9punkt - Die Debattenrundschau

Warnsignale aus der Geschichte

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.04.2026. Putin geht es um die totale Kontrolle über die Erinnerung, hält die Historikerin und Memorial-Gründerin Irina Scherbakowa im FAS-Interview fest. Der bulgarische Schriftsteller Dimitré Dinev erinnert im SZ-Gespräch an das Straflager auf der Insel Belene, dessen Geschichte erst seit Kurzem aufgearbeitet wird. Die aktuelle geopolitische Situation lässt sich am besten mit der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg vergleichen, legt der Historiker Odd Arne Westad im FAZ-Interview dar. SZ und FAS blicken auf den Streit des amerikanischen Präsidenten mit dem "Anti-Trump" Papst Leo XIV.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.04.2026 finden Sie hier

Europa

Vor Kurzem wurde die russische Menschenrechtsorganisation "Memorial", die sich vor allem für die Aufarbeitung der stalinistischen Verbrechen einsetzte, in Russland zur "extremistischen Organisation" erklärt (unser Resümee). Was heißt das für die Erinnerungskultur und die russische Gesellschaft? Es gehe um "die totale Kontrolle über die Vergangenheit", erklärt die Memorial-Mitbegründerin und Historikerin Irina Scherbakowa im FAS-Interview: "Es geht um das Symbol selbst - darum, diese Erinnerung ganz zu verbieten. Denn Memorial blieb auch nach der Liquidierung für viele ein starkes Symbol der Aufarbeitung, der Erinnerung und der Menschenrechtsarbeit. Genau dieses Symbol soll nun verschwinden. In der Duma wird bereits gefordert, alles zu entfernen, was den Namen Memorial trägt: Hunderte Denkmäler, über 1000 Bücher, Datenbanken - 35 Jahre Arbeit. Und damit auch die Erinnerung unzähliger Menschen, die durch Memorial ihre Angehörigen finden konnten. Es geht um den Kern der sowjetischen Geschichte: einen Staat, der auf Gewalt und Terror beruhte - vom stalinistischen Massenterror bis zum repressiven System der Perestroika-Zeit (...) Museen und Denkmäler werden umgedeutet, sogar das Katyn-Massaker wird den Deutschen wieder in die Schuhe geschoben."

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Im SZ-Interview ist der bulgarische Schriftsteller Dimitré Dinev recht hoffnungslos, was die Lage in seinem Land angeht. Bulgarien sei ein "Labor für russische Desinformation", es herrscht Korruption und Politikmüdigkeit. Das habe viel damit zu tun, dass die Verbrechen des Kommunismus niemals richtig aufgeklärt und bestraft wurden. Sein neues Buch lässt Dinev zum Teil in Belene spielen "einem der größten Straflager auf einer Insel mitten in der Donau, die Sterberate war höher als in den Gulags", über das lange geschwiegen wurde: "Die Mörder haben später die höchsten Pensionen bekommen, die Opfer waren ihr Leben lang gebrandmarkt, durften nur als Lastenträger oder am Bau arbeiten. Erst seit einiger Zeit gibt es Bücher, setzen sich Leute für ein Gedenken ein. Wissen Sie, uns Bulgaren wurde immer suggeriert, wir seien die Arschlecker von Moskau. Die Tschechen, die Polen, die Ungarn, alle haben Widerstand gegen die Sowjets geleistet, nur wir nicht, das haben wir internalisiert, dafür habe ich mich auch geschämt. Dabei gab es viele Beispiele von Mut und Solidarität. Die Untergrundkämpfer der Gorjani hielten bis 1964 bewaffneten Widerstand, aber auch die Anarchisten zum Beispiel, und über die habe ich nun geschrieben."

Morgen wird in Bulgarien gewählt, zum achten Mal seit 2021, wie Barbara Oertel in der taz erinnert. Der Kandidat mit den meisten Erfolgschancen ist der parteilose ehemalige Präsident Rumen Radew, der sich russlandnah gibt und Waffenlieferungen in die Ukraine ablehnt, außerdem "immer mal wieder nationalistische und populistische Töne anschlägt. Im Sommer 2023 ist ein Projekt der Superlative in aller Munde. Im Rhodopengebirge soll ein 111 Meter hoher Mast installiert werden, um eine überdimensional große bulgarische Flagge zu hissen. Er kostet 500.000 Euro, die Summe ist angeblich durch private Spenden zusammengekommen, Radew hat die Kampagne unterstützt. Als der Mast im Juli eingeweiht wird, stimmt Radew in die Rufe 'Lang lebe Bulgarien!' ein."
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Geschichte

Die Slawistik-Professorin Anna Artwińska schildert in der FAZ den Streit um den Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto in Polen. Zwei Petitionen wurden im Vorfeld lanciert: Die erste, initiiert von der Historikerin Beata Lewkowicz, richtet sich gegen den Autor Mariusz Szczygieł, der in den Sozialen Medien Israel des Genozids an den Palästinensern bezichtigt und als einer von mehreren "Botschaftern" ausgewählt wurde, die am Gedenktag in der Stadt über die Ereignisse von 1943 informieren sollen und symbolisch Narzissen in der Stadt verteilen. Die 600 Unterzeichner halten die Wahl für unangemessen und befürchten die Verstärkung antisemitischer Ressentiments. Eine zweite Petition, iniitiert unter anderem vom Philosophen Adam Lipszyc, richtet sich nun gegen das Hissen der israelischen Flagge während der Feierlichkeiten. Artwinska kritisiert vor allem die zweite Petition: "Die Erinnerung an die jüdischen Opfer des Warschauer Ghettos muss verbunden werden mit Interventionen gegen heutige Gefährdungen von Juden. Sie lässt sich nicht im postkolonialen Sinne als bloße Chiffre allgemeiner Gewalt- und Unterdrückungserfahrungen deuten. Deswegen zielt die Kritik der Unterstützer der ersten Petition zu Recht auch auf die Selbstinszenierung Mariusz Szczygiełs, der sich sowohl im T-Shirt mit der Aufschrift, alle zehn Minuten sterbe ein Kind in Gaza, als auch mit der gelben Narzisse in den sozialen Medien präsentiert."
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Politik

Buch in der Debatte 

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Der Historiker Odd Arne Westad warnt in seinem Buch vor einem neuen globalen Krieg. Im FAZ-Interview hält er einen Vergleich der heutigen Situation mit der des Kalten Krieges für unangemessen, vielmehr ähnele sie der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Die USA seien wirtschaftlich im Niedergang begriffen: "Das führt zu einer komplexeren und komplizierteren Welt. Viele hatten auch in der Vorkriegszeit 1914 das Gefühl, dass ihnen die damalige Form der Globalisierung keinen Vorteil gebracht hatte. Nationalismus und Populismus waren im Aufstieg begriffen. Der Protektionismus nahm zu, die Zölle wurden erhöht, auch das Misstrauen zwischen den Großmächten stieg. All das sehen wir heute ebenso. Der Übergang von einer alten zu einer neuen Welt läuft nie reibungslos ab. Wir müssen die Warnsignale aus der Geschichte erkennen, um nicht in eine Situation zu geraten, in der die erhöhten Spannungen zu einem Krieg zwischen den Großmächten führen. Ich fürchte, dass wir uns genau darauf zubewegen. Würde eine Krise wie im Sommer 1914 ausbrechen, wären wir nicht in der Lage, damit umzugehen. Wir sind nicht besser aufgestellt als die damaligen Entscheidungsträger."

Die "Ideologie der Islamischen Revolution" wurde durch den Krieg zwischen Israel und Iran massiv beschädigt, meint Zineb Riboua, wissenschaftliche Mitarbeiterin am "Zentrum für Frieden und Sicherheit im Nahen Osten" des Hudson Institute, in der NZZ. Vor allem die Golfstaaten werden sich in der Folge neu ausrichten, prophezeit sie: "Die Lehre, welche die Regierungen der Golfstaaten aus dem Krieg ziehen, ist eine, die Iran ihnen mit seinem militärischen Vorgehen unmissverständlich erteilt hat. Jedes Land, das sich in Richtung einer Normalisierung mit Israel bewegte, wurde zur Zielscheibe des Regimes in Teheran. Die Mullahs waren bereit, mit Drohnen lebenswichtige Ölinfrastruktur zu zerstören und mit Raketen auf moderne Hauptstädte zu feuern, die für eine andere Zukunft als die von ihnen gewünschte standen (...) Anstatt zu offenbaren - wie manche westliche Kommentatoren etwas zu eilig vorhergesagt hatten -, dass ein Einvernehmen mit Israel ein Risiko darstelle, das es nicht wert sei, eingegangen zu werden, hat diese für die Golfstaaten traumatische Erfahrung mit beträchtlicher Deutlichkeit klargemacht, woher Sicherheit am Golf tatsächlich entwächst und wer bereit ist, sie zu gewährleisten."
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Gesellschaft

Im Rahmen des Programms "Demokratie leben" werden viele Organisationen der "Zivilgesellschaft" gefördert, insgesamt beträgt der Etat des Familienministeriums 180 Millionen Euro im Jahr. Unruhe entsteht in dem Milieu, weil die neue Ministerin Karin Prien Evaluierungen angekündigt hat und die Schwerpunkte eventuell vom Thema Rechtsextremismus und Rassismus auch zu andern Themen wie Antisemitismus und Islamismus verschieben will. Paul Gross und Timo Steppat zeichnen die Diskussionen in der FAZ nach - nicht alle Programme werden gestrichen, finden sie heraus. Aber es zeigt sich "in vielen Gesprächen, die die FAZ mit Projektträgern geführt hat, dass diese sich an ein bestimmtes Klima im Bundesfamilienministerium gewöhnt haben, das ihnen zugewandt war und zumindest bis 2024 nur begrenzt prüfte, welchen Effekt das Fördergeld letztlich hatte. Die Vorstellung, dass geplante Förderungen weiterhin Jahr für Jahr bewilligt werden, ist auch aus der Erfahrung entstanden, dass es nie anders war."
Archiv: Gesellschaft

Religion

Nicht erst seit Trump sich in den Sozialen Medien als neuer Jesus darstellt, stellt sich Papst Leo XIV gegen den Irrsinn des amerikanischen Präsidenten (unsere Resümees). Claudius Seidl ist in der SZ froh, dass sich jemand Mutiges gegen Trump positioniert. Anhaben kann ihm der Präsident ohnehin nicht viel: "Spätestens seit dieser Woche ist Leo der Anti-Trump, ob er das will oder nicht: Er fürchte sich nicht vor Trump und seiner Regierung, hat der Papst vor ein paar Tagen gesagt. Und schon gar nicht davor, die Botschaft des Evangeliums zu verkünden: 'Selig sind, die Frieden stiften.' Josef Stalin höhnte vor neunzig Jahren: 'Der Papst? Wie viele Divisionen hat der denn?' Und ließ den Vatikan dann doch in Ruhe. Donald Trump droht den Unfolgsamen mit Zöllen und unterlassener Hilfeleistung. Womit er Leo nicht beeindrucken kann. Der Vatikan, so hat vor ein paar Tagen die FAZ gespottet, braucht keinen atomaren Schutzschild, er wird von höheren Mächten behütet. Und höhere Zölle für ein paar Sonderbriefmarken und Gedenkmünzen, die man in die Vereinigten Staaten exportiert, würde der Vatikan wohl auch verkraften."

In der FAS vollzieht Matthias Rüb nochmal die Eskalationsstufen des Streits zwischen Trump und der Kirche nach. Er findet, der Papst hätte in seinen Mahnungen an die USA auch mal die Mullahs ansprechen können: "Das war alles erkennbar an Washington und an Trump, vielleicht auch an Jerusalem und an Netanjahu, aber eher nicht an Teheran gerichtet. Trumps Drohung im Streit um die Blockade der Straße von Hormus, er werde die gesamte iranische Zivilisation auslöschen und das Land in die Steinzeit zurückbomben, wies Leo als 'wirklich inakzeptabel' zurück. Mit seiner scharfen Verurteilung Trumps verband der Papst jedoch nicht eine Ermahnung Teherans, doch auch einmal die Drohung mit der Auslöschung Israels zurückzunehmen. Aus der Sicht von Trump und Vizepräsident Vance ist Papst Leo mit seiner einseitigen Kritik an Washington und der Schonung Teherans für die Eskalation des Konflikts zwischen Weltkirche und Weltmacht verantwortlich. Die Katholiken in den USA, namentlich die amerikanischen Bischöfe, sehen das anders: Einhellig haben sich Liberale und Konservative um Leo XIV. geschart und Präsident Trump für dessen geschmacklose bis blasphemische Erlöseranmaßung gegeißelt."
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Ideen

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Wir existieren nicht mit einer Erbsünde, sondern mit zweien, glaubt der Philosoph Peter Sloterdijk in einem ausführlichen FR-Interview mit Michael Hesse. Eine These, die er in seinem neuen Buch untermauern will: "Ich behaupte, es habe längere Zeit nach dem ersten Sündenfall, der zur Vertreibung aus dem Paradies führte - zivilisationstheoretisch gesprochen: aus dem Jäger-und-Sammler-Leben - ein zweiter Sündenfall stattgefunden, ich nenne ihn den Sturz in den Staat. Nach ihm erst tauchen stratifizierte Gesellschaften auf, in denen das Leben aller auf Befehl und Gehorsam aufgebaut wird. Eine kleine bewaffnete Kriegerelite, später Aristokratie genannt, zwang ein unbewaffnetes Volk von Landarbeitern und Handwerkern zu Abgaben. Das ergibt die Urgeschichte des Fron- und Steuerstaats. Wir haben dieses Machtgebilde heute zwar durch juristische Mechanismen und fiskalische Nuancen zivilisiert, aber die Grundfunktion, die basale Gewalt, die Einheit von Herrschaft und Abgabenerpressung, zieht sich seit 5000 Jahren durch alles, was Staat heißt. Aber wer wird schon gern daran erinnert, dass wir nicht nur mit einer Erbsünde existieren, sondern mit deren zwei?" Der Dlf hatte Sloterdijk kürzlich auch im großen Gespräch über Leben und Werk.
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Stichwörter: Sloterdijk, Peter