9punkt - Die Debattenrundschau
KI kennt keine Emotionen
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.11.2025. Von Zohran Mamdani lernen, heißt siegen lernen, sind Zeit, SZ und taz überzeugt. Nur ein Häufchen New Yorker Juden fragt sich, ob sie jetzt noch beschützt werden. Die SZ überlegt, ob die Brandmauer vielleicht nur vor einer nervigen Wirklichkeit abschotten soll. Aber rechte Wähler lassen sich kaum zurückgewinnen, warnt der portugiesische Politikwissenschaftler Vicente Valentim in der Zeit. Russische Soldaten töten nicht nur Ukrainer, sondern auch ihre eigenen Leute, erzählt im Spiegel der Journalist Ivan Zhadajew. Die FAZ stellt das geplante Musée-mémorial du terrorisme vor, mit dem Frankreich den Terrorismus seit 1794 länderübergreifend beleuchten will.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
06.11.2025
finden Sie hier
Politik
Die Frage, was die Demokraten nun von Zohran Mamdanis Wahlsieg lernen können, geistert heute durch alle Medien. Auf Zeit Online schlägt Bernd Ulrich vor, dass die US-Demokraten sich in ihrer Gesamtheit radikaler zeigen müssen. "Der Kampf gegen den rechten Populismus kann auch gewonnen werden - und zwar nicht nur durch Anpassung an den rechten Mainstream, sondern auch durch eine Radikalität, die sich nicht aus Gesinnung ergibt, sondern aus der Realität. Eine Radikalität, die konziliant ist und nicht sektiererisch. Es kann gut sein, dass die Strategie 'radikal gegen rechts' außerhalb von New York und ohne eine Ausnahmebegabung wie Mamdani nicht wirkt... Doch wer die Angelegenheit jetzt schnell verwirft, sollte vielleicht vorher noch mal einen Blick in die konventionell liberal-zentristische Werkzeugkiste mit der Aufschrift 'Kampf gegen rechts' werfen."
Auch wenn der Demokrat Mamdani New Yorker Bürgermeister geworden ist, heißt das noch lange nicht, dass er die Demokratische Partei überzeugt hat, auf seinen Kurs umzuschwenken, schreibt Boris Herrmann in der SZ. Mit der Angst der Demokratischen Führungsriege, als sozialistisch dargestellt zu werden, müsse man bei den nächsten Wahlen rechnen: "Die Wahrheiten der Magas haben sich von der Realität emanzipiert, sie werden jeden künftigen demokratischen Kandidaten zum Linksradikalen erklären. Deshalb gibt es an dieser Stelle womöglich gar nicht so viel zu verlieren. Sehr wohl gibt es aber dort etwas zu gewinnen, wo man Menschen wieder für eine Mitmach-Politik und für ein bisschen Licht am Ende des Tunnels begeistert. Und: Was in Manhattan und Queens klappt, das könnte auch in Philadelphia, Atlanta und Phoenix klappen, den Großstädten jener Swing States, in deren Speckgürteln sich landesweite Wahlen entscheiden."
Auch Bernd Pickert warnt in der taz die Demokraten, die falschen Lehren aus den Wahlen zu ziehen. Denn Mamdani war nicht der einzige Wahlsieger diese Woche: "Gerade weil sowohl Linke wie Zohran Mamdani in New York als auch zentristische Figuren wie Abigail Spanberger und Mikie Sherrill in Virginia und New Jersey haushohe Siege einfuhren, könnte sich das Gefühl einschleichen, einfach gegen Trump zu sein, könnte auch bei zukünftigen Wahlen ausreichen. Gepaart mit der Binsenweisheit, dass bei den Zwischenwahlen ohnehin immer die Partei Zugewinne einfährt, die gerade nicht das Weiße Haus besetzt, könnte jene lähmende Politikverwaltung die Oberhand behalten, wie sie Chuck Schumer vorführt, der demokratische Minderheitsführer im Senat. Das wäre absolut fatal."
Während sich nach Mamdanis Wahlsieg bei den Democratic Socialists "rotwangige Sozialisten in den Armen" liegen und Polka tanzen, sind andere eher deprimiert, lernt Jonathan Guggenberger, der für die taz in der Wahlnacht durch New York streift, zum Beispiel die New Yorker Juden, die er trifft: "Zohran Mamdani hatte in den vergangenen Monaten scharfe Kritik an der israelischen Politik geübt - und die teilweise mit Rufen nach einer Intifada verbunden, historisch dem Mord an israelischen Zivilisten. New Yorker Rabbis warnten, er sei eine Gefahr, andere stellten sich schützend vor ihn. Aber ist Mamdani wirklich so schlimm für Juden in New York, diesem Jiddischland des Westens? Aliza meint, ja. Deshalb habe sie auch Cuomo unterstützt. 'Immerhin entscheidet Mamdani ab morgen darüber, ob jüdische Veranstaltungen und Synagogen den Polizeischutz bekommen, den sie dringend brauchen.' Und es stimmt, keine Minderheit wird in New York so oft und offen auf der Straße attackiert, wie Juden."
Auch wenn der Demokrat Mamdani New Yorker Bürgermeister geworden ist, heißt das noch lange nicht, dass er die Demokratische Partei überzeugt hat, auf seinen Kurs umzuschwenken, schreibt Boris Herrmann in der SZ. Mit der Angst der Demokratischen Führungsriege, als sozialistisch dargestellt zu werden, müsse man bei den nächsten Wahlen rechnen: "Die Wahrheiten der Magas haben sich von der Realität emanzipiert, sie werden jeden künftigen demokratischen Kandidaten zum Linksradikalen erklären. Deshalb gibt es an dieser Stelle womöglich gar nicht so viel zu verlieren. Sehr wohl gibt es aber dort etwas zu gewinnen, wo man Menschen wieder für eine Mitmach-Politik und für ein bisschen Licht am Ende des Tunnels begeistert. Und: Was in Manhattan und Queens klappt, das könnte auch in Philadelphia, Atlanta und Phoenix klappen, den Großstädten jener Swing States, in deren Speckgürteln sich landesweite Wahlen entscheiden."
Auch Bernd Pickert warnt in der taz die Demokraten, die falschen Lehren aus den Wahlen zu ziehen. Denn Mamdani war nicht der einzige Wahlsieger diese Woche: "Gerade weil sowohl Linke wie Zohran Mamdani in New York als auch zentristische Figuren wie Abigail Spanberger und Mikie Sherrill in Virginia und New Jersey haushohe Siege einfuhren, könnte sich das Gefühl einschleichen, einfach gegen Trump zu sein, könnte auch bei zukünftigen Wahlen ausreichen. Gepaart mit der Binsenweisheit, dass bei den Zwischenwahlen ohnehin immer die Partei Zugewinne einfährt, die gerade nicht das Weiße Haus besetzt, könnte jene lähmende Politikverwaltung die Oberhand behalten, wie sie Chuck Schumer vorführt, der demokratische Minderheitsführer im Senat. Das wäre absolut fatal."
Während sich nach Mamdanis Wahlsieg bei den Democratic Socialists "rotwangige Sozialisten in den Armen" liegen und Polka tanzen, sind andere eher deprimiert, lernt Jonathan Guggenberger, der für die taz in der Wahlnacht durch New York streift, zum Beispiel die New Yorker Juden, die er trifft: "Zohran Mamdani hatte in den vergangenen Monaten scharfe Kritik an der israelischen Politik geübt - und die teilweise mit Rufen nach einer Intifada verbunden, historisch dem Mord an israelischen Zivilisten. New Yorker Rabbis warnten, er sei eine Gefahr, andere stellten sich schützend vor ihn. Aber ist Mamdani wirklich so schlimm für Juden in New York, diesem Jiddischland des Westens? Aliza meint, ja. Deshalb habe sie auch Cuomo unterstützt. 'Immerhin entscheidet Mamdani ab morgen darüber, ob jüdische Veranstaltungen und Synagogen den Polizeischutz bekommen, den sie dringend brauchen.' Und es stimmt, keine Minderheit wird in New York so oft und offen auf der Straße attackiert, wie Juden."
Europa
Der Historiker und CDU-Politiker Andreas Rödder hat es nicht verdient, für seinen Vorschlag, die Brandmauer gegen die AfD zu hinterfragen, derart niedergemacht zu werden, konstatiert Claudius Seidl in der SZ. Da sich die Brandmauer bisher als nicht sehr wirksam gezeigt hat, den Aufstieg der AfD aufzuhalten, ist es vielleicht an der Zeit, neue Konzepte auszuprobieren, meint Seidl: "Man könnte fragen, was eigentlich hinter der Brandmauer liegt; und ob es wirklich stimmt, dass diese Mauer nur die Guten von den Bösen trennt. Man könnte also überlegen, ob die Mauer nicht eine Linie ziehe zwischen der anstrengenden, nervigen und zu bewältigenden Wirklichkeit." Könnte es sein, "dass die Union von der niederländischen Partei D66, von deren Spitzenkandidaten und deren Wahlsieg lernte? Dass sie also damit aufhörte, sich immer genau die Konflikte zu verbeißen, in denen sie die Rechtspopulisten an ihrer Seite hat, um dann immer wieder aufs Neue zu betonen, wie hoch die Mauer zwischen ihr und der AfD sei? Dass sie sich endlich auch sichtbar und effektiv auf andere Themen konzentrierte, aufs Wohnen, auf Wirtschaft, Energie und Nachhaltigkeit?" Und dafür eben je nach Sachfrage auch eine Unterstützung der AfD in Betracht zieht.
Ob die verlorenen Wähler aber dann wieder CDU wählen? Der portugiesische Politikwissenschaftler Vicente Valentim bezweifelt es im Interview mit Zeit Online. Viele Wähler waren schon früher bereit, für rechtspopulistische bis rechtsextreme Parteien zu stimmen, nur gab es diese in den meisten europäischen Parteiensystemen nicht, erklärt er: "Es herrscht die falsche Annahme, dass viele Wähler, die früher Mitte-rechts-Parteien gewählt haben, im Herzen noch immer Mitte-rechts sind. Meine Arbeit legt aber nahe, dass diese Menschen schon vorher extrem rechts gedacht haben. Es gab nur keine Partei, die diese Positionen glaubwürdig und erfolgversprechend vertreten hat. Jetzt haben sie eine Partei, die viel stärker mit ihren wahren Ansichten übereinstimmt. Wir wissen aus der Forschung, dass Menschen, wenn sie eine Partei wählen, über die Zeit eine starke Identifikation mit dieser Partei ausbilden. Das gilt erst recht, wenn diese Partei von den anderen Parteien stark bekämpft wird. Warum also sollten, im deutschen Beispiel, die AfD-Wähler zurückkehren?"
Die Jugendorganisation der Linkspartei hat in einem atemberaubenden Beschluss mit dem Titel "Nie wieder zu einem Völkermord schweigen" Israel nicht nur, wie es Mode ist, des Genozids beschuldigt, sondern spricht auch von einem "kolonialen und rassistischen Charakter des israelischen Staatsprojekts von seinen Anfängen bis heute". Frederik Schindler hat diesen Beschluss in der Welt zuerst thematisiert (unser Resümee). In der Jüdischen Allgemeinen kommentiert er nun: "Die Mehrheit der Linksjugend ... will die Fähigkeit der Juden zur Selbstverteidigung nicht als legitime Konsequenz jüdischer Geschichte anerkennen. Sie macht israelische Soldaten implizit zu nationalsozialistischen Tätern, dämonisiert damit erstere und verharmlost letztere. Eine neu gewählte Bundessprecherin der Linksjugend macht das sogar explizit, wenn sie in einem mittlerweile gelöschten Video vom 'Holocaust' in Gaza spricht. Mit einer legitimen Kritik an der Kriegsführung eines israelischen Ministerpräsidenten, der mit Rechtsextremen zusammenarbeitet, hat das nichts zu tun. Es ist NS-Verharmlosung in Reinform."
Russische Soldaten töten nicht nur Ukrainer, sondern auch ihre eigenen Leute, erzählt im Interview mit dem Spiegel der inzwischen im Exil lebende russische Journalist Ivan Zhadajew: "Russische Kommandeure foltern und töten gezielt ihre eigenen Soldaten - um Macht, Geld und Disziplin zu sichern. Dieses Ausmaß interner Gewalt ist einzigartig. Es hängt auch damit zusammen, dass zahlreiche Häftlinge aus Strafkolonien eingezogen wurden - Männer, die fast ausschließlich des Geldes wegen kämpfen." Es sollen sogar Drohnen und Sprengsätze zum Einsatz gekommen sein. "Zunächst hielten wir solche Berichte für unglaubwürdig. Doch wir erhielten mehrere voneinander unabhängige Bestätigungen. In manchen Sturmtruppen kommt es tatsächlich regelmäßig vor, dass Soldaten, die sich weigern weiterzugehen, von eigenen Drohnen angegriffen werden. ... Die russische Armee rekrutiert inzwischen jeden, der bereit ist, für Geld zu kämpfen. Gewalt ist Teil ihres Systems geworden. Es geht längst nicht mehr um militärische Schlagkraft, sondern um systematische Entmenschlichung."
Frankreich will mit einem Musée-mémorial du terrorisme den Terrorismus seit der Erfindung des Begriffs 1794 länderübergreifend beleuchten, berichtet Marc Zitzmann in der FAZ. Dazu gehört "der nationalistische und antikapitalistische der Siebziger- und Achtzigerjahre in aller Welt, der rote im Europa und insbesondere in der BRD, im Frankreich und Italien der bleiernen Zeit, der regionalistische im Baskenland und in Korsika, der staatliche Libyens und Irans, endlich jene der Islamisten und der Rechtsextremen". Das Museum hat bereits eine Sammlung mit rund 2500 Stücken aufgebaut, der für Terrorismusfälle zuständige Pariser Strafgerichtshof soll dem Museum "Tausende von Sachbeweisen aus abgeschlossenen Gerichtsverfahren" anvertrauen. Doch nicht alles soll gezeigt werden, so Zitzmann, etwa die "GoPro-Kamera, mit der ein französischer Terrorist 2012 gefilmt hatte, wie er jüdische Kinder in ihrem Schulhof erschoss".
Weiteres: Linksextreme und Rechtsextreme haben erstaunlich ähnliche Strategien, konstatiert der Politologe Markus Linden in der FAZ, wo er vor allem das linke amerikanische Magazin Jacobin und seinen deutschen Ableger aufs Korn nimmt, das den Weg zu einer "breiten linken Allianz mit Anarchisten, Kommunisten, Ideologisch-Postkolonialen, Antiimperialisten, Terrorverstehern und Querfrontausläufern eröffnet", Hauptsache es geht "gegen 'das pro-israelische Establishment'". In der Zeit fragt sich Götz Hamann, ob Anzeigen wegen Volksverhetzung in der Debatte das richtige Mittel sind, "wenn viele dieser Anzeigen rasch in sich zusammenfallen", denn dann "beginnt es nach Missbrauch zu riechen. Da mögen die Motive noch so edel sein".
Ob die verlorenen Wähler aber dann wieder CDU wählen? Der portugiesische Politikwissenschaftler Vicente Valentim bezweifelt es im Interview mit Zeit Online. Viele Wähler waren schon früher bereit, für rechtspopulistische bis rechtsextreme Parteien zu stimmen, nur gab es diese in den meisten europäischen Parteiensystemen nicht, erklärt er: "Es herrscht die falsche Annahme, dass viele Wähler, die früher Mitte-rechts-Parteien gewählt haben, im Herzen noch immer Mitte-rechts sind. Meine Arbeit legt aber nahe, dass diese Menschen schon vorher extrem rechts gedacht haben. Es gab nur keine Partei, die diese Positionen glaubwürdig und erfolgversprechend vertreten hat. Jetzt haben sie eine Partei, die viel stärker mit ihren wahren Ansichten übereinstimmt. Wir wissen aus der Forschung, dass Menschen, wenn sie eine Partei wählen, über die Zeit eine starke Identifikation mit dieser Partei ausbilden. Das gilt erst recht, wenn diese Partei von den anderen Parteien stark bekämpft wird. Warum also sollten, im deutschen Beispiel, die AfD-Wähler zurückkehren?"
Die Jugendorganisation der Linkspartei hat in einem atemberaubenden Beschluss mit dem Titel "Nie wieder zu einem Völkermord schweigen" Israel nicht nur, wie es Mode ist, des Genozids beschuldigt, sondern spricht auch von einem "kolonialen und rassistischen Charakter des israelischen Staatsprojekts von seinen Anfängen bis heute". Frederik Schindler hat diesen Beschluss in der Welt zuerst thematisiert (unser Resümee). In der Jüdischen Allgemeinen kommentiert er nun: "Die Mehrheit der Linksjugend ... will die Fähigkeit der Juden zur Selbstverteidigung nicht als legitime Konsequenz jüdischer Geschichte anerkennen. Sie macht israelische Soldaten implizit zu nationalsozialistischen Tätern, dämonisiert damit erstere und verharmlost letztere. Eine neu gewählte Bundessprecherin der Linksjugend macht das sogar explizit, wenn sie in einem mittlerweile gelöschten Video vom 'Holocaust' in Gaza spricht. Mit einer legitimen Kritik an der Kriegsführung eines israelischen Ministerpräsidenten, der mit Rechtsextremen zusammenarbeitet, hat das nichts zu tun. Es ist NS-Verharmlosung in Reinform."
Russische Soldaten töten nicht nur Ukrainer, sondern auch ihre eigenen Leute, erzählt im Interview mit dem Spiegel der inzwischen im Exil lebende russische Journalist Ivan Zhadajew: "Russische Kommandeure foltern und töten gezielt ihre eigenen Soldaten - um Macht, Geld und Disziplin zu sichern. Dieses Ausmaß interner Gewalt ist einzigartig. Es hängt auch damit zusammen, dass zahlreiche Häftlinge aus Strafkolonien eingezogen wurden - Männer, die fast ausschließlich des Geldes wegen kämpfen." Es sollen sogar Drohnen und Sprengsätze zum Einsatz gekommen sein. "Zunächst hielten wir solche Berichte für unglaubwürdig. Doch wir erhielten mehrere voneinander unabhängige Bestätigungen. In manchen Sturmtruppen kommt es tatsächlich regelmäßig vor, dass Soldaten, die sich weigern weiterzugehen, von eigenen Drohnen angegriffen werden. ... Die russische Armee rekrutiert inzwischen jeden, der bereit ist, für Geld zu kämpfen. Gewalt ist Teil ihres Systems geworden. Es geht längst nicht mehr um militärische Schlagkraft, sondern um systematische Entmenschlichung."
Frankreich will mit einem Musée-mémorial du terrorisme den Terrorismus seit der Erfindung des Begriffs 1794 länderübergreifend beleuchten, berichtet Marc Zitzmann in der FAZ. Dazu gehört "der nationalistische und antikapitalistische der Siebziger- und Achtzigerjahre in aller Welt, der rote im Europa und insbesondere in der BRD, im Frankreich und Italien der bleiernen Zeit, der regionalistische im Baskenland und in Korsika, der staatliche Libyens und Irans, endlich jene der Islamisten und der Rechtsextremen". Das Museum hat bereits eine Sammlung mit rund 2500 Stücken aufgebaut, der für Terrorismusfälle zuständige Pariser Strafgerichtshof soll dem Museum "Tausende von Sachbeweisen aus abgeschlossenen Gerichtsverfahren" anvertrauen. Doch nicht alles soll gezeigt werden, so Zitzmann, etwa die "GoPro-Kamera, mit der ein französischer Terrorist 2012 gefilmt hatte, wie er jüdische Kinder in ihrem Schulhof erschoss".
Weiteres: Linksextreme und Rechtsextreme haben erstaunlich ähnliche Strategien, konstatiert der Politologe Markus Linden in der FAZ, wo er vor allem das linke amerikanische Magazin Jacobin und seinen deutschen Ableger aufs Korn nimmt, das den Weg zu einer "breiten linken Allianz mit Anarchisten, Kommunisten, Ideologisch-Postkolonialen, Antiimperialisten, Terrorverstehern und Querfrontausläufern eröffnet", Hauptsache es geht "gegen 'das pro-israelische Establishment'". In der Zeit fragt sich Götz Hamann, ob Anzeigen wegen Volksverhetzung in der Debatte das richtige Mittel sind, "wenn viele dieser Anzeigen rasch in sich zusammenfallen", denn dann "beginnt es nach Missbrauch zu riechen. Da mögen die Motive noch so edel sein".
Gesellschaft
Die akademische Welt ist in Aufruhr: Schockiert durch den 7. Oktober hat die Bundesregierung Mittel zu einem Forschungs- und Schulprojekt Ahmad Mansours gegen Antisemitismus vergeben (unsere Resümees), auch in der Stadt Berlin wurden Gelder an Antisemitismusprojekte vergeben (unser Resümee). Der an der FU lehrende Integrationsforscher Ruud Koopmans hat für die Empörung nur eine maliziöse Bemerkung übrig:
Inzwischen hat auch die SZ das Thema aufgegriffen: Dem ehemaligen Berliner Kultursenator Joe Chialo (CDU) wird vorgeworfen, Mittel aus dem Berliner Budget "Projekte mit besonderer politischer Bedeutung" ohne weitergehende Prüfung mutmaßlich an dubiose Firmen weitergeben zu haben, schreibt Peter Laudenbach in der SZ. Dies haben die Grünen-Abgeordneten Susanna Kahlefeld und Daniel Wesener herausgefunden, deren Dossier zum Fall der SZ vorliegt. "Besonders brisant ist eine Aktennotiz vom März 2025, mit der 'die Hausleitung', also der Senator, 'die volle zuwendungsrechtliche Verantwortung (einschließlich Haftung im Schadensfall) im Sinne der Landeshaushaltsordnung' übernimmt. Das zuständige Referat III A wird angewiesen, 'für die in der beigefügten Liste aufgeführten Projekte ohne inhaltliche und umfassende zuwendungsrechtliche Prüfung Zuwendungsbescheide rein technisch zu erstellen und diese der Hausleitung zur Unterzeichnung vorzulegen'. Das wirkt zumindest wie die Umgehung gängiger Verwaltungspraxis."
In der Zeit fürchtet sich Philipp Peyman Engel, Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, schon vor den Sonntagsreden am 9. November. "Der 9. November ist für viele Juden mittlerweile ein Tag, dem wir mit Schrecken entgegengesehen. Denn er ist nicht so vergangen, wie wir dachten... Was mich angesichts meiner familiären Verbindung zum Nahen Osten besonders schmerzt: dass die verbale und physische Bedrohung in Deutschland längst nicht mehr nur auf das Konto von Neonazis und Rechtsextremen geht. Es ist eine unbequeme Wahrheit, doch sie muss ausgesprochen werden: Hass auf Juden und Israel kommt besonders aggressiv aus der muslimischen Community - und von linksorientierten Deutschen ohne Migrationshintergrund. ... Heißt das, dass Rechtsextremismus weniger gefährlich geworden ist? Nein! Aber wer an Gedenktagen so allgemein spricht, dass unklar bleibt, welch unheilige Allianz aus Rechtsextremen, Islamisten und Linken entstanden ist, der gefährdet uns."
Die nicht-kompetitive Vergabe von Forschungsmitteln, oft im Eilverfahren in Haushaltsbereinigungssitzungen, ist nicht unüblich. So ging es beim DeZIM seit Anfang, so ging es bei dem millionenschweren "Rassismusmonitor". Sogar ohne jegliche Gutachten. https://t.co/lEm69QTdI8
- Ruud Koopmans (@Ruud_Koop_mans) November 4, 2025
Inzwischen hat auch die SZ das Thema aufgegriffen: Dem ehemaligen Berliner Kultursenator Joe Chialo (CDU) wird vorgeworfen, Mittel aus dem Berliner Budget "Projekte mit besonderer politischer Bedeutung" ohne weitergehende Prüfung mutmaßlich an dubiose Firmen weitergeben zu haben, schreibt Peter Laudenbach in der SZ. Dies haben die Grünen-Abgeordneten Susanna Kahlefeld und Daniel Wesener herausgefunden, deren Dossier zum Fall der SZ vorliegt. "Besonders brisant ist eine Aktennotiz vom März 2025, mit der 'die Hausleitung', also der Senator, 'die volle zuwendungsrechtliche Verantwortung (einschließlich Haftung im Schadensfall) im Sinne der Landeshaushaltsordnung' übernimmt. Das zuständige Referat III A wird angewiesen, 'für die in der beigefügten Liste aufgeführten Projekte ohne inhaltliche und umfassende zuwendungsrechtliche Prüfung Zuwendungsbescheide rein technisch zu erstellen und diese der Hausleitung zur Unterzeichnung vorzulegen'. Das wirkt zumindest wie die Umgehung gängiger Verwaltungspraxis."
In der Zeit fürchtet sich Philipp Peyman Engel, Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, schon vor den Sonntagsreden am 9. November. "Der 9. November ist für viele Juden mittlerweile ein Tag, dem wir mit Schrecken entgegengesehen. Denn er ist nicht so vergangen, wie wir dachten... Was mich angesichts meiner familiären Verbindung zum Nahen Osten besonders schmerzt: dass die verbale und physische Bedrohung in Deutschland längst nicht mehr nur auf das Konto von Neonazis und Rechtsextremen geht. Es ist eine unbequeme Wahrheit, doch sie muss ausgesprochen werden: Hass auf Juden und Israel kommt besonders aggressiv aus der muslimischen Community - und von linksorientierten Deutschen ohne Migrationshintergrund. ... Heißt das, dass Rechtsextremismus weniger gefährlich geworden ist? Nein! Aber wer an Gedenktagen so allgemein spricht, dass unklar bleibt, welch unheilige Allianz aus Rechtsextremen, Islamisten und Linken entstanden ist, der gefährdet uns."
Digitalisierung
KI hat hierzulande einen schlechten Ruf. Das sie auch zu etwas nütze sein kann, berichtet Piotr Heller in der FAZ aus der Gedenkstätte Yad Vashem: Dort benutzt man KI, um die etwa eine Million Holocaustopfer zu identifizieren, die noch keinen Namen haben: "Seit zwei Jahren wird das Programm entwickelt, um in einem Meer aus Erinnerungen - neben den Berichten von Überlebenden gibt es über 200 Millionen Seiten aus Gerichtsakten, Urkunden, Tagebücher, Briefe, Postkarten, Dokumente der Nazis - die Opfer des Holocausts zu finden." Für Menschen ist diese Arbeit nicht nur mühsam, sondern auch horrend. Aber "die KI kennt keine Emotionen. Sie basiert auf einem System des maschinellen Lernens, trainiert darauf, Entitäten in riesigen Datenmengen zu erkennen. Danach extrahiert sie Zusammenhänge: Welcher Vorname gehört zu welchem Nachnamen? In welchem Verhältnis stehen zwei Personen? Wie Puzzleteile setzt sie Datenpunkte zusammen, bis sich das Bild eines Menschen ergibt. ... 200 Identitäten habe die KI bereits erkannt, erklärt [Alexander] Avram", der die zentrale Datenbank der Holocaustopfer leitet.
In weniger sinnvollen Angelegenheiten - dem automatischen Erstellen von Bildern, Videos und Podcasts - neigt sich der KI-Hype dem Ende zu, glaubt Michael Moorstedt in der SZ. "'Die anfängliche Begeisterung für KI-Tools', schreibt etwa die Unternehmensberatung Ernst & Young in einem Bericht, sei 'einer zunehmenden Ermüdung gewichen, da automatisierte Inhalte digitale Plattformen mit vorhersehbaren und uninspirierten Texten überschwemmen. Unternehmen und Privatpersonen automatisieren ihre Kommunikation in großem Umfang, aber das Publikum sucht nach Authentizität und menschlichen Nuancen.' Die gefühlte Ernüchterung lässt sich auch quantitativ belegen: Mehr als 50 Prozent der Befragten stehen laut einer Pew-Studie KI-Inhalten mittlerweile skeptisch bis ablehnend gegenüber."
In weniger sinnvollen Angelegenheiten - dem automatischen Erstellen von Bildern, Videos und Podcasts - neigt sich der KI-Hype dem Ende zu, glaubt Michael Moorstedt in der SZ. "'Die anfängliche Begeisterung für KI-Tools', schreibt etwa die Unternehmensberatung Ernst & Young in einem Bericht, sei 'einer zunehmenden Ermüdung gewichen, da automatisierte Inhalte digitale Plattformen mit vorhersehbaren und uninspirierten Texten überschwemmen. Unternehmen und Privatpersonen automatisieren ihre Kommunikation in großem Umfang, aber das Publikum sucht nach Authentizität und menschlichen Nuancen.' Die gefühlte Ernüchterung lässt sich auch quantitativ belegen: Mehr als 50 Prozent der Befragten stehen laut einer Pew-Studie KI-Inhalten mittlerweile skeptisch bis ablehnend gegenüber."
Medien
Oliver Jungen folgte für die FAZ einem "Kölner Mediengespräch" mit einem Vortrag der Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel, die die Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen über den Gaza-Krieg scharf kritisierte. Als Beispiel nannte sie etwa einen Online-Beitrag von "Monitor", wo der Journalist Thilo Jung unwidersprochen Verschwörungsthorien habe ausbreiten dürfen. "Der Moderator Georg Restle habe nicht nur nicht eingegriffen, sondern diese Reaktivierung eines antisemitischen Ressentiments noch bestärkt. 'Wir haben hier', schloss Schwarz-Friesel, 'eigentlich einen riesigen Medienskandal..., Georg Restle hätte sofort zurücktreten müssen. Es ist nichts passiert.'"
1 Kommentar



