Historiker Carter G. Woodson den "Black History Month", der in den USA in den letzten Jahrzehnten immer intensiver begangen wurde. Der Politologe Nicki K. Weber erinnert in geschichtedergegenwart.ch an die Theorien Woodsons und besonders an seinen Begriff der "Miseducation", gegen die ein neues Bewusstsein für schwarze Geschichte ankämpfen solle. "Woodsons Konzept der Miseducation erfährt in der Gegenwart eine neue Dringlichkeit. Was in den USA geschieht, ist kein kulturpolitischer Ausrutscher. Die Trump-Regierung hat die Smithsonian Institution scharf angegriffen, Überprüfungen angeordnet und das Diversitätsbüro schließen lassen. Die Begründung: Institutionen verbreiteten antiamerikanische Propaganda und konzentrierten sich zu stark auf die Geschichte der Versklavung, Ausbeutung und Unterdrückung nichtweißer Bevölkerungsgruppen. Der BLM-Schriftzug nahe dem Weißen Haus wurde entfernt, DEI-Programme aufgelöst, Google strich den Black History Month aus dem Kalender. Schwarze Geschichte wird von der Trump-Regierung auf ein 'Kapitel in der großartigen amerikanischen Geschichte' reduziert."
Archiv: Geschichte

Europa

"Kultur" steht in den Wahlprogrammen deutscher Parteien meist ganz am Ende. Ganz anders bei der AfD in Sachsen-Anhalt, die zur Zeit auf 38 Prozent veranschlagt wird, hat Jürgen Kaube in der FAZ bemerkt. Die Erklärung ist einfach: "Die naheliegende Antwort ist, dass in Bundesländern Kulturpolitik wirksam gestaltet werden kann. Aus der EU kann Sachsen-Anhalt nicht austreten, noch kann es Einwanderungsgesetze erlassen oder rentenpolitisch starke Akzente setzen." Dass in der AfD "Kultur" so weit oben rangiert, bedeutet aber nicht, dass man mit dem Begriff irgendwelche überraschenden Ideen verbindet: nur "Deutsch" soll sie sein. "Das Wort 'deutsch' dient ihr weniger zur Selbstbestimmung als zur Frontenbildung gegen Leute, die einst als 'undeutsch' bezeichnet wurden, jetzt als 'internationalistisch'. Dass schon Wieland und Goethe sich im Zeitalter der Weltliteratur sahen, ficht sie so wenig an wie Nietzsches Europäertum. Wie alle Nationalisten erfindet sie sich die Traditionen, von denen abzuweichen sie ihren politischen Gegnern wie der Moderne überhaupt vorwirft. Vermutlich hält sie die Romantik für eine deutsche Erfindung und Kafka für einen Tschechen."

Eigentlich sollte Belarus auf der Aufmerksamkeitsskala der Europäer ganz oben stehen, meint die belarussische Oppositionspolitikerin Maria Kolesnikowa im Interview mit der SZ. "Aber das tut es nicht. Im Gegenteil. Dabei erleben wir gerade eine existenzielle Situation. Putins Einfluss in Belarus wird immer größer, er hält Lukaschenko durch wirtschaftliche Unterstützung an der Macht. Aber anstatt Belarus aus dieser russischen Umarmung zu lösen, hat Europa alle Brücken nach Minsk abgebrochen. Früher hat niemand mehr Schengen-Visa beantragt als die Belarussen, sie haben in Europa studiert, gearbeitet, Urlaub gemacht, sie hatten Zugang zur Demokratie. Aber das Einzige, was sie heute von Europa mitbekommen, sind Sanktionen. Sie fühlen sich isoliert, noch fünf Jahre, und der Kontakt zu europäischen Werten ist vergessen", und das sei gefährlich auch für Europa, meint Kolesnikowa und nennt noch einen Grund, warum es für Europa wichtig sei mit Lukaschenko zu reden: "Eines Tages wird es Frieden in der Ukraine geben. Es wird um Sicherheitsgarantien gehen, und Belarus hat eine lange Grenze mit der Ukraine. Aber wer verhandelt darüber? Die USA und Russland. Die Europäer haben sich selbst isoliert. Zurzeit gibt es in Europa nicht einmal eine Strategie für Belarus. Das ist gefährlich."

In der Welt warnt Ahmad Mansour vor einem wachsenden radikalen Islamismus in Deutschland: "Eine aktuelle Zahl des Motra-Monitors leuchtet wie in roter Neonschrift: 45,1 Prozent der Muslime in Deutschland, die jünger sind als 40, weisen laut Erhebung eine latente oder manifeste Nähe zum Islamismus auf. Das ist nahezu die Hälfte der jungen Generation der hiesigen muslimischen Communitys, in ihrer Gesamtheit etwa fünfeinhalb Millionen Menschen. Es geht also um mindestens eine Million junge Leute. Der Islamismus ist da." Doch statt sich damit auseinanderzusetzen, werde lieber über "antimuslimischen Rassismus" geklagt. "Ja, es gibt auch Diskriminierung gegen Muslime. Und ja, eine Demokratie sollte alles daransetzen, diese abzubauen. Doch wer mit einem Begriff wie 'antimuslimischer Rassismus' den Islam zu einer 'Rasse' erklärt oder Kritik etwa an der Scharia-Praxis als 'Islamophobie' bezeichnet, schützt nicht Muslime, sondern eine Ideologie", so Mansour, der ganz konkret für ein Kopftuchverbot für Mädchen unter zwölf Jahren plädiert.
Archiv: Europa

Religion

Der religiöse Aspekt am Rechtspopulismus und -extremismus wird von hiesigen Medien meist höflich ausgeblendet. Moisés Serrano von der Organisation "Americans United for Separation of Church and State" erklärt im Interview mit Inge Hüsgen von hpd.de, wie weit Trump und Co. bereits bei der Aufweichung der Trennung von Staat und Religion gekommen sind. "Wir beobachten die Angriffe christlicher Nationalisten auf das staatliche Bildungswesen mit großer Besorgnis. Dahinter steckt eine Doppelstrategie: An öffentlichen Schulen zwingt man den Schülern eine eng gefasste Version des Christentums auf, während gleichzeitig öffentliche Gelder in private, vorwiegend religiöse Schulen gepumpt werden. Diese Agenda sehen wir auf allen Regierungs- und Verwaltungsebenen. Auf Bundesebene gehört auch die neue Richtlinie zum Schulgebet dazu. Darin erlaubt die Trump-Regierung sogar das gemeinsame Gebet von Lehrern und Schülern - obwohl das gegen die Verfassung verstößt. Zudem hat der Kongress das erste nationale Programm für private Schulgutscheine ins Leben gerufen, das Milliarden Dollar von öffentlichen Schulen an private, meist religiöse Schulen abzweigen wird."
Archiv: Religion