Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.09.2025. Leila Slimani ruft in Telquel zur Solidarität mit der marokkanischen Feministin Ibtissame Lachgar auf, die wegen eines T-Shirts zu dreißig Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Greta Thunberg bricht erneut nach Gaza auf. Wenn sie Pech hat, trifft sie dort laut FAZ auf Itamar Ben-Gvir. In der NZZ erzählt der Journalist vom katastrophalen Niedergang Kubas - und von der einstigen kubanischen Demokratie. In der taz warnt der finnische Militärexperte Joel Linnainmäki, dass sich die Dynamik im Ukraine-Krieg zugunsten Russlands dreht.
In Algerien gibt es die Staatsgeiseln Boualem Sansal und Christophe Gleizes, in Marokko wurde jetzt die franko-marokkanische Feministin Ibtissame Lachgar zu dreißig Monaten Gefängnis verurteilt - sie hatte sich auf Twitter mit einem provokativen T-Shirt gezeigt - "Gott ist lesbisch", stand da drauf (unser Resümee). Im marokkanischen Online-Magazin telquelbekundet die SchriftstellerinLeila Slimani ihre Solidarität mit Lachgar: "Ich hatte ein wenig naiv geglaubt, dass sie nicht wegen eines solchen Vorwurfs im Gefängnis landen kann. Dreißig Monate, weil sie ein Foto von sich mit T-shirt gepostet hat. Dreißig Monate für einen Post, der weder zu Gewalt, noch zu Hass aufruft und einen bekannten feministischen Slogan aufgreift, der die Insturmentalisierung heiliger Texte zu frauenfeindlichen Zwecken anprangert. "
Maßgeblich vorangetrieben von Greta Thunberg ist eine neue "Gaza-Flotilla" aus Barcelona aufgebrochen. Die französische Pasionara Rima Hassan, der beim ersten Mal von Thunberg ein wenig die Show gestohlen wurde, ist diesmal nicht dabei, dafür die Schauspieler Liam Cunningham und Adèle Haenel und viele weitere Prominente. Die Flotilla ist sich der Unterstützung vieler linker Parteien Europas sicher, berichten Hans-Christian Rößler und Matthias Rüb in der FAZ. Dreißig Schiffe sind in Barcelona aufgebrochen, zwanzig sollen in Tunis hinzukommen, 25 Segelschiffe starten in Italien. Das Empfangskomitee wird ausgerechnet von dem israelischen Rechtsextremisten und Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir gebildet, der angekündigt hat, "man werde die gut 300 Aktivisten der internationalen Flotte 'wie Terroristen behandeln', sollten sie die von Israel verhängte Seeblockade vor der Küste des Gazastreifens durchbrechen. Die verhafteten Aktivisten würden nicht abgeschoben, sondern in den Hochsicherheitsgefängnissen Ketziot in der Negev-Wüste und Damon in Haifa untergebracht, wo den Gefangenen weder der Zugang zu Rundfunk und Fernsehen oder sonstige Vergünstigungen gewährt werden. 'Wir werden nicht zulassen, dass es diejenigen, die den Terrorismus unterstützen, bequem haben', sagte Ben-Gvir. Er kündigte zudem die Beschlagnahme aller Schiffe der Aktivistenflotte an." Die letzte Gaza Flotilla wurde von Zaher Birawi mitorganisiert, der laut einigen Berichten als europäischer Hamas-Funktionär gilt (unser Resümee).
Außerdem zum Thema: In Frankfurt diskutierten "palästinasolidarische Fachleute" über die Genozidvorwürfe gegen Israel, die allseits als bewiesen angesehen wurden. Baha Kirlidokme ist in der FR mit dem Ergebnis der Diskussion zufrieden: "Wovor manche Sorge hatten, trat an dem Abend nicht ein. Die Expert:innen sprachen informiert und ausgewogen. Die Einseitigkeit wollten sie anderen überlassen."
Ausführlich schildern Frauke Steffens und Pia Heinemann das Wüten von Trumps Gesundheitsminister Robert F. Kennedy jr. in verschiedenen Politikfeldern. Während seine Kritik an Zucker und Pestiziden von Lobbies abgewehrt wird, erweist er sich bei der Streichung von Versicherungsprogrammen und Forschungsgeldern als sehr effizient, so die Autorinnen. Und ein tödlicher Triumph ist seine Impfpolitik: "In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass in den USA zuletzt mehr als 1.400 Masernfälle registriert wurden, so viele wie seit dreißig Jahren nicht. Impfskeptiker Kennedy Jr. hatte die bei der CDC amtierenden Seuchenbekämpfer daran gehindert, mit Impfkampagnen eine derartige Eskalation der Lage zu verhindern. Mit jedem Tag wird deutlicher, welche Konsequenzen sein Feldzug gegen Impfungen hat."
Der finnische Militärexperte Joel Linnainmäkierläutert im Gespräch mit Barbara Oertel und Anastasia Zejneli von der taz die Gefährdungen, die von einem geplanten gemeinsamen Manöver der Russen und Belarussen ausgehen könnten. Insgesamt füchtet er, dass sich die Dynamik im Krieg mit der Ukraine zugunsten von Russland dreht: "Sie erzielen zwar keine größeren Durchbrüche, aber im Hinblick auf den allgemeinen Verlauf des Krieges glauben sie, dass sie das auch nicht müssen. Ihre militärischen Fähigkeiten und ihre Wirtschaftskraft reichen nicht ewig. Sie müssen nur länger durchhalten, als die Ukraine und Europa bereit sind den Kampf fortzusetzen. In diesem Frühjahr wurde viel darüber gesprochen, dass Russland in der Nähe der finnischen Grenze militärische Einrichtungen und Infrastruktur aufbaut. Sie bereiten sich darauf vor, ihre Präsenz in der Nähe von Finnland und den baltischen Staaten auszubauen. Aber das wird erst nach Kriegsende geschehen können, da Moskau derzeit nicht die Kapazitäten hat, seine Bodentruppen in der Nähe von Nordeuropa massiv aufzustocken."
Der freie, in Havanna lebende Journalist Oscar Alba liefert in der NZZ eine umfassende, düstere Tour d'Horizon über den katastrophalen Niedergang Kubas - verantwortlich sind für ihn allein Fidel Castro und die Seinen. Die Bevölkerung des Landes sei heute ein Altersheim, innerhalb weniger Jahre ist sie von 11 auf 9 Millionen Einwohner gesunken. Am interessantesten ist aber fast sein wehmütiger Rückblick auf die Zeit vor Castro (und Batistas Militärdiktatur): Damals herrschte in Kuba Demokratie, wenn auch eine unvollkommene, so Alba: "fünfzig bewegte Jahre. Der Aufbau einer Nation. Amerika wachte wie ein großer, strenger Bruder über die kleine Insel, kaufte Zucker, Rum und Zigarren zu Vorzugspreisen und lieferte Fortschritt: Eisenbahnen, Telefonie, Autos, Fernsehen, Kühlschränke. Moderne Ware aus den USA hatte Kuba stets zuerst, bevor sie in andere Länder exportiert wurde. Eine vielschichtige Zivilgesellschaft wuchs heran: Parteien, Gewerkschaften, Unternehmer, Intellektuelle, eine freie Presse. Das Volk wählte in diesen fünfzig Jahren ein Dutzend Präsidenten unterschiedlicher politischer Couleur, anständige und korrupte. 1940 setzte das Land einen Meilenstein. Es gab sich eine neue Verfassung, die zu den fortschrittlichsten der Welt gehörte, mit zivilen, politischen und wirtschaftlichen Rechten, wie sie erst wenige Länder kannten."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Gespräche mit 68ern sind selten geworden. Heute arbeitet man sich an den Boomern ab, die aber keine so schönen Veteranengeschichten erzählen können. Der Verleger und ehemalige Frankfurter SDS-Vorsitzende KD Wolff hat seine Memoiren vorgelegt. In einem nicht allzu tiefschürfenden Gespräch mit Sebastian Moll von der tazerzählt er unter anderem, warum er gegen die Radikalisierung in den K-Gruppen gefeit war: "In Amerika habe ich als Austauschschüler die Bürgerrechtsbewegung kennengelernt. Der gewaltfreie Widerstand, die Freedom Riders, Martin Luther King, das war viel eindrucksvoller als die ganzen Radikal-Rhetoriker."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die deutsch-amerikanische Dagmar Herzog beschäftigt sich mit dem "faschistischen Körper" und sieht besonders in Deutschland einen neuen Faschismus aufziehen. Das macht sie im Gespräch mit Nina Apin von der taz vor allem im Umgang der AfD mit Behinderten fest: Hier "wirkt in Deutschland noch vieles aus der NS-Zeit nach. Die AfD ist so obsessiv behindertenfeindlich wie keine andere rechtslastige Bewegung. Weder in Ungarn noch Brasilien finden Sie dieses Wüten gegen Integration behinderter Menschen, das die AfD in jedem regionalen Parteiprogramm betreibt. Ich habe mich gefragt: Warum will man vor allem geistige Behinderung wieder unsichtbar machen?"
Außerdem: In der SZ (ja, der SZ) schreibt Claudius Seidl über den grassierenden, jeweils an den Diskursgegner adressierten "Kulturkampf"-Vorwurf.
Lars-Olav Beier und Ulrike Knöfel liefern im Spiegel ein ausführliches Porträt des Kulturstaatsministers Wolfram Weimer. So richtig zu greifen kriegen sie ihn nicht. Sie schildern ihn als Konservativen. Die Tatsache, dass er Linke so gefährlich findet wie Rechte, finden sie selbst gefährlich. Aber Weimer führt auch andere Kämpfe, etwa gegen die Digitalkonzerne, die er gern mit Abgaben belegen würde. Am Tag, als er die Journalisten empfing, sei er konsterniert gewesen: "Trump hatte jenen europäischen Ländern mit 'erheblichen zusätzlichen Zöllen' gedroht, die es wagen, Digitalgiganten wie Google oder Amazon Abgaben aufzuerlegen. Genau das aber hatte Weimer vor, und nun sieht es noch schlechter aus für seinen 'Plattform-Soli' - der eben ein solcher Abzug sein soll für Onlineplattformen, die Medieninhalte nutzen. Aufgeworfen war die Abgabe schon im Koalitionsvertrag, aber er hat den Vorschlag groß herausgebracht. Für den hatte er ausnahmsweise viel Zustimmung erhalten, sogar von den Grünen, aber wirklich gut standen die Chancen nie."