Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.09.2025. Donald Trump und Benjamin Netanjahu haben einen Friedensplan für den Gaza-Krieg vorgestellt - wir verlinken auf ihn und bringen allererste Reaktionen. Aus Moldawien kommen endlich mal gute Nachrichten, freut sich die FAZ nach dem proeuropäischen Ausgang der Wahlen. In der SZ erklärt Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer , wie Rechtsextreme mit den Frustrationen junger Männer spielen. Und Holger Friedrich möchte zunächst mal die Zeitungen der DDR wiederbeleben, berichtet die Welt.
In den Zeitungen gibt es noch kaum Kommentare zu Donald Trumps Friedensplan für den Gaza-Krieg. Er kann durchaus Hoffnung machen, findet Ludwig Greven bei den Ruhrbaronen: "Donald Trump ist immer für eine Überraschung gut. Manchmal sogar eine positive. Nach einem Treffen mit Israels Premier Netanjahu breitete er in Washington seinen 21-Punkte-Plan für einen Frieden in Gaza aus, der im Gegensatz zu seiner zynischen 'Riviera'-Idee realistisch ist und eine Zukunftsaussicht für die Menschen dort beinhaltet - ohne Hamas. Die wird höchstwahrscheinlich anders als Israel nicht zustimmen. Aber das Gute an dem Plan: Er geht auch ohne sie, auch wenn die Kämpfe dann noch eine Weile weitergehen dürften."
Den 21-Punkte-Plan kann man hier in der New York Times nachlesen. Einer der zentralen Punkt über die künftige Verwaltung des Gazastreifens liest sich so: "Die Vereinigten Staaten werden gemeinsam mit arabischen und internationalen Partnern eine vorübergehende internationale Stabilisierungstruppe (I.S.F.) aufbauen, die unverzüglich in Gaza stationiert werden soll. Die I.S.F. wird geprüfte palästinensische Polizeikräfte in Gaza ausbilden und unterstützen und sich mit Jordanien und Ägypten beraten, die über umfangreiche Erfahrungen in diesem Bereich verfügen. Diese Truppe wird die langfristige Lösung für die innere Sicherheit darstellen. Die I.S.F. wird mit Israel und Ägypten zusammenarbeiten, um gemeinsam mit den neu ausgebildeten palästinensischen Polizeikräften zur Sicherung der Grenzgebiete beizutragen. Es ist von entscheidender Bedeutung, den Einfuhr von Munition nach Gaza zu verhindern und den schnellen und sicheren Warenfluss für den Wiederaufbau und die Wiederbelebung Gazas zu erleichtern." Ein anderer zentraler Satz: "Israel wird den Gazastreifen weder besetzen noch annektieren." Für die angeblich zwanzig überlebenden Geiseln und sterblichen Überreste von etwa dreißig weiteren Geiseln, die von der Hamas ermordet wurden, soll Israel 250 zu lebenslangen Strafen verurteilte Palästinenser sowie 1.700 weitere Häftlinge freigeben.
Luke Broadwater and Shawn McCreesh schreiben in einer ersten Analyse für die New York Times: "Der gemeinsame Auftritt von Trump und Netanjahu im Weißen Haus war ein deutliches Zeichen der Einigkeit, nachdem Trump zuvor Anzeichen von Frustration gegenüber dem israelischen Premierminister gezeigt hatte und ein Großteil der Welt entsetzt über Israels Krieg gegen die Hamas im Gazastreifen war, bei dem Zehntausende Palästinenser ums Leben gekommen sind. Es war jedoch keineswegs sicher, dass die Hamas ihren Forderungen zustimmen würde."
In der FRerinnert Michael Hesse an den amerikanischen Senator Joseph McCarthy, der der Zeit von 1950-1954 seine Stempel aufdrücken konnte, in dem er Hexenjagden auf angebliche oder tatsächliche Sympathisanten der Sowjetunion veranstaltete, zum Beispiel den Physiker Robert J. Oppenheimer. Seine Methoden wirken erstaunlich aktuell, wie Hesse findet. "Seine Methode beruhte auf der systematischen Verbreitung grober, oft frei erfundener Lügen, die durch ständige Wiederholung glaubwürdig erscheinen sollten. Dieses Prinzip, Schuld mit bloßem Verdacht gleichzusetzen, prägte die ganze Ära. Menschen denunzierten Nachbarn, Kollegen, selbst Freunde, um sich selbst zu entlasten oder um nicht ins Visier zu geraten. Die Filmindustrie führte schwarze Listen, anonyme Hinweise genügten, um Karrieren zu zerstören. Das Denunziantentum war kein Nebeneffekt, sondern ein zentrales Werkzeug der Zeit: ein Kreislauf aus Angst, Anpassung und Selbstschutz."
Immerhin, aus Moldawien kommen mal gute Nachrichten freut sich Michael Martens im Leitartikel der FAZ nach dem proeuropäischen Ausgang der Wahlen in dem kleinen Land (unsere Resümees). Einiges hat die EU hier ausnahmsweise mal richtig gemacht, notiert er, vor allem durch das Assoziierungsabkommen von 2016. Das Land ist jetzt Europa zugewandt: "Der Anteil Russlands am Außenhandel Moldaus machte zuletzt nur noch 2,5 Prozent aus." Aber Martens warnt auch: "So schnell wird Moskau nicht aufgeben. Russland hat schon früher bewiesen, dass es die Republik Moldau auch ohne Panzer und Stiefel unters Joch zwingen kann. Durch die Kaperung des Justizsystems in Kooperation mit lokalen Kriminellen ist es Moskau in den vergangenen Dekaden oft gelungen, den Weg des Landes zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit abzubremsen."
Unter Boris Jelzin gab es noch eine Möglichkeit für Russland, sich Richtung Europa zu entwickeln - diese Chance wurde aber von Putin zunichte gemacht, meint der Schweizer Unternehmer Walter Denz, der seit 1992 Geschäfte in Russland macht, im NZZ-Interview mit Rico Bandle. "Versagt haben nicht die Menschen, sondern die demokratischen Parteien, die in den 1990er Jahren einen ernstzunehmenden Machtfaktor darstellten. Anstatt sich abzusprechen und Kompromisse zu finden, haben sie sich bekämpft und gegenseitig sabotiert. Anfang der nuller Jahre gab es ein Zeitfenster, in dem aus meiner Sicht eine Entwicklung zum Guten möglich gewesen wäre. (...) Vor den Wahlen von 2003 gab es Bemühungen, dass sich die demokratischen Parteien zusammentun, um zumindest eine Sperrminorität zu erreichen. Das wäre möglich gewesen. Aber sie konnten sich nicht einigen." Selber keine Geschäfte in Russland mehr machen, will Denz dann aber auch nicht.
Die "dekoloniale Bewegung" in Berlin hat einiges erreicht, freut sich Ulrike Wagener in der taz. Straßen wurden umbenannt, Erinnerungsstelen aufgestellt, wenn auch nur provisorisch, ein Lernort soll entstehen. Aber damit möchte die Bewegung nicht halt machen. "Kimiko Suda betont: 'Die Umbennungsbewegung hatte einen sehr großen Erfolg: Nämlich den, dass sich Initiativen afro- und asiatisch-diasporischer Communites nachhaltig vernetzt und längerfristig zusammen gearbeitet haben. Auf diese Grundlage lässt sich zukünftig noch viel aufbauen.' Die Sinologin hat eine konkrete Vision. 'Ich möchte, dass auch die kolonial belasteten Straßen, die nach Orten benannt sind, umbenannt werden.' Zwar gebe es einen Unterschied zwischen der Samoastraße und dem Pekingplatz und einer Straße, die nach einem Kolonialverbrecher wie zum Beispiel Carl Peters benannt wurde. 'Aber ein Perspektivwechsel würde sich auch hier lohnen', sagt Kimiko Suda. Für den Pekingplatz etwa schlägt sie die Anführerin einer Einheit der sogenannten antikolonialen 'Leuchtende Laternen', Lin Hei'er vor. Für die Samoastraße Lauaki Namulau'ulu Mamoe, einen Anführer der antikolonialen Mao o Pule Bewegung."
Die ehemaligen Volksparteien SPD und CDU verlieren ihre sozialen Bindungen und verwachsen dafür immer mehr mit dem Staat. Schon seit den neunziger Jahren zeichne sich ab, "dass die Volksparteien den Charakter von staatsnahen Kartellparteien annehmen würden", notiert Oliver Weber im Feuilletonaufmacher der FAZ. Weber analysiert das, als sei das eine ganz normale gesellschaftliche Entwicklung: "Parteien kompensieren so den Verlust ihrer gesellschaftlichen Anbindung: Sie schaffen Posten für ausgebildete Parteisoldaten und rekrutieren ihre Funktionselite selbst vermehrt aus dem Stab der politisch ambitionierten Beamtenschaft. Die Parteien, so könnte man ganz unpolemisch Forschungen zur Kartellierung des Parteiwesens zusammenfassen, werden Staatsparteien - nicht aus Korruptionsgründen oder innerer Degeneration, sondern aufgrund eines allgemeinen sozialen Wandels, der zu einer inzwischen kaum noch überbrückbaren Entfremdung von Parteien und Gesellschaft geführt hat."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Rechten bespielen eine eigene Art der Identität, die darauf abzielt, für die Zukunftsängste junger Männer allein die Emanzipation von Frauen verantwortlich zu machen, konstatiert die PolitikwissenschaftlerinBirgit Sauer im SZ-Interview mit Peter Laudenbach. "In dieser Art maskulinistischer Identitätspolitik und ihren Bildern von männlicher Stärke und Autonomie wird immer die Konstruktion des Anderen benötigt. Dieses Andere muss ausgegrenzt und abgewertet werden. Deshalb muss man maskulinistische Identitätspolitik als eine Abwehrbewegung verstehen, als imaginären Schutz vor einer gefühlten Bedrohung. Das wird unterstützt in den Narrativen und den Diskursen der AfD. Es gibt offenbar viele verunsicherte Männer, für die das anziehend ist. Die AfD arbeitet mit Geschlechterpanik," also die Angst vor Männern ihre Vormachtstellung und Privilegien zu verlieren, "um diese Verunsicherung zu bestärken."
Schlechte Nachrichten für alle, die noch per Modem ins Internet gehen (deutsche Behörden, Stellwerke der Deutschen Bahn?)
AOL stellt seinen Internetdienst per Datenfernübertragung (DFÜ) am 30. September 2025 nach 34 Jahren ein. Hier noch einmal der berühmte Handshake-Sound des DFÜ-Modems.pic.twitter.com/apiRP54LCo
Die Identität des Täters vom Bild "Der letzte Jude von Winniza" ist bestätigt worden, wie die Jüdische Allgemeine unter Berufung auf eine Studie des Historikers Jürgen Matthäusschreibt. Das Bild entstand 1941 in Berditschew, wo beinahe die gesamte jüdische Bevölkerung getötet wurde. Der abgebildete Täter: "Jakobus Oehnen, Jahrgang 1906, war dem Bericht zufolge ursprünglich als Lehrer für Englisch, Französisch und Sport tätig, bevor er sich der SS anschloß. Er trat bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten der SA bei und wurde ein Jahr später SS-Mitglied." 1943 stirbt er dann als Soldat der Wehrmacht. "Die Forschung von Matthäus stützt sich unter anderem auf ein Foto-Negativ, das im Kriegstagebuch eines Wehrmachtsoffiziers namens Walter Materna entdeckt wurde. Materna beschrieb in seinem Tagebuch die Vorgänge des 28. Juli 1941 detailliert, darunter auch die Rolle ukrainischer Kollaborateure, die die SS unterstützten. Auf der Rückseite des Negativs hatte er notiert: '28. Juli 1941. Exekution von Juden durch die SS. Festung Berditschew.'" Die Identität des abgebildeten Juden bleibt weiterhin ungeklärt.
Der Weltbühne und Berliner Zeitung-Verleger Holger Friedrich möchte in östlichen Bundesländern mehrere Regionalzeitungen wiederaufleben lassen, um an die Medienvielfalt, die mutmaßlich noch in der DDR geherrscht hat, anzuschließen, schreibt Michael Pilz in der Welt. Ob die Blätter inhaltlich dann wie in der DDR auch auf Linie sein werden? Friedrich gibt einen kleinen Vorgeschmack, zum Beispiel auf die Lokalzeitung in Halle. "Friedrich: 'Das Projekt 'Halle' ist der Versuch, der herabsetzenden Sicht auf Ostdeutschland in der Medienelite (alles Nazis oder Kommunisten, pfui!), der wachsenden Selbstbedienungsmentalität in politischen Strukturen (die Grüne Annalena Baerbock in New York) und dem Unvermögen der Politik, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern, ein unabhängiges, selbstbestimmtes Medium als Plattform für demokratische Meinungs- und Willensbildung entgegenzustellen. Als loyale Opposition, die den Mächtigen in Politik und Medien auf die Finger schaut, die Themen setzt und den Diskurs fördert, statt neue (Brand-)Mauern aufzubauen - was häufig nur geschieht, um persönliche Vorteile zu sichern."
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