9punkt - Die Debattenrundschau

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Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.10.2025. In der Türkei bitte nicht lachen - darauf stehen viereinhalb Jahre Gefängnis, berichtet Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolumne. Die taz verabschiedet sich von der, äh, taz: naja jedenfalls im Print. Gut so, ruft Arno Widmann in der FR. In der SZ erzählt die Taiwaner Ex-Digitalministerin Audrey Tang, warum die Schüler des Landes jetzt länger schlafen. In der Jüdischen Allgemeinen schreibt Marko Martin einen Nachruf auf Richard Herzinger.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.10.2025 finden Sie hier

Politik

Die Hamas-Terroristen haben den Geiseln Unvorstellbares angetan, berichtet Frederik Schindler in der Welt - die Geschichten kommen nun ans Tageslicht: "Avinatan Or, der vom Nova-Festival entführt worden war, wurde bis zu seiner Freilassung nach mehr als zwei Jahren allein festgehalten, davon ein Jahr in einem Käfig, in dem er nicht stehen konnte. Er begegnete in Gaza keiner einzigen anderen Geisel und verlor dort zwischen 30 und 40 Prozent seines Körpergewichts. Erst nach seiner Rückkehr erfuhr er, dass seine Partnerin Noa Argamani, mit der er zusammen entführt und die im Juni 2024 durch eine israelische Militäroperation befreit worden war, noch lebte und bereits seit 16 Monaten in Freiheit war."
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Europa

In der Türkei kursiert ein - allerdings noch nicht offizieller - Gesetzentwurf, der eine drastische Schlechterstellung Homosexueller und von Transpersonen zu bezwecken scheint, berichtet Friederike Böge in der FAZ: "Bis zu vier Jahre Haft soll es für homosexuelle Paare geben, die eine informelle Verlobungs- oder Hochzeitsfeier abhalten. Zudem soll das Mindestalter für geschlechtsangleichende Operationen auf 25 Jahre angehoben und vier psychologische Gutachten als Voraussetzung verlangt werden."

Bülent Mumay schildert ebenfalls in der FAZ, wie Erdogan zusehends die Justiz als Mittel gegen seine Gegner einsetzt. Die Festnahme des Istanbuler Bürgermeisters ist bekannt - nun setzt Erdogan auch den Bürgermeister von Ankara unter Druck, so Mumay. Ein weiterer Lieblingsgegner sind Künstler und Journalisten. Ein Beispiel: "Der Moderator einer populären Comedyshow auf Youtube wurde verhaftet, weil er sich einen Scherz mit einem Zitat des Propheten Mohammed erlaubt hatte. Wobei der Scherz weder beleidigend noch erniedrigend war. Die Verhaftung einer Person wegen eines Scherzes ist noch nicht alles. Sie werden kaum glauben können, was weiter geschah: Ebenfalls verhaftet wurde der Gast der Show, der über den Scherz lediglich lachte, ohne ein Wort dazu zu sagen. Beiden drohen Haftstrafen von viereinhalb Jahren."
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Stichwörter: Türkei

Digitalisierung

Im Interview mit der SZ erzählt Taiwans pfiffige Ex-Digitalministerin Audrey Tang, die gerade mit dem "Alternativen Nobelpreis" ausgezeichnet wurde, wie man digitale Technologien auch benutzen kann, um die Demokratie zu stärken. "2014 sagten bei uns nur neun Prozent, dass sie den staatlichen Institutionen vertrauen, 2020 waren es dann über 70 Prozent. Um das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen, muss umgekehrt erst mal die Regierung den Menschen radikal vertrauen, so einfach ist das. Und mit Vertrauen in die Menschen meinen wir konkret, dass wir die Menschen selbst die nationale Agenda festlegen lassen. Also haben wir eine digitale Bürgerbeteiligungsplattform ins Leben gerufen, damit junge Menschen beispielsweise sagen können: 'Lasst uns eine Stunde später zur Schule gehen, denn wenn wir ausgeschlafen sind, schreiben wir bessere Noten.' Wichtig sei aber auch, Empörungswellen mit Hirn und Humor frühzeitig das Wasser abzugraben: "Der Schlüssel liegt darin, divergierende Gruppen nicht weiter gegeneinander aufzubringen, sondern im Gegenteil einen gemeinsamen Nenner zu finden. Sie können Aussagen eines Mitbürgers zustimmen oder widersprechen. Danach sehen Sie eine Visualisierung, in der sich Ihr Avatar auf eine Gruppe von Menschen zubewegt, die ähnlich abgestimmt hat wie Sie. Entscheidend ist, dass wir einen 'Brückenbonus' anbieten: Menschen, die Ideen entwickeln, die beide Seiten ansprechen, werden belohnt. Wir haben den Anreiz für virale Verbreitung also von Empörung zu Konsens umgelenkt."
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Gesellschaft

In der Zeit ist Florian Eichel total genervt von dem Rumgeeiere um die Wehrpflicht. "Man fragt sich: Warum sollte eigentlich ein junger Mensch sein Leben für so einen Staat riskieren wollen, der so zaudernd darum bittet und offenbar selbst nicht so wirklich weiß, was er genau fordern soll?" Auch ein demokratischer Staat darf seinen Bürgern was zumuten, denkt Eichel, solange er die Argumente dafür findet: "Nur scheint die schwarz-rote Koalition unter Friedrich Merz in der Wehrpflichtdebatte seine Bürger nicht überzeugen, sondern tatsächlich noch beliefern zu wollen. Beinahe wirkt es so, als hätte man den hoffärtigen Kellner eines Restaurants am Bestelltelefon, der selbst unsicher ist, was denn gerade so im Angebot ist. Schwedisches Modell? Freiwilligkeit? Fragebogen? Freiwilliger Fragebogen für Frauen? Ach so, doch Pflicht. Oder doch dänisches Modell! Also Losverfahren mit Freiwilligkeit? Lieber doch nicht? Äh, sorry, Dänisch ist heute leider aus."

Die FAZ hat eine Umfrage zum Verhältnis der Deutschen zu Freiheit in Auftrag gegeben, deren teils deprimierende Resultate Thomas Petersen vorstellt: "Der Staat, der stark in das Leben der Menschen eingreift, wird als deutlich weniger freiheitlich, aber ebenso deutlich als menschlicher und gerechter wahrgenommen. Eine relative Mehrheit von 42 zu 25 Prozent glaubt, dass in dem interventionistischen Staat der Wohlstand am größten sei, fast zwei Drittel, 68 Prozent, geben an, lieber in diesem Staat leben zu wollen."
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Ideen

Marko Martin schreibt für die Jüdische Allgemeine einen ausführlichen Nachruf auf Richard Herzinger. Unter anderen geht er auf seine Kritik an der Habermasschen Geschichtspolitik ein: "Hatten Jürgen Habermas und seine Unterstützer damals im Historikerstreit von 1986 Ernst Noltes geschichtsfälschender Auslagerung des Holocaust als 'asiatischer Tat' wirklich nur in Anerkenntnis der Singularität von Auschwitz widersprochen - oder vielleicht, wie bewusst oder unbewusst auch immer, nicht auch im Unwillen, sich mit den stalinistischen Verbrechen auseinanderzusetzen? Während heute im 'postkolonialen Diskurs' quasi ein Nolte-Revival von links veranstaltet wird, um die Menschenheitsverbrechen der Nazis irgendeiner vagen 'westlichen Struktur' in Rechnung zu stellen."
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Stichwörter: Herzinger, Richard

Kulturpolitik

In der FR freut sich Michael Hesse, dass ein großer Teil der durch den Brand 2004 beschädigten Bücher der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar restauriert werden konnte. "In der Brandnacht begann ein logistisches und konservatorisches Wunder. Über 40 Tonnen Bergungsgut wurden erstversorgt, verpackt, nach Leipzig gebracht, gereinigt und bei −20 Grad eingefroren, um sie gefriertrocknen zu können, erinnert sich Reinhard Laube, Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, im Gespräch mit der FR. Die Rettung war bürgerschaftliche Tat ebenso wie staatliche Aufgabe: Spenden, Hilfskommandos, öffentliche Mittel - ein beispielloser Wiederaufbau. Aus der Katastrophe erwuchs eine systematische Arbeit. Die Aschebücher sind keine wiederhergestellten Schönheiten. Sie tragen ihre Narben offen - Brandflecken, zerplatzte Buchrücken, geschwärzte Seiten. Sie sind Mahnmale einer Verletzung, die sichtbar bleiben soll."
Archiv: Kulturpolitik
Stichwörter: Anna Amalia Bibliothek

Medien

Es ist schon irgendwie ein historischer Tag. Die taz bringt heute ihre letzte Printausgabe heraus - "Halt dich an deiner Zeitung fest", unter Abwandlung eines Songtitels von Rio Reiser. Im Epaper wird die Zeitung nur als Foto abgedruckt .

Die taz bringt also ihre letzte Printausgabe heraus - die samstägliche Wochentaz wird allerdings weiter auch auf Papier erscheinen. Natürlich wird auch etwas fehlen, geben die Chefredakteurinnen in ihrem Editorial zu: "Das tägliche Anfassen einer Zeitung. Das tägliche Rascheln einer Zeitung (auch wenn wir dies im ePaper elektronisch reproduzieren, achten Sie einmal darauf!). Die tägliche Zeitung am Esstisch, die nicht erst über ein technisches Gerät bedient werden muss. Wir können und wollen nicht verhehlen, dass etwas fehlen wird. Und doch steht diese Ausgabe im Zeichen von Aufbruch und Solidarität." Den Verlust bewältigen die tazler mit Kurzgeschichten einiger Schriftsteller. Gestaltet wurde die Ausgabe vom Konzeptkünstler Künstler Christian Jankowski.

Die italienische Autorin Francesca Melandri legt einen Essay über "Freude" vor: "Es gibt gute Gründe dafür, dass sich progressives Denken auf Kritik konzentriert, auf das, was wir nicht wollen. Das hat jedoch zu einem Verlust der Fähigkeit geführt, Visionen zu entwickeln und uns vorzustellen, was wir WIRKLICH wollen. Und ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, dass dies auch ein Zeichen für die historische und geografische Ausnahme ist, in die wir das Glück hatten hineingeboren zu werden: unsere friedlichen, wohlhabenden westlichen Gesellschaften. Nichts trübt die Fähigkeit, sich freudigere Welten vorzustellen und dabei glaubwürdig zu sein, mehr als relativer Wohlstand.

Und es schreiben T.C. Boyle (hier), Feridun Zaimoglu (hier), Nefeli Kavouras (hier), Olga Grjasnowa (ein Essay über das deutsche Schulsystem, hier), Sibylle Berg (die eine radikale taz sehen will, hier), Dave Eggers (ein Essay über die Notwendigkeit unabhängiger Medien, hier).

Ist es Zufall, dass im einzigen "normalen" Meinungsartikel Subventionen für "zvilgesellschaftliche Organisationen" gefordert werden? Staatliche Förderung werde in Frage gestellt, manche mit staatlichen Geldern finanzierte Organisation wurde durch den Verfassungsschutz überprüft, kritisiert Pascal Beucker. "Ob Schwarz-Rot oder Rot-Grün-Gelb: Das Vorgehen der derzeitigen wie auch der vorherigen Regierungskoalitionen ist empörend", findet er.

Wirtschaftlich geht es der taz besser denn je, stellt Götz Hamann in der Zeit fest. Selbst die gedruckte taz macht noch Gewinne, "aber die gehen seit Jahren zurück und würden internen Prognosen zufolge spätestens in zwei Jahren zu dauerhaften Verlusten werden". Dafür steigen die Digitalabos. Trotzdem ist der Ausstieg aus dem Print nicht ohne: "Denn auch wenn es zuletzt nur rund 14.000 gewesen sind, für den Verlag stehen sie bis zu dieser Woche für etwa ein Viertel des gesamten Umsatzes. Wenn nicht weit mehr als die Hälfte mitmachen, könnte die 'Seitenwende' deshalb einen massiven Umsatzrückgang mit sich bringen - und Verluste. So erklärt sich, dass Redaktion und Verlag jeden und jede Print-Abonnentin angeschrieben, angerufen, ihnen Schulungen angeboten und ein extrem verbilligtes Tablet fast schon aufgedrängt haben (39 Euro statt 200 Euro Ladenpreis). Eine Abordnung der Redaktion ist sogar durchs Land gereist, um Zweifler persönlich umzustimmen. Wer sich mindestens für zwei Jahre verpflichtet, bekommt zum Dank eine von den Chefs unterschriebene Urkunde. Und - hat es sich gelohnt? Am Dienstag verkündeten die Geschäftsführer: knapp 60 Prozent der Abonnenten der gedruckten Ausgabe bleiben digital dabei. Die taz vermeidet damit ein 'Horrorszenario', das eingetreten wäre, wenn nur 40 Prozent umsteigen würden, sie erreicht aber nicht jene 70 Prozent, die aus Sicht der Geschäftsführer nötig wären, um finanziell ohne Blessuren durchzukommen."

In der FR ermuntert Arno Widmann, Mitbegründer der taz, die älteren taz-Abonnenten zum Umstieg: "Ich höre von Altersgenossen, die tief beunruhigt sind, wie sie ihren Tag in Zukunft beginnen sollen - ohne Frühstückstaz. Die Vorstellung 'Du musst Dein Leben ändern' und sei es nur die Umstellung von Papier auf E-Reader erschreckt sie. Ich dagegen, geboren 1946, gehöre zu denen, die den E-Reader lieben, weil sich die Schrift vergrößern lässt." Auch Fernsehen guckt er fast nur noch in der Mediathek, die gerade für Ältere mit Schlafschwierigkeiten ungeheuer praktisch sei: "Wir sind geradezu darauf angewiesen, zum Beispiel 'Wer weiß denn sowas?' uns auch um 3 Uhr in der Nacht anschauen zu können. Wir Alten mögen uns noch sehr gegen eine Veränderung unserer Tagesabläufe wehren, am Ende aber müssen wir unseren Körpern nachgeben. Das Digitale, das uns als das Reich der 'Jüngeren' vorgeführt wird, ist in Wahrheit unser Reich. Je früher wir das verstehen, desto größer wird wieder unsere Welt. Hier müssen wir nicht gehen, keine Treppen steigen. Hier wird gescrollt."
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Stichwörter: TAZ