9punkt - Die Debattenrundschau
Die Mauer der Angst ist gefallen
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.08.2025. Der arabische Frühling ist gescheitert - aber nur vorerst, hofft der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad in der NZZ. Hinter den Kulissen des iranischen Regimes rumort es jedenfalls ziemlich, berichtet die FAS. Sie blickt außerdem nach Japan, wo der ultrarechte Politiker Sohei Kamiya Erfolge feiert. Die SZ fragt, warum die Arbeiter AfD wählen - weil es zu wenig "linken Populismus" gibt, antwortet die taz.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
30.08.2025
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Politik
In einem lesenswerten Artikel in der NZZ schildert der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad, wie er die Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Kairo im Jahr 2011 erlebte und den Moment, als die Muslimbrüder die Überhand über die säkulären Demonstranten gewannen und diese vom Platz drängten. Ist der arabische Frühling gescheitert? Vorerst, ja, meint Abdel-Samad, aber "hätten wir die Französische Revolution vierzehn Jahre nach ihrem Beginn bewertet, wäre das Urteil eindeutig ausgefallen. Terrorherrschaft, danach die Militärdiktatur Napoleons. Erst 92 Jahre später wurde in Frankreich eine stabile demokratische Republik Realität. Auch der europäische Frühling von 1848 galt zunächst als gescheitert - und doch fanden die Forderungen der Aufständischen nach Parlamentarismus, Pressefreiheit und Menschenrechten Jahrzehnte später Eingang in alle europäischen Verfassungen. Warum sollte sich ein solcher Prozess nicht auch in der arabischen Welt vollziehen? Trotz der verfahrenen Lage will ich die Hoffnung nicht aufgeben, dass der Arabische Frühling der erste Schritt zu einer langfristigen Veränderung war. Vielleicht nicht morgen und vielleicht auch nicht in den nächsten Jahren, aber etwas hat sich unwiderruflich ins Bewusstsein der Massen eingebrannt: Die Mauer der Angst vor Autoritäten ist gefallen."
Das iranische Regime versucht im Moment einiges, um den Unmut in der Bevölkerung zu besänftigen, berichtet derweil Friederike Böge in der FAS. Im Alltagsleben wurden viele Vorschriften gelockert und "hinter den Kulissen scheint es zu rumoren. Das lässt etwa ein großflächiges Plakat auf dem Vali-Asr-Platz vermuten. Es zeigt das Emblem der regulären Armee und ihren Leitspruch 'Die Armee opfert sich für die Nation'. Das ist ungewöhnlich. Denn die eigentliche Macht im Militär liegt bei der Revolutionsgarde, die 1979 als Parallelstruktur zur Armee geschaffen wurde und inzwischen auch in Wirtschaft und Politik das Sagen hat. Die Garde ist vielen Iranern verhasst, während die reguläre Armee als Kraft der nationalen Einheit gilt. Bemerkenswerterweise steht die Firma, die für die Plakatierung verantwortlich ist, unter Kontrolle der Revolutionsgarde. An dieser Stelle werden normalerweise ihre Errungenschaften gefeiert. Offenbar sieht sie sich gezwungen, sich im Sinne der nationalen Einheit zurückzunehmen."
Auch Japan hat jetzt eine AfD: In der FAS berichtet Tim Kanning, wie der einstige Youtube-Star Sohei Kamiya zum ultrarechten Politiker wurde, der mit seiner Partei Partei "Sanseitō" Erfolge feiert. Die Themen ähneln sich: "Die Zahl der Migranten in Japan ist indes weit von denen in Deutschland entfernt. Von 13.800 Asylsuchenden nahm das Land im Jahr 2023 gerade einmal 303 als Flüchtlinge auf. Der Anteil der Ausländer an der Bevölkerung liegt bei 2,2 Prozent. Doch in der ausgesprochen homogenen Gesellschaft des Inselstaates, die sehr viel auf ihre traditionellen Regeln des Zusammenlebens gibt und seit jeher zu Nationalismus neigt, führt der Anstieg von zwei auf drei Millionen Ausländer innerhalb weniger Jahre immer wieder zu Konflikten. Viele Ökonomen halten mehr Zuzug angesichts der schrumpfenden und alternden Gesellschaft für dringend geboten. Doch viele Japaner sehen die zunehmende Zahl von Südostasiaten in erster Linie als Angriff auf ihr Lohnniveau (...) Kamiya bediente diese Sorgen im Wahlkampf, indem er von einer 'stillen Invasion der Ausländer' sprach und die Migranten für einen Anstieg der Kriminalität verantwortlich machte."
Außerdem: Die Historikerinnen Carola Dietze und Katharina Lenski widmen sich auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ Geheimdienstmethoden, die die Stasi anwendetete, um Gegner psychologisch zu destabilisieren - und die auch bei heutigen Autokraten noch sehr beliebt sind.
Das iranische Regime versucht im Moment einiges, um den Unmut in der Bevölkerung zu besänftigen, berichtet derweil Friederike Böge in der FAS. Im Alltagsleben wurden viele Vorschriften gelockert und "hinter den Kulissen scheint es zu rumoren. Das lässt etwa ein großflächiges Plakat auf dem Vali-Asr-Platz vermuten. Es zeigt das Emblem der regulären Armee und ihren Leitspruch 'Die Armee opfert sich für die Nation'. Das ist ungewöhnlich. Denn die eigentliche Macht im Militär liegt bei der Revolutionsgarde, die 1979 als Parallelstruktur zur Armee geschaffen wurde und inzwischen auch in Wirtschaft und Politik das Sagen hat. Die Garde ist vielen Iranern verhasst, während die reguläre Armee als Kraft der nationalen Einheit gilt. Bemerkenswerterweise steht die Firma, die für die Plakatierung verantwortlich ist, unter Kontrolle der Revolutionsgarde. An dieser Stelle werden normalerweise ihre Errungenschaften gefeiert. Offenbar sieht sie sich gezwungen, sich im Sinne der nationalen Einheit zurückzunehmen."
Auch Japan hat jetzt eine AfD: In der FAS berichtet Tim Kanning, wie der einstige Youtube-Star Sohei Kamiya zum ultrarechten Politiker wurde, der mit seiner Partei Partei "Sanseitō" Erfolge feiert. Die Themen ähneln sich: "Die Zahl der Migranten in Japan ist indes weit von denen in Deutschland entfernt. Von 13.800 Asylsuchenden nahm das Land im Jahr 2023 gerade einmal 303 als Flüchtlinge auf. Der Anteil der Ausländer an der Bevölkerung liegt bei 2,2 Prozent. Doch in der ausgesprochen homogenen Gesellschaft des Inselstaates, die sehr viel auf ihre traditionellen Regeln des Zusammenlebens gibt und seit jeher zu Nationalismus neigt, führt der Anstieg von zwei auf drei Millionen Ausländer innerhalb weniger Jahre immer wieder zu Konflikten. Viele Ökonomen halten mehr Zuzug angesichts der schrumpfenden und alternden Gesellschaft für dringend geboten. Doch viele Japaner sehen die zunehmende Zahl von Südostasiaten in erster Linie als Angriff auf ihr Lohnniveau (...) Kamiya bediente diese Sorgen im Wahlkampf, indem er von einer 'stillen Invasion der Ausländer' sprach und die Migranten für einen Anstieg der Kriminalität verantwortlich machte."
Außerdem: Die Historikerinnen Carola Dietze und Katharina Lenski widmen sich auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ Geheimdienstmethoden, die die Stasi anwendetete, um Gegner psychologisch zu destabilisieren - und die auch bei heutigen Autokraten noch sehr beliebt sind.
Kulturpolitik
Kürzlich verkündete Wolfram Weimer die Abschaffung des Kulturpasses für deutsche Jugendliche (unser Resümee), weil das Budget dafür fehlt. In Frankreich gibt es ähnliche Probleme, berichtet Mark Zitzmann in der FAZ: "Endlich ist der Pass ein Fass mit leckgeschlagenem Boden. 2023 und 2024 lagen die Ausgaben um rund 15 Prozent über Budget, das sind jeweils 30 Millionen Euro. Angesichts der Kosten - 260 Millionen Euro im vergangenen Jahr - stellt sich die Frage, ob das viele Geld nicht gewinnbringender in die schulische Kunsterziehung investiert wäre. Diese ist schreiend unterdotiert: Sie verfügt über gerade einmal vier Zehntel der genannten Summe. Doch bis zur von vielen geforderten Abschaffung des (individuellen) "Pass culture" mag es noch dauern."
Gesellschaft
Zehn Jahre ist es her seit Angela Merkels berühmtem "Wir schaffen das." In der FAZ macht sich Simon Strauss Gedanken über diesen Ausspruch: "Es sollte beim Rückblick auf den Satz 'Wir schaffen das' nicht nur um die Frage gehen, was die Flüchtlinge geschafft oder nicht geschafft haben. Wie viele von ihnen inzwischen in den deutschen Arbeitsmarkt integriert sind und wie viele in den Kriminalitätsstatistiken auftauchen. Es sollte auch um die Frage gehen, was die Deutschen geschafft haben. Ob sie in den letzten zehn Jahren Bürger eines Landes geworden sind, dem das Wir etwas bedeutet - und nicht nur werbewirksam auf Wahlplakaten steht. Ob sie sich den Glauben an eine Veränderung zum Guten neu errungen haben, ob bei ihnen das Bewusstsein vom eigenen Können zu Schaffenskraft und Partizipationsstolz geführt hat. Oder ob Merkels Satz vom Schaffen am Ende gar eine gegenteilige Wirkung erzielte: ob das Phlegma, das dieses Land seit einigen Jahren ergriffen hat, auch eine Nachwirkung von Merkels politischer Entlastungsrhetorik sein könnte."
Europa
In der SZ versucht Benedikt Peters mit Hilfe des Soziologen Klaus Dörre herauszufinden, warum die Arbeiterschaft AfD wählt: "'Viele Arbeiter sehen sich gewissermaßen am Fuß eines Bergs. Sie möchten sich hocharbeiten, manchen ist das auch schon ein Stück weit gelungen, aber seit Jahren geht es für sie nicht weiter nach vorne.' Dafür sähen sie unterschiedliche Gründe, sagt Dörre, die Globalisierung, die Euro-Krise, die zeitweise hohen Migrationszahlen oder zuletzt den Ukrainekrieg. An dieser Stelle, sagt Dörre, setze die AfD an. 'Sie hat den früher vorherrschenden Oben-Unten-Konflikt - unten die Arbeiter, oben die Bosse - erfolgreich umgedeutet in einen Innen-Außen-Konflikt.' Die Trennlinie in diesem Weltbild verlaufe zwischen denen, die lange in Deutschland gearbeitet, eingezahlt und damit Ansprüche auf Leistungen des Staates erworben hätten - und auf der anderen Seite jenen, die erst kürzlich gekommen seien und 'nun alles geschenkt bekämen'. Befeuert werde dieses Narrativ auch dadurch, sagt Dörre, dass der Staat in den vergangenen Jahren Investitionen vernachlässigt habe: 'Die Leute haben erlebt, dass für vieles zu wenig Geld da war.'"
Ein Gegengift gegen die extreme Rechte sieht Leon Holly in der taz in einem "linken Populismus". Den Begriff möchte er dabei in seiner ursprünglichen Bedeutung verstanden wissen. Denn "der Populismus nimmt seinen Ursprung eigentlich am linken Rand, und zwar in den USA. Hier gründete sich 1892 die agrarisch-sozialdemokratische Populist Party, die unter anderem einen Achtstundentag, eine gerechte Steuerpolitik und die Direktwahl von Senatoren forderte. Mit anderen Worten: eine wirtschaftliche und politische Demokratisierung. Doch ab Mitte des 20. Jahrhunderts wandelte sich die Bedeutung von Populismus. So beschrieb der Historiker Richard Hofstadter 1955 die Populist Party in den USA als einen Haufen rückwärtsgewandter Agrarnostalgiker, der sich, getrieben von der Angst vor Statusverlust, gegen das Aufkommen der industriellen Moderne wehrte. Ihr Populismus war für Hofstadter eine im Grunde irrationale, ressentimentgeladene Bewegung."
Ein Gegengift gegen die extreme Rechte sieht Leon Holly in der taz in einem "linken Populismus". Den Begriff möchte er dabei in seiner ursprünglichen Bedeutung verstanden wissen. Denn "der Populismus nimmt seinen Ursprung eigentlich am linken Rand, und zwar in den USA. Hier gründete sich 1892 die agrarisch-sozialdemokratische Populist Party, die unter anderem einen Achtstundentag, eine gerechte Steuerpolitik und die Direktwahl von Senatoren forderte. Mit anderen Worten: eine wirtschaftliche und politische Demokratisierung. Doch ab Mitte des 20. Jahrhunderts wandelte sich die Bedeutung von Populismus. So beschrieb der Historiker Richard Hofstadter 1955 die Populist Party in den USA als einen Haufen rückwärtsgewandter Agrarnostalgiker, der sich, getrieben von der Angst vor Statusverlust, gegen das Aufkommen der industriellen Moderne wehrte. Ihr Populismus war für Hofstadter eine im Grunde irrationale, ressentimentgeladene Bewegung."
Religion
Im FAZ-Gespräch mit Jona Krützfeld und Martin Schul erinnert die Schriftstellerin Nora Bossong an den Theologen und Förderer der Quickborn-Bewegung Romano Guardini. Dessen Auszeichnung mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels von 1952 wurde von einigen kritisiert, weil Guardini während der Nazi-Herrschaft in Deutschland blieb und sich recht ruhig verhielt. Er habe anders Widerstand geleistet, meint Bossong: "Guardini hat 1937 ein ungemein wichtiges Buch geschrieben, sein christologisches Hauptwerk: 'Der Herr' - ein Buch über Jesus Christus. Dieser Titel kann laut der Theologin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz auch als Gegenentwurf, als Widerspruch zum 'Führer' gesehen werden. Das ist eine Form des Widerstands, die leise daherkommt, aber in ihrer Wirkmächtigkeit nicht zu unterschätzen ist. Er hat deutlich und aus einem christlichen Weltbild heraus gesagt, wann wir als Teil der Schöpfung, wann wir als Menschen verfehlen. Und er hat sinngemäß gesagt, dass wir als Menschen nicht in unserer Kleinheit in Versuchung geraten, sondern in unserer Größe. Die Überhöhung unserer Bedeutung, das, was die Nationalsozialisten gesucht haben, den 'Führer' und die 'Rasse' und die Nation an die Stelle Gottes zu setzen, genau das ist es, was Idolatrie, also Götzendienst, meint."
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