9punkt - Die Debattenrundschau
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Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.12.2025. Nicht viele gute Nachrichten heutzutage. "Juden der Welt! Ihr seid nirgends sicher", ruft Alexander Estis in einem verzweifelt klingenden Text in der SZ. Die Hongkonger Demokratiebewegung ist mit der drakonischen Verurteilung des Verlegers Jimmy Lai sozusagen offiziell beerdigt, fürchtet die FAZ. Die italienischen Zeitungen sind in einer lebensbedrohenden Krise, berichtet die taz. Nur die Ukraine ist nicht verloren, insistiert der Historiker Yaroslav Hrytsak in der FAZ: Denn die Ukrainer wollen sich einfach nicht unterwerfen.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
16.12.2025
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Europa

Medien
Zu ihren großen Zeiten waren die italienischen Zeitungen La Repubblica, La Stampa und der Corriere della Sera die Krone des europäischen Journalismus, auch wenn das in Deutschland weithin unbekannt war. Nun berichtet Michael Braun für die taz, dass La Repubblica und La Stampa verkauft werden sollen. La Stampa gehörte schon seit Ewigkeiten den Agnellis, die Repubblica war später hinzugekommen. "Dass der Agnelli-Clan aus dem Mediengeschäft aussteigen will, kann nicht wirklich überraschen. Allein im Jahr 2024 machte die Gedi 45 Millionen Euro Verlust, seit 2019 türmte sie ein Minus von insgesamt gut 360 Millionen Euro auf. Dass die Situation sich bessern könnte, glaubt in Italien niemand. Dort ist der Zeitungsmarkt dramatisch abgestürzt. Im Land werden täglich nur noch 1,3 Millionen Tageszeitungen verkauft, Digitalabos inklusive (zum Vergleich: In Deutschland sind es rund 10,5 Millionen Exemplare). Besonders bitter ist der Niedergang für La Repubblica. Das Blatt, das in seinen besten Zeiten, in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts, noch täglich 700.000 Exemplare absetzte, das auch in der ersten Hälfte der Nullerjahre noch auf eine verkaufte Auflage von über 600.000 kam, krebst heute bei nur noch gut 100.000 Auflage rum."
Springer-Chef Mathias Döpfner, der wirtschaftlich in den USA engagiert ist, hat neulich einen liebedienerischen Artikel pro Trump in der Welt abgesetzt, der Zweifel an der antitotalitären Ausrichtung des Springer-Konzerns bestärkt: "Mein Eindruck ist, dass unsere schwierigen amerikanischen Freunde tatsächlich genau das wollen, was sie sagen: ein starkes Europa", säuselt er da. Darauf antwortet heute kurz FAZ-Medienredakteur Michael Hanfeld: Auch wenn man einige Kritikpunkte an Europa teilen mag, so Hanfeld, sollte man das Eigentliche nicht mutwillig ausblenden: "Die MAGA-Regierung und die Republikaner setzen auf rechtsextreme Parteien, bei uns auf die russlandhörigen Vaterlandsverräter von der AfD, um Europas Demokratie zu zerstören... Trump und seine Leute wollen kein starkes, autonomes Europa; sie wollen eines, das ihren politischen Vorstellungen entspricht, das sich den ganze Gesellschaften umformenden US-Digitalgiganten unterwirft und ansonsten als nützlicher Vasall nicht im Weg steht."
Springer-Chef Mathias Döpfner, der wirtschaftlich in den USA engagiert ist, hat neulich einen liebedienerischen Artikel pro Trump in der Welt abgesetzt, der Zweifel an der antitotalitären Ausrichtung des Springer-Konzerns bestärkt: "Mein Eindruck ist, dass unsere schwierigen amerikanischen Freunde tatsächlich genau das wollen, was sie sagen: ein starkes Europa", säuselt er da. Darauf antwortet heute kurz FAZ-Medienredakteur Michael Hanfeld: Auch wenn man einige Kritikpunkte an Europa teilen mag, so Hanfeld, sollte man das Eigentliche nicht mutwillig ausblenden: "Die MAGA-Regierung und die Republikaner setzen auf rechtsextreme Parteien, bei uns auf die russlandhörigen Vaterlandsverräter von der AfD, um Europas Demokratie zu zerstören... Trump und seine Leute wollen kein starkes, autonomes Europa; sie wollen eines, das ihren politischen Vorstellungen entspricht, das sich den ganze Gesellschaften umformenden US-Digitalgiganten unterwirft und ansonsten als nützlicher Vasall nicht im Weg steht."
Politik
"Juden der Welt! Ihr seid nirgends sicher", schreibt der ukrainisch-jüdische Autor Alexander Estis in Bezug auf den Terroranschlag von Bondi Beach in der SZ. Sein Artikel ist eine einzige Warnung an die jüdische Gemeinschaft auf der Welt. "Der Pogrom hat tausend Gründe. Ihr seid nicht sicher, weil jemand keine Schulden haben will oder weil jemand keine Schuld haben will oder weil jemand keine Geduld haben will. Ihr seid nicht sicher, weil irgendwo in der Ferne Krieg ist. Ihr seid nicht sicher, nachdem irgendwo in der Ferne der Krieg vorbei ist. Ihr seid nicht sicher, weil irgendwo in der Nähe der Nachbar keinen Krieg haben will. Der Pogrom hat tausend Gründe, aber nur eine Ursache, eine immergleiche, aber unendlich wandelbare. Der Pogrom hat tausend Gründe, und ihr seid vor keinem Grund sicher. "
In Chile hat die Linke die Präsidentschaftswahlen verloren. Der jetzt siegreiche Kandidat José Antonio Kast ist nicht nur "deutschstämmig", wie es gestern verschämt in den Fernsehnachrichten hieß. Für die taz berichtet Sophia Boddenberg: "José Antonio Kast, Gründer und Vorsitzender der rechtsextremen Republikanischen Partei, trat bereits bei der vergangenen Präsidentschaftswahl 2021 in der Stichwahl gegen Gabriel Boric an. Damals unterlag er dem jungen linken Kandidaten knapp. Kasts Vater war ein deutscher Wehrmachtsoffizier und Mitglied der NSDAP, der nach dem Zweiten Weltkrieg nach Chile auswanderte. Sein Bruder Miguel Kast war Minister von Augusto Pinochet."
Es ist der letzte Sargnagel für die Hongkonger Demokratiebewegung, schreibt FAZ-Korrespondent Jochen Stahnke. Der Unternehmer Jimmy Lai, unter anderem Herausgeber der Zeitung Apple Daily, die die Regenschirmbewegung unterstützt hat, wurde von einem stramm auf Linie gebrachten Hongkonger Gericht schuldig gesprochen. "Hoffnung gibt es für ihn kaum", so Stahnke: "So klar, wie Richterin Esther Toh im Sinne der Anklage urteilt, wird Jimmy Lai wohl kein Leben mehr in Freiheit führen dürfen. Und so deutlich, wie die Richterin die Vereinigten Staaten als Partner Lais benennt, ist auch die politische Dimension des Verfahrens. Das Urteil dürfte zu neuen Verstimmungen zwischen Peking und Washington führen. Der amerikanische Präsident Donald Trump hatte angekündigt, er werde Lai freibekommen." In der taz berichtet Fabian Kretschmer.
Die japanische Ministerpräsidentin Sanae Takaichi erklärte jüngst, dass ein möglicher Angriff Chinas auf Taiwan für Japan existenzbedrohend wäre, was von China als militärische Drohung interpretiert wurde, konstatiert der Sozialwissenschaftler Matthias Messmer in der NZZ. Chinas Reaktion darauf war wenig besonnen: "In martialischem Jargon drohte ein hochrangiger chinesischer Diplomat Takaichi in den sozialen Netzwerken mit Enthauptung. Darüber hinaus ordnete Peking an, den Import von Meeresfrüchten einzustellen, strich Flug- und Schiffsverbindungen und warnte die eigenen Bürger vor Reisen nach Japan. (...) China versucht um jeden Preis, militaristische Tendenzen in der japanischen Gesellschaft auszumachen und diese groteske Sichtweise der ganzen Welt glaubhaft zu vermitteln. Zudem hat Peking ein Interesse daran, das enge japanisch-amerikanische Bündnis zu spalten. Diese Hoffnung wird durch die schillernde Haltung von US-Präsident Trump in Bezug auf die Unabhängigkeit Taiwans genährt. In Ostasien ist ein Machtpoker im Gange, und die Einsätze sind hoch."
In Syrien hat ein Attentäter, der mutmaßlich mal zu den Truppen des jetzigen Präsidenten Ahmed al-Scharaa gehört haben soll, zwei US-Soldaten getötet. Das zeigt, dass der Präsident seine Truppen nicht von seiner neuen Idee überzeugt hat, das Land erstmal ohne Waffengewalt zu einen, meint Tomas Avenarius in der SZ. Sein Problem sei, "die eigene Hausmacht im Griff zu behalten: also die vom Bürgerkrieg geprägten Kämpfer, die auch in scheinbar aussichtslosen Stunden zu ihm standen, die auf Anerkennung setzen und die ihre alte Idee vom Gottesstaat nicht vergessen haben. Ihnen zu vermitteln, dass das neue Syrien mit den USA zusammenarbeitet, die Israelis nicht mehr angreift und die Minderheiten im Land anständig behandelt, ähnelt in Syrien fast der Quadratur des Kreises."
In Chile hat die Linke die Präsidentschaftswahlen verloren. Der jetzt siegreiche Kandidat José Antonio Kast ist nicht nur "deutschstämmig", wie es gestern verschämt in den Fernsehnachrichten hieß. Für die taz berichtet Sophia Boddenberg: "José Antonio Kast, Gründer und Vorsitzender der rechtsextremen Republikanischen Partei, trat bereits bei der vergangenen Präsidentschaftswahl 2021 in der Stichwahl gegen Gabriel Boric an. Damals unterlag er dem jungen linken Kandidaten knapp. Kasts Vater war ein deutscher Wehrmachtsoffizier und Mitglied der NSDAP, der nach dem Zweiten Weltkrieg nach Chile auswanderte. Sein Bruder Miguel Kast war Minister von Augusto Pinochet."
Es ist der letzte Sargnagel für die Hongkonger Demokratiebewegung, schreibt FAZ-Korrespondent Jochen Stahnke. Der Unternehmer Jimmy Lai, unter anderem Herausgeber der Zeitung Apple Daily, die die Regenschirmbewegung unterstützt hat, wurde von einem stramm auf Linie gebrachten Hongkonger Gericht schuldig gesprochen. "Hoffnung gibt es für ihn kaum", so Stahnke: "So klar, wie Richterin Esther Toh im Sinne der Anklage urteilt, wird Jimmy Lai wohl kein Leben mehr in Freiheit führen dürfen. Und so deutlich, wie die Richterin die Vereinigten Staaten als Partner Lais benennt, ist auch die politische Dimension des Verfahrens. Das Urteil dürfte zu neuen Verstimmungen zwischen Peking und Washington führen. Der amerikanische Präsident Donald Trump hatte angekündigt, er werde Lai freibekommen." In der taz berichtet Fabian Kretschmer.
Die japanische Ministerpräsidentin Sanae Takaichi erklärte jüngst, dass ein möglicher Angriff Chinas auf Taiwan für Japan existenzbedrohend wäre, was von China als militärische Drohung interpretiert wurde, konstatiert der Sozialwissenschaftler Matthias Messmer in der NZZ. Chinas Reaktion darauf war wenig besonnen: "In martialischem Jargon drohte ein hochrangiger chinesischer Diplomat Takaichi in den sozialen Netzwerken mit Enthauptung. Darüber hinaus ordnete Peking an, den Import von Meeresfrüchten einzustellen, strich Flug- und Schiffsverbindungen und warnte die eigenen Bürger vor Reisen nach Japan. (...) China versucht um jeden Preis, militaristische Tendenzen in der japanischen Gesellschaft auszumachen und diese groteske Sichtweise der ganzen Welt glaubhaft zu vermitteln. Zudem hat Peking ein Interesse daran, das enge japanisch-amerikanische Bündnis zu spalten. Diese Hoffnung wird durch die schillernde Haltung von US-Präsident Trump in Bezug auf die Unabhängigkeit Taiwans genährt. In Ostasien ist ein Machtpoker im Gange, und die Einsätze sind hoch."
In Syrien hat ein Attentäter, der mutmaßlich mal zu den Truppen des jetzigen Präsidenten Ahmed al-Scharaa gehört haben soll, zwei US-Soldaten getötet. Das zeigt, dass der Präsident seine Truppen nicht von seiner neuen Idee überzeugt hat, das Land erstmal ohne Waffengewalt zu einen, meint Tomas Avenarius in der SZ. Sein Problem sei, "die eigene Hausmacht im Griff zu behalten: also die vom Bürgerkrieg geprägten Kämpfer, die auch in scheinbar aussichtslosen Stunden zu ihm standen, die auf Anerkennung setzen und die ihre alte Idee vom Gottesstaat nicht vergessen haben. Ihnen zu vermitteln, dass das neue Syrien mit den USA zusammenarbeitet, die Israelis nicht mehr angreift und die Minderheiten im Land anständig behandelt, ähnelt in Syrien fast der Quadratur des Kreises."
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