9punkt - Die Debattenrundschau
Auf einer Insel oder im Meer
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.02.2026. Israel und die USA haben den Iran angegriffen. Laut NZZ warten die iranischen Ayatollahs bisher vergeblich auf die Ankunft des Mahdi. Woher kommt eigentlich linker Antisemitismus? Die taz und die SZ suchen nach Antworten. In der NZZ hofft Herfried Münkler, dass Europa nach den Kopfnüssen durch Putin und Trump endlich aufwacht, und zwar kräftig. In der taz erzählt eine Kiewerin, wie ihr Kriegswinter verlief.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
28.02.2026
finden Sie hier
Politik
Der heutige Himmel über Teheran sieht nicht danach aus (hier ein erster Bericht in der Zeit, hier die Liveticker zu den heutigen Angriffen Israels und der USA, hier Trumps Statement). Aber Thomas Ribi erklärt in der NZZ nochmal, worin die Ayatollahs im Iran ihre Mission erblicken: "Irans Verfassung basiert auf der Herrschaft der schiitischen Rechtsgelehrten. Und laut Khomeinis Lehre müssen diese nicht nur das Land regieren. Ihre Hauptaufgabe ist es, die Voraussetzungen zu schaffen für ein heilsgeschichtliches Ereignis: die Rückkehr des zwölften Imams, des Mahdi. Nach der Vorstellung der 'Zwölfer-Schiiten' wird er irgendwann in der Zukunft erscheinen, um die Welt in einen paradiesischen Idealzustand zu versetzen." Mit dem Mahdi verhält es sich laut Ribi wie folgt: "Fünfjährig war der Mahdi, als er verschwand. Weil er sich zurückzog oder weil er von Allah entrückt wurde, so ganz klar ist das nicht. Seitdem ist er verborgen. Niemand hat ihn gesehen. Aber er lebt, davon sind die schiitischen Muslime überzeugt. Wo, weiß niemand. Unter der Erde, sagen die einen. Andere vermuten ihn an einem unzugänglichen Ort, auf einer Insel oder im Meer."
Hier die vielleicht aktuellste Reaktion auf Twitter auf den israelisch-amerikanischen Angriff:
Hier die vielleicht aktuellste Reaktion auf Twitter auf den israelisch-amerikanischen Angriff:
A woman laughs on a rooftop in Tehran: "They hit the Supreme Leader compound."pic.twitter.com/CKUG9y8Xfl
- David Patrikarakos (@dpatrikarakos) February 28, 2026
Ideen
Gibt es in anderen Ländern "antideutsche" Strömungen, die sich zwar sehr weit links verorten, aber prononciert proisraelisch sind? Der in Wien lehrende Stephan Grigat gilt jedenfalls als ein Vordenker der "Antideutschen". In der taz macht er für den florierenden Antisemitismus in den meisten linken Strömungen den "Bedeutungsverlust marxistisch-leninistischer Bezüge und den Siegeszug poststrukturalistischer und postkolonialer Deutungsmuster" verantwortlich. "Ein Resultat dieses Prozesses im politischen Bereich ist die immer hemmungslosere Kooperation radikaler Linker mit offen dschihadistischen Gruppierungen - insbesondere in Frankreich und Großbritannien. Aber auch Deutschland ist davon nicht verschont geblieben, was sich nicht nur im akademischen und aktivistischen, sondern auch im politischen Bereich zeigt: Heidi Reichinnek, der neue Shootingstar der Partei Die Linke und Fraktionsvorsitzende im Bundestag, ist Co-Autorin eines Beitrags aus dem Jahr 2016, in dem offen zur Kooperation mit der islamistischen Muslimbruderschaft aufgerufen wird, wohingegen sich prominente Linke, die sich explizit kritisch zum politischen Islam und zum linken Antizionismus positioniert haben - wie beispielsweise der frühere Kultursenator von Berlin, Klaus Lederer -, der Partei seit dem 7. Oktober 2023 zunehmend den Rücken kehren."
Dass Israel einen "Genozid" begeht, ist für viele Leute inzwischen auf die gleiche Art selbstverständlich, wie dass man seinen Cappuccino nicht mehr mit "normaler Milch" trinkt. Claudius Seidl ist in der SZ mit dieser Ansicht zwar überhaupt nicht einverstanden, aber sie sei durch die Meinungsfreiheit gedeckt, und die deutsche Ausnahme bei der Betrachtung dieses Themas lasse sich nicht internationalisieren: "Die Maßlosigkeit der Vorwürfe gegenüber Israel und die bis heute erschütternde Ignoranz gegenüber den Verbrechen der Hamas werden nicht richtiger, wenn sie von Franzosen, Engländern, Amerikanern kommen. Man wird beides aber anhören und aushalten müssen, so lange jedenfalls, wie Deutschland sich nicht kulturell abschotten und selbst provinzialisieren will."
Worin sich rechter und linker Antisemitismus wirklich unterscheiden, fragt man sich nach einem aktuellen Redeausschnitt des französischen Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon, der begeisterte Schwingungen in seinem Publikum erzeugt, als er über die Aussprache des Namens "Epstein" extemporiert: "Epsteen" klingt für ihn russisch, Aber "Epschtain" (was in Französischen als jiddische Aussprache wahrgenommen wird) solle man ja nicht sagen. Diese Redepassage hat in Frankreich große Empörung ausgelöst.
Dass Israel einen "Genozid" begeht, ist für viele Leute inzwischen auf die gleiche Art selbstverständlich, wie dass man seinen Cappuccino nicht mehr mit "normaler Milch" trinkt. Claudius Seidl ist in der SZ mit dieser Ansicht zwar überhaupt nicht einverstanden, aber sie sei durch die Meinungsfreiheit gedeckt, und die deutsche Ausnahme bei der Betrachtung dieses Themas lasse sich nicht internationalisieren: "Die Maßlosigkeit der Vorwürfe gegenüber Israel und die bis heute erschütternde Ignoranz gegenüber den Verbrechen der Hamas werden nicht richtiger, wenn sie von Franzosen, Engländern, Amerikanern kommen. Man wird beides aber anhören und aushalten müssen, so lange jedenfalls, wie Deutschland sich nicht kulturell abschotten und selbst provinzialisieren will."
Worin sich rechter und linker Antisemitismus wirklich unterscheiden, fragt man sich nach einem aktuellen Redeausschnitt des französischen Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon, der begeisterte Schwingungen in seinem Publikum erzeugt, als er über die Aussprache des Namens "Epstein" extemporiert: "Epsteen" klingt für ihn russisch, Aber "Epschtain" (was in Französischen als jiddische Aussprache wahrgenommen wird) solle man ja nicht sagen. Diese Redepassage hat in Frankreich große Empörung ausgelöst.
Non mais ça va pas non !
- Marine Tondelier (@marinetondelier) February 27, 2026
Vraiment, rien ne va dans ces propos. Rien.
Ça suffit maintenant. pic.twitter.com/j4CLfAi2yF
Gesellschaft
Der Soziologe Nils C. Kumkar legt in der FAZ seinen Eindruck dar, dass Verschwörungstheoretiker an der Realität der Epstein Files abgleiten. Liegt es daran, dass die Epstein-Netzwerke sich nicht auf ein politisches Milieu beschränken? "Die eskalierende soziale Ungleichheit der Gegenwartsgesellschaft führt auch dazu, dass die Solidarität ihrer Eliten im Zweifel die politischen Lager überspannt. Dieser Umstand hat selbst eine politische Qualität. In ihrer gemeinsamen Abwehr von als Zumutung empfundenen Versuchen, sie für Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen, bestätigt sich das böse Wort, nach dem das Gesetz schützt und bindet, nur eben nicht dieselben Leute."
Europa
Polina Fedorenko erzählt in einem Brief an eine deutsche Freundin, den die taz veröffentlicht, wie sie den Kriegswinter in Kiew ausgehalten hat (erst minus 17 Grad, dann wird es wärmer und der "schreckliche Eisregen" kehrt zurück) und worüber sie auf dem Weg zur Arbeit nachdenkt, auch wenn sie nicht darüber nachdenken will: "Die Beerdigungen, die ich fast jedes Mal sehe, wenn ich zum Büro in der Nähe der St.-Michaels-Kathedrale gehe, halten mich nicht am Leben. Ich versuche, nicht darüber nachzudenken, dass ich nicht weiß, wie viele Soldaten auf unserer Seite tatsächlich getötet worden sind. Selenski sagte kürzlich, es seien mehr als 55.000, aber ich glaube, die Zahl ist etwa fünfmal höher, wenn nicht sogar zehnmal. Ich gehe nicht auf Instagram, weil ich Angst habe, auf Beerdigungen von Freunden und Bekannten zu stoßen - immer, und immer wieder. Ich weiß, dass Vermeidung keine gute Strategie ist, aber… Ich möchte verstehen, wie man die Erinnerung an die Getöteten und Verstorbenen auf bedeutungsvolle Weise ehren kann. Hinter jedem Namen der Getöteten und Verstorbenen standen Leben, Hobbys, Interessen, Familie und Freunde."
Herfried Münklers geopolitischer Rundumschlag auf der Meinungsseite der NZZ beginnt mit einer schwerwiegenden Einsicht: "In weltpolitischen Umbruchphasen fällt es schwer zu sagen, wohin die Entwicklung der nächsten Jahre gehen wird." Für Europa macht er aber Hoffnung, sofern es die Kopfnüsse Putins und Trumps positiv ummünzen könne: "Putin und Trump hätten dann Hilfestellung am Turngerät geleistet, ohne die es den Europäern nicht gelungen wäre, den entsprechenden Willen zum Wettstreit aufzubringen. Jetzt müssen sie sich bewegen, wenn sie nicht zum Fußabtreter der großen Mächte werden wollen. Demonstrative Demütigungen haben mitunter erstaunliche Effekte. Die Europäer haben es letztlich selbst in der Hand, welche Position sie in der entstehenden Weltordnung spielen wollen. Allein das ist ein Grund zu politischer Zuversicht. Vor einigen Jahren noch war unvorstellbar, was jetzt in Gang gekommen ist: Europa wehrt sich gegen seine Provinzialisierung."
Manchmal bereitet es Beamten sicher auch Genuss, einen Befund in ihrem ganz eigenen Prosastil zu verfassen. Die der AfD nahestehende Desiderius-Erasmus-Stiftung kriegt partout kein Geld vom zuständigen Innenminister Alexander Dobrindt (CSU). Eine Autorengruppe der SZ berichtet und zitiert aus einer Antwort des Innenministeriums auf die Frage zum Stand der Angelegenheit: "'Ob Zuschüsse der AfD nahestehenden Desiderius Erasmus Stiftung im Sinne des Stiftungsfinanzierungsgesetzes zustehen, ist derzeit Gegenstand einer Prüfung', teilt das Bundesinnenministerium auf Anfrage mit. 'Bestandteil dieser Prüfung auf Grundlage des Stiftungsfinanzierungsgesetzes ist auch, ob die jeweilige Stiftung sich aktiv für die freiheitliche und demokratische Grundordnung und den Gedanken der Völkerverständigung einsetzt.' Diese Prüfung dauere für die DES noch an, erklärt das Ministerium weiter. Und offenbar kann die auch noch einige weitere Monate andauern." Bei der AfD geht es erstmal um 18 Millionen Euro, so die Autoren. Die Budgets der anderen Stiftungen für 2024 sind hier aufgelistet: Konrad-Adenauer-Stiftung (CDU): 197,3 Millionen Euro, Friedrich-Ebert-Stiftung (SPD): 177,7 Millionen Euro, Heinrich-Böll-Stiftung (Grüne): 86,5 Millionen Euro, Friedrich-Naumann-Stiftung (FDP): 78,9 Millionen Euro, Hanns-Seidel-Stiftung (CSU): 75,9 Millionen Euro, Rosa-Luxemburg-Stiftung (Linke): 71,2 Millionen Euro.
Herfried Münklers geopolitischer Rundumschlag auf der Meinungsseite der NZZ beginnt mit einer schwerwiegenden Einsicht: "In weltpolitischen Umbruchphasen fällt es schwer zu sagen, wohin die Entwicklung der nächsten Jahre gehen wird." Für Europa macht er aber Hoffnung, sofern es die Kopfnüsse Putins und Trumps positiv ummünzen könne: "Putin und Trump hätten dann Hilfestellung am Turngerät geleistet, ohne die es den Europäern nicht gelungen wäre, den entsprechenden Willen zum Wettstreit aufzubringen. Jetzt müssen sie sich bewegen, wenn sie nicht zum Fußabtreter der großen Mächte werden wollen. Demonstrative Demütigungen haben mitunter erstaunliche Effekte. Die Europäer haben es letztlich selbst in der Hand, welche Position sie in der entstehenden Weltordnung spielen wollen. Allein das ist ein Grund zu politischer Zuversicht. Vor einigen Jahren noch war unvorstellbar, was jetzt in Gang gekommen ist: Europa wehrt sich gegen seine Provinzialisierung."
Manchmal bereitet es Beamten sicher auch Genuss, einen Befund in ihrem ganz eigenen Prosastil zu verfassen. Die der AfD nahestehende Desiderius-Erasmus-Stiftung kriegt partout kein Geld vom zuständigen Innenminister Alexander Dobrindt (CSU). Eine Autorengruppe der SZ berichtet und zitiert aus einer Antwort des Innenministeriums auf die Frage zum Stand der Angelegenheit: "'Ob Zuschüsse der AfD nahestehenden Desiderius Erasmus Stiftung im Sinne des Stiftungsfinanzierungsgesetzes zustehen, ist derzeit Gegenstand einer Prüfung', teilt das Bundesinnenministerium auf Anfrage mit. 'Bestandteil dieser Prüfung auf Grundlage des Stiftungsfinanzierungsgesetzes ist auch, ob die jeweilige Stiftung sich aktiv für die freiheitliche und demokratische Grundordnung und den Gedanken der Völkerverständigung einsetzt.' Diese Prüfung dauere für die DES noch an, erklärt das Ministerium weiter. Und offenbar kann die auch noch einige weitere Monate andauern." Bei der AfD geht es erstmal um 18 Millionen Euro, so die Autoren. Die Budgets der anderen Stiftungen für 2024 sind hier aufgelistet: Konrad-Adenauer-Stiftung (CDU): 197,3 Millionen Euro, Friedrich-Ebert-Stiftung (SPD): 177,7 Millionen Euro, Heinrich-Böll-Stiftung (Grüne): 86,5 Millionen Euro, Friedrich-Naumann-Stiftung (FDP): 78,9 Millionen Euro, Hanns-Seidel-Stiftung (CSU): 75,9 Millionen Euro, Rosa-Luxemburg-Stiftung (Linke): 71,2 Millionen Euro.
Kommentieren



