Ursachen bekämpfen, ohne die Demokratie zu verraten
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.11.2025. Die Brandmauer bröckelt, aber stärkt sie nicht ohnehin die AfD, fragen Philipp Manow im Stern und Jürgen Kaube in der FAZ. Darf Ahmad Mansour nach Antisemitismus bei muslimischen Schülern fragen, oder ist das nicht wissenschaftlich? Der Streit geht weiter. Streit dürfte es demnächst auch in der Linkspartei geben, wo die Jugendorganisation laut Welt einen strikt israelfeindlichen Kurs einschlägt, dem die Partei als ganze folgen soll.
"Bislang hat kein Mittel geholfen", lautet die Antwort des FAZ-Herausgebers Jürgen Kaube auf die Frage, ob der Erfolg der AfD aufhaltsam sei. Je länger man die Brandmauer aufrechterhält und sich gleichzeitig in Koalitionen zerstreitet, desto mehr erscheint die AfD als "Utopie von rechts", so Kaube, der sich auf einen Beitrag des Politologen Philipp Manow im Stern bezieht. Manow rät zu Minderheitsregierungen, aber Kaube ist skeptisch: "Womöglich hat die Union im Gefühl, mehr als ein Drittel der Wähler noch erreichen zu können, auch so lange damit gewartet, sich in Landesparlamenten tolerieren zu lassen, bis ihr jetzt diese Option gar nicht mehr zur Verfügung steht. Die SPD und die Grünen würden ihrerseits das 'Tor zur Hölle' durchschritten sehen, wenn es zu einem Fall der Brandmauer käme. Dazu, die Nerven zu behalten und sich wie die dänischen Sozialdemokraten auf wechselnde Koalitionen einzulassen, scheint in Deutschland derzeit keine Partei bereit. Zu sehr wird noch in den alten Entgegensetzungen gedacht." Mit Blick auf die europäischen Nachbarländer rät Kaube zu Gelassenheit: Noch ist nirgends Faschismus.
Der niederländische Wahlsieger Rob Jetten könnte mit seinem Wahlkampf ein Beispiel dafür sein, wie man populistischen Parteien in Zukunft begegnet, erklärt der niederländische HistorikerRené Cuperus im Zeit-Online-Interview mit Paula Haase. "Zeigen, dass man keine Angst hat. Wilders hat verloren, weil Jetten ihn so offensiv angegangen ist. In Deutschland herrscht eine AfD-Panik - schon vor Jahren wurde ständig vom Faschismus gewarnt, täglich wird über ihren Aufstieg gesprochen, als wäre es ein Naturgesetz. Die Partei wird trotzdem größer. Man muss verstehen, warum Menschen die AfD wählen: Ungleichheit, Unsicherheit, Identitätsverlust. Man muss diese Ursachen bekämpfen, ohne die Demokratie zu verraten."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Russland hat sein Arsenal mit atombetriebenen Raketen und Torpedos aufgestockt, schreibt die russische SchriftstellerinIrina Rastorgueva in der SZ. "Alexander Michailow, Leiter des Büros für militärpolitische Analyse, erklärte in den Nachrichten des Ersten Kanals, dass das fliegende Atomkraftwerk 'über eine neue Art der Navigation verfügt, über die westliche Experten nur spekulieren können'. Westliche Experten haben tatsächlich Grund zum Nachdenken - die Rakete flog 14.000 Kilometer in 15 Stunden, also mit einer Geschwindigkeit von etwa 930 Kilometern pro Stunde, was der Durchschnittsgeschwindigkeit eines zivilen Düsenflugzeugs entspricht. Zum Vergleich: Die Geschwindigkeit der leistungsfähigsten Jagdflugzeuge beträgt zwischen 1.900 und 3.000 km/h. (...) Sollte also eine Atommacht Russland angreifen, könnte diese Rakete noch ein halbes Jahr lang die Erde umkreisen. Wie man im Internet sagt: In Russland gibt es einen Präsidenten mit unbegrenzter Amtszeit, Raketen mit unbegrenzter Reichweite und leider auch einen Teil der Bevölkerung mit unbegrenzter Dummheit."
Wie's in der Jugendorganisation der Linkspartei zugeht, schildert Frederik Schindler in der Welt. Da die Partei möglicherweise ab nächstem Jahr den Regierenden Bürgermeister in Berlin stellt (zur Zeit werden ihr dafür gute Aussichten bescheinigt), dürfte das eine gewisse Relevanz haben. "Der Bundeskongress der Linksjugend Solid - der Jugendorganisation der Linkspartei - hat am vergangenen Wochenende nach Welt-Informationen einen massiv israelfeindlichen Beschluss gefasst. 'Konfrontiert mit einem Völkermord, haben wir als linker Jugendverband versagt', heißt es darin. Und weiter: 'Wir haben versagt, den kolonialen und rassistischen Charakter des israelischen Staatsprojekts, der sich von seinen Anfängen bis heute in der Eroberung neuer Gebiete und in der Vertreibung ihrer Einwohner:innen ausdrückt, anzuerkennen und die Verbrechen des israelischen Staates, vom Apartheidsystem bis zum Genozid in Gaza, unmissverständlich beim Namen zu nennen und zu verurteilen.'" Der Jugendverband fordert "unsere Partei dazu auf, uns hierin zu folgen". Dazu wird die Linkspartei in ein paar Tagen in Berlin Gelegenheit haben, wo die Partei am 15. November nach einem RBB-Bericht ihre Spitzenkandidatin Elif Eralp küren will.
Eigentlich ein ganz normaler Vorgang: Das Zeit-Magazin gibt beim chinesischen Künstler Ai Weiwei einen Text (hier der Text auf seinem Instagram-Account) in Auftrag, er erfüllt nicht die Anforderungen, der Text wird nicht gedruckt - trotzdem Grund genug für die Berliner Zeitung und die Weltbühne, "Cancel Culture" zu wittern. Bernhard Heckler hat den Vorgang für die SZ aufgearbeitet und den SchriftstellerBehzad Karim Kani, Mitherausgeber der Weltbühne, um Stellungnahme gebeten, der direkt einen Artikel aus diesem Mailverlauf fingierte und ab da scheinbar sehnsüchtig auf den "Cancel"-Artikel aus der SZ wartete. "Am Wochenende hat Behzad Karim Kani per Mail nachgefragt: 'Wissen Sie schon, wann der Artikel erscheint? Und wären Sie so freundlich, mir einen freien Link oder den Artikel als PDF zukommen zu lassen?' Nun, der Text erscheint ungefähr: jetzt. Mit einem freien Link oder dem Artikel als PDF können wir leider nicht dienen. Die Meinung soll schließlich nicht nur frei sein in diesem Land, sondern sie soll sich auch rechnen."
Der digitale Erfolg der New York Timeserklärt sich nicht durch journalistische Qualität, sondern durch das Spieleangebot des Instituts, erklärt Marc Tawadrous in der taz. "2022 zahlten über eine Million Menschen für Games-Only-Accounts. Bis 2027 will das Medienunternehmen 15 Millionen Spieleabos generieren." Am erfolgreichsten ist das Spiel "Wordle", so Tawadrous. Der Erfolg könnte dann Anlass sein, auch wieder in journalistische Qualität zu investieren.
Auch interessant: Am 13. November jähren sich die Terrorattentate von Paris im Jahr 2015 zum zehnten Mal. Allein beim Attentat auf das Bataclan starben 90 Menschen. Aber deutsche Fernsehanstalten interessieren sich in zwei Dokus, die Christian Kamp in der FAZ bespricht, nur für das Geschehen am Stade de France, wo an diesem Abend ein weiteres Attentat fehlschlug. Weil dort die deutsche Nationalmannschaft spielte! Bei Sky läuft "Die Nacht von Paris - Terror am Stade de France", in der ARDläuft "Terror. Fußball. Paris 2015" (Aus dem Werbetext der ARD: "Mit emotionalen Zeitzeugenberichten, exklusiven Interviews und bislang unbekannten Hintergründen rekonstruiert die Dokumentation einen der dunkelsten Abende Europas und des europäischen Fußballs. 'Du bereitest dich auf ein Top-Spiel vor - und am Ende war es der schwärzeste Tag', sagt ARD-Experte Bastian Schweinsteiger.")
Der sozialistische Kandidat Zohran Mamdani könnte heute zum Bürgermeister der Stadt New York gewählt werden, schreibt Heike Buchter auf Zeit Online. Aber was hat seinen Aufstieg vom Hinterbänkler zum Shooting-Star überhaupt erst möglich gemacht? "Zwei Jahre in Folge sind die inflationsbereinigten Einkommen der New Yorker gesunken. Dagegen sind die Mieten um mehr als fünf Prozent jährlich gestiegen, was bedeutet, dass Mieter im Schnitt knapp 200 Dollar monatlich mehr zahlen. 67 Prozent derer, die regelmäßig Tafeln und Suppenküchen besuchen, haben einen Job. Die Zahl der Obdachlosen hat den höchsten Stand seit der Großen Depression der 1930er Jahre erreicht. Jede Nacht finden sich über 100.000 Menschen in den städtischen Obdachlosenheimen, darunter 35.000 Kinder. (...) Es ist der soziale Abstieg von immer mehr New Yorkern. Mamdanis Versprechen verfangen, weil man ihm abnimmt, dass er bereit ist, neue Lösungen zu versuchen."
Felix Wellisch unterhält sich in der taz mit Uri Dromi, ehemals Pressesprecher von Israels Ministerpräsident Jitzhak Rabin, der vor dreißig Jahren von einem israelischen Rechtsextremisten ermordet wurde. Darauf scheiterte der Friedensprozess - auch wegen immer brutalerer Terroranschläge von palästinensischer Seite. Dromi hält an den Prinzipien Rabins fest: "An der Grundannahme, dass Frieden nur zwischen Israelis und Palästinensern geschlossen werden kann, hat sich nichts verändert. Alle Versuche, die Palästinenser zu umgehen, werden scheitern. Echter Frieden bedeutet auch heute, das Land zu teilen. Für Gaza bedeutet das eine Absage an jüdische Siedlungsfantasien. Die Menschen dort brauchen Hoffnung für ihre Kinder und einen politischen Horizont. Mit Blick auf das Westjordanland müssen zumindest die kleineren Siedlungen aufgegeben werden."
Alan Posener greift in seinem Blog starke-meinungen.de (der Artikel ist bereits von Sonntag) die Recherche von Correctiv.org zu Ahmad Mansour auf (unser Resümee). Der Correctiv-Artikel bemängelt vor allem, dass ein Projekt Mansours zu muslimischen Antisemitismus an Schulen, das von der vorigen Bundesregierung bewilligt wurde, unter "Experten" umstritten sei. In dem Correctiv-Artikel werden anonyme Gutachter zitiert, die vor allem bemängeln, dass Mansour den Antisemitismus bei muslimischen Schülern untersuchen will - nicht übergreifend bei allen. "Es ist eine Machtfrage", meint Posener: "Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, sollte Mansour erst gar nicht untersuchen dürfen, was tatsächlich der Fall ist. Jede Lehrkraft, die in einer Schule unterrichtet, wo es eine Mehrheit oder beträchtliche Minderheit muslimischer Schüler gibt - in Berlin oder München, Bremen oder Frankfurt am Main - , weiß, dass der israelbezogene - aber selten auf Israel beschränkte - Antisemitismus ein Problem ist. Wenn das nicht bei allen Schülern und Schülerinnen der Fall ist - umso besser."
In dem Correctiv-Artikel wird auch die bekannte Friedensforscherin Nicole Deitelhoff befragt, die bei Mansour die wissenschaftliche Qualität nicht gewährleistet sieht und sich hier einig weiß mit jenen anonymen Experten, die sich schon gegenüber der Bundesregierung geäußert hatten. Es gehe allein um die Reinheit der Wissenschaft, rechtfertigt sie sich nochmal bei Twitter: "Natürlich kann und sollen Regierung und Parlament in der Lage sein, Forschungsthemen anzuschieben, wenn sie denken, dass das politisch wichtig ist. Die Förderung konkreter Projekte muss dann aber den Kriterien der wissenschaftlichen Qualitätssicherung entsprechen. Und wenn die Politik eine Organisation als Organisation unterstützen will, dann sollte sie das nicht im Rahmen der Forschungsförderung tun." Es folgt bei Twitter ein kleiner Streit mit Posener.
Man kann aber auch wissenschaftlich qualifiziert sein und dennoch die Ablehnung der sensiblen Kollegenschaft erfahren. Voraussetzung hierfür ist, dass man Jude ist. Über den Umweg der deutschen Berichterstattung (und ihrer Widerspiegelung im Perlentaucher) ist die Affäre Eva Illouz nun auch nach Frankreich gelangt. Die französisch-israelische Soziologin ist bekanntlich von einem Kolloquium an der Uni Rotterdam ausgeschlossen worden, weil ihre Präsenz "Unwohlsein" bei ihren niederländischen Kollegen ausgelöst hätte, wie ihr per Mail beschieden wurde. In La Règle du Jeuveröffentlicht der Historiker Marc Knobel einen offenen Brief an den niederländischen Botschafter in Frankreich, Jan Théophile Versteeg: "Ich bitte Sie eindringlich, Herr Botschafter, die zuständigen Behörden auf die Schwere dieses Problems aufmerksam zu machen. Die akademische Freiheit zu schützen und jede Form der Ausgrenzung aufgrund von Zugehörigkeiten oder Herkunft zu bekämpfen, heißt, die universellen Grundsätze zu verteidigen, auf denen Hochschulbildung basiert. Es ist Ihre Aufgabe, im Geiste des Dialogs Ihrer Regierung und den Hochschulbehörden die Unannehmbarkeit dieser Situation zu vermitteln." Folgt jene barocke Schlussformel, die es nur noch in französischen Briefen gibt: "Veuillez agréer, Monsieur l'Ambassadeur, l'expression de ma haute considération." In der tazkommentiert Jan Feddersen die niederländische Ausladung.
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