9punkt - Die Debattenrundschau
Je näher der Zusammenbruch rückt
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.01.2026. Armer Westen, er sitzt sowas von auf dem absteigenden Ast, meint Daniel Marwecki in der FAZ. Und doch will jeder, der dringendst aus seinem "globalen Süden" raus will, genau dorthin, konstatiert Claudius Seidl in der SZ. Die islamische Revolution ist tot, die Post-Khamenei-Ära hat begonnen, sagt der Historiker Arash Azizi in Le Point. In der taz staunt die Feministin Tina Hartmann über ein Papier von ForscherInnen im Journal of Medical Ethics, das Genitalverstümmelung als "kulturell bedeutsame Praxis" verteidigt. Wir treten in eine Epoche der Kriege ein, meint Richard Sennett in der FR.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
09.01.2026
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Politik
Gestern Abend zirkulierten Bilder von einer riesigen Demonstration in Teheran. Später hörte man in anderen Videos auch Schüsse.
"Die aktuellen Mobilisierungen ähneln denen von 2017 und 2019, aber es hat sich ein Bruch vollzogen", sagt der in Yale lehrende Historiker Arash Azizi im Gespräch mit David Khalfa von Le Point, "jede Revolte ist eine Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung. Heute überwiegt eindeutig die Verzweiflung." Azizi über das Mullah-Regime ist eindeutig: "Die islamische Revolution im Iran ist gescheitert. Sie wollte die iranische Gesellschaft islamisieren, hat aber eine der säkularisiertesten Gesellschaften der muslimischen Welt hervorgebracht. Sie strebte danach, sich als regionale Macht zu etablieren, die in der Lage ist, den Vereinigten Staaten und Israel die Stirn zu bieten - und hat den Iran in strategische Isolation und beispiellose Verwundbarkeit geführt. Die islamische Revolution ist ein totaler Misserfolg. In vielerlei Hinsicht ist sie bereits tot. Die Post-Khamenei-Ära hat begonnen."
Ein anonym bleibender iranischer Autor beschreibt aber in Yascha Mounks Blog Persuasion die komplexe Machtstruktur des iranischen Regimes, die es so schwer greifbar macht: "Die Islamische Republik ist keine Machtpyramide, sondern ein Labyrinth. Jeder Gang sieht wie aus wie ein Ausgang, bis er wieder zum selben Zentrum zurückführt. Dieses Design ist kein Zufall, sondern eine Überlebensarchitektur." Und "ein weiterer Grund für das Fortbestehen des Systems ist Angst. Im Laufe der Jahrzehnte hat die Islamische Republik eine Klasse von Menschen geschaffen, die vom Regime profitieren, und eine andere Klasse, die es durchsetzt. Sie wissen, dass sie im Falle eines Zusammenbruchs des Systems als Erste verhaftet und vor Gericht gestellt werden - oder schlimmer noch, hingerichtet werden -, während die mächtigeren Persönlichkeiten ins Ausland fliehen. Deshalb schlägt das Regime umso härter zu, je näher der Zusammenbruch rückt - nicht weil es sich sicher fühlt, sondern weil es sich in die Enge getrieben fühlt."
Die Protestbewegung im Iran wird breiter, aber es gibt wenig, was sie zusammenhält, meint der Iran-Experte und Protestforscher Tareq Sydiq im Interview mit dem Tagesspiegel: "Auch in dieser Protestwelle haben wir es mit einem Sammelsurium an Themen zu tun. Die Akteure sind sich oft nicht unbedingt einig in ihren Forderungen oder darin, was eigentlich die Hauptforderungen sind. Daher sind die Aktionen ja auch so dezentral, es gibt keine zentrale Organisationsstruktur. Wir sehen Feministinnen, ethnische Minderheiten, Arbeiter oder auch Anhänger der Monarchie. In dem Moment, wo die Protestepisode losgeht, gehen die unterschiedlichen Gruppen für ihre Anliegen auf die Straße. Diesmal hat es eben mit wirtschaftlichen Forderungen begonnen." Gerade wegen dieser Unterschiede warnt er vor einem Eingriff von außen: Eine äußere Bedrohung "schweißt das System zusammen und übertüncht interne Risse. Proteste aus der Gesellschaft heraus können, selbst wenn sie keinen direkten Wechsel erzeugen, diese Risse dagegen vertiefen."
Im September 2025 erschien im Journal of Medical Ethics ein Artikel, der weibliche Genitalverstümmelung (FGM) als "kulturell bedeutsame Praxis" verteidigte. Der Brief war immerhin von 26 Forscherinnen und Juristen unterzeichnet. Die Literaturwissenschaftlerin und Feministin Tina Hartmann sieht den Artikel in der taz als Symptom eines "Tribal Turn", der "rechtes und patriarchales Gedankengut in Gendertheorie einschleust". Und sie antwortet auf den Aufruf, der FGM mit kosmetischen Operationen im Westen gleichsetzt: "Es ist fraglos edel von im Globalen Norden lebenden, nicht betroffenen Autorinnen, vor der heimatlichen Türe mit feinerem Besen zu kehren. Doch FGM zur Schönheits-OPs zu euphemisieren, ist weder juristisch noch gendertheoretisch schlüssig, zumal sich der Artikel nicht von Klitoris-Amputationen und Verkleinerungen der Vaginalöffnung distanziert. Wenn gar kindliche Opfer genitaler Manipulation im Globalen Norden als skandalöser eingestuft werden als im Globalen Süden, ist das dann friendly racism? Zu Recht wird auf fehlende Kritik an männlicher Beschneidung verwiesen. Doch statt für ein Verbot der Praxis zu votieren, wird 'weibliche Beschneidung' zu 'Gendergerechtigkeit' stilisiert."
So sieht es zur Stunde in #Teheran aus. Das iranische Regime hat wie erwartet das Internet abgeschaltet. Die Menschen in #Iran finden trotzdem alternative Wege, Fotos und Videos von den Protesten zu posten und zu versenden. Zu Tausenden sind Protestierende auf den Straßen und… pic.twitter.com/yxeXhxx1Mr
- Düzen Tekkal (@DuezenTekkal) January 8, 2026
"Die aktuellen Mobilisierungen ähneln denen von 2017 und 2019, aber es hat sich ein Bruch vollzogen", sagt der in Yale lehrende Historiker Arash Azizi im Gespräch mit David Khalfa von Le Point, "jede Revolte ist eine Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung. Heute überwiegt eindeutig die Verzweiflung." Azizi über das Mullah-Regime ist eindeutig: "Die islamische Revolution im Iran ist gescheitert. Sie wollte die iranische Gesellschaft islamisieren, hat aber eine der säkularisiertesten Gesellschaften der muslimischen Welt hervorgebracht. Sie strebte danach, sich als regionale Macht zu etablieren, die in der Lage ist, den Vereinigten Staaten und Israel die Stirn zu bieten - und hat den Iran in strategische Isolation und beispiellose Verwundbarkeit geführt. Die islamische Revolution ist ein totaler Misserfolg. In vielerlei Hinsicht ist sie bereits tot. Die Post-Khamenei-Ära hat begonnen."
Ein anonym bleibender iranischer Autor beschreibt aber in Yascha Mounks Blog Persuasion die komplexe Machtstruktur des iranischen Regimes, die es so schwer greifbar macht: "Die Islamische Republik ist keine Machtpyramide, sondern ein Labyrinth. Jeder Gang sieht wie aus wie ein Ausgang, bis er wieder zum selben Zentrum zurückführt. Dieses Design ist kein Zufall, sondern eine Überlebensarchitektur." Und "ein weiterer Grund für das Fortbestehen des Systems ist Angst. Im Laufe der Jahrzehnte hat die Islamische Republik eine Klasse von Menschen geschaffen, die vom Regime profitieren, und eine andere Klasse, die es durchsetzt. Sie wissen, dass sie im Falle eines Zusammenbruchs des Systems als Erste verhaftet und vor Gericht gestellt werden - oder schlimmer noch, hingerichtet werden -, während die mächtigeren Persönlichkeiten ins Ausland fliehen. Deshalb schlägt das Regime umso härter zu, je näher der Zusammenbruch rückt - nicht weil es sich sicher fühlt, sondern weil es sich in die Enge getrieben fühlt."
Die Protestbewegung im Iran wird breiter, aber es gibt wenig, was sie zusammenhält, meint der Iran-Experte und Protestforscher Tareq Sydiq im Interview mit dem Tagesspiegel: "Auch in dieser Protestwelle haben wir es mit einem Sammelsurium an Themen zu tun. Die Akteure sind sich oft nicht unbedingt einig in ihren Forderungen oder darin, was eigentlich die Hauptforderungen sind. Daher sind die Aktionen ja auch so dezentral, es gibt keine zentrale Organisationsstruktur. Wir sehen Feministinnen, ethnische Minderheiten, Arbeiter oder auch Anhänger der Monarchie. In dem Moment, wo die Protestepisode losgeht, gehen die unterschiedlichen Gruppen für ihre Anliegen auf die Straße. Diesmal hat es eben mit wirtschaftlichen Forderungen begonnen." Gerade wegen dieser Unterschiede warnt er vor einem Eingriff von außen: Eine äußere Bedrohung "schweißt das System zusammen und übertüncht interne Risse. Proteste aus der Gesellschaft heraus können, selbst wenn sie keinen direkten Wechsel erzeugen, diese Risse dagegen vertiefen."
Im September 2025 erschien im Journal of Medical Ethics ein Artikel, der weibliche Genitalverstümmelung (FGM) als "kulturell bedeutsame Praxis" verteidigte. Der Brief war immerhin von 26 Forscherinnen und Juristen unterzeichnet. Die Literaturwissenschaftlerin und Feministin Tina Hartmann sieht den Artikel in der taz als Symptom eines "Tribal Turn", der "rechtes und patriarchales Gedankengut in Gendertheorie einschleust". Und sie antwortet auf den Aufruf, der FGM mit kosmetischen Operationen im Westen gleichsetzt: "Es ist fraglos edel von im Globalen Norden lebenden, nicht betroffenen Autorinnen, vor der heimatlichen Türe mit feinerem Besen zu kehren. Doch FGM zur Schönheits-OPs zu euphemisieren, ist weder juristisch noch gendertheoretisch schlüssig, zumal sich der Artikel nicht von Klitoris-Amputationen und Verkleinerungen der Vaginalöffnung distanziert. Wenn gar kindliche Opfer genitaler Manipulation im Globalen Norden als skandalöser eingestuft werden als im Globalen Süden, ist das dann friendly racism? Zu Recht wird auf fehlende Kritik an männlicher Beschneidung verwiesen. Doch statt für ein Verbot der Praxis zu votieren, wird 'weibliche Beschneidung' zu 'Gendergerechtigkeit' stilisiert."
Ideen

Thomas Thiel resümiert ebenfalls in der FAZ einen Vortrag des Ökonomen Moritz Schularick, der auf Ähnliches hinausläuft: "Das amerikanische Venezuela-Abenteuer ist zugleich eine Warnung an China, sich aus der amerikanischen Einflusssphäre herauszuhalten, und eine Einladung sich Taiwan einzuverleiben, womit dann auch der Zugang zu Hochleistungschips in chinesischer Hand wäre. Europa, das den Anschluss an die neuen Technologien verloren hat, die in vielen industriellen Bereichen disruptive Fortschritte versprechen, träfe das besonders hart."
Gesellschaft
Intellektuelle aus dem sogenannten Globalen Süden sehen Europa im Niedergang. So hat beispielsweise der kamerunische Theoretiker des Postkolonialismus Achille Mbembe in einem Zeitungsinterview erklärt, Europa sei nur noch ein Museum, sein Reichtum gründe auf Ausbeutung und schon seine Existenz sei ungerecht, erzählt Claudius Seidl in der SZ. "Wenn das die Lage ist, denkt man als matter Europäer, dann müssten diese anderen Gegenden, dann müssten also Russland, China und der globale Süden begehrt, beliebt und von Migranten überlaufen sein." Erstaunlicherweise wollen sie das aber nicht, lernt Seidl aus einer Gallup-Umfrage: "Wenn die Menschen, egal woher sie kommen, sich aussuchen könnten, wo sie leben wollten, dann wählten sie, in genau dieser Reihenfolge: die Vereinigten Staaten, Kanada, Deutschland, Australien, Spanien, Frankreich, Großbritannien, Italien. Sie wählten also den absteigenden Ast, die spirituelle Leere, die geistige Zerrissenheit und Unsicherheit, das postheroische Leben. Mit anderen Worten: Sie wählten Meinungsfreiheit, Menschenrechte, körperliche Unversehrtheit und das Versprechen, dass sozialer Aufstieg möglich sei." Hier können Einwanderer britischer Premierminister werden, französische Kulturministerin oder ein Weltunternehmen wie Microsoft führen: "Es ist die exklusive Eigenschaft des Westens, nicht exklusiv zu sein."
Auch Constantin Schreiber kann in der Welt den Pessismismus im Westen und besonders in Deutschland nicht recht begreifen: "Die permanente Selbstkritik, einst vielleicht eine Stärke, wirkt inzwischen zerstörerisch. Alles wird sofort relativiert, problematisiert, zerlegt. Fortschritt wird misstrauisch beäugt, Veränderung als Risiko begriffen, nicht als Chance. ... Was mich besonders irritiert: Diese Stimmung scheint kaum noch hinterfragt zu werden. Sie ist Normalität geworden. Pessimismus gilt als Realismus. Hoffnung als Verdacht." Fatal, findet Schreiber. "Ein Land, das innerlich resigniert, verliert nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell und emotional. Und doch stehe ich am Ende ratlos da. Denn einfache Lösungen gibt es nicht. Man kann Zuversicht nicht verordnen. Man kann Lebensfreude nicht per Gesetz beschließen. Vielleicht beginnt es im Kleinen: im Tonfall, im Umgang miteinander, im Mut, auch einmal nicht sofort das Haar in der Suppe zu suchen."
Ebenfalls in der Welt macht Leander Scholz die Grünen verantwortlich für die Niedergangsdepression in Deutschland - ohne allerdings den realen Klimawandel auch nur zu erwähnen. Seine Empfehlung an die "Parteien der Mitte": "Wenn die Parteien der politischen Mitte über die Legislaturperiode hinaus noch eine Chance auf Machterhalt haben wollen, dann müssen sie das grüne Projekt hinter sich lassen. Sowohl die Konservativen als auch die Sozialdemokraten müssen begreifen, dass ihre programmatische Schwäche es den Neuen Rechten ermöglicht hat, das Vakuum zu füllen. Lange Zeit konnte die politische Mitte ihre Ideenlosigkeit durch die Übernahme grüner Positionen verdecken, aber das ist jetzt nicht mehr möglich. Alle großen Herausforderungen der Gegenwart, vom Klimaschutz bis zur europäischen Selbstbehauptung, sind nicht mit Energiesparprogrammen zu bewältigen, sondern erfordern im Gegenteil den Einsatz ungeheurer Mengen an Energie. Eine sparsame Lebensweise wird uns nicht in die Zukunft führen."
Links- und Rechtsradikale haben einiges gemeinsam, meint im Interview mit der SZ der Politikwissenschaftler Peter R. Neumann: klare Feindbilder, die Gewaltbereitschaft und der Wunsch nach einem Systemkollaps. Die "Vulkangruppe" offenbart mit ihrem Bekennerschreiben zu dem Anschlag auf Stromleitungen in Berlin gar eine gewisse Nähe zu dem Una-Bomber Theodore Kaczynski, der auch von Rechten verehrt werde: "Es gibt da zumindest Parallelen. Mein Kollege José Pedro Zúquete hat für diese Strömung den Begriff der 'Anarcho-Primitiven' vorgeschlagen, für Leute, die wie der Una-Bomber die moderne Zivilisation und ihre Technologie insgesamt ablehnen. Das kommt bei der Berliner 'Vulkangruppe' allerdings aus einer dezidiert linken Ecke. Aber in der Ablehnung der Industriegesellschaft und des westlichen Lebensstils ist das teilweise anschlussfähig an rechtsradikale Fundamentalopposition. Deswegen argumentiert mein Kollege Zúquete auch, dass bei den staats-, kapitalismus- und technologiefeindlichen 'Anarcho-Primitiven' links- und rechtsextreme Systemkritik zusammenkommen können."
Auch Constantin Schreiber kann in der Welt den Pessismismus im Westen und besonders in Deutschland nicht recht begreifen: "Die permanente Selbstkritik, einst vielleicht eine Stärke, wirkt inzwischen zerstörerisch. Alles wird sofort relativiert, problematisiert, zerlegt. Fortschritt wird misstrauisch beäugt, Veränderung als Risiko begriffen, nicht als Chance. ... Was mich besonders irritiert: Diese Stimmung scheint kaum noch hinterfragt zu werden. Sie ist Normalität geworden. Pessimismus gilt als Realismus. Hoffnung als Verdacht." Fatal, findet Schreiber. "Ein Land, das innerlich resigniert, verliert nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell und emotional. Und doch stehe ich am Ende ratlos da. Denn einfache Lösungen gibt es nicht. Man kann Zuversicht nicht verordnen. Man kann Lebensfreude nicht per Gesetz beschließen. Vielleicht beginnt es im Kleinen: im Tonfall, im Umgang miteinander, im Mut, auch einmal nicht sofort das Haar in der Suppe zu suchen."
Ebenfalls in der Welt macht Leander Scholz die Grünen verantwortlich für die Niedergangsdepression in Deutschland - ohne allerdings den realen Klimawandel auch nur zu erwähnen. Seine Empfehlung an die "Parteien der Mitte": "Wenn die Parteien der politischen Mitte über die Legislaturperiode hinaus noch eine Chance auf Machterhalt haben wollen, dann müssen sie das grüne Projekt hinter sich lassen. Sowohl die Konservativen als auch die Sozialdemokraten müssen begreifen, dass ihre programmatische Schwäche es den Neuen Rechten ermöglicht hat, das Vakuum zu füllen. Lange Zeit konnte die politische Mitte ihre Ideenlosigkeit durch die Übernahme grüner Positionen verdecken, aber das ist jetzt nicht mehr möglich. Alle großen Herausforderungen der Gegenwart, vom Klimaschutz bis zur europäischen Selbstbehauptung, sind nicht mit Energiesparprogrammen zu bewältigen, sondern erfordern im Gegenteil den Einsatz ungeheurer Mengen an Energie. Eine sparsame Lebensweise wird uns nicht in die Zukunft führen."
Links- und Rechtsradikale haben einiges gemeinsam, meint im Interview mit der SZ der Politikwissenschaftler Peter R. Neumann: klare Feindbilder, die Gewaltbereitschaft und der Wunsch nach einem Systemkollaps. Die "Vulkangruppe" offenbart mit ihrem Bekennerschreiben zu dem Anschlag auf Stromleitungen in Berlin gar eine gewisse Nähe zu dem Una-Bomber Theodore Kaczynski, der auch von Rechten verehrt werde: "Es gibt da zumindest Parallelen. Mein Kollege José Pedro Zúquete hat für diese Strömung den Begriff der 'Anarcho-Primitiven' vorgeschlagen, für Leute, die wie der Una-Bomber die moderne Zivilisation und ihre Technologie insgesamt ablehnen. Das kommt bei der Berliner 'Vulkangruppe' allerdings aus einer dezidiert linken Ecke. Aber in der Ablehnung der Industriegesellschaft und des westlichen Lebensstils ist das teilweise anschlussfähig an rechtsradikale Fundamentalopposition. Deswegen argumentiert mein Kollege Zúquete auch, dass bei den staats-, kapitalismus- und technologiefeindlichen 'Anarcho-Primitiven' links- und rechtsextreme Systemkritik zusammenkommen können."
Medien
Daniel Rotsteins Perlentaucher-Artikel über die deutschen Medien und den Gaza-Krieg hat nicht nur in den Kommentaren für eine lebhafte Diskussion gesorgt, sondern auch im Netz. Der bloggende Jurist Wolf Reuter fragt sich auf Twitter unter Verweis auf Rotsteins Artikel, warum es so schwer ist, Fehlinformationen zu korrigieren. "Rein menschlich gelingt das kaum jemandem, es wäre aber leider die Wahrheit. Noch schwerer, ja unmöglich, wird das ja, wenn man es permanent vor einem Millionenpublikum gesagt hat, vor dem man jetzt wie ein Idiot dastehen würde. Ich verstehe diese menschliche Regung, aber sie ist zu tiefst tragisch, zerstört den Gedanken der Völkerverständigung und trifft aus dem Land der Täter wieder einmal die Juden. Und dieses Mal tödlich, denn deren Zukunft in Europa, vor allem aber in Deutschland, ist akut gefährdet."
Die Konkret stellt ihre Printausgabe ein. In der Welt wird Jakob Hayner leicht wehmütig, vor allem nachdem er die ersten vier Bände der "Gesammelten Schriften" des 2019 verstorbenen langjährigen Herausgebers Hermann L. Gremliza durchgeblättert hat: "Man staunt nicht schlecht, wie sehr Gremlizas Schriften zur Gegenwart passen - oder umgekehrt. Da begegnet man einem US-Präsidenten, der mit 'Make America Great Again' Wahlkampf macht (Ronald Reagan) und Südamerika statt der 'Soft Power' die kriegerische Seite des Imperiums spüren lässt (Honduras, Grenada, Nicaragua). Europa wird zur 'Nachrüstung' in der Blockkonfrontation genötigt, während in Deutschland eine 'geistig-moralische Wende' den Salto mortale aus der Wirtschaftskrise ins neue Nationalgefühl schaffen soll. Und über allem schwebt der Atomkrieg. Klingt vertraut?"
Die Konkret stellt ihre Printausgabe ein. In der Welt wird Jakob Hayner leicht wehmütig, vor allem nachdem er die ersten vier Bände der "Gesammelten Schriften" des 2019 verstorbenen langjährigen Herausgebers Hermann L. Gremliza durchgeblättert hat: "Man staunt nicht schlecht, wie sehr Gremlizas Schriften zur Gegenwart passen - oder umgekehrt. Da begegnet man einem US-Präsidenten, der mit 'Make America Great Again' Wahlkampf macht (Ronald Reagan) und Südamerika statt der 'Soft Power' die kriegerische Seite des Imperiums spüren lässt (Honduras, Grenada, Nicaragua). Europa wird zur 'Nachrüstung' in der Blockkonfrontation genötigt, während in Deutschland eine 'geistig-moralische Wende' den Salto mortale aus der Wirtschaftskrise ins neue Nationalgefühl schaffen soll. Und über allem schwebt der Atomkrieg. Klingt vertraut?"
Europa
"Wir treten in eine Epoche der Kriege ein", ist der Soziologen Richard Sennett überzeugt. Europa ist dafür schlecht gewappnet, meint er im Interview mit der FR. Besonders beunruhigend findet er die amerikanischen Drohungen gegen Grönland, die er sehr ernst nimmt: "Sollte Trump ernsthaft versuchen, Grönland von Dänemark loszulösen oder gar zu übernehmen, stünden wir vor einer existenziellen Krise der Nato. Dann hätten wir den Fall, dass ein Nato-Mitglied faktisch das Territorium eines anderen Mitglieds an sich reißt. Entweder die übrigen Staaten reagieren - dann ist das Bündnis durch offenen Konflikt zerstört. Oder sie reagieren nicht - dann ist es politisch erledigt. In beiden Fällen wäre die Nato funktionslos." Dass die EU derzeit so schwach wirkt, liegt für ihn daran, dass sich "ihre Führer hinter Komplexität verstecken. 'Die Lage ist kompliziert' ist die sicherste Zuflucht für Politiker. Sie schafft einen öffentlichen Raum der Untätigkeit, während sie hinter den Kulissen manövrieren. Das war Neville Chamberlains fataler Fehler. Beschwichtigung in der Öffentlichkeit, Vorbereitung hinter den Kulissen. Churchill verstand, dass dies nicht funktioniert. Man kann nicht öffentlich beschwichtigen und erwarten, dass sich die Gesellschaften im Hintergrund still mobilisieren. Führung erfordert Klarheit, insbesondere wenn die Architektur des Friedens selbst auf dem Spiel steht."
Das Erdogan-Regime geht zur Zeit gegen das Waschen von Schwarzgeld vor - aus Angst vor Sanktionen Trumps, erzählt Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolumne. Vorher aber hatte man die Mafiosi quasi eingeladen, weil man deren Geld gebrauchen konnte, so Mumay: "Als dann eingebürgert wurde, wer eine Immobilie für mindestens 200.000 Euro erwarb, verwandelten wir uns in die Vereinte Nation der Kriminellen. Die australische Drogenbande Comanchero, kriminelle Vereinigungen aus Deutschland wie Al-Zein und Hells Angels, das russische Mafianetzwerk Bratva, die serbischen Kriminellenclans Kavač, Škaljari und Zemun und Dutzende weitere Banden verlegten Gelder und Kräfte nach Istanbul."
Das Erdogan-Regime geht zur Zeit gegen das Waschen von Schwarzgeld vor - aus Angst vor Sanktionen Trumps, erzählt Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolumne. Vorher aber hatte man die Mafiosi quasi eingeladen, weil man deren Geld gebrauchen konnte, so Mumay: "Als dann eingebürgert wurde, wer eine Immobilie für mindestens 200.000 Euro erwarb, verwandelten wir uns in die Vereinte Nation der Kriminellen. Die australische Drogenbande Comanchero, kriminelle Vereinigungen aus Deutschland wie Al-Zein und Hells Angels, das russische Mafianetzwerk Bratva, die serbischen Kriminellenclans Kavač, Škaljari und Zemun und Dutzende weitere Banden verlegten Gelder und Kräfte nach Istanbul."
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