9punkt - Die Debattenrundschau
In diesem Paradox wird man meschugge
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.10.2025. taz und Zeit mäkeln über den Friedensnobelpreis für María Corina Machado, denn die Dame ist bürgerlich, ja, liberal. In gewisser Hinsicht hätte der skrupellose Trump den Preis verdient gehabt, findet Michael Wolffsohn in der FAZ. Die Welschen sind gekränkt, das Frühfranzösisch verkümmert, fürchtet die NZZ. "Frankreich ist ein ängstliches Land geworden", sagt Daniel Cohn-Bendit in der Zeit. Die taz bringt eine Hommage Gerd Koenens auf Karl Schlögel.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
11.10.2025
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Politik
So richtig was anfangen kann tazler Bernd Pickert mit der designierten Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado, die er als "Venezuelas rechte Oppositionsführerin" vorstellt, wohl nicht: Sie beziehe "Legitimität weniger aus ihren eigenen politischen Positionen als vielmehr aus der brutalen Unterdrückung der Opposition in Venezuela. Die 58-Jährige gehört zur alten venezolanischen Wirtschaftselite, vertritt durchweg neoliberale Positionen, benennt Margaret Thatcher als ihr Vorbild und gehörte 2013 bis 2015 zu jenen venezolanischen Oppositionsführer, die das verhasste Regime von Nicolás Maduro durchaus auch mit Gewalt aus dem Amt befördern wollten."
Eine "heikle Entscheidung" sei dieses Votum für die "älteste Tochter einer Industriellenfamilie, ein Kind der großbürgerlichen Elite", findet auch Thomas Fischermann von der bürgerlichen, liberalen Zeit: "Um das Maduro-Regime in ihrem Heimatland zu stürzen, kooperierte Machado eng mit den USA. Dabei rief sie auch ausdrücklich zu Sanktionen und anderen Formen von Druck auf. Zu Aktionen also, die nicht nur das Regime selbst, sondern auch viele Menschen in ihrem Heimatland hart treffen würden."
Zur Frage, ob Donald Trump nach seinem Erfolg in Nahost den Friedensnobelpreis verdient hätte, sagt Michael Wolffsohn im Gespräch mit Michael Hanfeld von der FAZ: "Trump hat jetzt einen Waffenstillstand ermöglicht, aber es ist noch kein Frieden. Insofern halte ich eine mögliche Verschiebung für sinnvoll. Dass Trump den Friedensnobelpreis vom Ansatz her verdient, ist zweifellos richtig. Der unethische, skrupellose Trump hat im Nahen Osten eine völlig neue regionale Wirklichkeit geschaffen. Vor ihm schöne Worte, nichts dahinter. Weltmeister dabei Deutschland und Europa. Alle arabischen und nahezu alle islamischen Staaten - minus Iran und Satelliten - kooperieren nun mit und erkennen Israel de facto an. Das hat nur Trump geschafft."
Es ist gut, dass das Komitee nicht Trump auszeichnete, meint Reymer Klüver in der SZ. Er erinnert daran, dass Trump nicht der erste Schurke wäre, der den Preis erhielt. Der Preis für Machado aber reiht sich für ihn in eine bessere Tradition ein: "Das Komitee hat stets auch politisch gedacht. Der deutsche Journalist Carl von Ossietzky erhielt die Auszeichnung 1936, weil er sich gegen den Faschismus stellte. Lech Walesa bekam sie 1983, weil er wider die kommunistische Unterdrückung aufstand. Aung San Suu Kyi (1991) wurde für ihren gewaltfreien Kampf gegen die Junta in Myanmar gewürdigt. In diese Riege reiht sich Machado ein."
Eine "heikle Entscheidung" sei dieses Votum für die "älteste Tochter einer Industriellenfamilie, ein Kind der großbürgerlichen Elite", findet auch Thomas Fischermann von der bürgerlichen, liberalen Zeit: "Um das Maduro-Regime in ihrem Heimatland zu stürzen, kooperierte Machado eng mit den USA. Dabei rief sie auch ausdrücklich zu Sanktionen und anderen Formen von Druck auf. Zu Aktionen also, die nicht nur das Regime selbst, sondern auch viele Menschen in ihrem Heimatland hart treffen würden."
Zur Frage, ob Donald Trump nach seinem Erfolg in Nahost den Friedensnobelpreis verdient hätte, sagt Michael Wolffsohn im Gespräch mit Michael Hanfeld von der FAZ: "Trump hat jetzt einen Waffenstillstand ermöglicht, aber es ist noch kein Frieden. Insofern halte ich eine mögliche Verschiebung für sinnvoll. Dass Trump den Friedensnobelpreis vom Ansatz her verdient, ist zweifellos richtig. Der unethische, skrupellose Trump hat im Nahen Osten eine völlig neue regionale Wirklichkeit geschaffen. Vor ihm schöne Worte, nichts dahinter. Weltmeister dabei Deutschland und Europa. Alle arabischen und nahezu alle islamischen Staaten - minus Iran und Satelliten - kooperieren nun mit und erkennen Israel de facto an. Das hat nur Trump geschafft."
Es ist gut, dass das Komitee nicht Trump auszeichnete, meint Reymer Klüver in der SZ. Er erinnert daran, dass Trump nicht der erste Schurke wäre, der den Preis erhielt. Der Preis für Machado aber reiht sich für ihn in eine bessere Tradition ein: "Das Komitee hat stets auch politisch gedacht. Der deutsche Journalist Carl von Ossietzky erhielt die Auszeichnung 1936, weil er sich gegen den Faschismus stellte. Lech Walesa bekam sie 1983, weil er wider die kommunistische Unterdrückung aufstand. Aung San Suu Kyi (1991) wurde für ihren gewaltfreien Kampf gegen die Junta in Myanmar gewürdigt. In diese Riege reiht sich Machado ein."
Digitalisierung
Der Messenger Signal funktioniert ähnlich wie Facebook, wird aber von Spenden finanziert, nicht durch Ausbeutung privater Daten und Werbung. In der taz unterhält sich Svenja Bergt mit Signal-Chefin Meredith Whittaker, die die Privatheit von zwei Seiten unter Druck sieht: von den Staaten, die die Verschlüsselungen weghaben wollen, und von den KI-Plattformen, die sich noch ins Privateste hineindrängen, weil ihre Qualität "mit der Menge der Daten, die sie auswerten können, steht und fällt". Sie warnt, dass wir in einer Welt der "chilling effects" landen könnten - in der die überwachten Individuen sich bestimmte Regungen oder Äußerungen gar nicht mehr gestatten: "Wir würden die Grenzen des Vorstellbaren und des Diskutierbaren nach und nach immer weiter verengen. Das ist eine schreckliche Vorstellung. Vor allem, weil wir in einer Welt leben, in der sich gerade so viel verändern müsste, denken wir etwa an den Klimawandel. Und in der es so wichtig ist, sich unterschiedliche Möglichkeiten vorzustellen, wie die Zukunft sein könnte oder sich ein Problem lösen ließe - ohne immer gleich in alten Strukturen oder Sachzwängen gefangen zu sein."
Geschichte
Die taz bringt eine große Hommage Gerd Koenens, selbst Autor eines großen Buchs über Deutschland und die Russen, auf seinen Kollegen Karl Schlögel, der am nächsten Sonntag den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält. Ausgezeichnet wird er für ein monumentales Lebenswerk, so Koenen. Schlögel hat uns zunächst durch zahlreiche Erkundungen die Sowjetunion und Russland nähergebracht und nach dem Mauerfall die Potenziale, die das Land wegen Putin wieder verschüttete, benannt. Ausgezeichnet wird er für Koenen aber auch wegen der "Bereitschaft des Osteuropa- und Russlandhistorikers zur schmerzlichen Selbstrevision, die er nach der Annexion von Krim und Beginn des Kriegs im Donbass 2014 bekundete". Auch die Ukraine habe Schlögel wieder auf die Landkarte gesetzt, indem er daran erinnerte, "wie sehr die Wahrnehmung der Ukraine als gestalt- und herrenloser 'Lebensraum', als Rohstoff- und Arbeitskraftreservoir den düstersten Erbschaften großdeutsch-imperialer Weltmachtansprüche entsprang. Durch die brennende Ukraine, vorbei an den Massengräbern ihrer jüdischen Bewohner und den verrottenden Leichen getöteter Rotarmisten und Zivilisten, sind viele unserer (Ur-)Großväter, Onkel und Väter im Zuge des 'Russlandfeldzugs' der Wehrmacht nach Stalingrad und weiter in den Kaukasus marschiert - Schlögels Vater ebenso wie Verwandte von mir. Von vielen derer, die heute um eines angeblichen 'Weltfriedens' oder 'deutscher Interessen' willen Kyjiw lieber den großrussischen Ansprüchen Putins als 'Reichsprotektorat' überlassen würden."
Wer auf die historischen Vorbilder der AfD blickt, lernt aus der Weimarer Zeit einiges für die Gegenwart - und erhält zugleich einen besseren Blick auf die Geschichte. Damals gab es in der extremen Rechten nicht nur die Nazis, die sich mit ihrer Brutalität durchsetzten, sondern mehrere Strömungen, etwa die erzreaktionäre und ebenfalls antisemitische "Konservative Revolution". Benno Stieber sieht hier im Spiegel mehr Parallelen mit der AfD als bei den Nazis: "Wenn heute die AfD-Bundesvorsitzende Alice Weidel im öffentlichen Gespräch mit Elon Musk sagt, Adolf Hitler sei eigentlich ein Linker gewesen, scheint das ein oberflächliches Ablenkungsmanöver zu sein. Aber es entspricht ungefähr der Haltung des damaligen rechts-nationalistischen Bürgertums zu den Nazis. Mit der NSDAP teilte man zwar die antidemokratische, autoritäre Ausrichtung, aber ansonsten war die Hitlerpartei den Erzkonservativen zu proletarisch, zu revolutionär, zu laut und, was das Sozialprogramm anging, auch zu links. 'Hitler war jung, wild und dynamisch', sagt Historiker Ulrich Herbert. Innerhalb des rechten Spektrums seien die Nazis 'die Abteilung Volksbewegung' gewesen." Auch die heute vergessene Deutschnationale Volkspartei, kurz DNVP, gehört für Stieber zum Fundus, aus dem sich die AfD bedient.
Wer auf die historischen Vorbilder der AfD blickt, lernt aus der Weimarer Zeit einiges für die Gegenwart - und erhält zugleich einen besseren Blick auf die Geschichte. Damals gab es in der extremen Rechten nicht nur die Nazis, die sich mit ihrer Brutalität durchsetzten, sondern mehrere Strömungen, etwa die erzreaktionäre und ebenfalls antisemitische "Konservative Revolution". Benno Stieber sieht hier im Spiegel mehr Parallelen mit der AfD als bei den Nazis: "Wenn heute die AfD-Bundesvorsitzende Alice Weidel im öffentlichen Gespräch mit Elon Musk sagt, Adolf Hitler sei eigentlich ein Linker gewesen, scheint das ein oberflächliches Ablenkungsmanöver zu sein. Aber es entspricht ungefähr der Haltung des damaligen rechts-nationalistischen Bürgertums zu den Nazis. Mit der NSDAP teilte man zwar die antidemokratische, autoritäre Ausrichtung, aber ansonsten war die Hitlerpartei den Erzkonservativen zu proletarisch, zu revolutionär, zu laut und, was das Sozialprogramm anging, auch zu links. 'Hitler war jung, wild und dynamisch', sagt Historiker Ulrich Herbert. Innerhalb des rechten Spektrums seien die Nazis 'die Abteilung Volksbewegung' gewesen." Auch die heute vergessene Deutschnationale Volkspartei, kurz DNVP, gehört für Stieber zum Fundus, aus dem sich die AfD bedient.
Europa
"Frankreich ist ein ängstliches Land geworden", sagt Daniel Cohn-Bendit im Interview mit Elisabeth von Thadden von der Zeit. Diese Ängstlichkeit wird mit immer neuen Schulden sediert, aber die Krisen spitzen sich dennoch zu. Die jüngsten Peripetien schildert Cohn-Bendit als weitere Etappe in einem Konflikt Frankreichs mit sich selbst. Denn "das Volk gibt es nicht. Es gibt verschiedene starke Strömungen, aber keine einheitliche Identität Frankreichs. Es gibt einerseits eine starke Renationalisierung des Denkens in der Illusion, früher sei alles besser gewesen. Auf der Linken wiederum gibt es die Illusion, sie würde das französische Volk repräsentieren, wenn sie mit einer Million Menschen zum Protest auf die Straße geht. Geeint sind alle Strömungen, einschließlich der Arbeitgeber, in ihrer Staatsgläubigkeit. Alle wollen eine Lösung von oben. Aber das ist das nächste Paradox: Gleichzeitig traut die Gesellschaft denen da oben nicht. In diesem Paradox wird man meschugge."
Alarm in der Schweiz, "die Welschen sind gekränkt", das Land fällt auseinander, berichtet Jean-Martin Büttner in der NZZ. Immer weniger Deutschschweizer lernen schon in der Grundschule Französisch, so dass sie am Ende - das wäre das Ideal - zweisprachig wären. "Offensichtlich ist, dass das Frühfranzösisch in der Deutschschweiz unter wachsenden Druck gerät. Diesen Sommer hat die Stadt Bern aus finanziellen und organisatorischen Gründen eine zweisprachige Schule gegen großen öffentlichen Widerstand geschlossen. Vor kurzem hat das Parlament des Kantons Zürich entschieden, den Unterricht im Frühfranzösisch einzustellen, und seine Regierung beauftragt, in zwei Jahren eine entsprechende Vorlage zu bearbeiten. Aus St. Gallen und Appenzell kommen ähnliche Signale, und auch in anderen Kantonen der deutschen Schweiz wächst der Unmut über das Frühfranzösisch. Zu großer Aufwand mit zu geringer Wirkung, argumentieren die Kantone."
Alarm in der Schweiz, "die Welschen sind gekränkt", das Land fällt auseinander, berichtet Jean-Martin Büttner in der NZZ. Immer weniger Deutschschweizer lernen schon in der Grundschule Französisch, so dass sie am Ende - das wäre das Ideal - zweisprachig wären. "Offensichtlich ist, dass das Frühfranzösisch in der Deutschschweiz unter wachsenden Druck gerät. Diesen Sommer hat die Stadt Bern aus finanziellen und organisatorischen Gründen eine zweisprachige Schule gegen großen öffentlichen Widerstand geschlossen. Vor kurzem hat das Parlament des Kantons Zürich entschieden, den Unterricht im Frühfranzösisch einzustellen, und seine Regierung beauftragt, in zwei Jahren eine entsprechende Vorlage zu bearbeiten. Aus St. Gallen und Appenzell kommen ähnliche Signale, und auch in anderen Kantonen der deutschen Schweiz wächst der Unmut über das Frühfranzösisch. Zu großer Aufwand mit zu geringer Wirkung, argumentieren die Kantone."
Ideen
Ist "Peak Woke" überschritten? Andreas Rödder, konservativer Historiker, Foucault-Leser und CDU-Intellektueller, ist im Gespräch mit Ellen Daniel und Michael Miersch in Mierschs Blog zuversichtlich. Die Vorherrschaft der Grünen im öffentlichen Diskurs sei vorüber. "Die grüne Deutungshegemonie hat sich vor allem auf drei Themenfeldern etabliert: Energie und Klima, zweitens Migration und Integration, und schließlich Sexualität, Geschlecht, Diversität. Auf allen diesen Feldern erleben wir einen massiven Umschwung des öffentlich Sagbaren. Es ist mittlerweile möglich zu sagen, dass die Klimaschutzziele schädlich für das Land sind. Es ist sogar möglich, über den Wiedereinstieg in die Kernenergie zu reden. Im Bereich der Migrationspolitik hat der 7. Oktober 2023 das Thema 'importierter Antisemitismus' auf die Tagesordnung gebracht. Dass die Folgen der Migrationspolitik seit 2015 massiv schädlich sind, ist ebenfalls in den Bereich des Sagbaren gerückt. Auch in der Geschlechterpolitik ist die Zeit vorbei, als die Feststellung, es gebe bei den Menschen zwei biologische Geschlechter, als Akt sprachlicher Gewalt diffamiert wurde." Immerhin gibt Rödder aber auch zu: "Die Gegenbewegungen, die wir jetzt erleben, sind in Teilen ziemlich unappetitlich. Die Fake News der Rechten sind die hässliche Schwester des postmodernen Dekonstruktivismus."
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